Altes Teleskop in neuem Gewand: der 1m-Spiegel der Hamburger Sternwarte

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Im Jahr 2011 wird das 1m-Spiegelteleskop der Hamburger Sternwarte seinen 100. Geburtstag feiern. Es hat wechselvolle Geschichte hinter sich, in der unzählige Photoplatten belichtet, Kometen und Kleinplaneten entdeckt und spektroskopische Messungen gemacht wurden. Doch der Zahn der Zeit nagt zusehends an Teleskop und Kuppelgebäude. Damit das inzwischen denkmalgeschützte Teleskop das bevorstehende Jubiläum auch würdig begehen kann, ist eine Sanierung dringend nötig.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts der Neubau der Hamburger Sternwarte auf dem Bergedorfer Gojenberg anstand, war der bei weitem größte Posten auf dem Kostenvoranschlag der Große Refraktor. Ein möglichst großes Linsenteleskop war zur damaligen Zeit das Vorzeigeinstrument einer jeden Sternwarte und erst langsam begann der Siegeszug der Spiegelteleskope. Vorausschauend hat Sternwartendirektor Richard Schorr aber schon frühzeitig auch auf die Anschaffung eines großen Spiegelteleskopes gesetzt – eine lohnende Investition, wie sich schnell herausgestellt hat. Die Zeit der großen Refraktoren war bald vorbei. Lichtsammelleistung triumphierte, denn Fotografie und Spektroskopie die beide zuvor Einzug in die Astronomie gehalten hatten, revolutionierten eben diese und besonders die Spektroskopie verwandelte Astronomie in Astrophysik.

September 1909: Das Kuppelgebäude des 1m-Spiegelteleskops während der Bauzeit.Später erhielt es einen Anbau und die Eingangstür wurde an die Seite versetzt.

Mit einem Spiegeldurchmesser von 1.02 Metern war das Hamburger 1m-Spiegelteleskop bei seiner Inbetriebnahme das viertgrößte Teleskop der Welt und für viele Jahre das größte Teleskop Deutschlands. Es wurde das erste Teleskop der 1m-Klasse, das Carl Zeiss Jena baute. Im Ursprungszustand war es als kurzbrennweitiges Newtonsystem mit f/3 ausgeführt, von vornherein war jedoch die Möglichkeit eines Umbaus zum Cassegrain vorgesehen. Passend zum Teleskop entwarf man eine ungewöhnlich anmutende Entlastungsmontierung und eine fahrbare Bühne für den Beobachter.

Der 1m-Spiegel wurde Schorrs Liebling unter den Teleskopen der Sternwarte, zu Beginn wurde es hauptsächlich  für die fotografische Entdeckung und Bahnbestimmung von Kometen und Kleinplaneten eingesetzt. In den 20er Jahren machte der junge Walter Baade mit eben diesem Teleskop die ersten Untersuchungen zu veränderlichen Sternen im Andromedanebel M31 – die Identifikation von Cepheiden und damit die Bestimmung der Entfernung von eben dieser gelang ihm aber erst später am Mount Wilson.

Walter Baade am 1m-Spiegelteleskop. Die fahrbare Beobachtungsleiter existiert bis heute.

In den 30er Jahren begannen die ersten spektroskopischen Messungen. Während des zweiten Weltkriegs entschloß man sich zum Umbau des Teleskops zum Cassegrain um einen bereits vorhandenen Spektrographen von Zeiss zusammen mit dem 1m-Spiegel nutzen zu können. Ein nachträgliches Durchbohren des Newtonspiegels wie bei einem klassischen Cassegrain kam nicht in Frage, das Teleskop bekam einen Nasmyth-Fokus mit zusätzlichem Umlenkspiegel. Um den neuen Fangspiegel an den Hauptspiegel anpassen zu können, wurde eben dieser 1944 zu Zeiss nach Jena geschickt – trotz Nachkriegswirren kamen alle drei Spiegel 1946 aber wohlbehalten an der Hamburger Sternwarte an.

Spektroskopie blieb bis in die 80er Jahre Haupteinsatzgebiet des 1m-Spiegels. Wie der Große Refraktor auch wurde er dann in den wissenschaftlichen Ruhestand geschickt und wurde seitdem fast nur noch für studentische Praktika und öffentliche Beobachtungen genutzt. Im Mai 2007 wurde der Hauptspiegel neu belegt, denn die Spektroskopie war an das Teleskop zurückgekehrt: Der Lehrer Dieter Kasan machte zusammen mit Ratzeburger und Hamburger Schülern Messungen mit dem hochauflösenden Gitterspektrographen der Sternwarte Lübeck.

