Der Magier im Kreml

Bücher über Geschichte, Politik und Philosophie finde ich meistens langweilig. Und doch gibt es Ausnahmen, und hier möchte ich eine davon vorstellen. Der Roman „Der Magier im Kreml“ von Guiliano da Empoli hat mir die aktuelle Entwicklung in Russland zum ersten Mal verständlich gemacht. Nicht, dass das Buch keine Schwächen hätte – aber dazu später.

Der Autor Guiliano da Empoli ist, wie der Name schon vermuten lässt, kein Russe, er ist Italiener. Aber nicht nur: Er ist auch Schweizer. Und er hat unter anderem in Paris an der Science Po studiert, wo er jetzt auch eine Professur für vergleichende Politikwissenschaften hat. Seine Bücher und Essays schreibt er auf Italienisch und Französisch. Er ist, könnte man sagen, ein echter Europäer. Und nicht zu vergessen: Er kennt auch die Politik durchaus von innen. Er war stellvertretender Bürgermeister für Kultur in Florenz und Berater des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi.

Für diesen Roman hat er einen schattenhaften Strippenzieher erfunden, der Putins Weg nicht nur mitgegangen, sondern maßgeblich gebahnt haben soll. Wadim Baranow, den „Magier im Kreml“. Irgendwann tritt er aber zurück und verschwindet. Und hier beginnt die Rahmenhandlung des Buchs. Der Erzähler spürt Baranow auf, eher zufällig, und erfährt so die bemerkenswerte Lebensgeschichte des Mannes, dem Putin vielleicht seinen Erfolg, in jedem Fall aber die Orchestrierung seines Aufstiegs verdankte.

Der Autor entführt uns in das chaotische Moskau der späten Neunzigerjahre, als der Sozialismus unter der Last seiner unerfüllten Versprechen zusammengefallen war. Eine Zeit des ungeregelten Kapitalismus, in der sich alte Kader mit neuen Oligarchen offene Kämpfe um die wertvollsten Stücke aus dem Erbe der zerbrochenen Sowjetunion lieferten. Die Vasallenstaaten in Osteuropa hatten sich abgewandt und Schutz in der NATO gesucht. Russland selbst hatte nur die Hälfte der Einwohner aus der Konkursmasse der Sowjetunion mitnehmen können.

Baranow macht im Privatsender ORT des Oligarchen Boris Beresowski schnell Karriere. Im Jahr 1999 förderte Beresowski Putins Aufstieg zum Präsidenten, und Baranow liefert die mediale Begleitmusik. Putin wird gewählt und lässt von Beresowski nichts mehr sagen. Als die beiden sich deshalb unrettbar zerstreiten, muss Baranow sich entscheiden. Er folgt seinem Instinkt und bleibt bei dem wahrscheinlichen Sieger Putin. Beresowski geht ein Jahr später nach England ins Exil. Baranow dagegen erhält sich die Gunst des neuen Zaren und inszeniert die mediale Darstellung der olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi. Aber irgendwann tritt er zurück und verschwindet. Aber warum nur?

„Er langweilte sich. Er war von sich selbst gelangweilt. Und vom Zaren auch. Der wiederum langweilte sich nie. Und dessen war er sich auch bewusst. Und er begann, Baranow zu hassen. … Die Gefühle, die in politischen Beziehungen mitschwingen, sollte man nie unterschätzen.“

Es macht den besonderen Reiz dieses Buchs aus, dass es die persönlichen und politischen Schilderungen gekonnt verbindet und zwischendurch philosophische Betrachtungen einflicht. Das könnte auf die Dauer ermüdend wirken, aber Empoli schreibt elegant und lebendig, mit vielen Metaphern und genauen Beobachtungen. „Ein Bauträger … der die Manschettenknöpfe offen trug, um zu zeigen, dass sein Sakko maßgeschneidert war“.

Oder zur Politik von Putin: „Unser Meisterstück war der Aufbau einer neuen Elite, die maximale Macht und maximalen Reichtum auf sich vereint.“

Eine Tour durch das Moskau der Jahrtausendwende

Da Empoli lässt seinen fiktiven Magier alle wichtigen Figuren der Putin-Ära treffen, angefangen von dem Oligarchen Michael Chodorkowski über Jewgeni Prigoschin bis zu Alexander Sergejewitsch Saldostanow, dem Chef der Putin-treuen Rockertruppe „Nachtwölfe“, der übrigens studierter Mediziner ist. 

