Bilder einer sehenswerten Ausstellung: Dinosaurier in Münster

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Warum faszinieren uns ausgestorbene Tiere, die Abdrücke ihre Knochen in Stein, sogar ihre Fußspuren auf ehemals feuchtem Sand? Kleine Dinofiguren stehen in fast jedem Kinderzimmer. Selbst die Fußabdrücke der Dinos, vor Millionen Jahren in feuchten Sand gedrückt, wirken noch heute unheimlich lebendig. Aber mal ehrlich: Was wissen wir eigentlich über das Leben dieser Tiere? Genau genommen haben wir oft genug nur die steinernen Abdrücke von einen unvollständigen Satz Knochen, bis zur Unkenntlichkeit gebrochen und verschoben.

Eine neue Ausstellung im Naturkundemuseum in Münster widmet sich jetzt genau dieser Frage. Dinosaurier – Die Urzeit lebt ist der Titel. Er ist eigentlich zu eng gefasst, denn es geht nicht allein um die Urweltechsen, sondern allgemein um die Rekonstruktion ausgestorbener Lebewesen und ihrer Lebensräume. Dabei sind auch die neuen Funde aus Westfalen, die zum Teil von Mitarbeitern des Museums präpariert worden waren. Darunter ist auch der 2007 bei Höxter gefundene Westphaliasaurus simonsensii (Übersetzt: Simonsens Westfalenechse). Er ist nach dem Amateur-Paläontologen Sonke Simonsen benannt, der sie gefunden hat. Mitarbeiter des Museums haben ihn präpariert und als bisher unbekannte Art aus der Familie der wasserlebenden Plesiosauriden erkannt.

Die Ausstellung zeigt auch, wie schwer die Interpretation von paläontologischen Funden ist. Stellt Euch vor, man gibt euch einen Haufen zerbrochener Knochen. Ihr sollt daraus ein Tier rekonstruieren. Zu einfach will ich euch das natürlich nicht machen. Also:

1. die Knochen sind unvollständig und

2. das Tier ist bereits ausgestorben und

3. die Knochen gehören eventuell zu mehreren Tieren und

4. diese Tiere müssen nicht alle der gleichen Art angehören.

Genau genommen haben die Paläontologen oft genug auch keine Knochen zur Verfügung, sondern nur die Abdrücke von Knochen im Stein. Wenn sie ungeheures Glück haben, dann sind die Knochen unter Erhaltung ihrer Feinstruktur mineralisiert. So ist es kein Wunder, dass der Iguanodon im 19. Jahrhundert erst als eine Art Kreuzung aus Waran und Krokodil, dann als aufrecht stehende känguruhartige Echse dargestellt wurde. Heute stellt man sie als schnellen Läufer dar, dessen Rücken waagerecht liegt und dessen Körper von den mittig unter dem Rumpf liegenden Hinterbeinen im Gleichgewicht gehalten wird. Die schwachen Vorderbeine sind zumindest beim schnellen Laufen nicht beteiligt.

Wir haben aber keinen Grund, uns über die alten Darstellungen lustig zu machen. Die Funde der letzten 15 Jahre haben vieles, was man sicher zu wissen glaubte, wieder über den Haufen geworfen. In dem Film „Jurassic Park“ spielte ein Velociraptor eine wichtige Rolle, ein intelligenter und ungeheuer flinker Räuber (allerdings nicht aus dem Jura, sondern aus der Kreidezeit). Vorbild war eine andere Art, der Deinonychus (=Schreckenskralle). Der echte Velociraptor war offenbar einfach zu klein, selbst ein Truthahn wäre größer.

Bereits heute wissen wir, dass er ganz anders aussah, als Steven Spielberg ihn sich vorgestellt hat. Die neue Rekonstruktion im Naturkundemuseum zeigt den Deinonychus im vollen Federkleid. In der Tat hat das Raubtier jetzt frappierende Ähnlichkeit mit einem flugunfähigen Vogel. Federn sind älter als Vögel, selbst die Schwungfedern an den Armen gab es bereits beim Deinonychus. In der Ausstellung sieht man die Rekonstruktion aus der Ausstellung von 1997 und von 2014. Man würde kaum vermuten, dass man es mit der gleichen Art zu tun hat. Aber auch der nach neuesten Erkenntnissen modellierte befiederte Räuber könnte noch ganz anders ausgesehen haben. Niemand weiß, wie lang seine Federn waren und welche Farbe sie hatten.

Übrigens hatten einige Dinosaurier (die Theropoden) schon die Luftsacksysteme, die bei Vögeln den Luftaustausch bei der Atmung extrem effektiv machen. Dinosaurier waren alles andere als primitiv! Luftsäcke waren eine fantastische Erfindung der Evolution. Sie erlaubten

  • eine verbesserte Wärmeregulierung,
  • einen effektiven Gasaustausch und
  • einen leichteren Körperbau.

Damit konnten Saurier sehr viel größer werden als heutige Landtiere.