Zwar war das 1m-Spiegelteleskop zu diesem Zeitpunkt voll funktionstüchtig, aber sein Äußeres hatte stark gelitten. Ein lange zurückliegender Neuanstrich des Tubus hatte sich als ungeeignet erwiesen, sie blättert ab und reißt die darunterliegenden Schichten mit sich. Rost begann daraufhin, die Tubuswand zu überziehen und anzugreifen. Hinzu kam, daß die Kuppel am Ansatz zwischen Metalldach und Gebäude undicht geworden war und Wasser in das Mauerwerk eindrang. Die zusätzliche Feuchtigkeit im Gebäude beschleunigte das Rosten des Instrumentes noch mehr.

Es bestand also dringend Handlungsbedarf. Zwar steht das gesamte Gelände der Hamburger Sternwarte inklusive des 1m-Spiegels seit 1996 unter Denkmalschutz, aber davon alleine fließen natürlich keine Gelder für eine Sanierung. Die Sternwarte ist Teil der Universität, eine Einrichtung der Stadt Hamburg. Für den wissenschaftlichen Betrieb sind alte Instrumente wie der 1m-Spiegel nicht notwendig, so daß vom knappen Budget der Universität nichts für den Erhalt der Kuppeln übrigbleibt. Angesichts der Tatsache, daß das Gebäude des 1m-Spiegelteleskop nicht das einzige war das zusehends verfiel, gründete sich 1998 ein Förderverein, um für die Erhaltung der historischen Gebäude und der Instrumente zu sorgen. Seitdem werden fleißig Spenden gesammelt und nach und nach erstrahlen Teile der Sternwarte in neuem Glanz. Als erstes Projekt konnte noch im selben Jahr die Sanierung des Vorbaus des Meridiankreisgebäudes in Angriff genommen werden. Das Kuppeldach selbst wartet allerdings bis heute darauf, in einen Zustand versetzt zu werden, der es erlauben würde den Meridiankreis selber, der zur Zeit im Deutschen Museum eingelagert ist, wieder dort unterzubringen. 2004 waren allerdings genügend Gelder zusammengekommen, stattdessen ein anderes Kuppeldach zu sanieren. Mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz konnte die kleine Kuppel des Äquatorials, des ältesten Teleskops der Sternwarte aus dem Jahr 1867, vor dem Durchrosten bewahrt werden.

April 2009: Nach der Entrostung wartet das Kuppeldach auf die Versiegelung

Schon lange war klar, daß die Sanierung des 1m-Spiegelteleskops viel kostenintensiver werden würde. 2008 war es dann soweit, die Sanierung des Gebäudes konnte beginnen. Zunächst machte die alte Verschalung des Anbaus einer besseren Dämmung Platz, das Flachdach wurde erneuert und das Kellergeschoß gegen Feuchtigkeit abgedichtet. Im nächsten Schritt ging es an das Kuppeldach und dessen Unterbau. Das Kuppeldach wurde entrostet und die undichten Stellen versiegelt, danach konnte das Mauerwerk der Rotunde endlich austrocknen und schließlich neu verputzt und gestrichen werden. Auch das Dach bekam einen neuen Anstrich, die alte Holzverkleidung innen wurde ebenfalls erneuert. Noch sind die Arbeiten nicht abgeschlossen, Licht und Elektrik müssen noch neu verlegt werden, aber schon jetzt ist das Gebäude wieder hübsch anzuschauen. Geplant ist, daß dort demnächst ein Besucherzentrum einzieht.

Dezember 2009: Das Gebäude des 1m-Spiegelteleskops erstrahlt in neuem Glanz. Die Farben entsprechen denen des Erstanstrichs.

Der 1m-Spiegel selbst ist allerdings nach wie vor von Rost überzogen, für die Restaurierung des Teleskops selbst reichen die Mittel nicht. Hinzu kommt, daß unklar ist, ob die Bauarbeiten der letzten Jahre dem Instrument weiter geschadet haben. Trotz Abdeckung ist während der Sandstrahlarbeiten zur Entrostung des Kuppeldachs und beim Abschlagen der alten Innenverputzung Staub in die Getriebe der Montierung eingedrungen. Ob und wann das Gerät wieder nutzbar ist, muß sich zeigen… 


Über Jochen Schramms Buch und Webseite "Sterne über Hamburg", wo man noch mehr über die Geschichte der Hamburger Sternwarte nachlesen kann, hatte ich ja schon berichtet.
Carolin Liefke

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

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