Zu viel Spin, Curiosity

In letzter Zeit wurden häufiger sinniert, wie Medien und Wissenschaft zusammenspielen – oder eben nicht. Beides sind gegensätzliche Welten. Oft begreifen Forscher nicht, warum die Öffentlichkeit ihre Botschaft einfach nicht begreift.

Auch um Markus Pösselt und seine Kollegen vom MPI für Astronomie zu beruhigen, die neulich mit der medialen Reaktion ihrer Arbeit haderten: es geht nicht nur ihnen so. Auch die PR-Profis der NASA haben es nicht leicht.

Curiosity Selbstportrait (NASA/JPL-Caltech/Malin Space Science Systems, gemeinfrei)
Curiosity Selbstportrait (NASA/JPL-Caltech/Malin Space Science Systems, gemeinfrei)

Vor einigen Wochen empfing John Grotzinger, Projektwissenschaftler der Curiosity-Mission einen Journalisten. Nicht einen ohne Reputation: Joe Palca berichtet für das öffentlich-rechtliche Radio NPR, hat aber auch schon für Fernseh- und Printredaktionen gearbeitet. Als promovierter Psychologe und mit Erfahrungen als Redakteur der Newssparten von Science und Nature weiß er auch gut, wie die Wissenschaft funktioniert.

Gegenüber diesem Gast gibt sich auch Grotzinger entsprechend offenherzig, schwärmt wohl mit tollen Daten des SAM-Experiments des Rovers, die über seinen Bildschirm ziehen. Und sagt einen für ihn fatalen Satz:

"This data is gonna be one for the history books. It’s looking really good,"

den Joe Palca als aufmerksamer Journalist natürlich gerne aufnimmt. Das heißt: ein gutes Statement muss nicht nur in den Beitrag, es muss dort auch entsprechend inszeniert werden. Verwerflich ist das auch nicht, wenn der Zusammenhang der Äußerung erhalten bleibt. Palcas Kommentar zuvor [1]:

"Right now, SAM is working on a Mars soil sample and Grotzinger says the results are earthshaking".

Joe Palca hebt Grotzingers Aussagen einem weltbewegend ("earthshaking") hervor. Curiosity habe eben etwas Bahnbrechdes entdeckt. Diese Formulierung wird Ursache diverser Spekulationen: Hat Curiosity organisches Material gefunden? Aminosäuren? Fossilien? Oder krabbelnde Mikroben?

Die nächste, entlarvende Pressekonferenz der Rovermission fand nun gestern abend statt. Große Neuigkeiten gab es nicht. Der NASA war die öffentliche Erwartungshaltung sogar so peinlich, dass sie kurz vor der Pressekonferenz eine Mitteilung verbreitete: Nein, Weltbewegendes haben wir nicht gefunden. Noch nicht mal marsianisches Leben. Sorry.

Was war geschehen?

Erst einmal hat John Grotzinger einen Fehler gemacht. Er hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt, was er gestern dann auch deutlich zum Ausdruck brachte:

"What I learned from this is that you have to be careful about what you say and even more careful about how you say it."

Besonders für die NASA ist das peinlich, die ja nach dem Fund angeblich arsenbasierten Lebens nicht das erste derartige Desaster erlebt. Und das bei einer Agentur, die bei der eigenen Wissenschaft als extrem offen gilt. Immerhin stehen sogar Aufnahmen direkt nach Übertragung zur Erde überarbeitet im Netz.

Joe Palca dagegen hat dessen Satz vielleicht nicht bewusst aus dem Zusammenhang gerissen. So etwas völlig zu vermeiden, ist in einem Radiobeitrag von vier Minuten auch nicht leicht – ich weiß als Radiojournalist wovon ich rede. Zumindest aber hätte er im Gespräch (das sicher deutlich länger als 4 Minuten war) genau nachfragen müssen: wie hat Grotzinger das jetzt gemeint?

Die Konsequenzen dieses (verglichen mit dem Arsenleben eher kleinen) PR-Debakels ist: die NASA wird sich in Zukunft schwerer damit tun, mit ihrer Flaggschiffmission Wohlwollen hervorzurufen. Zumindest hat sie darin versagt, zu beschreiben, wie Wissenschaft funktioniert: in kleinen Schritten, mit ständigem Abwägen, aufzustellenden und zu widerlegenden Hypothesen. Das haben die NASA-Wissenschaftler gestern getan – aber da war es längst zu spät.

Denn der (mutmaßlich) unbewusst gesetzte Spin einer großen Entdeckung Curiositys hat sich teilweise durchgesetzt. Die Welt schreibt von organischen Teilchen, die bei Bestätigung des Fundes bewiesen, dass dort “irdisches Leben” existiere. Anderswo hagelt es eher Spott.

