Unter Lehrern – auf dem 101. MNU-Bundeskongress in Bielefeld

BLOG: Astronomers do it at Night

…und auch tagsüber
Astronomers do it at Night

Auf dem Scilogs-Bloggertreffen in Deidesheim fragte mich Susanne Hoffmann von Uhura Uraniae, ob jemand vom Haus der Astronomie zum diesjährigen MNU-Kongress fährt. Ich gab diese Frage weiter an Teamleiter Markus Pössel, und ehe ich mich versah, war ich auch schon unterwegs zu meiner ersten Dienstreise im neuen Job, und zwar ins schöne Bielefeld.

 

Der MNU, das ist der Deutsche Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts. Seine Mitglieder sind in erster Linie Lehrer von Fächern wie Mathematik, Informatik, Biologie, Chemie, Physik und eben auch Astronomie. Der MNU versteht sich als Interessenverband, aber nicht im Sinne einer gewerkschaftlichen Vertretung der Lehrer von MINT-Fächern, sondern eben zur Stärkung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts als solchem.

Viele Jahre ist es nun her, daß ich zum ersten Mal an einer MNU-Veranstaltung teilgenommen habe, nämlich an der astrobux, der damals alle zwei Jahre stattfindenden Tagung des Arbeitskreis Astronomie innerhalb des MNU. Leider mußte die Reihe nach den äußerst erfolgreichen Veranstaltungen der Jahre 1999, 2001 und 2003 eingestellt werden. Damals, im Oktober 2001 war ich Physikstudentin im zweiten Semester. Wenige Monate zuvor war in Sterne und Weltraum ein Artikel von mir über meine Facharbeit zur Spektroskopie der Sonne erschienen, die ich im Rahmen meines Physikleistungskurses ausgearbeitet hatte. Ulrich Uffrecht, der Organisator der astrobux, hatte mich daraufhin eingeladen, meine Arbeit auf der Tagung vorzustellen. Obwohl ich mich inmitten einer Versuchsreihe für das zweite Physikpraktikum befand, nahm ich diese Einladung gerne an.

Für den diesjährigen MNU-Kongress sollte mir dann doch etwas mehr Zeit bleiben. Drei Tage lang Vorträge, Workshops und Symposien von Montag bis Mittwoch, dazu die Möglichkeit mehrere Austellungen zu besichtigen, an Exkursionen teilzunehmen, und vieles mehr. Das ganze ist wie eine große Lehrerfortbildungsveranstaltung organisiert, eine sehr große sogar. Weit über 1000 Teilnehmer hatten sich angemeldet und hoben damit den Altersdurchschnitt an der Bielefelder Universität für den Zeitraum der Tagung erheblich. Im Gegensatz zu den astrophysikalischen Fachtagungen die ich besucht habe, war der Großteil der Teilnehmer fortgeschritteneren Alters, dagegen waren nur wenige Lehramtsstudenten, Referendare oder junge Lehrer kurz nach dem Abschluß vertreten.

Der größte Unterschied allerdings war, daß ich mich eher wie auf der CeBIT denn wie auf einer Tagung fühlte. Die Gänge entlang der großen Haupthalle der Universität waren gesäumt mit professionell aufgemachten Messeständen von Lehrmittelherstellern und Schulbuchverlagen, die mit allerlei Werbegeschenken um Kundschaft warben. Und so brachte ich neben einem großen (und schweren…) Stapel an Katalogen auch gleich einen Vorrat an neuen Kugelschreibern und Stofftaschen mit heim, dazu einen Kaffeebecher.

An den Bücherständen wurde mir mehr als deutlich bewußt, daß Bildung in Deutschland Ländersache ist. Praktisch jedes Schulbuch existiert in einer Vielzahl von Varianten, speziell zugeschnitten auf die Lehrpläne jedes einzelnen Bundeslandes. Schon als Schülerin war mir das eine oder andere Mal aufgefallen, daß ein Buch mit "Ausgabe für Schleswig-Holstein" oder ähnlich untertitelt war, aber hier hatte ich mal die Gelegenheit, die verschiedenen Varianten zu vergleichen. Und sie unterscheiden sich tatsächlich, und das nicht nur bei Lokalbezügen, sondern auch im stofflichen Inhalt.

Ob das wirklich sinnvoll ist, möchte ich arg bezweifeln. Warum kann es nicht ein allgemeines Buch für alle geben, und die Lehrer lassen die Teile, die nicht im Lehrplan stehen, einfach weg? Interessierte Schüler hätten so die Möglichkeit, sich zusätzliche Themen selbst zu erarbeiten.

