Post aus dem Vatikan

BLOG: Astronomers do it at Night

…und auch tagsüber
Astronomers do it at Night

… bekam ich in letzter Zeit häufiger. Elektronische Post. Und ich habe selber auch Post zum Vatikan geschickt. Nicht nur elektronische allerdings, sondern auch ein großes Paket. Hinter all dem steckt eine kleine astronomische Detektivgeschichte, die ich an dieser Stelle gerne erzählen möchte.

Im Oktober letzten Jahres fand an der Hamburger Sternwarte ein Symposium statt, daß sich mit der Frage auseinandersetzte, ob unsere inzwischen knapp 100 Jahre alte Sternwarte in Hamburg-Bergedorf selber ebenso wie andere Observatorien aus der selben Zeit als Wissenschafts- und Technikmonument in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen werden sollten, so wie gerade das Wattenmeer Weltnaturerbe geworden ist. Auf diesem Symposium machte ich die Bekanntschaft von Volker Witt, einem Münchener Physiker und Amateurastronom, der vielen Lesern von Sterne und Weltraum durch seine zahllosen Artikel zur Astronomiegeschichte und zu historischen Sternwarten bekannt sein dürfte.

Vor ein paar Wochen bekam ich nun einen Anruf aus München. Das Anliegen, das Volker Witt mir telefonisch vorbrachte, ging eigentlich von einem seiner Bekannten aus, dem Jesuitenpater Sabino Maffeo. Padre Maffeo ist Astronom an der Specola Vaticana, dem Observatorium des Vatikans mit Hauptsitz in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Die Specola Vaticana ist wohl eines der ältesten astronomischen Institute überhaupt: Ihre Wurzeln reichen bis zu jener päpstlichen Kommission zurück, die 1582 schließlich die Gregorianische Kalenderreform erwirkte. Der Vatikan unterhielt dann auch über die Jahrhunderte mehrere Sternwarten in Rom, bis die Specola Vaticana – ähnlich der Hamburger Sternwarte – in den 30er Jahren den unmittelbaren Einflußbereich der Großstadt und ihrer Lichtglocke verlassen mußte, um noch sinnvoll astronomisch beobachten zu können. 1981 gründete man eine Zweigstelle in Tucson, Arizona, die auf dem Mount Graham (dem Hausberg des Large Binocular Telescope LBT) das Vatican Advanced Technology Telescope VATT, ein modernes Großteleskop mit 1,80m Spiegeldurchmesser betreibt. Die Specola Vaticana ist damit ein modernes Forschungsinstitut und hat einen hervorragendem Ruf in der Forschergemeinde.

In den Jahren 1895–1922, als die Specola Vaticana sich noch auf einem Hügel hinter dem Petersdom inmitten von Rom befand, nahm sie an einem weltumspannenden astrometrischen Großprojekt teil: der Carte du Ciel Himmelsdurchmusterung. 1887 vom französischen Observatoire de Paris-Meudon initialisiert, sollten 20 Sternwarten weltweit den gesamten Himmel kartographieren. Über 22000 Photoplatten wurden belichtet und vermessen und daraus der Astrographic Catalogue erstellt, der unglaubliche 4.6 Millionen Sterne bis zur 11. Größenklasse enthielt. Ursprünglich war vorgesehen, die Himmelsdurchmusterung bis zur 14. Größenklasse zu erweitern, aber eben diese Carte du Ciel wurde nie fertiggestellt, da man schon den Zeitaufwand für den einfacheren Astrographic Catalogue weit unterschätzt hatte, der erst 1964 komplett fertiggestellt war. Hinzu kam, daß der Astrographic Catalogue dann auch von der Fachwelt über Jahrzehnte weitestgehend ignoriert wurde. Erst mit dem Aufkommen der satellitenbasierter Astrometrie durch die Hipparcos-Mission in den 90er Jahren begann man den Wert des aufwendigen Kataloges zu schätzen: Durch die lange Zeitbasis zwischen der Aufnahme der Platten und dem Start von Hipparcos half der Astrographic Catalogue bei der Bestimmung der Eigenbewegung der vermessenen Sterne.

