Von Giotto zu Rosetta – 25 Jahre Kometenforschung bei der ESA

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Astronomers do it at Night

Mein erstes Astronomiebuch hieß "Großer Atlas der Sterne – ein Blick in die Unendlichkeit" und war von niemand geringerem als Patrick Moore verfaßt worden. Mal ganz abgesehen davon, daß mir Großbritanniens wohl bekanntester Fernsehastronom damals – im Jahre 1995 – gänzlich unbekannt war, stand sein Name aber nichtmal auf dem Cover des Buches, das damals für 15 DM als Wochenangebot bei Aldi zu bekommen war. Vermutlich gab es in derselben Woche auch eines der typischen kleinen Teleskope, die immer wieder mal auf wackeligen Gabelmontierungen bei den Discountern zu finden sind, aber daran erinnere ich mich nicht mehr. Das Buch dagegen durfte ich, die Vierzehnjährige die ihre Mutter zum Wocheneinkauf begleitete, zusammen mit den Lebensmitteln an der Kasse aufs Band legen.

Wenige Monate zuvor hatte mich bereits der Einschlag des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf dem Jupiter in seinen Bann gezogen, und dieses Buch hat wesentlich dazu beigetragen, aus dieser anfänglichen Faszination ein dauerhaftes Interesse für Astronomie zu machen. Ich habe es von vorne bis hinten durchgelesen – mehrfach und in aller Gründlichkeit. Viele Jahre später habe ich dasselbe Buch mit einem anderen Umschlag und herausgegeben von einem anderen Verlag nochmal in einem Buchladen gefunden und sofort nochmal gekauft. Mein ursprüngliches Exemplar hatte nämlich unter dem ausgiebigen Studium so sehr gelitten, daß sich ganze Kapitel aus der Bindung gelöst hatten und ich das Buch schließlich seitenweise in einem Order abgeheftet hatte.

Der Halleysche Komet aus 6500 Kilometern Entfernung. Warum ausgerechnet dieses Bild aus der Aufnahmeserie der Raumsonde Giotto Eingang in ein Astronomiebuch fand, bleibt rätselhaft, denn andere Aufnahmen, die wenige Sekunden später entstanden, sind wesentlich detailreicher.

Das Buch bietet einen klassischen Rundumschlag durch alle Bereiche der Astronomie: Von den Planeten unseres Sonnensystems bis hin zu den Sternbildern und den beobachtbaren Himmelsobjekten und ist voller eindrucksvoller Aufnahmen. Auch der zerbrochene Shoemaker Levi 9 ist abgebildet und natürlich wird auch sein spektakuläres Ende thematisiert. Auf den Seiten über Kometen befindet sich allerdings auch ein Bild, was ich damals nur wenig spektakulär fand. Es zeigt einen unscharfen Brocken, dargestellt in Gelb- und Rottönen, von dem diffuse helle Strahlen ausgehen: Der Kern des Halleyschen Kometen, aufgenommen von der europäischen Raumsonde Giotto bei dessen letzter Passage im Jahr 1986, als ich gerade mal fünf Jahre alt war.

Bilder wie dieses waren damals vor 25 Jahren für die beteiligten Wissenschaftler allerdings eine Sensation, waren es doch die ersten Aufnahmen überhaupt, die einen Kometenkern aus der Nähe zeigten. Erstmals bekamen die Kometenforscher die Oberfläche eines ihrer Schweifsterne zu Gesicht und mußten daraufhin ihre einfache Vorstellung vom "schmutzigen Schneeball" überdenken. Verblüfft war man insbesondere davon, daß große Teile der Oberfläche von einer dunklen Kruste bedeckt waren und der Komet nur an einzelnen Bruchstellen ausgaste. Außerdem konnte man mithilfe der anderen Instrumente an Bord der Sonde die chemische Zusammensetzung des ausgestoßenen Materials untersuchen und die Größenverteilung der Staubpartikel vermessen. Nicht verschwiegen werden sollte an dieser Stelle, daß auch die Russen und die Japaner sich den Halleyschen Kometen aus der Nähe ansehen wollten, aber keine der anderen gestarteten Raumsonden war so erfolgreich wie Giotto.

