Aufwachen, Rosetta!

Nachdem es im letzten Jahr mit den großen Kometen am Himmel nicht so recht klappen wollte – wir erinnern uns, sowohl PanSTARRS im Frühling als auch ISON im Spätherbst konnten die großen Erwartungen, die (zumeist von der Nicht-Fachpresse…) an sie gestellt wurden, nicht erfüllen – soll 2014 nun das Jahr werden, in dem wir auf einem Kometen landen. Wir, denn die Raumsonde Rosetta, die eben dieses bewerkstelligen soll, ist schließlich eine europäische Mission, die in den Händen der europäischen Weltraumagentur ESA liegt.

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Er darf bei keiner wichtigen ESA-Veranstaltung fehlen: Thomas Reiter begrüßt die Anwesenden zum Rosetta-Wakeup-Event bei ESOC in Darmstadt. Foto: Robert Vogel

Seit fast 10 Jahren ist Rosetta nun schon im Sonnensystem unterwegs, am 2. März 2004 ist die Sonde gestartet. Eigentlich hätte sie sich sogar schon ein Jahr früher auf den Weg machen sollen, aber nach dem Fehlstart der ersten Ariane 5 ECA im Dezember 2002, mit der Rosetta einen Monat später hätte starten sollen, hat man bei der ESA umdisponiert und den Start verschoben. Das ursprüngliche Ziel, der Komet 46P/Wirtanen, war damit aber für Rosetta nicht mehr zu erreichen. Die ESA-Missionsanalytiker hatten aber schnell ein neues Ziel für die Sonde ausgemacht: 67P/Churyumov–Gerasimenko, der zunächst nur als der Komet mit dem unaussprechlichen Namen von sich Reden machte.

Churyumov–Gerasimenko zählt zur Jupiter-Familie, in der sich eine Reihe von Kometen tummeln, deren Umlaufbahnen durch die Schwerkraft von Jupiter so stark verändert wurden, daß sie nicht mehr zu ihrem Ursprung in den Außenbereichen unseres Sonnensystems zurückkehren. Churyumov–Gerasimenko bleibt immer zwischen 1.2 und 5.7 Astronomische Einheiten von der Sonne entfernt, erreicht im sonnennächsten Punkt seiner Bahn also fast die Erdbahn und bleibt im sonnenfernsten Punkt nur knapp hinter der Jupiterbahn. Durch den Einfluß von Jupiter und Saturn ändert sich die Bahn des Kometen aber weiterhin deutlich im Laufe der Zeit.

Rosetta ist nicht auf direktem Weg zu Churyumov–Gerasimenko, sondern hat insgesamt dreimal an der Erde und einmal am Mars Schwung genommen, um ihr Ziel zu erreichen. Ihre Bahn hat die Sonde dabei auch an den Asteroiden (2867) Šteins und und (21) Lutetia vorbeigeführt, eine hervorragende Gelegenheit, um die Instrumente, die Rosetta für die Erkundung des Kometen an Bord hat schonmal zu testen. Gerade der nahe Vorbeiflug an Lutetia vor gut dreieinhalb Jahren hat dabei auch jede Menge wertvolle Ergebnisse geliefert.

Rosettas eigentliche Mission – die detaillierte Erforschung eines Kometen und damit sozusagen der Urmaterie unseres Sonnensystems – steht in der Tradition von Giotto, der ersten Raumsonde, die die ESA zu einem anderen Himmelskörper in unserem Sonnensystem geschickt hat. 1985 gestartet lieferte Giotto weniger als ein Jahr später die ersten Nahaufnahmen überhaupt von der Oberfläche eines Kometen, in dem Fall auch noch vom wohl berühmtesten Kometen überhaupt, nämlich 1P/Halley. Nachdem die Sonde die nahe Passage an Halley zwar nicht unbeschadet überstanden aber doch überlebt hatte, wurde sie später nochmal reaktiviert, um mit 26P/Grigg-Skjellerup 1992 einen zweiten Kometen zu besuchen. Giotto verdanken wir jede Menge Erkenntnisse über die Zusammensetzung von Kometen, ihre Struktur und die Beschaffenheit ihrer Oberfläche.

Rosettas Ziel ist nochmal deutlich ambitionierter. Rosetta selber soll Churyumov–Gerasimenko nicht nur passieren, sondern in eine Umlaufbahn um den Kometen einschwenken, keine leichte Aufgabe bei einem nur knapp 4 Kilometer großen Himmelskörper. Im Anschluß soll Churyumov–Gerasimenko fleißig kartiert und untersucht werden. Hinzu kommt der kühlschrankgroße Lander Philae, den Rosetta auf dem Kometen absetzen soll.

Um Punkt 11 Uhr hat Rosettas Wecker geklingelt – im Vorfeld hatte die ESA die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, zu dabei zu “helfen”, die Sonde aus dem Tiefschlaf zu wecken, in den sie nach der Passage an Lutetia versetzt worden war, um Energie zu sparen. Jetzt heißt es noch ein paar Stunden auf die Antwort warten, denn Rosetta ist zur Zeit knapp 800 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Im Sommer dann wird Rosetta dann zu ihrem Zielobjekt aufgeschlossen haben. Im November schließlich wird es dann spannend für Philae.


