Der Regenwald, Kettensägen und Satelliten

Abholzung (NASA)

Tropischer Regenwald bei Buritis am Rio Jaciparaná, Brasilien (Bild: NASA)
NASA Tropischer Regenwald bei Buritis am Rio Jaciparaná, Brasilien (Bild: NASA)

Jahrhunderte alte Urwaldriesen, die in Sekunden zu Totholz und Sägespänen werden. Das Geräusch von Kettensägen: Das sind intensive Erinnerungen aus meiner Jugend in den neunziger Jahren. Die allgegenwärtige Umweltkatastrophe hieß damals noch nicht Klimawandel, sondern Urwaldabholzung. Obgleich sich die moralischen Appelle von damals und heute ähneln, wo wir mit Bioessen und Hybrid-SUV meinen die Welt zu retten: Damals ging es eben darum, mit ein paar Mark wenige Quadratmeter Amazonas-Urwald zu bewahren.

Der Regenwald wird auch heute abgeholzt – die Appelle sind lediglich in die Bierreklame gewandert. Das Problem ist nicht verschwunden, es hat sich in vielen Weltregionen sogar verschärft, besonders in Afrika und Fernost. Im größten zusammenhängenden Waldgebiet der Erde – dem Amazonasgebiet – ist etwas Anderes passiert. Der Regenwald wird zwar noch immer brandgerodet. Aber in den letzten acht Jahren ist die abgeholzte Fläche auf ein Fünftel zurückgegangen.

Die Grundlage dafür hat Gilberto Camara gelegt. Er ist Informatiker und leitete von 2006 bis 2013 Brasiliens Raumfahrtbehörde INPE. Als er antrat, war noch nicht klar, ob sich die Entwaldung eindämmen ließe. Damals war gerade ein Programm gegen Abholzung aufgelegt worden. Das hat mir Camara in einem Interview erzählt, der derzeit als Honorarprofessor an der Uni Münster arbeitet.

Dabei muss man sich vorstellen, wie gigantisch diese Aufgabe ist. Das Amazonasbecken ist sieben Millionen Quadratkilometer groß, also fast so groß wie Europa. Auf unserem dicht besiedelten Kontinent jede größere Rodung zu finden, ist vielleicht möglich – aber kaum in den schwer zugänglichen Weiten eines tropischen Regenwaldes.

Die Brasilianer haben etwas anderes versucht: Satelliten! Es gibt heute dutzende Erdbeobachtungssatelliten, die direkt erkennen können, wenn irgendwo grüne Waldgebiete verschwinden. Dazu gehören die auf Landbeobachtung spezialisierten LandSats der NASA oder tief fliegende Wettersatelliten wie MetOp und GOES. Dazu hat Brasilien mit China ein eigenes Satellitenprogramm aufgelegt; der vierte Satellit CBERS-3 startete erst im Dezember 2013.

Was genau die brasilianische Weltraumbehörde versucht, ist eine Echtzeitüberwachung des Regenwalds. Alle einlaufenden Bilder werden sofort automatisch verarbeitet und dann per Hand weiter sortiert. Alle größeren und eindeutigen Fälle von frischer Abholzung wird dann aufbereitet an Einsatzkräfte weitergegeben. Allein in der INPE-Zentrale sind gut 40 Mitarbeiter nur mit der ständigen Verarbeitung der Satellitenbilder beschäftigt.

Weit über 1000 Einsatzkräfte beschäftigt Brasilien im Feld. Zu deren Arbeit gab es schon vor zwei Jahre eine Reportage im Guardian. Die Polizisten werden mit Hubschraubern herumgeflogen – das riesige Gebiet ließe sich anders gar nicht abdecken. Ein einzelner Beamter überwacht gut 110.000 Parzellen, von denen viele tief im Wald liegen. Er hat ein GPS-Gerät, eine Kamera, einen Tablet-Computer (für die aktuellsten Satellitendaten) und seine Waffe bei sich. Die rodenden Bauern reagieren meist ungehalten und schießen schon mal auf die Polizisten.

Gilberto Camara sagte mir, dass Brasiliens Gesetze den Regenwald heute strikt schützen. Über 90 Prozent aller angetroffenen Brandrodungen würden illegal passieren. Deswegen sei das Programm auch so erfolgreich – der Satelliteneinsatz wirkt abschreckend.

Fazit

Nun klingt dieser Erfolg zunächst ermutigend. Die jährlich abgeholzte Fläche ist von der Größe Belgiens (1995) auf die doppelte Größe des Saarlandes (2013) gesunken. Das ist natürlich weiterhin viel. Nur noch 81 Prozent des ursprünglichen Amazonas-Regenwaldes ist heute noch vorhanden. Er schrumpft immer weiter, wenn auch mit fallender Tendenz. Heute versuchen die (illegal arbeitenden) Bauern einfach kleinere Parzellen zu roden, die unterhalb der Auflösungsfähigkeit der Satelliten liegen. Steigende Nahrungs- und Futtermittelpreise (etwa auf Soja) sind ein weiterer Anreiz, die drohenden drakonischen Strafen in Kauf zu nehmen.

