Kick it like Einstein: Hopp Schwiiz!

Alpengipfel, Käse, Schokolade, Taschenmesser, Uhren, Banken – an solche Dinge denkt man gemeinhin beim Stichwort Schweiz. All das hat durchaus einen guten Ruf (von den Banken vielleicht mal abgesehen), aber ganz offenbar hat die Heimat von Heidi noch mehr zu bieten, denn für die Deutschen ist die Schweiz Auswanderungsziel Nummer eins. Zum überwiegenden Teil sind es gut ausgebildete junge Menschen, besonders Akademiker, die aus dem "großen Kanton im Norden" übersiedeln. Und die dort häufig einen unerwarteter Kulturschock erleiden.

Seit ziemlich genau vier Monaten bin ich als waschechte Schleswig-Holsteinerin nun im Süden Deutschlands zuhause, genauergesagt im badischen Teil Baden-Württembergs. Und ich muß sagen, es gefällt mir hier. Heidelberg ist ein wunderschönes Städtchen, eingebettet in eine herrliche Landschaft. Das Klima erscheint freundlicher, auch wenn es heute der Wärme schon etwas zuviel war. Aber immerhin, meine Erdbeeren im Balkonkasten gedeien besser als im hohen Norden. Die Menschen hier sind nicht weniger freundlich, hilfsbereit oder auch seltsam als ich es aus Hamburg gewohnt war, und auch an den in meinen Ohren immernoch etwas seltsam klingenden Dialekt werde ich mich wohl mit der Zeit auch noch gewöhnen.

Mehrere Leute aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis hat es in den letzten Jahren noch weiter südlich verschlagen, sie gehören zu den jährlich etwa 20000 Deutschen, die in die Schweiz auswandern. Tendenz steigend. Bei der Gesamtbevölkerungszahl Deutschlands von knapp 82 Millionen Menschen fallen diese 20000 kaum auf. Und auch verglichen mit den nicht ganz 8 Millionen Schweizern immernoch eine recht kleine Zahl. Auffallen tun die deutschen Einwanderer den Schweizern allerdings trotzdem, und zwar meistens unangenehm. Die "Sauschwaben" nehmen Arbeitsplätze weg, lernen die Sprache nicht und passen sich nicht an die Schweizer Lebensweise an, und so weiter, heißt es dann. Es ist leicht, darin typische Vorurteile wiederzuerkennen, die man auch in Deutschland gegenüber Einwanderern pflegt. Man muß aber genauer hinschauen: Während die heute in Deutschland typische Vorstellung vom gewaltbereiten Sozialhilfeempfänger hautpsächlich den in zweiter Generation in Deutschland lebenden Türken oder russischen Spätaussiedlern vorbehalten ist, verwendet der Schweizer dieses Bild gerne für Menschen aus den Balkanländern. Die Deutschen sind für ihn eher das, was wiederum im Deutschland der 60er und 70er Jahre die Italiener waren.

Die kleine Großstadt an der Limmat: Blick vom Grossmünster auf Zürichs Altstadt

Trotzdem, wieso gilt der Deutsche in der Schweiz überhaupt als Ausländer? Viel verschiedener als die Badenser für eine Schleswig-Holsteinerin und umgekehrt können sie doch gar nicht sein, die Schweizer. So denken viele Deutsche und irren damit gewaltig. Entsprechend tappt so manch deutscher Einwanderer in der Schweiz von einem Fettnäpfchen ins andere und muß sein Bild von der neuen Heimat und ihren Bewohnern alsbald korrigieren, angefangen von der Sprache, die eben nicht das ist, was der kleine Mann in der Lodenjacke aus der Ricola-Werbung spricht. Wenn ein Schweizer in der Annahme einen Landsmann vor sich zu haben in echtem Schweizerdeutsch loslegt, bin ich als Norddeutsche verloren, egal um welche der diversen Schweizer Mundarten es sich handelt.

Über die diversen kulturellen Barrieren, die sich sonst noch zwischen Deutschen und Schweizern auftun, ist in den letzten Jahren in den Feuilletons der großen Zeitungen und in Nachrichtenmagazinen so viel geschrieben worden, daß ich hier seitenweise Links anbringen könnte. Wagen wir aber ruhig mal einen etwas persönlicheren Blick, denn das Beispiel meiner Freunde und Bekannten hat auch mich darüber nachdenken lassen, ob ein Leben in der Schweiz nicht etwas für mich wäre.

Beruflich, warum nicht? Als Astrophysikerin hätte ich mit Sicherheit auch an einem wissenschaftlichen Institut in der Schweiz unterkommen können, als Naturwissenschaftler ist der Wechsel ins Ausland ja generell nicht unüblich. Hinzu kommt, Schweizer Universitäten, besonders die Eidgenössisch-technischen Hochschulen, haben einen ausgezeichneten internationalen Ruf. Eben dieser ist es unter anderem, der so viele Akademiker aus Deutschland anzieht. Ein Großteil von ihnen kommt zwar aus dem Bereich Medizin, aber auch Naturwissenschaftler und Ingenieure sind gut vertreten. Meine Deutsch-Schweizer Freunde beispielsweise sind hauptsächlich in der IT-Branche tätig. Der Fachkräftemangel ist in der Schweiz ausgeprägter als in Deutschland, in vielen Berufsfeldern hat man dort auf dem Arbeitsmarkt wesentlich bessere Chancen als in Deutschland.

