Virgin Galactic startet ins Jahr der privaten Raumfahrt

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Am Nachmittag des 24. Januar erfolgte im New Yorker Museum für Naturgeschichte die mit Spannung erwartete Enthüllung des Designs von SpaceShipTwo und WhiteKnightTwo. Konstrukteur Burt Rutan und Finanzier und zukünftiger Raumflug-Unternehmer Richard Branson stellten Modelle der beiden Vehikel im Maßstab 1:16 vor.

Die Originale dieser Fluggeräte befinden sich in bereits in fortgeschrittenem Produktionsstadium. Zur selben Zeit, zu der die Modelle in New York der Öffentlichkeit präsentiert wurden,  arbeiteten die Techniker und Ingenieure von Scaled Composites am Mojave-Airport in Kalifornien mit Hochdruck an der Fertigstellung der beiden ersten Prototypen.

Das Trägerflugzeug "White Knight 2" soll in diesem Sommer seinen Rollout erleben, kurz danach gefolgt vom eigentlichen Weltraumfahrzeug, dem SpaceShipTwo. Den Fertigstellungsgrad für den Träger beschrieb Burt Rutan, genialer Flugzeugkonstrukteur und bis vor wenigen Monaten alleiniger Eigentümer von Scaled Composites (bis Northrop Grumman in das Unternehmen mit einstieg) mit etwa 80 Prozent. Die erste Flugeinheit von SpaceShipTwo, dem eigentlichen Raumfahrzeug, sei bereits zu 60 % fertig gestellt, meinte er. Der Rollout des Trägerflugzeugs wird für Mai dieses Jahres erwartet.

Rutans und Bransons Fangemeinde hatte die Enthüllung des Entwurfs mit Spannung erwartet. Und sie wurde erheblich überrascht, denn der vorgestellte Design hat zwar Ähnlichkeiten mit dem vermuteten Konzept, weicht aber trotzdem in vielen Details deutlich von den bislang veröffentlichten Zeichnungen ab.

Überraschend ist beispielsweise die Doppelrumpf-Auslegung des Trägerflugzeugs mit zwei identischen Druckzellen an den beiden Rumpfpylonen. Augenfällig ist für den aufmerksamen Beobachter auch, dass der Träger für den vorgesehenen Zweck erheblich überdimensioniert ist. Das deutet auf eine Mehrzweckanwendung hin, die über den reinen Gebrauch als Absetzflugzeug für das vollbeladen etwa 9.200 Kilogramm schwere SpaceShipTwo hinausgeht. Es wird darüber spekuliert, dass WhiteKnightTwo zukünftig auch als Träger für ein kleines, einsitziges Orbitfahrzeug eingesetzt werden kann. Das Vehikel ist noch hochgeheim, aber der Name ist klar: SpaceshipThree

Die Ausmaße von WhiteKnightTwo sind tatsächlich enorm. Vier Strahltriebwerke treiben das 42 Meter weit spannende Fluggerät an, das mit Abstand weltweit größte Flugzeug das ausschließlich aus Komposit-Werkstoffen besteht. WhiteKnightTwo befindet sich damit in der Größenklasse der B-50 Bomber, mit denen die frühen Generationen der X-Experimental-Raketenflugzeuge auf große Höhen gebracht wurden. WhiteKnightTwo ist so start motorisiert, dass das Vehikel ohne Zuladung senkrecht steigen könnte. Die Tragfähigkeit des Flugzeugs ist geheim, aber Experten schätzen sie zwischen 22 und 30 Tonnen.

Auf die eigenwillige Doppelrumpfkonstruktion angesprochen meinte Konstrukteur Burt Rutan, dass es damit möglich sei, Familienangehörige, Freunde und zukünftige Fluginteressenten im rechten Rumpf des Absetzflugzeugs mitzunehmen und den Start von SpaceShipTwo aus nächster Nähe erleben zu lassen. Gesteuert wird die Maschine aus dem linken Rumpf. Die Passagiere des Trägerflugzeugs wären nur knapp acht Meter vom suborbitalen Raumschiff entfernt, wenn dieses ausgeklinkt wird.

Außerdem ist das Trägerflugzeug in der Lage, Parabelflüge durchzuführen, mit denen bis zu 25 Sekunden Schwerelosigkeit erzeugt werden kann, als Vorbereitung für die "realen" Flüge mit SpaceShipTwo.

WhiteKnightTwo wird SpaceShipTwo in einer Flughöhe von etwa 15 Kilometern ausklinken. Danach zündet das Raketentriebwerk des Raumfahrzeugs und beschleunigt das Vehikel mit seinen zwei Piloten und sechs Passagieren auf  etwa 4.200 Kilometer pro Stunde. Etwa 75  Sekunden nach der Zündung erfolgt der Brennschluss und das Fahrzeug fliegt antriebslos auf einer Wurfparabel bis in eine Höhe von etwa 130 Kilometern.

Beobachter gehen davon aus, dass WhiteKnightTwo nach dem Rollout im Mai und ersten Bodenversuchen in den Monaten Juli bis August im Spätsommer dieses Jahres die Testflüge aufnimmt. SpaceShipTwo wird erst gegen ende des Jahres mit ersten Gleitflugversuchen beginnen.

Der Beginn des Flugbetriebs unter Einsatz des Raketenmotors wird sich dagegen verzögern, nachdem die Ursache für einen Unfall bei einem Triebwerkstest im letzten Jahr, bei dem drei Mitarbeiter von Scaled Composites ums Leben kamen, nach wie vor ungeklärt ist.

Wie Michael Khan vor einigen Tagen in den Kosmologs sehr richtig festgestellt hat, sind suborbitale Parabelflüge in ihren technischen Anforderungen nicht zu vergleichen mit Missionen in den Orbit oder darüber hinaus. Viele Systeme, die ein "wirkliches" Raumfahrzeug braucht, sind für ein Vehikel wie SpaceShipTwo unnötig. Es erreicht nur eine Geschwindigkeit von etwa 4.200 Kilometern pro Stunde, so dass die Anforderungen an den Thermalschutz vergleichsweise vernachlässigenswert sind. Es benötigt kein sonderlich leistungsfähiges Lebenserhaltungssystem, es sind keine großen infrastrukturellen Voraussetzungen nötig, es müssen wesentlich weniger Redundanzen vorgehalten werden und so fort.

Trotzdem bietet ein suborbitaler "Raumflug" für vergleichsweise wenig Geld alle Aspekte einer Orbitalmission, und werden so Raumfahrt für einen größeren Teil der Bevölkerung erstmals erlebbar machen. Es ist ein Start auf einer Rakete, das Erlebnis der immensen Beschleunigung, Brennschluss und Schwerelosigkeit, Wiedereintritt in die Erdatmosphäre und natürlich und vor allen Dingen den Anblick der Erde aus einer Höhe von mehr als 100 Kilometern. Und es gibt viele Aspekte darüber hinaus, deren Darstellung hier den Rahmen bei weitem sprengen würde.

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Eugen Reichl

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

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