Alle tun ihre jeweilige Lebensphilosophie kund, und sie tun das in kraftvollen Sätzen und mit unterhaltsamen Anekdoten. Nur Putin bleibt seltsam blass. Empoli zeichnet ihn als höflichen, aber entschlossenen Menschen, der von frostkalter Wut durchdrungen ist, einer Wut, die sein ganzes Handeln bestimmt. Er will die alte Vormachtposition Russlands wieder herstellen, den Platz am Kapitänstisch der Weltmächte wieder einnehmen, von dem Russland durch seine Feinde und durch eigene Versäumnisse vertrieben worden war. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird beseitigt. Und die Ukraine gehört zu Russland, die Ukrainer haben da kein Mitspracherecht. Der Zar entscheidet und sein Wort ist Gesetz. So war es immer in Russland, ausgenommen in den kurzen Zeiten, wo ein anarchistisches Interregnum herrschte.

MAgier im Kreml
Magier im Kreml. KI-generiertes Symbolbild

Der Roman liest sich ausgesprochen unterhaltsam, er ist von Menschen bevölkert, die belesen, klug, rücksichtslos und grausam sind, oder doch wenigsten drei dieser vier Eigenschaften besitzen. Russland, so sinniert Baranow, habe sich immer auf diese Weise erschaffen, mit der Axt. Und so habe Putins Regime seine Wurzeln in der russischen Geschichte. Ebenso seine Kriege. Und seine Propaganda.

Und nicht zu vergessen: seine Interpretation der Demokratie. Im Buch heißt sie „souveräne Demokratie“. Nur ist das im Deutschen etwas missverständlich. „Souverän“ steht eher für „selbstbewusst“, „sicher“, „locker“. Gemeint ist aber eine Abnick-Demokratie von der Gnade des Herrschers, des „Souverän“, also quasi das Negativbild der parlamentarischen Monarchie. Da Empoli lässt seinen Protagonisten sagen: „Seien wir ehrlich: Es gibt keinen blutrünstigeren Diktator als das Volk; nur die strenge und gerechte Hand des Herrschers kann seinen Zorn mäßigen.“

Die Philosophie der Tyrannei

Und an dieser Stelle habe ich dann doch ernste Bedenken. Ist die von Putin errichtete „Vertikale der Macht“ wirklich die einzige Alternative? Ist die autokratische Zarenherrschaft, bei der alle Macht von einer Person ausgeht, und im Gegenzug alle materiellen Güter zu ihr hinfließen, nicht überholt?

Aber vielleicht liege ich falsch, und wir beobachten gerade, wie die ehrwürdige amerikanische Demokratie sich in eine Zarenherrschaft verwandelt.

Aber um es ganz klar zu sagen: Den philosophischen und staatstheoretischen Unterbau der Diktatur, den Da Empoli in dem Buch entwickelt, kann ich nicht unterstützen. Vielleicht ist das Leben einfacher, wenn jedem vorgeschrieben wird, was er sagen und denken soll, wenn Gegner aus dem Fenster fallen oder an Gift sterben. Ja, dann ist Ruhe im Land. Und auch die Philosophen werden schweigen müssen. Aber letztlich beerdigt das die Ideen der Aufklärung, auf denen alle modernen europäischen Staaten aufbauen.

Anderseits ist es natürlich gut, sich damit auseinanderzusetzen, und sich klarzumachen, dass auch die Diktatur, die Autokratie und sogar die Tyrannei eine philosophische Grundlage haben. Deshalb bleibe ich dabei: Das Buch ist lesenswert und gibt die aktuelle Diskussion sehr gut wieder – nicht nur in Russland.

Das vorgestellte Buch:

Giuliano da Empoli: Der Magier im Kreml

C.H.Beck Verlag München 2023, 265 Seiten 25,00 € (Taschenbuch 13,00 €)



P.S.: Die Walt Disney Company hat gerade den Film zum Buch vorgestellt („The Wizard of the Kremlin“), mit Paul Dano in der Rolle des Wadim Baranow und Alicia Vikander in der Rolle seiner Freundin und späteren Frau Xenia (im Film Ksenia).

Der Film war bei den internationalen Filmfestspielen in Venedig für den goldenen Löwen nominiert. Ich kann mir ehrlich gesagt aber nicht vorstellen, wie die ganzen philosophischen Hintergründe in einen Kinofilm passen sollen.



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Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Sie ist affiliert am Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg und arbeitet mit Wissenschaftlern an mehreren deutschen Universitäten an verschiedenen Forschungsprojekten.