Deep Impact alias EPOXI untersucht den hundeknochenartig geformten Kern des Kometen Hartley 2. Image Credit: NASA/JPL-Caltech/UMD

Inzwischen hat man eine viel bessere Vorstellung davon, wie Kometen aufgebaut sind und welche Vorgänge sich abspielen, wenn ein Komet beim Vorbeiflug an der Sonne Koma und Schweif ausbildet. Mit Stardust, Deep Impact und Deep Space 1 hatten drei weitere (diesmal amerikanische) Raumsonden die Untersuchung von Kometen zum Ziel. Die Rückkehrkapsel von Stardust brachte 2006 Partikel aus Koma und Schweif des Kometen Wild 2 zur Erde zurück. Mit Stardust@home, wo jedermann das Aerogel des Kollektors per Internet nach Partikeln kometaren Ursprungs durchsuchen konnte, startete eines der ersten astronomischen Citizen Science Projekte überhaupt. Die Sonde selbst machte sich als Stardust NExT auf den Weg zum Kometen Tempel 1, den sie im Februar diesen Jahres erreichte. Tempel 1 war schon 2005 das Ziel eines Inpaktors an Bord von Deep Impact, so daß Stardust nachträglich den bei dessen Einschlag entstandenen Krater unter die Lupe nehmen konnte, was für Deep Impact selber wegen der dabei aufgewirbelten Staubwolke schwierig geworden war. Deep Impact wiederum brach im Anschluß an seinen Besuch bei Tempel 1 unter dem Namen EPOXI zu seinem zweiten Zielkometen Hartley 2 auf und erreichte diesen im November letzten Jahres.

Gruppenbild mit dem neuen ESA-Direktor Thomas Reiter

Und dann ist da natürlich noch Rosetta. Gemeinsam mit Lander Philae ist die europäische Giotto-Nachfolgemission auf dem Weg zu dem Kometen mit dem unaussprechlichen Namen – Churyumov-Gerasimenko. Bis sie dort ankommt, werden allerdings noch drei Jahre ins Land gehen. Und weil nach den beiden Begegnungen mit den Asteroiden Šteins und Lutetia nichts Interessantes mehr für Rosetta auf dem Wege liegt, wurde die Raumsonde am 8 Juni 2011 in Tiefschlaf versetzt, um Energie zu sparen. Das und das 25-jährige Jubiläum der Giotto-Mission war der ESA eine Festveranstaltung wert, bei der nicht nur viele der damals und heute beteiligten Wissenschaftler sondern auch weitere Ehrengäste zu Wort kamen.

Bill Sherwood rührt seine Zutaten zusammen, vorsicht Explosionsgefahr!

Der Star des Abends war aber mit Abstand Kometenforscher Bill Sherwood, der in herrlich unterhaltsamer, fast schon karikaturesker Manier – im fleckigen Chemikerkittel und reichlich mit verdampfendem Flüssigstickstoff hantierend – für das Publikum einen Kometen "backte". Der entstehende kohlenstaubschwarze Eisklumpen, angereichert mit Essig, Alkohol und allerlei Spurenelementen, kommt zumindest unserem derzeitigen Verständnis von der Zusammensetzung, Struktur und Oberflächenbeschaffenheit echter Kometen ziemlich nahe. Den Besuch von Rosetta und Philae bei Churyumov-Gerasimenko können sie aber natürlich nicht ersetzen. Drücken wir der Sonde also fest die Daumen, die ihren Schweifstern nicht nur kurz passieren soll wie alle ihre Vorgänger, sondern die in eine Umlaufbahn um ihn einschwenken und monatelang studieren soll. Bleibt eigentlich nur die Frage, welche Bilder von Kometen aus nächster Nähe die heutigen und zukünftigen Leser einer Neuauflage vom Großen Atlas der Sterne und ähnlicher Bücher zu Gesicht bekommen und bekommen werden.

Wie fühlt sich eigentlich ein Komet an? Kleiner Test am Sherwoodschen Mini-Kometen.

Weitere Bilder von der Festveranstaltung bei Facebook.

Carolin Liefke

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

2 Kommentare

  1. Rosetta

    Schöne Kometenzusammenfassung, finde ich. Zum Abschalten (“Hibernation”) von Rosetta bleibt zu ergänzen, dass es nicht nur ums Sparen von Energie geht. Tatsächlich hat sich noch kaum eine (keine?) solar versorgte Raumsonde so weit von der Sonne entfernt. Das geht eigentlich nur mit RPGs, die Europa wegen dem verwendeten Plutonium aber nicht baut. Interessant ist aber auch, dass diese Solarstromgrenze durch effizientere Solarzellen immer weiter nach Stauden geschoben wird, was der demnächst startende JUNO zum Jupiter zeigt.

  2. Großer Atlas…

    Ich habe haargenau das gleiche Buch gerade neben mir im Regal und vor allem auch genau um das Jahr 1995 erhalten. Jedoch fiel mein Studium nicht so intensiv aus, muss ich gestehen. Dennoch schön, sich nach Lesen des Blogs daran erinnert zu fühlen, was man darin alles schönes entdecken konnte. 🙂

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