Volker Witt und Padre Maffeo kamen dann vor einigen Wochen zufällig auf die Hamburger Sternwarte zu sprechen. Die Specola Vaticana hatte vor Jahrzehnten einige der alten Carte du Ciel Photoplatten leihweise zu uns gegeben, wie es zur damaligen Zeit üblich war, sie waren aber nie zurückgegeben worden. Inzwischen bemüht man sich aber um die Digitalisierung und erneute Auswertung der vatikanischen Carte du Ciel Platten, es war also mehr als überfällig die teils über alle Welt verstreuten alten Platten wieder zusammenzusammeln. Man hatte dann wohl vor einigen Jahren schonmal bei einem Kollegen aus der Geschichte der Naturwissenschaften angefragt, der war aber offensichtlich in unserem Archiv nicht fündig geworden. Ob ich nicht helfen könne, fragte Volker Witt, gesucht würden mehrere quadratische Platten vom Format 16×16 cm aus den Jahren um 1910.

Mein Schatzsucher-Instinkt war schnell geweckt, denn ich habe einen Faible für historische Recherchen. Vor einigen Jahren war ich bei einer Aufräumaktion in der Bibliothek der Sternwarte Lübeck auf zwei antiquarische Bücher gestoßen, die originalen Protokollbücher des Naturwissenschaftlichen Vereins zu Lübeck seit seiner Gründung im Jahr 1848, die man beim Naturwissenschaftlichen Verein selber als im zweiten Weltkrieg verschollen glaubte. Die ausführliche Geschichte ihrer Wiederentdeckung und Rückgabe kann man auf Seite 25 der Ausgabe 56 der Lübecker Vereinszeitschrift Polaris nachlesen. Ich versprach dementsprechend, mich auf die Suche nach den vermißten Photoplatten zu begeben.

Als erstes wandte ich mich an unsere ehemalige Photolaborantin, die die beste Übersicht über die Photoplatten in unserem eigenen Plattenarchiv hat. Sie wußte von keinen Platten auf die die Beschreibung zutraf. Unsere eigenen historischen Platten sind rechteckig und kleiner, die Platten des großen Hamburger Schmidtspiegels quadratisch aber größer. Dennoch gingen wir zu zweit auf die Suche im Archiv, konnten aber nichts finden. Nun hat die Hamburger Sternwarte aber noch jede Menge verborgene Keller- und Lagerräume zu bieten, in denen sich vermutlich unzählig viele verloren geglaubte astronomische Schätze des vergangenen Jahrhunderts verbergen.

Historische Photoplatten im klimatisierten Plattenarchiv der Hamburger Sternwarte
 
Der Hinweis auf die astrometrische Natur der Carte du Ciel Platten sollte mich dann schließlich auf die richtige Spur führen. Astrometrie wird an der Hamburger Sternwarte seit der Emeritierung des inzwischen verstorbenen Prof. Christian de Vegt vor 10 Jahren nicht mehr betrieben. de Vegt hinterließ aber Berge von Daten, Lochkarten und Akten, die größtenteils noch immer im Keller unseres Großen Refraktors eingelagert sind. Ich ließ mir also die entsprechenden Räumlichkeiten aufschließen und wurde schon nach kurzer Zeit fündig: In einem Schrank fanden sich zusammen mit anderen fremden Platten, auf deren Schutzhüllen die verschiedensten Namen zu lesen waren, auch 26 Platten passender Größe in vergilbten rosa Umschlägen, fein säuberlich mit Bleistift in italienisch beschriftet. Ich inspizierte zwei der Platten, sie waren offenbar in gutem Zustand. Der kühle Keller eines Teleskopgebäudes ist mit Sicherheit nicht der verkehrteste Ort zur Lagerung photographischer Platten.
 