Update: Um 19:19 Uhr war es dann soweit: Nach einer Dreiviertelstunde bangen Wartens tauchte der Zacken im Radiospektrum auf, mit dem sich Rosetta bemerkbar macht. Zunächst noch Zurückhaltung in den ersten Reihen, man wollte ganz sicher sein, bevor man die Sektkorken knallen läßt. Dann die Bestätigung, und Thomas Reiter und ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dordain umarmen einander vor Freude. Sie ist da, sie ist wach, und spannende Monate liegen nun vor ihr!

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Thumbs Up für Rosetta vom gesamten Team

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

15 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. 10 Jahre unterwegs – und kein bisschen müde? Rosetta ist nur eines von vielen mehrjährigen Raumflugprogrammen. Irgendwann werden Reisen wie sie jetzt Rosetta unternimmt in Monaten und nicht mehr in Jahren absolviert werden können und sie werden nicht mehr 1 Milliarde kosten wie Rosetta sondern nur noch einige Millionen. Die Technologie, die die Distanzen im Weltraum zusammenschrumpfen lässt wurde nur noch nicht entwickelt. Unter anderem deswegen nicht entwicklet, weil zuwenig in die Grundlagen der Weltraumfahrt investiert wurde und man sich auf der Technologie ausruhte, die bereits die Chinesen von 1000 Jahren erfunden haben: den Rückstoss durch Verbrennung von chemischen Treibstoffen.
    Die zukünftige Menschheit wird wohl voller Mitleid und Unverständnis auf die heutige Raumfahrt zurückschauen und darüber staunen mit welcher archaischer Technik man sich dazumals in den Raum vorwagte.

    • Ach ja… – auf diese Technik, wie immer sie auch heissen möge, warte ich ja auch noch. Aber dafür wird wohl erst mal ein neuer Einstein die Physik revolutionieren müssen….

    • Mit Mitleid und Unverständnis? Glaube ich nicht. Schauen wir denn mit Mitleid und Unverständnis auf die Entdeckungsfahrten der Wikinger, der Phönizier oder des 15. und 16. Jahrhunderts? Auf die Südpol-Expeditionen von Scott und Amundsen? Auf die Reisen von Kapitän James Cook? Auf Guillaume le Gentil? Auf Farman und Guillaumet? Auf Alcock und Brown? Nein, das tun wir nicht, weil wir wissen, dass Technologie sich entwickelt und dass es ohne Pionierleistungen, die mit aus späterer Sicht “primitiver” Technologie auskommt, kein Fortschritt stattfindet. Auch spätere Generationen werden nicht das verstehen. Die werden dann schaudern, wenn sie lesen, dass man für eine simple Reise nach Australien 24 Stunden unterwegs ist, so wie es uns schaudert, wenn wir lesen, wie lange eine Transatlantikreise im 19. Jahrhundert dauerte. Aber Spott und Mitleid ist etwas anders.

      In der Betrachtung der Leistungen früherer Generationen findet sich immer eine gehörige Portion Bewunderung. Zumindest, wenn man sich wirklich mit der historischen Technik beschäftigt hat.

  2. Pingback:Rosetta wach auf! | Astronomieschule-blog

  3. Kleine Korrektur: Rosetta wurde nicht auf einer Ariane 5 ECA gestartet, sondern auf einer leicht modifizierten Version des weniger leistungsfähigen Vorgängers Ariane 5 G. Nach dem spektakulären Fehlstart der ersten ECA war man allerdings der Meinung, dass Arianespace und ihre Zulieferer eine Menge Hausaufgaben nachzuholen hatten und man lieber noch abwarten wollte. Die Ariane-5-Starts wurden für fünf Monate ausgesetzt und die nächste (und erste erfolgreiche) ECA wurde überhaupt erst im Februar 2005 gestartet.

      • Vielleich missverstehen wir einander gerade. Ich wollte nur anmerken, dass nie vorgesehen war, dass Rosetta auf einer ECA gestartet wird. Es war immer die G vorgesehen, die aufgrund der Modifikationen dann G+ hieß. Also wäre ja eigentlich Rosetta durch den ECA-Fehlstart gar nicht betroffen. Aber dennoch war die Situation damals so, dass das ganze Projekt Ariane 5 eine Zwangspause auferlegt bekam, also auch die ältere G-Version. Dadurch wurde dann doch das Startfenster für die Mission zu Wirtanen verpasst. Es war allerdings schon vorher entschieden worden, dass man die Wirtanen-Mission aufgeben und die Raumsonde vorübergehend einmotten wollte.

  4. Einspruch 🙂 PANSTARRS war schon recht eindrucksvoll – mehr als ich persönlich erhofft hatte. Immerhin der erste seit Hale-Bopp, den ich mit bloßem Auge sehen konnte. McNaught blieb mir leider verwehrt, dafür war ich zu weit nördlich.

  5. Pingback:vhs-Sternwarte Neumünster | Wenn der Wecker klingelt….

  6. Hobby-kometenmässig widerspreche ich auch – ich konnte 2013 zwei unerwartete Kometen sehen: PANSTARRS, von dem ich selber geschrieben habe, dass man einen solchen mit normalen Hilfsmitteln nicht sehen kann, und Ende Jahr den schönen Lovejoy, der rund 3 Grössen heller war als prognostiziert und heller als 5 mag wurde. – Es war ein unerwartet überraschendes Kometenjahr für mich. Und die spannenden fast Live-Bilder von SOHO des armen Kometen ISON, dessen nahen Vorbeiflug an der Sonne man zeitnah im Internet bewundern konnte und zahlreiche nicht astronomie-begeisterte Freunde von mir begeisterten, werde ich auch nicht vergessen !

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