Kunst trifft Astrophysik – Fremde Welten von Inga Nielsen

BLOG: Astronomers do it at Night

…und auch tagsüber
Astronomers do it at Night

Wer kennt das nicht? Über Social Networks, in Blogs oder bei Twitter ist es ein Leichtes, mal eben seine Freunde und Bekannten auf einen interessanten Link oder ein schönes Bild aufmerksam zu machen. Nicht selten wird so eine ganze Lawine losgetreten und zuvor völlig unbekannte Personen werden über Nacht zu Stars oder Webseiten von einem regelrechten Besucheransturm überrollt. Texte, Bilder und Videos werden kopiert und verbreiten sich praktisch unaufhaltsam weiter. Der eigentliche Ursprung der Story läßt sich häufig gar nicht mehr nachvollziehen, und es kommt wie es kommen muß, nach dem Stille-Post-Prinzip verändert sie sich auch mehr und mehr.


Hideaway von Inga Nielsen

So geschehen auch mit diesem Bild. Seit Jahren schon geistert es durch das Internet, zusammen mit der Behauptung es handle sich um ein Foto, das die tiefstehende Sonne zusammen mit der Mondsichel am Nordpol zeigt. Nicht wenige behaupten bei dieser Gelegenheit, sie hätten die Aufnahme selbst geschossen. Daß dem nicht so sein kann, läßt sich leicht beweisen, denn aufgrund der Abstandsverhältnisse im Sonnensystem müssen Mond und Sonne vom Erdboden aus immer nahezu gleich groß aussehen, man denke nur an eine Sonnenfinsternis. Nachdem das Bild vor einigen Wochen erneut im Netz die Runde machte, sah sich Bad Astronomer Phil Plait genötigt, Aufklärungsarbeit zu leisten. Auch die wahre Urheberin des Bildes hatte er ausfindig gemacht: Inga Nielsen, eine Hamburger Künstlerin, malt (oder besser zeichnet?) digitale Phantasielandschaften, so auch “Hideaway“.

Wie die Geschichte vom Nordpolfoto begann, hat allerdings auch Phil Plait nicht herausfinden können. Nicht wenig zur heutigen Bekanntheit des Bildes dürfte allerdings beigetragen haben, daß es später, am 20. Juni 2006, Astronomy Picture Of the Day geworden ist. “Hideaway” kann (und soll!) zwar keine Szenerie auf der Erde darstellen, es spricht aber nichts dagegen, daß man auf irgendeiner fernen, fremden Welt nicht einen solchen Anblick haben könnte.

Tatsächlich weiß die Künstlerin was sie da tut, denn Inga Nielsen ist Astrophysikerin. Im Jahr 2009 hat sie an der Hamburger Sternwarte ihr Diplom gemacht, aus dieser Zeit stammt auch ihr zweites Astronomy Picture Of the Day, “Reign of Fire“. Diese Darstellung einer Lavalandschaft, eines Planeten mit seinem kleinen Mond in unmittelbarer Nähe eines hochaktiven roten Zwergsterns, habe ich mehrfach zur Illustration von Fachvorträgen verwendet, da sie hervorragend zu meinem Arbeitsgebiet paßte.


Reign of Fire von Inga Nielsen

Wer sich in Ingas Galerie Gate To Nowhere ein wenig umschaut, wird neben diesen beiden noch viele andere (aber eben nicht nur) astronomische Motive finden. In Jan Hattenbachs Himmelslichtern hatten wir vor einiger Zeit ja durchaus kritisch über Sinn und Unsinn von künstlerischen Darstellungen zur “Untermalung” von astronomischen Neuigkeiten diskutiert. Hier dagegen haben wir es mit Bildern zu tun, die einfach nur zum Träumen anregen – oder auch zum Nachdenken. Richtige Kunst eben.

