Vanguard 1 – Seit 60 Jahren im Orbit

Bis zum 4. Oktober 1957 waren sich die Amerikaner, und mit ihnen die gesamte westliche Welt völlig sicher, dass der erste künstliche Erdsatellit nur aus den USA kommen konnte. Doch am Abend dieses Tages waren sie eines Besseren belehrt und praktisch jeder Erdenbürger beherrschte tags darauf nun mindestens ein russisches Wort, und das lautete “Sputnik”.  Die Amerikaner waren entsetzt. Wie vom Donner gerührt waren sie auch über das Gewicht des sowjetischen Satelliten. Sputnik 1 wog über 80 Kilogramm. 53mal so viel wie das Raumfahrzeug, für den der Platz in den Geschichtsbüchern ihrer Ansicht nach eigentlich bestimmt gewesen war, dem Vanguard-Satelliten der US-Navy.

Am 6. Dezember 1957 explodiert die Vanguard noch auf der Startrampe (Bild: NASA)

Präsident Eisenhower hatte am 28. Juli 1955,  als nationalen Beitrag der USA zum Internationalen Geophysikalischen Jahr (IGY) 1957/1958, den Start eines Erdsatelliten in Auftrag gegeben. Vier Tage danach erklärte die Sowjetunion, dasselbe tun zu wollen. Diese Ankündigung wurde im Westen milde belächelt. Für die Amerikaner stand außer Frage, dass ihre Rakete vor den Russen in den Orbit gelangen würde.

Für den Träger des US-Satelliten gab es seinerzeit drei Möglichkeiten:

  • Die Atlas-Interkontinentalrakete der Luftwaffe. Sie würde allerdings erst ab Ende 1958 zur Verfügung stehen.
  • Die Jupiter-C Mittelstreckenrakete der US-Army, entwickelt von Wernher von Braun. Die war schon seit Ende 1956 einsatzbereit, und die Army war bereit und willens, diese Rakete auch für den Start des ersten US-Satelliten zu verwenden.
  • Das „zivile“ Projekt Vanguard (tatsächlich aber von den Naval Research Laboratories der US-Marine durchgeführt) unter der Leitung von John P. Hagen, auf Basis der Höhenforschungsrakete Viking.

Die Forschungsvorhaben des IGY spielten sich im vollen Licht der Öffentlichkeit ab und man wollte kein militärisches Know-How preisgeben. So kam es zur fatalen Wahl der selbst für die damaligen Verhältnisse völlig unterdimensionierten und gleichzeitig überkomplexen Vanguard. Den Medien wurde erzählt, man hätte sich ganz bewusst für einen zivilen Träger entschieden, um den friedlichen Charakter des Vorhabens zu unterstreichen.

Die Vanguard mit ihrem gleichnamigen Satelliten sollte irgendwann im zweiten Quartal des Jahres 1958 einsatzbereit sein. Zeit genug, wie die Amerikaner dachten. Der Schock war deshalb ungeheuer, als es die Sowjets schafften, am 4. Oktober 1957 mit Sputnik 1 als erste einen künstlichen Erdsatelliten in den Orbit zu bringen. Der Schrecken wurde noch viel größer, als die Sowjets im Abstand von nur wenigen Wochen gleich noch einen zweiten Sputnik in den Orbit schickten.

Deswegen blickte die US-Bevölkerung Anfang Dezember hoffnungsvoll nach Cap Canaveral, wo – wie die Regierung den Menschen erzählt hatte – der Vanguard-Satellit bereits startfertig auf der Rampe stand. Die Verlautbarung  beruhte auf einem schlimmen Fehler von James Hagerty, dem damaligen Pressesprecher des Weißen Hauses. In seiner Verzweiflung, dem Publikum wenigstens irgendeine positive Raumfahrtmeldung zu überbringen, hatte er behauptet, dass Amerika schon in wenigen Tagen mit den Russen gleichziehen werde, denn das Naval Research Laboratory werde mit einer Vanguard-Rakete ebenfalls einen Satelliten starten.

Über diese Ankündigung war die Vanguard-Gruppe völlig konsterniert. Die Rakete war weit davon entfernt, einsatzbereit zu sein. Offizielle Satellitenstarts waren nicht vor dem Frühjahr 1958 vorgesehen. Zum Zeitpunkt des Sputnik 1-Fluges hatte die Rakete lediglich zwei Testflüge der ersten Stufe absolviert. Die Stufen zwei und drei waren bei diesen kurzen suborbitalen Einsätzen nur Dummies gewesen. Für Anfang Dezember hatte man jedoch geplant, die Rakete erstmals mit allen drei aktiven Stufen zu testen. Für den äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass das klappen sollte, wollte man einen winzigen Testsatelliten von der Größe einer Grapefruit in den Orbit bringen. Zu ihrem großen Missfallen mussten die Ingenieure nun ansehen, wie Heerscharen von Reportern in Cape Canaveral einfielen, um dem Publikum über den Start von Vanguard 1 zu berichten. Nirgendwo in den Medien wurde der reine Testcharakter des Abschusses erwähnt, vielmehr wurde der Erfolg mehr oder weniger als sicher vorausgesetzt.

Der Start der Vanguard-Rakete war für den 6. Dezember 1957 angesetzt. Das Fernsehen brachte damals die erste große landesweite Direktübertragung eines Raumfahrt-Ereignisses in Millionen amerikanischer Haushalte. Was dann folgte hat sich bis auf den heutigen Tag tief in das nationale Gedächtnis der USA eingegraben. Das Triebwerk der Rakete zündete. Langsam hob die Vanguard etwa einen Meter von der Startrampe ab. Dann fiel sie wieder zurück auf die Rampe und detonierte vor den Augen der entsetzten Nation in einer ungeheuren Explosion. Die Medien bezeichneten die Vanguard daraufhin voller Häme als „Flopnik“ und „Kaputtnik“.

Vanguard 1, Amerikas zweiter Satellit, der vierte insgesamt und mit 60 Jahren das langlebigste Objekt im Orbit (Bild: NASA)

Am Ende war der nur drei Pfund schwere Vanguard 1 nicht der erste, sondern nach Sputnik 1 und 2 und nach Explorer 1 nur der vierte künstliche Erdsatellit. Am 17. März 1958, ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, für den es das Projektteam ursprünglich geplant hatte, gelang es, ihn in den Orbit zu bringen. Er war aber das erste Raumfahrzeug, das Solarzellen zur Stromversorgung verwendete. Die Verbindung zu ihm konnte sechs Jahre lang aufrechterhalten werden, und er befindet sich bis zum heutigen Tag im Orbit. Er ist damit das älteste von Menschen angefertigte Objekt im Weltraum und wenn man ihn nicht eines Tages herunter holt, wird er noch mindestens 200 weitere Jahre um die Erde kreisen. Mit ihm fliegt die dritte Stufe der Vanguard-Rakete auf nahezu derselben Bahn.

Insgesamt versuchte das Naval Research Laboratory zwischen dem 6. Dezember 1957 und dem 18. September 1959 elfmal einen Vanguard-Satelliten zu starten und war dabei nur dreimal erfolgreich. Die drei erfolgreichen Raumfahrzeuge erhielten die Bezeichnung Vanguard 1, 2 und 3.

Nur drei der elf Vanguard-Starts gelangen. Selbst für die späten 50iger Jahre war das eine schlechte Quote (Bild: NASA)

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

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