So einfach ist das aber leider nicht, denn nicht nur die Bücher unterscheiden sich, teilweise ist das gesamte Unterrichtskonzept von Bundesland zu Bundesland verschieden. Nicht nur daß einem seit neuestem ungeliebte Schulformen wie Haupt- und Realschule (als Schulreform getarnt) unter neuem Namen verkauft werden, hier und da werden aus Leistungskursen "profilgebende Fächer" und das Kurssystem der Oberstufe ist de facto keins mehr. Unterschiede in den Lehrplänen der einzelnen Bundesländer gab es schon immer, daraus resultiert ja beispielsweise die weit verbreitete Ansicht, daß bayerische Schüler "besser" sind und mehr können. In den letzten Jahren haben die Vorgaben der einzelnen Länder in Sachen Schule und Bildung aber doch recht eigenbrötlerische Züge angenommen. Welche Auswirkungen das hat, erfahren Eltern, die mit ihren schulpflichtigen Kindern in ein anderes Bundesland umziehen, immer wieder auf die unangenehme Art. Denn obwohl die Kinder in ihrer alten Heimat in der Schule nicht schlecht waren, werden ihre Leistungen am neuen Wohnort nicht anerkannt und sie müssen grundlos das Jahr wiederholen. Dieselbe Problematik also, wie sie derzeit bei den neuen Bachelor/Master-Studiengängen an den Universitäten herrscht, die ja ebenfalls ländergeführt sind: Was eigentlich die Mobilität der Studenten erleichtern sollte, führte zu einem Wald von Sonderfällen bei den einzelnen Studiengängen. Gepaart mit der typischen Unflexibilität der deutschen Bürokratie ist das Chaos perfekt.

Dank PISA und Co. kommen neue Lehrpläne in den naturwissenschaftlichen Fächern derzeit auch gleich mit einem Schwung an neuen didaktischen Konzepten daher. Lehrer kämpfen daher heutzutage nicht nur mit Zentralabitur und verkürzter Abiturzeit, sondern auch mit K-Worten.

K-Wort Nummer eins sind Kompetenzen. Schüler sollen sie bitteschön haben beziehungsweise im Unterricht erwerben und erweitern. Und zwar nicht nur die Fachkompetenz, also das reine Wissen, sondern auch Methodenkompetenz, also die Fähigkeit, neues Wissen selbständig über Analogien und schon Bekanntes zu erarbeiten usw. Von sozialen Kompetenzen mal ganz zu schweigen. Lehrer sollen dann natürlich auch Kompetenzen haben, nämlich fachliche, fachdidaktische und pädagogische Kompetenzen.
K-Wort Nummer zwei und derzeit besonders in Physik, Biologie und Chemie verbreitet sind Kontexte. Kontextbasierter Unterricht stellt den zu vermittelnden Stoff in einen unmittelbaren Zusammenhang zur "Lebenswelt" der Schüler, am besten fächerübergreifend. Um sie für Hebelgesetze zu begeistern, geht man mit ihnen also mal ins Fitneßstudio.

Die Ideen hinter den K-Worten klingen ja eigentlich gar nicht schlecht. Nur, wie realisiert man soetwas konkret als Lehrer? Kompetenzorientierter Unterricht basiert häufig auf Lernstationen, Experimenten in kleinen Gruppen und Diskussionsrunden. Solche Unterrichtsformen sind zwangsläufig sehr zeitintensiv und gehen damit zulasten der insgesamt zu vermittelnden Inhalte. Auch die Behandlung eines Kontextes benötigt viel mehr Zeit als wenn man die darin enthaltenen Themen direkt angeht. Lehrer haben nun die praktisch unlösbare Aufgabe, solche Konzepte mit den Voraussetzungen für zentrale Prüfungen zu vereinbaren. Gerade für ältere Lehrer, die mit den neuen Unterrichtsmethoden oft wenig anfangen können, ist eine Veranstaltung wie der MNU-Kongress dann auch eine Möglichkeit sich mit solchen Dingen vertraut zu machen.

Leider wurde die Tagung da an manchen Stellen zur Spielwiese für die theoretischen Arbeiten von Pädagogikdoktoranden, die in ihren Vorträgen im Wesentlichen mit Fremdwörtern und Statistiken um sich warfen. Wenn es um die Kenntnisse von deutschen Schülern geht, sollte man auch keine Anglizismen wie "Items" und "Scores" anbringen, finde ich. Die meisten Zuhörer freuten sich viel mehr über konkrete Tips und Anregungen für die Praxis. Sehr schön waren da zum Beispiel die Nutzung von GPS-Empfängern zur Messung von Beschleunigung oder einfache Infrarotexperimente inklusive Live-Demonstration des Ausbaus von IR-Sperrfiltern aus Webcams.


Leider hatte ich meine Kamera zuhause vergessen und kann deshalb keine Impressionen von der Tagung beisteuern. Es war nicht zufällig jemand von meinen Lesern ebenfalls dort und kann ein paar Aufnahmen beisteuern?

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

1 Kommentar

  1. zwei links

    Hier eine sehr interessante, aber ausserhalb der üblichen mathedid. Konzepte angesiedelte, Seite eines Bielefelder Mathem. Sein Ausgangspunkt ist eine genauere Betrachtung der Weise, wie große Mathem. der Vergangenheit “wirklich” gelernt hatten. Hier eine Seite zu gut funktionierenden “Mathezirkeln”.

    Und… äh … “Bielefeld” und “schön”? Tjaaa… da war doch was ..

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