Vögel sind die Nachfahren einer Gruppe von Dinosauriern. Die Dinos sind also nicht ausgestorben, sie haben sich weiterentwickelt. Bei dem Einschlag des Asteroiden, der vor 70 Millionen Jahren die Erde erschütterte, starben hauptsächlich größere Landtiere aus. Sie waren von den Folgen des Einschlags am stärksten betroffen. Jetzt rächte sich die vorher so vorteilhafte Entwicklung von Riesenformen. Kleinere Tiere, wie die Vorfahren der Säugetiere und der Vögel haben das Ereignis dagegen überlebt.

Die Ausstellung hat übrigens noch sehr viel mehr zu bieten, beispielsweise ein Pottwalskelett zusammen mit Abbildungen ausgestorbener Wale, die einen Teil ihres Lebens noch an Land verbrachten.

Das Museum hat sich die Unterstützung des Fachbereichs Design der Fachhochschule gesichert. Die Ausstellung ist bunt, abwechslungsreich und weiß immer wieder zu überraschen.

So möchte ich Wissenschaft öfter erleben können!

Hier die Adresse:

LWL-Museum für Naturkunde
Sentruper Straße 285
48161 Münster

Die Ausstellung Dinosaurier – Die Urzeit lebt läuft ab September 2014 auf unbestimmte Zeit.

Sehr sehenswert ist auch die Sonderausstellung S e x und Evolution. Sie läuft aber nur noch bis zum 19.10.2014!

Martina Grüter ist Medizinerin und befasst sich seit 2001 der angeborenen Prosopagnosie, einem erblichen Defizit in der Gesichtserkennung und Verarbeitung. Das Thema hat ihr gezeigt, wie vielschichtig die Verarbeitung von Informationen im Gehirn sind und wie wenige Erkenntnisse wirklich gesichert sind. Worte und Sprachen haben sie von jeher fasziniert.

4 Kommentare

  1. Ist im dritten Absatz wirklich der Diplodocus gemeint? Einen aufrecht stehenden Sauropoden kann ich mir schwer vorstellen.

    • Ups, das war ein Fehler. Gemeint war der Iguanodon. Sorry! ist schon korrigiert. Aber auch vom Diplodocus habe ich in einem Buch von 1913 ein Bild, in dem er hoch aufgerichtet dargestellt wird.

  2. Ein interessanter Bericht und es scheint eine sehenswerte Ausstellung zu sein. Ich finde es allerdings schade, dass Dinosaurier wegen ihrer Größe oft eine exotische Sonderstellung zugewiesen wird und versäumt wird zu sagen, dass es sich um ausgestorbene Reptilien handelt, die mit Vögeln (den nächsten Verwandten – daher würde ich Vögel als Geschwister und nicht als Nachfahren der Dinosaurier bezeichnen) und Krokodilen von den Nachfahren der Thecodonten abstammen. Dinosaurier werden oft völlig aus dem evolutionsgeschichtlichen Zusammenhang rausgerissen. Inwiefern wird dem bei der Ausstellung Rechnung getragen? Es wird schwierig sein aus den Knochen das vollständige Genom eines Dinosuariers zu rekonstruieren aber genug um einige Sequenzvergleiche zu machen. Welche Dinosauriergene finden wir auch in Krokodilen und Vögeln? Zu “Urweltechsen”: der Begriff Echsen wird unter Reptilien-Taxonomen noch immer kontrovers diskutiert, da es sich um eine paraphyletische Gruppe handelt. Soll man z.B. Schlangen und Krokodile zu den Echsen zählen?

    • Vielen Dank für den sachkundigen Kommentar. Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist die Verbesserung der Rekonstruktionen im Laufe der Zeit. Seit dem 19. Jahrhundert und noch in den letzten 10 Jahren hat sich sehr viel getan und die Ausstellung zeigt, wie sich das Bild der Urzeit verändert. Ein anderes Thema ist der Aktualismus als Methode der Rekonstruktion. Wo finden sich bestimmte Merkmale bei rezenten Tieren und für welche Funktion sind sie typisch? Daraus kann man begründete Vermutungen über die Lebensweise ausgestorbener Tiere ableiten. Auch die Grenzen dieses Systems werden gut gezeigt. Die Systematik der Dinosaurier wird wenig thematisiert, aber das Ausstellungskonzept widersteht weitgehend der Versuchung, das Mesozoikum als Zeitalter archaischer Gewalt darzustellen. Ich habe die Vögel in meinem Beitrag als Nachfahren der Dinosaurier bezeichnet, in der Ausstellung werden sogar sie als überlebende (rezente) Dinosaurier angesprochen. Auch in der Wikipedia findet sich diese Einteilung (Eintrag Systematik der Dinosaurier).
      Ob man genug Dinosaurier-DNA sammeln kann, um den Stammbaum besser beurteilen zu können, wage ich zu bezweifeln. NAch 10 oder mehr Millionen Jahren dürfte einfach zu wenig davon erhalten sein. Aber man weiß ja nie, wir sind schon oft überrascht worden …

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