Als Zuschauer beim Rosetta-Vorbeiflug an Asteroid Lutetia

Astronomers do it at Night

Michael Khan hat in Go for Launch ja live vom Flyby der Kometensonde Rosetta am Asteroiden Lutetia berichtet. Angesichts der immernoch andauernden Hitze der letzten Tage sieht man es mir hoffentlich nach, daß ich nicht ganz so schnell bin. Ich war nämlich ebenfalls im European Space Operations Centre ESOC in Darmstadt, um während des Vorbeiflugs mit den Wissenschaftlern und ESA-Mitarbeitern vor Ort mitzufiebern. Dieser mein erster Besuch dort bot aber nicht nur die fantastischen Lutetia-Bilder, gleichzeitig hatte ich auch noch die Gelegenheit, einen kurzen Blick hinter die Kulissen der Arbeit der ESA zu werfen.

Die Möglichkeit Ereignissen wie dem Vorbeiflug von Rosetta an Lutetia direkt am Puls des Geschehens in unmittelbarer Nähe des Satellitenkontrollzentrums der ESA beizuwohnen, ist hauptsächlich den Wissenschaftlern der beteiligten Institute und Vertretern der Medien vorbehalten. Ähnlich wie Presse, Rundfunk und Fernsehen erfüllt aber auch das Haus der Astronomie eine Multiplikatorfunktion, und so waren auch Markus Pössel und ich eingeladen worden.

Überpünktlich waren wir bei ESOC eingetroffen, passierten die Eingangskontrollen und fanden uns mit anderen geladenen Gästen vor dem Präsentationsraum ein. Man sah einige bekannte Gesichter, so war natürlich die Redaktion von Sterne und Weltraum ebenfalls eingeladen worden. In den Stunden zuvor hatten Journalisten noch die Möglichkeit zu ausführlichen Interviews gehabt.

Andrea Accomazzo kann vermelden: Rosetta ist wieder da! Mehr Bilder auf Facebook.

Pünktlich um 18 Uhr begann der offizielle Teil des Abends, dessen erste Hälfte von Andreas Schepers moderiert wurde. Nach der Begrüßung durch David Southwood, ESA Director for Science and Robotic Exploration, wurde zunächst zu Spacecraft Operations Manager Andrea Accomazzo ins Kontrollzentrum geschaltet. Der Vorbeiflug stand kurz bevor (eigentlich hatte er bereits stattgefunden, aber duch die Lichtlaufzeit bis zum Satelliten erfahren wir auf der Erde immer erst 25 Minuten später, was passiert ist), und Rosetta brach den Kontakt zur Bodenstation ab, da ein Aufrechterhalten der Kommunikation eine zu schnelle Drehung von Satellit und Antenne erfordert hätte. Dabei handelte es sich um ein geplantes Routinemanöver, und es waren wohl hauptsächlich die anwesenden Besucher, die sich Sorgen machten, daß man womöglich die Raumsonde verlieren könnte.

Nacheinander befragte Andreas Schepers nun Mission Manager Gerhard Schwehm, Project Scientist Rita Schulz, den Principal Investigator der OSIRIS-Kamera Holger Sierks vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung und Manfred Warhaut vom Space Situational Awareness Programm der ESA zum bisherigen Verlauf und den weiteren Zielen der Rosetta-Mission. Von Asteroid Lutetia erhofft man sich, daß man es mit einem möglichst seit der Bildung des Sonnensystems unveränderten Himmelskörper zu tun hat, einem Asteroiden vom Typ C. Die OSIRIS-Kamera ist zwar bei weitem nicht das einzige wissenschaftliche Instrument an Bord von Rosetta, das während des Vorbeiflugs Daten aufnehmen wird, aber von ihr erwarten wir nahezu instantan spektakuläre Bilder. Die Auswertung der Daten der Partikel- und Magnetfeldsensoren und der Spektren wird dagegen etwas Zeit in Anspruch nehmen.

Thumbs up für Rosetta: Gerhard Schwehm, Holger Sierks, David Southwood, Rita Schulz, Manfred Warhaut. Mehr Bilder auf Facebook.

Pünktlich zur Übertragung der ersten Telemetriedaten von Rosetta ging es zurück zu Andrea Accomazzo ins Kontrollzentrum. Jetzt allerdings hieß es Pause machen, denn die Datenübertragung der Bilder zurück zur Erde nimmt einige Zeit in Anspruch, und dann müssen die Wissenschaftler die Rohdaten natürlich auch noch in ein fertiges Bild verwandeln. Das Warten wurde im Außengelände mit einem formidablen Barbecue überbrückt. Im Anschluß daran konnte man dann das kleine Finale Deutschland – Uruguay der Fußballweltmeisterschaft verfolgen – wahlweise in der ESOC-Kantine oder auf dem großen Schirm der eben noch die ersten Rosetta-Bilder von Lutetia in größerer Entfernung gezeigt hatte.

Wir nutzen die Zeit außerdem zu einem Rundgang auf dem ESOC-Gelände mit Michael und konnten das Flight Model von Rosetta im Teststand bewundern und einen Blick in das Hauptkontrollzentrum und den Rosetta-Kontrollraum werfen.

Ein französischer Kameramann filmt vor dem Kontrollraum, in dem Andrea Accomazzo und sein Team den Datentransfer überwachen. Mehr Bilder auf Facebook.

Um 23 Uhr fanden sich alle wieder zur Präsentation der Nahaufnahmen des Asteroiden zusammen. Schon der hübsche Schnappschuß von Lutetia mit Saturn im Hintergrund begeisterte die Anwesenden, aber auch die Detailbilder von Kratern und erdrutschartigen Strukturen zeigten, daß der Vorbeiflug ein voller Erfolg war. Jetzt ist es an den Wissenschaftlern, möglichst viel über Lutetia, den Asteroidengürtel und die Entstehung unseres Sonnensystems aus den Daten zu lernen, die Rosetta während des Vorbeiflugs aufgenommen hat.

Eine Sache hat beim Lutetia-Flyby allerdings nicht geklappt: Eigentlich sollte nämlich der Infrarotsatellit Herschel –  ebenfalls gesteuert bei ESOC in Darmstadt – zeitgleich zu Rosetta den Asteroiden beobachten. Leider hat sich aber kurz vorher Herschels PACS-Kamera unbedingt eine Auszeit nehmen müssen…

Carolin Liefke

Veröffentlicht von

Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

4 Kommentare

  1. Das Pic mit Saturn…

    Sehr stimmungsvoller Bericht, trotz aller Routine steckt so ein Vorbeiflug ja doch immer voller Spannung. Und das Bild mit Lutetia und Saturn im Hintergrund ist einfach nur… *-*

  2. Lichtecho

    Hi caro,
    machst Du nichts auf Lichtecho darüber? hab mich extra zurück gehalten, da ich dachte, Michael bloggt auf den Kosmologs und Du aufm Lichtecho.
    Gruß,
    Stephan

  3. Re: Lichtecho

    Hey Stephan,

    ja unser Lichtecho ist ein wenig verwaist in letzter Zeit – und mit Stefan im Urlaub sowieso. Dein “Zwischen Himmel und Erde” aber auch 😉 Und zurückhalten mußt du dich ja nun wirklich nicht. Selbst im Lichtecho schadet es schlißlich nichts, wenn mehrere Leute von einer Sache berichten. In letzter Zeit komme ich allerdings kaum dazu 🙁

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