(323) Brucia – der erste fotografisch entdeckte Asteroid und seine Geschichte

Heute ist Welt-Foto-Tag – der perfekte Anlaß, euch mal das Fotoplattenarchiv der Heidelberger Landessternwarte zu zeigen – oder besser gesagt eine Vorschau auf einen kleinen Teil seines Inhalts. Die darin enthaltenen Fotoplatten sollte man nämlich wortwörtlich besser nur mit Samthandschuhen anfassen – und das überlassen wir mal lieber anderen. Reinschauen können wir virtuell aber trotzdem, wenn nicht sogar viel besser.

Das Archiv umfaßt zum einen Fotoplatten, die ab den 70ern bis Ende der 90er Jahre mit den Teleskopen an der Calar-Alto-Sternwarte in Spanien aufgenommen wurden, die zu der Zeit vom benachbarten Max-Planck-Institut für Astronomie betrieben wurde. Zum anderen enthält es die  astronomischen Aufnahmen der Landessternwarte selber, die größtenteils in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Die ersten Fotoplatten datieren allerdings bis in das 19. Jahrhundert zurück und haben Heidelberger Astronomiegeschichte geschrieben – zum Beispiel die beiden Entdeckungsaufnahmen des Asteroiden (323) Brucia vom 22. Dezember 1891.

Die beiden Entdeckungsaufnahmen des Asteroiden (323) Brucia im HDAP-Archiv (Heidelberg Digitized Astronomical Plates)

Eine der beiden Fotoplatten hat in der Zwischenzeit offenbar sehr gelitten – sie ist gesprungen. Dennoch kann man, wenn man gaaaanz genau hinschaut, einen kurzen Strich erkennen – zur besseren Wiederauffindbarkeit wurde er später direkt auf den Fotoplatten mit einem Stift markiert – die auf den Aufnahmen derselben Himmelsregion in der darauffolgenden Nacht an einer anderen Stelle zu finden sind.

Entstanden sind die beiden Aufnahmen zeitglich, und zwar mit einem sogenannten Doppelastrografen, bestehend aus zwei lichtstarken Linsenoptiken mit 15 cm Durchmesser, zwischen denen ein Leitfernrohr angebracht ist. Bei der Entwicklung der Fotoplatten konnte allerlei schiefgehen – wie wir schon gesehen haben, sind Kratzer keine Seltenheit. aber auch verwaschene Flecken und andere Bildfehler schlichen sich damals auf astronomischen Aufnahmen leicht ein, so daß nur was nicht nur einmal, sondern gleich zweimal abgelichtet werden konnte, auch wirklich als echt galt. 

Der Doppelastrograf von Max Wolf in seinem Schutzbau in der Märzgasse. Abbildung aus A. Cowper Ranyard: Shooting Stars and their Trails, Knowledge, 1893, S. 229 über die Universitätsbibliothek Heidelberg

Tatsächlich dokumentieren diese beiden Bilder die allererste Entdeckung eines Asteroiden auf fotografischem Wege. Der Fotograf war Max Wolf, ein  Heidelberger Astronom, der sich bereits 1884 in jungen Jahren durch die Entdeckung eines Kometen einen Namen gemacht hatte. Das Teleskop, mit dem die Aufnahmen entstanden sind, befand sich 1891 in einer Kuppel auf dem Dach seines Elternhauses in der Märzgasse in der Heidelberger Altstadt.

Wolf wurde später Direktor der neu gegründeten Landessternwarte und das Teleskop zog mit ihm auf den Königstuhl außerhalb der Stadt. Dort wurde es dann später abgelöst durch das von der Machart her baugleiche, aber deutlich größere Bruce-Teleskop – benannt nach der US-amerikanischen Philantropin Catherine Bruce, die auch Namenspatin des Asteroiden wurde.

Das Bruce-Teleskop der Heidelberger Landessternwarte. Foto: Carolin Liefke

Heutzutage (derzeit wegen Corona leider nicht…) wird das Bruce-Teleskop – genauergesagt das Leitrohr zwischen den beiden schon lange stillgelegten Astrografen – bei  öffentlichen Beobachtungen eingesetzt. Der ältere, kleinere Doppelastrograf hingegen ist heute ein Ausstellungsstück und hat schon eine ganze Weile kein Sternlicht mehr gesehen. Die Fotoplatten allerdings, die mit den beiden Teleskopen von 1887 bis 1990 entstanden sind, wurden aufwendig digitalisiert und können in hoher Auflösung über das Internet abgerufen werden.

Carolin Liefke

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Astronomin in vielerlei Hinsicht, so könnte man mich mit wenigen Worten beschreiben. Da ist zunächst einmal die Astrophysikerin, die an der Hamburger Sternwarte über die Aktivität von Sternen promoviert und dabei hauptsächlich mit den Röntgensatelliten Chandra und XMM-Newton gearbeitet hat, aber auch schon am Very Large Telescope in Chile beobachten durfte. Auslöser ihres beruflichen Werdegangs war ein engagierter Lehrer, dessen Astronomie-AG sie ab der 7. Klasse besuchte. Ungefähr zur selben Zeit erwachte auch die Hobbyastronomin, die anläßlich des Einschlags des Kometen Shoemaker-Levi 9 auf den Jupiter begann, mit einem russischen Feldstecher vom Flohmarkt den Tanz der Jupitermonde zu verfolgen. Heutzutage freut sie sich über jede Gelegenheit, mit ihrem 16-zölligen Dobson tief im Odenwald fernab der Lichter der Rheinebene auf die Jagd nach Deep-Sky-Objekten zu gehen. Und da Amateurastronomen gesellige Wesen sind, treffe ich mich gerne mit Gleichgesinnten, zum Beispiel zum gemeinsamen Beobachten. Auch nach meinem Umzug von der Großstadt Hamburg in das schöne Universitätsstädtchen Heidelberg halte ich engen Kontakt zu meinen Vereinskameraden von der Hamburger Gesellschaft für volkstümliche Astronomie und dem Astronomieverein meiner Jugend, dem Arbeitskreis Sternfreunde Lübeck. Seit einigen Jahren bin ich außerdem in dem Internetforum Astrotreff aktiv, wo ich Teil des Moderatorenteams bin. Um meine Faszination an der Astronomie an andere weitergeben zu können, besonders an Kinder und Jugendliche, habe ich mich seit Jahren in der Öffentlichkeitsarbeit engagiert, habe populärwissenschaftliche Vorträge gehalten und Schülergruppen betreut, die in Hamburg das Institut besucht haben. Diese Leidenschaft habe ich nun zu meinem Beruf gemacht. Hier in Heidelberg arbeite ich in einem kleinen aber feinen Team am Haus der Astronomie. Hiermit lade ich Sie ein, lieber Leser, an all diesen Facetten meines Astronomendaseins teilzuhaben. Mal witzig, mal spannend oder nachdenklich, manchmal auch persönlich oder mit Aha-Effekt. Carolin Liefke

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