Astronomische Weihnachten – Bescherung an der Sternwarte Lübeck

Astronomers do it at Night

Astronomen – egal ob nun Amateure oder Profis – sagt man ja nach, sie seien ein seltsames Völkchen. Jede Nacht am Okular verbringend, auch in eisiger Kälte, immer auf der Suche nach neuen Sternen, die es zu entdecken gilt. Oder so ähnlich. Wie also feiert ein Astronom Weihnachten? Tatsächlich genauso wie jeder andere Mensch auch. Über astronomische Präsente freut er sich allerdings ganz besonders. An der Sternwarte Lübeck gab es einen Tag vor Heiligabend vorgezogene Bescherung: Das neue Teleskop ist da.

Schon eine Woche vor Weihnachten fiel der erste Schnee

Die Weihnachtszeit begann in diesem Jahr hier im hohen Norden außerordentlich vielversprechend: Mit Schnee in größeren Mengen, der dann auch tatsächlich liegenblieb. Ein winterliches Weihnachtsfest kündigte sich damit an, das erste seit vielen Jahren. Also los, auf ins Getümmel: Geschenke besorgen, mit einer Tüte Muzen* mit viel Puderzucker in der Hand über den Weihnachtsmarkt schlendern, und natürlich auf diverse Weihnachtsfeiern gehen.
Astronomisch gesehen wäre das einmal die Weihnachtsfeier des Instituts und dann noch die entsprechenden Feierlichkeiten der beiden amateurastronomischen Vereine in Hamburg und Lübeck, in denen ich Mitglied bin. Letztere waren zuerst dran, zweimal gemütliches Beisammensein zum Jahresabschluß in größerer Runde, beide Male mit glühweingeschwängerter Luft.

Betriebsweihnachtsfeiern haben ja häufig den Ruf eines Saufgelages, ganz anders dagegen die traditionelle Weihnachtsfeier der Hamburger Sternwarte. Professoren, Studenten, technisches und Verwaltungspersonal – auch ehemalige Mitarbeiter und Ruheständler – alle kommen wie eine große Familie zu Kaffee und Kuchen zusammen, diesesmal zwei Tage vor Weihnachten. Wer einen Kuchen mitbringt, bekommt dafür ein gerahmtes Bild, jedes Jahr ein neues Motiv von einer der Fotoplatten des Hamburger Schmidtspiegels. Acht solcher Bilder hängen bereits an einer Wand in meinem Schlafzimmer, in diesem Jahr kam das neunte hinzu. Fast neun Jahre bin ich nun schon an der Sternwarte, eine lange Zeit im Leben eines Wissenschaftlers.

Lieferung für die Sternwarte Lübeck

Für den nächsten Tag hatte sich an der Lübecker Sternwarte der Weihnachtsmann angekündigt –  einen Tag zu früh, aber wir wollen uns ja nicht beschweren. Unser Weihnachtsmann hatte keinen roten Mantel an und war vom Rentierschlitten auf den Lastwagen einer Spedition umgestiegen. Die Geschenke die er uns brachte waren auch ein wenig zu groß und zu schwer um sie in einem Sack über der Schulter zu tragen. Stattdessen wurden sie mit einem Hubwagen von der Ladefläche des LKWs gehoben und vor der Eingangstür der Sternwarte abgestellt: Eine Palette, bestückt mit mehreren kleineren Paketen und einer Säule, dazu eine große und zwei kleinere Holzkisten.

Sternwartenleiter Andreas Goerigk bestätigt die Übernahme. Als Schreibunterlage dient die große Kiste mit dem Fernrohr

Die Palette leerten wir sofort, damit der Speditionsfahrer sie gleich wieder mitnehmen konnte. Die schwere Säule über die Treppenstufen im Eingangsbereich zu wuchten war allerdings keine Kleinigkeit, gut daß viele starke Männer zum Anpacken vor Ort waren. Aber auch die Pakete hatten es vom Gewicht her teilweise in sich. Die beiden kleineren Holzkisten waren waren nicht minder schwer, ließen sich aber dank anmontierter Handgriffe von vier Personen tragen. Schließlich stand nur noch die große Kiste vor der Tür, doch die Jungs packten beherzt an und bugsierten sie hindurch und um die Ecke zu den anderen Sachen.

Alles unter Dach und Fach

Natürlich waren wir alle neugierig, besonders auf den Inhalt der großen Kiste. Der Deckel der Kiste war verschraubt, also eilte Andreas Goerigk, der technische Leiter der Sternwarte, schnurstracks zu sich nach Hause um einen Akkuschrauber zu holen. Währenddessen griffen wir zum guten alten Schraubenzieher und lösten mit viel Mühe die ersten Schrauben. Schließlich hob sich der Deckel – und da war es, das neue Teleskop. Ein 20" CDK von Planewave Instruments ersetzt den wuchtigen 48cm-Newton-Cassegrain, den wir letztens oben in der Kuppel demontiert haben.

Noch verbirgt sich das neue Teleskop unter einer Schutzfolie

In den beiden kleineren Kisten verbargen sich die beiden Achsen der neuen Montierung, einer Astro Physics El Capitan. Sie wird das neue Teleskop und das Leitrohr, einen 140er TEC Apo, problemlos tragen und im Gegensatz zur alten Wachter-Montierung mit ihrem Tangentialtrieb in Deklination endlich schnelles GoTo ermöglichen. Ein Teil der Kartons auf der Palette enthielt die dazugehörige Steuerung, die Gegengewichtsstange und die Gewichte.
Auch eine neue CCD-Kamera für Himmelsaufnahmen haben wir angeschafft, nicht zu vergessen ein System zu Hα-Sonnenbeobachtung mit voller Öffnung am TEC.

Nachdem wir alles gesichtet hatten, wurden die Kisten ersteinmal wieder geschlossen, aufgebaut wird das ganze erst im neuen Jahr, denn zunächst müssen wir klären ob wir einen Kran brauchen um die Einzelteile in die Kuppel drei Stockwerke höher zu bekommen. Trotzdem, Weihnachten wurde in diesem Jahr eindeutig um einen Tag vorverlegt. Zumindest an der Sternwarte Lübeck.

In diesem Sinne:
Frohe Weihnachten

 


* Muzen sind ein wunderbares Beispiel für die Vielfalt der deutschen Sprache, denn nur 70km südlich von meiner Lübecker Heimat, in Hamburg, heißen sie plötzlich Schmalzkuchen.
Carolin Liefke

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

2 Kommentare

  1. Glückwunsch

    Ich kann eure Freude diesmal ja wirklich sowas von nachvollziehen, denn auch mein schon vor einiger Zeit bestelltes Teleskop erreichte mich wider Erwarten noch vor Weihnachten.

    Es ist allerdings doch deutlich kleiner ausgefallen als euer neuer Brummer und sogar deutlich kleiner als euer Leitrohr. 🙂

    Aber egal, Skope ist Skope (wenn ich natürlich auch unumwunden zugebe, dass bei Teleskopen gilt: “Size really matters”) und Weihnachten ist Weihnachten.

  2. Herzlichen Glückwunsch

    Dann wissen wir jetzt ja, wer für das norddeutsche Schmuddelwetter in den nächsten Monaten verantwortlich ist.
    Trotzdem, so ein Teil direkt vor Weihnachten, das ist doch wie Weihnachten und Ostern zusammen, oder?
    Viel Spaß und Erfolg damit.

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