Inzwischen kommt Inga leider nicht mehr so häufig zum Malen. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mittlerweile als Fotografin, auch wenn sie dann und wann solche Illustrationen auch als Auftragarbeiten fertigt. Ihr jüngstes Bild “Black Hole Rising” zeigt aber dennoch einmal mehr nicht nur die Liebe der Künstlerin zum Detail, sondern auch ihr astrophysikalisches Wissen. Das Schwarze Loch in der Ferne, das Materie vom Mutterstern der dargestellten Welt mit ihren fremdartigen Pflanzen akkretiert, hat durch seine energiereiche Strahlung tödliche Auswirkungen auf eben diese. Gleichzeitig wirkt die Szenerie aber dennoch ruhig und friedlich.


Black Hole Rising von Inga Nielsen

Veröffentlicht von

Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

4 Kommentare

  1. Wunderschön

    Danke für diesen Artikel. Ich finde ja, dass solche eindeutig künstlerischen Darstellungen fremder Welten die Betrachter weit weniger in die Irre führen als die künstlerischen Impressionen von Satelliten oder unkommentierte Falschfarbenaufnahmen von Röntgen- oder IR-Teleskopen. Hier wissen wir, dass wir es mit Fantasie zu tun haben und wir können den Anblick genießen und von echter Raumfahrt (also dem Erkunden anderer Sonnensysteme) träumen.

    Übrigens: Herzlichen Glückwunsch zum Doktorgrad.

  2. Frage zu “Black Hole Rising”

    Kann man davon ausgehen, dass bei einem schwarzen Loch wegen des enormen Drehimpuls auch die Symmetrieachse der Akkretionsscheibe raumfest bleibt?

    Falls nicht, würde über kurz oder lang einer der Gammstrahlenbursts diesen Planeten grillen und es wäre aus mit den hübschen, botanischen Lebensformen – und das wäre doch wirklich Schade.

    Inga Nielsen ist wegen (oder trotz?) ihres Grufti-Looks meine Kandidaten für den Titel des/der coolsten Astrophysiker/s/in und verweist Brian May und Carolin Liefke auf die Plätze 2 und 3.

    Sie hat sich ganz offenbar auch über die Zukunft der Raumfahrt Gedanken gemacht: Hier sieht man einen erdähnlichen Planeten, der dort ist, wo die Erde in ein paar Jahrzehnten sein wird, nämlich umgeben von Weltraumfahrstühlen und, im geostationären Orbit, von einem Ring aus menschengemachter Aktivität. So stelle ich mir das auch vor.

  3. @Michael

    Aufgrund der Drehimpulserhaltung wird ein Schwarzes Loch – und mit ihm seine Jets und die Akkretionsscheibe – normalerweise nicht das Taumeln beginnen, da müßten schon signifikante Änderungen am System auftreten (zum Beispiel die Verschmelzung mit einem zweiten Schwarzen Loch). Der Einfluß des akkretierten Materials ist marginal.

    Auf jeden Fall hast du Recht, würde der Planet tatsächlich direkte Strahlung von einem der beiden Jets abbekommen, dürfte ihm das überhaupt nicht bekommen. Die Jets sind bis allerdings sehr stark gebündelt (auf 1-2°), die Wahrscheinlichkeit, daß der Planet in den Jet gerät, ist also relativ gering.

    Nichtsdestotrotz, nicht nur die Jets sind gefährlich, die Akkretionscheibe sendet ebenfalls Strahlung aus (hauptsächlich im Röntgenbereich), und im Gegensatz zu den Jets in alle Richtungen. Energetisch gesehen sind das zwar ca. 4-5 Größenordnungen weniger, tödlich für Leben wie wir es kennen wäre es aber dennoch, selbst wenn das Schwarze Loch noch ein ganzes Stück weiter weg wäre. Nach Ingas Vorstellung haben sich die Bewohner des Planeten dieser Problematik allerdings mit technologischen Mitteln angenommen 🙂

  4. Reign of Fire als Coverbild

    Inga Nielsens “Reign of Fire” ist auch Coverbild der dritten Ausgabe meines Buches “Trek Science” (ehemals as “Star Trek Science im ECON Verlag erschienen).

Schreibe einen Kommentar