10 Kommentare

  1. @Grüter: “Im Buch heißt sie „souveräne Demokratie“. Nur ist das im Deutschen etwas missverständlich. „Souverän“ steht eher für „selbstbewusst“, „sicher“, „locker“.”

    Wenn man den zeitgeistlich-reformistischen Kreislauf des stets und überall gleichermaßenen imperialistisch-faschistischen Erbensystems, zusammen mit der gleichermaßen unverarbeitet-instinktiv-gepflegten Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriert-gebildetem “Individualbewusstsein” bedenkt, dann ist die russische “Demokratie”, im nun “freiheitlichen” Wettbewerb um die Deutungshoheit der wettbewerbsbedingt-konfusen Symptomatik, der SCHEINBAR global-unabänderlichen “Werteordnung” mit manipulativen Schwankungen, tatsächlich eher souverän, im Gegenteil zur westlichen “Demokratie”, wo die Ränkespiele eher verdeckter ablaufen müssen, NOCH!?

    In einem haben Putin, Xi & Co. recht, diese Welt braucht nötigst eine neue Weltordnung, aber nicht im herkömmlich-gewohnten Sinne von: „Seien wir ehrlich: Es gibt keinen blutrünstigeren Diktator als das Volk; nur die strenge und gerechte Hand des Herrschers kann seinen Zorn mäßigen.“

  2. @Grüter: “Anderseits ist es natürlich gut, sich damit auseinanderzusetzen, und sich klarzumachen, dass auch die Diktatur, die Autokratie und sogar die Tyrannei eine philosophische Grundlage haben.”

    Wenn aus “Aufklärung” und “Zivilisation” eine “demokratische Werteordnung” im wettbewerbsbedingt-konfusen Verhältnis von 1:5 (Wohlstand : Tittytainment) der Weltbevölkerung als nachahmenswertes Vorbild gepflegt wird, dann ist “auseinanderzusetzen” und “sich klarzumachen” einer merk- und denkwürdigen Kurzsichtigkeit im “gesunden” Konkurrenzdenken …!?

  3. Um es gleich vorwegzunehmen: Ich sehe das Lesen solcher Bücher als Zeitverschwendung an. Phantasievolle Beschreibungen und Psychologisierungen von Personen der Zeitgeschichte mögen zwar amüsant sein, sie gehen jedoch häufig an der Wahrheit vorbei. Anscheinend ist es für manche Autoren zu mühsam, sich mit den realen Gegebenheiten der Geschichte zu befassen. Dabei ist diese oft spannender, als es Fiktion je sein könnte.

    Eine wirkliche Erklärung für die Hintergründe des Ukrainekriegs liefert der Autor meines Erachtens nicht. Zudem erinnert mich der Titel des Buches „Der Magier im Kreml“ etwas an den Wunderheiler Rasputin, der als Ratgeber der Zarenfamilie ebenfalls enormen Einfluss genoss. Aber am Ende gleichfalls ermordet wurde.

    .

  4. @Mona: “… sie gehen jedoch häufig an der Wahrheit vorbei. Anscheinend ist es für manche Autoren zu mühsam, sich mit den realen Gegebenheiten der Geschichte zu befassen.”

    Real ist der Tanz um den heißen Brei der Wahrheit in wettbewerbsbedingt-konfuser Symptomatik, der/die mit der heuchlerisch-verlogenen Schuld- und Sündenbocksuche viel lieber betrieben wird, denn die gleichermaßen unverarbeitet-instinktive Bewusstseinsschwäche in Angst, Gewalt und egozentriert-gebildetem “Individualbewusstsein” braucht eher Bewusstseinsbetäubung in materialistischer “Absicherung”, als zweifelsfrei-eindeutige Worte OHNE manipulativ-schwankende “Werte”!?
    👋😎

  5. Die Magie dieser manipulativ-schwankenden Realität, die den Menschen suggeriert (auch die, die dem nun “freiheitlichen” Wettbewerb um die Deutungshoheit anscheinend/scheinbar nichts abgewinnen können/wollen und deshalb ebenso stumpf-, blöd- und wahnsinnig …), dass ein Zusammenleben OHNE wettbewerbsbedingt-konfuse Symptomatik in Steuern zahlen / Abgaben und unternehmerische Abwägungen zu “Arbeit macht frei” nicht funktionieren kann, diese Magie, die längst zur multiplen paranoiden Manie geworden ist, obwohl die Menschen nun weltumfassend denken, erkennen und kommunizieren können, ist immernoch Grundlage …!?

    Nichts gehört dem Menschen allein!
    Sogar unsere Gedanken nicht, weil diese auch immer abhängig von Geist und Gemeinschaft geprägt wachsen, bzw. über die Illusionen dieser kreislaufenden Realität hinaus in eine ganze Kraft wachsen könnten.