Schade – denn das, was Curiosity wirklich gemacht hat, wird selten richtig erklärt. Der Rover hat eine Vergleichsmessung in irdischem Marssand gemacht. Das Ziel: eine Probe so genau zu charkterisieren, dass sie als Referenz für viel älteres Marsgestein gelten kann. Und das soll der Rover ja erst noch anfahren. Ohne diese Vergleichsmessung ist es sonst schwer zu beurteilen: war der Mars früher trockener als heute? Enthielt er mehr organisches Material? Und verliert er organische Verbindungen in Form von Methan, früher mehr als heute? All das könnten wir irgendwann von Curiosity erfahren.

Aber da haben wohl viele schon nicht mehr richtig zugehört.

[1] Im Online-Manuskript hat NPR das Wort earthshaking wohl nachträglich entfernt. Merkwürdig, ist diese Formulierung doch längst Inhalt diverser Blogbeiträge und wurde tausendfach in Medien zitiert. Die verlinkte MP3-Version enthält aber das Original.alt

Veröffentlicht von

www.pikarl.de

Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Grotzinger, Palca, NASA: alle schuldig?

    Das Transkript der Sendung ist jedenfalls unverändert, und da lesen wir dies:

    “GROTZINGER [Soudbite während des Besuchs; DF]: This data is going to be one for the history books. It’s looking really good.

    PALCA [nachträglich gesprochen; DF]: Grotzinger can see the pained look on my face as I wait, hoping he’ll tell me what the heck he’s found.

    GROTZINGER: I know I’m killing you. (LAUGHTER)”

    Wir haben – leider – nicht die ungeschnittene Aufnahme, aber wenn dies den Ablauf des Gesprächs nachzeichnet, dann ist m.E. offenkundig, dass Grotzinger Palca reingelegt hat: Er tut so, als sei in den SAM-Daten etwas Weltbewegendes zu sehen, und er verrät nicht was, lacht sogar über seinen hilflosen Besucher.

    Der in der Folge – man wüsste zu gerne, wie intensiv er nachhakte – zu dem Schluss kommt, dass Grotzinger auf einer extrem heißen Entdeckung sitzt. Und wen soll er dazu noch befragen, wenn schon der Projektchef mauert? Versagen auf beiden Seiten, würde ich sagen. Oder besser auf dreien, denn “die NASA” hat sich erst neun Tage später mit einem amtlichen Dementi gemeldet …

  2. @Daniel Fischer

    So sehe ich das auch. Offenbar hat Grotzinger den genialen Wissenschaftler gemimt, der auf tollen Daten sitzt, sie aber noch nicht veröffentlichen kann (genau das war ja dann auch Inhalt der NPR-Geschichte). Und der Journalist beißt genau das freudig an, was vor ihm an der Angel hängt.

  3. Bandbreite

    This data is gonna be one for the history books. It’s looking really good (…)

    Apropos Bandbreite, wie wird eigentlich zurzeit das Problem der zu geringen Bandbreite bearbeitet?, so?

    MFG
    Dr. W

  4. Bandbreite

    Gibt es Probleme mit der Bandbreite bei Curiosity? Solange der Mars Reconnaissance Orbiter funktioniert, ist die soweit ich weiß, ziemlich gut. Der dient ja als wichtigster Relais-Satellit – und macht bis zu 2 Mbit/s mit seiner UHF-Antenne.

  5. Stand ja da – ‘It currently takes 90 minutes to transmit high-resolution images from Mars’ – und könnte cooler sein.

    MFG
    Dr. W

  6. Webbaer / Offtopic

    Achso, das bezog sich auf den Link aus dem Kommentar. Nein – wie schon der Artikel sagt, soll die Kommunikationstechnik ab 2016 erprobt werden. Ich denke, es wird noch Jahrzehnte brauchen, bis sowas zum Einsatz kommt.

    Und noch ein Hinweis zu gelöschten Kommentaren: Hier geht es um den Mars und Curiosity – nicht mehr und nicht weniger.

  7. “Aber da haben wohl viele schon nicht mehr richtig zugehört.”

    -> Das ist in der Verhaltensforschung ein eindeutiger Tatbestand einer “Übersprungshandlung”.

    es ist schade, dass sowas gestandenen, erwachsenen und professionellen Journalisten geschieht. Aber es geschieht eben fast jedem gelegendlich und generel jeden Tag.

    Es ist hier ja sogar dem Wissenschaftler passiert, dem seine Faszination und Freude mit ihm durchging und lange gut geplante Abläufe phänomenologisch überhöhte. Dabei gab es eigendlich nur eine Messung zu berichten, deren Ergebnis erst zukünftig eine Rolle spielen wird.

    Die MEssung an sich aber ist durchaus schon ein nicht unbedeutendes Phänomen, auch, wenn man sie wissenschaftlich haarklein aufschlüsseln und erklären kann.

  8. Laser Communications Relay Demo. (LCRD)

    @pikarl
    Danke für Ihre Nachricht. – So richtig einfach umsetzbar sieht LCRD nämlich nicht aus, wenn man an die erforderliche Gerätschaft und an die hohe Mobilität der Installationen denkt.

    Warum geht per UHF nicht mehr? Wegen der erforderlichen Leistung?

    MFG
    Dr. W

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