Top of Europe: Das Jungfraujoch mitsamt Observatorium

Auch als Küstenbewohner kann man eine Affinität zu hohen Bergen entwickeln, so auch bei mir. Die Alpen haben es mir seit meiner Kindheit angetan. Landschaftlich punktet die Schweiz also bei mir allemal. Die Schweizer habe ich bei meinen Besuchen als ganz "normal" kennengelernt, auch wenn ich bei den meisten Begegnungen mit Sicherheit leicht als Gast zu erkennen war. Anders als die Deutschen sind sie aber doch. Aber hier könnte man sich wiederum fragen, was denn nun typisch deutsch ist.

Von meiner neuen Heimat aus ist es nicht weit bis in die Schweiz, so daß ich jetzt sicherlich häufiger dorthinfahren werde als früher – ich werde aber Gast bleiben. Ein Gast freilich, der sich darüber freut, an der Supermarktkasse mit der Kassiererin in Ruhe ein paar freundliche Worte wechseln zu können ohne zum Bezahlen gedrängt zu werden, wenn man sich am Ende seines Aufenthaltes mit Schokolade- und Käsevorräten eindeckt. Die berühmte Schweizer Langsamkeit eben.

Wer sich ernsthaft für die Schweizer und ihr Land abseits der üblichen Klischees interessiert, der sollte versuchen einen Blick hinter die Kulissen der Alpengipfel zu wagen. Dank Internet ist es heute auch gar nicht so schwer, mehr zu sehen zu bekommen als Schlagzeilen zum Minarettverbot oder sprachlichen Undingern deutscher Politiker im Zusammenhang mit dem Schweizer Bankgeheimnis. Ich lege euch hiermit auch den Blog meines Freundes uepsie ans Herz, in dem es zwar in letzter Zeit recht still geworden ist, dessen Archiv aber herrlich lesenswert ist.

Veröffentlicht von

Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ich war mal – noch zu Schulzeiten – in Frankreich, genauer gesagt in La Rochelle in einer Sprachschule. Gewohnt habe ich in einer Gastfamilie, zusammen mit einem Schweizer. Das war schon sehr lustig. Wir sprachen beide Deutsch untereinander. Er mit seinem Schweizer Dialekt und ich mit einem Ruhrpott-Einschlag.

    Zu Beginn der zwei Wochen haben wir uns kaum verstanden und trotzdem verstanden^^

  2. 3°C, bedeckt, Eisregen

    “…auch wenn es heute der Wärme schon etwas zuviel war.”

    Wenn es dir hilft, dann wünsch ich euch für den Rest des Sommers das ITV-Wetter von vor nicht mal vier Wochen zurück, das hat dir wohl besser gefallen?!

  3. Caro im Fettnäpfchen

    Hey Stefan,

    da sieht man’s mal wieder, auch meinereiner ist eben nur ein Zugezogener. Ich hab das mal korrigiert, denn auch unbewußterweise will ich meinen neuen Nachbarn ja nicht auf die (gelben?) Füße treten 😉

    Das mit dem Wetter ist so eine Sache. ITV-Temperaturen müssen nun wirklich nicht sein, den ganzen Tag bei über 30° im Schatten an der prallen Sonne verbringen aber auch nicht. Oben auf dem Königstuhl wäre es heute wahrscheinlich sogar ganz angenehm gewesen, aber zur Zeit ist ja in Mannheim im Luisenpark Explore Science. Und im Tal herrscht die Hitze…

  4. xytrblk meint: Zweite Heimat

    Ich bin zwar nicht in die Schweiz aus- bzw. eingewandert – aber mit einer Schweizerin verheiratet und dadurch seit über 30 Jahren sehr oft in der Schweiz gewesen, vor allem zu Ferien im Hochgebirge des Wallis. Konnte dort sogar – s. meinen Labyrinth-Blog – mit Hilfe vieler Einheimischer des Dorfes CH-3935 Bürchen (u.a. einer ganzen Schulklasse) ein richtiges begehbares Labyrinth anlegen (http://www.hyperwriitng.de/loader.php?pid=218).
    Ich glaube, erst wenn man viele Jahre immer wieder – möglichst an den gleichen Ort – in die Schweiz fährt, lernt man sie wirklich kennen und lieben. Der Schlüssel ist natürlich vor allem die Sprache. Da kann ich den “Einwanderern” nur einen Tipp geben: sich bemühen, den jeweiligen kantonalen Dialekt zu verstehen – aber nicht versuchen, ihn selbst zu sprechen – von ein paar geläufigen Wörtern mal abgesehen, die man gerne in die Unterhaltung einstreuen darf. Sonst macht man sich nur lächerlich.
    (Und dann sollte man sich natürlich unbedingt die köstliche Komödie “Die Schweizermacher” ein paar Mal anschauen – gibt´s auf DVD).
    “Am brüv un am bri” – das heißt “Hinauf und hinunter” auf Walliserdeutsch. Ein Sprachrätsel ersten Ranges. Oder die dortigen Ortsnamen: “Zenhäusern” (von “zu den Häusern”) heißt auf der anderen Seite des Rhonetales, nur rund 10 km Luftlinie entfernt, “Tähischinu”. So etwas kann man einfach nicht richtig lernen.
    Aber die Gegend und ihre Bewohner wachsen einem ans Herz, wenn man sie nimmt wie sie sind. Dann wird das eine richtige “zweite Heimat”.

Schreibe einen Kommentar




Bitte ausrechnen und die Zahl (Ziffern) eingeben