Quellen

Karl Urban

Veröffentlicht von

www.pikarl.de

Karl Urban wäre gern zu den Sternen geflogen. Stattdessen gründete er 2001 das Weltraumportal Raumfahrer.net und fühlt sich im Netz seitdem sehr wohl. Er studierte Geowissenschaften und schreibt für Online-, Hörfunk- und Print-Publikationen. Nebenbei podcastet und bloggt er.

9 Kommentare

  1. Globalisierung und globale Überwachung kann tatsächlich eine Chance sein um etwas was im Stillen vor sich geht aufzudecken und darauf zu reagieren. Selbst wenn das Roden in Brasilien in kleinerem Massstab weitergeht ist eine Verminderung auf einen Fünftel schon ein grosser Erfolg, denn was heute nicht abgeholzt wird steht vielleicht morgen noch und morgen könnte das Umweltbewusstsein auch der Brasilianer so stark gewachsen sein, dass noch wirksamere Massnahmen gegen die Abholzung beschlossen und umgesetzt werden.
    Übrigens gilt diese Überlegung nicht nur für das Problem der illegalen Waldabholzung sondern für viele falsche Entwicklungen, die sich bis jetzt im Geheimen, Unbeobachteten abspielten. Eine globale Umweltbeobachtung mit Datenerhebung an immer mehr Orten durch Satelliten und Roboter in Form von Drohnen oder Schwimm- und Tauchrobotern kann deshalb viel mehr verändern als man zuerst erwarten würde. In der NZZ vom 12.03.2014 beispielsweise wurde über das Einleiten von ungeklärten Abwässern in der Nähe der marokkanischen Stadt Safi berichtet. Dies passiert trotz marokanischen Umweltgesetzten, die das wohl verbieten würden. Nur weiss gar niemand was hier alles in Meer entsorgt wird, weil niemand misst und wohl auch niemand messen darf. Heutige Technologie erlaubt es aber dieses (inoffizielle) Messverbot zu unterwandern und damit einen Ansatzpunkt für Veränderungen zu erhalten.

    • In den 70ger Jahren wurden per Luftaufnahmen alle in den Bodenssee geleiteten Abwässer identifiziert.
      So konnte man systematisch die Einhaltung der strengeren Gesetze auch überwachen und umsetzen.
      Nachdem der Bodensee damals eine grüne Suppe mit rekordverdächtigem Phosphatgehalt war, zählt er längst zu den saubersten Gewässern in Mitteleuropa.

  2. Ein weiterer wichtiger Grund für die geringere Abholzung in den letzten 10 Jahren: Brasiliens enormer wirtschaftlicher Aufstieg in jener Zeit. Umweltprobleme basieren ja oft auf Armut. Mit zunehmendem Wohlstand wächst das Interesse an der Umwelt, gleichzeitig sinkt der Bedarf an primärwirtschaftlicher Betätigung.

    • Danke für den Einwand. Nur wegen zeitliche Übereinstimmung von zurückgehender Abholzung und dem Überwachungsprogramm via Satelliten muss das Programm natürlich nicht die einzige (oder wichtigste) Ursache sein. Der jüngste leichte Anstieg könnte auch ein Zeichen sein, dass Brasiliens Wirtschaft derzeit nicht so gut läuft wie in den vorherigen Jahren.

      • Den jüngsten Anstieg der Abholzungen würde ich auf die Lockerung der Umweltgesetze durch Präsidentin Dilma Rousseff zurückführen, die damit den Großgrundbesitzern entgegenkommen wollte. So schreibt die Zeit-online:
        “Besonders negativ auf den Waldbestand habe sich laut WWF die Reform des Waldgesetzes vom Oktober 2012 ausgewirkt. Sie habe den Schutz von Wäldern auf privatem Grund massiv verschlechtert. Vorgeschriebene Schutzwälder rund um Gewässer seien massiv verkleinert und illegale Rodungen aus der Vergangenheit von einer Strafverfolgung freigestellt worden. “Wer Kahlschlägern die Amnestie schenkt, darf sich über einen Anstieg der Abholzung nicht wundern”, so Südamerika-Referent Maldonado.”
        Quelle: http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-11/regenwald-abholzung-brasilien

        • Das wäre indirekt ein Argument gegen die Armutshypothese. Gesetze plus Überwachung und die Ahndung einer Übertretung wirken eben doch.

Schreibe einen Kommentar