Schon wenige Stunden nach seinem Anruf konnte ich Volker Witt mitteilen, daß die lange verschwunden geglaubten Platten gefunden waren. Seltsamerweise gelang es mir nicht, Padre Maffeo selbst die freudige Botschaft zu überbringen, das mußte Volker Witt übernehmen. Der Mailserver unseres Instituts behauptet bis heute hartnäckig, der Empfänger meiner Nachricht würde nicht existieren und weigerte sich, eine entsprechende Email an den Vatikan zuzustellen. Es gelang mir dann aber später über meine private Emailadresse problemlos. Nun galt es, die Photoplatten sicher zurück zur Specola Vaticana zu bekommen. Eine persönliche Reise stand außer Frage, also verpackte ich die Platten sicher in mehrere Lagen Luftpolsterfolie und schickte sie an ihren Bestimmungsort. Gestern erreichte mich dann die Nachricht von Padre Maffeo, daß das Paket wohlbehalten angekommen ist, das Ende einer kleinen Odyssee. Mal sehen, was man aus der neuen Auswertung der alten Aufnahmen noch alles lernen kann…
Carolin Liefke

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

4 Kommentare

  1. Berge von Daten

    “Der Mailserver unseres Instituts behauptet bis heute hartnäckig, der Empfänger meiner Nachricht würde nicht existieren und weigerte sich, eine entsprechende Email an den Vatikan zuzustellen.” Hmm, könnte daran liegen, dass Hamburg evangelisch ist, oder?

    Jedenfalls eine nette Geschichte. Vielleicht solltest Du wirklich mal den Keller bei Euch aufräumen 😉

  2. Unergründlichkeiten

    Wenn das mit dem Aufräumen so einfach wäre…

    Schließlich gibt es nicht nur einen Keller sondern viele. Jedes größere Gebäude hat einen, meistens aus mehreren Räumen bestehend. Dazu mehrere Garagen und Abstellkammern.

    Nun bin ich tatsächlich neugierig, und einige dieser Räume habe ich ausgekundschaftet. Zum Beispiel vor einigen Jahren, während einer Beobachtungsnacht am Oskar-Lühning-Teleskop, wo während der Langzeitbelichtungen viel Zeit war. Im Keller des Oskar-Lühning-Teleskops lagern jede Menge Akten, die alte Steuerelektronik des Teleskopes und der Hauptteil eines durchaus kontroversen Denkmals aus der Kolonialzeit, das eine viel kuriosere Odyssee hinter sich hat als die Carte du Ciel Platten.

    In einem normalerweise unzugänglichen Lagerraum neben dem Bibliothekskeller liegen alte Gerätschaften und Optiken in den Regalen gestapelt, die niemand von den heutigen Sternwartenmitarbeitern mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung zuordnen kann.

    Andere unserer “Schatzkammern” habe ich noch nie betreten können. Reizen tun sie mich trotzdem, zum Beispiel der Kriechkeller unter der Rotunde des 1m-Spiegelteleskops.

    Außerdem frage ich mich, welche Schätze inzwischen unwiederbringlich verloren sind. Besonders in den 60er Jahren sind an der Sternwarte viele Dinge achtlos entsorgt oder verschenkt worden, die man damals für wertlos hielt.

  3. Spannend

    Das hat Dir sicherlich richtig Spaß gemacht und Du hast dem Padre Maffeo eine große Freude bereitet. Hat mir Spaß gemacht lesend mit dabei gewesen zu sein.

  4. Spannende Geschichte

    Ich arbeite seit kurzem hier in einem uralten Schloss aus dem 13. Jahrhundert. Einer der Vorbesitzer soll auch ein begeisterter Sternengucker gewesen sein.
    Da werd ich wohl auch mal in die Katakomben steigen müssen. Wer weiß, vielleicht findet sich ja etwas brauchbares. Das meiste ist zwar schon ausgeräumt, aber bestimmt noch nicht alles, da das Anwesen immer in Privatbesitz war.

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