  6. “Ja, dann ist Ruhe im Land. Und auch die Philosophen werden schweigen müssen.”

    Gewalt und Diktatur kann aber, so sehr es sich auch bemüht, das lebendige Wort nicht verhindern, das nur in feine Ohren schlüpft. “Die stillsten Worte bringen den Sturm. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt. Der Tau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.”

  7. @Dietmar Hilsebein 04.09. 09:47

    „Der Tau fällt auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist.“

    So hat offenbar die Brutalität und Hässlichkeit der Nazidiktatur den Grundstein für unsere florierende Demokratie gesetzt? Vermutlich gerät das gerade etwa in Vergessenheit, was Diktatur eben auch unweigerlich an Grausamkeiten für die Menschen mit sich bringt.

    Genau sich davor zu bewahren, sollte die stärkste Motivation sein, sich dann doch lieber für die Demokratie zu engagieren. Bei allen Fehlern und Fehlentscheidungen, die auch die (Lobby-)Demokratie nicht lassen kann.

  8. @ Grüter

    Es wird die Zeit kommen, da werden sich die stillsten Worte durchsetzen. Denn Mauern brechen nicht aus dem Nichts heraus. Doch noch leben wir im übertragenem Sinne unter Schauspielern:

    “Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen
    des Geistes. Er glaubt immer an Das, womit er am
    stärksten glauben macht, — glauben an sich macht!

    Morgen hat er einen neuen Glauben und über¬
    morgen einen neueren. Rasche Sinne hat er, gleich
    dem Volke, und veränderliche Witterungen.

    Umwerfen — das heißt ihm: beweisen. Toll
    machen — das heißt ihm: überzeugen. Und Blut gilt
    ihm als aller Gründe bester.

    Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlüpft,
    nennt er Lüge und Nichts. Wahrlich, er glaubt nur
    an Götter, die großen Lärm in der Welt machen!”

    Wer fühlt sich da nicht an Trump und Co erinnert?

  9. Ich behaupte: der Grossteil der russischen Bevölkerung wünschte und wünscht sich vor allem eine positive wirtschaftliche Entwicklung Russlands genauso wie sich das Chinesen, die US-Amerikaner, ja sogar die Deutschen wünschen.

    Tatsächlich wuchs die Wirtschaft Russlands lange Zeit unter Putin – auch wenn davon vor allem Moskau und Umgebung profitierte, ein Grossteil Russlands aber sehr arm blieb. Doch irgendwann ging es Putin nicht mehr um die Wirtschaft, sondern darum, Russland wieder zu einer ernstzunehmenden Grossmacht zu machen und Russland internationale Achtung zu verschaffen. Das zeigte sich etwa an der Kriegsbeteiligung Russland am Syrienkrieg, denn hier konnte Russland beweisen, dass es das Schicksal bezwingen kann, dass es gegen alle Vorhersagen, einen Krieg entscheiden kann. Ich erinnere mich noch deutlich an die TV-Nachrichten dazumal, wo der Reporter meinte, Putin könne die syrischen Rebellen nicht unter Kontrolle bringen. Doch das konnte er, wenn auch mit Mitteln, die gegen das humanitäre Recht verstiessen. Fast gleichzeitig und auch später versuchte Putin mit Ablegern des russischen Militärs Einfluss in verschiedenen nordafrikanischen Ländern zu gewinnen – wieder mit Erfolg. Russland war also zurück.

    Doch diese Erfolge weckten den Appetit Putins auf mehr – ganz nach der Redewendung: „Der Appetit kommt beim Essen” . Zugleich rückten für Putin nun Grossmachtambitionen in den Vordergrund, die Wirtschaft dagegen war ihm nun egal. Dies mündete schliesslich – nach dem Kapern der Krim und dem irregulären Krieg in der Ostukraine – in seinem Ukraine-Essay, in dem er die ganze Ukraine forderte und zudem auch grosse Teile Osteuropas als Einflusszone Russlands einstufte.

    Inzwischen kann Putin nicht mehr zurück, denn jedes zurück bedeutet, dass seine Grossmachtambitionen nicht erfüllt werden und Russland tatsächlich die Regionalmacht bleibt und wird, als die sie schon Barack Obama bezeichnete.

    Putin verfolgt also weiterhin Grossmachtambitionen und hat alles andere zurückgestellt. Putin hat entweder Erfolg damit oder er wird als Person und historische Figur vernichtet.

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