Neil Alden Armstrong 1930 – 2012

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Am 21. Juli hatte sich der Tag der ersten bemannten Mondlandung zum 43. Mal gejährt. Am 5. August, dem 82. Geburtstag von Neil Armstrong, landete der Mars-Rover Curiosity im Gale-Krater auf dem Mars. Zwei Tage später ging er ins Krankenhaus, um sich einer Bypass-Operation zu unterziehen und schien kurz darauf schon wieder auf dem Weg der Besserung zu sein. Das hatte ich mitbekommen, mir dabei aber nicht allzu viel dabei gedacht. Viele Menschen unterziehen sich Bypass-Operationen, auch in höherem Alter, und sind wenige Wochen später wieder wohlauf. Doch bei Armstrong kam es zu Komplikationen. Am Samstag, dem 25. August verstarb der Erste Mensch auf dem Mond.  

Neil Armstrong vor seinem Flug mit Gemini 8

Als ich vor 43 Jahren die erste Mondlandung mit verfolgte (meine Eltern hatten mich extra geweckt, damit ich dieses Ereignis live im Fernsehen miterleben konnte), war mir sonnenklar: Wenn dieser Mann einmal stirbt, im hohen Greisenalter, also mit 50 oder vielleicht sogar 60 Jahren, dann aber Hallo. Dann wird im Mare Tranquillitatis alles zusammenlaufen, was auf dem Mond Rang und Namen hat.  Die Sowjets werden kommen und die Chinesen und vielleicht sogar die schlafmützigen Europäer, deren Europa-Raketen immerzu abstürzten.  Man würde eine Ehrentribüne um den Landeplatz aufbauen, einen Gedenkstein errichten, ganz sicher würde sogar der amerikanische Präsident auf den Mond kommen um der Zeremonie beizuwohnen und dann würde man seine Urne neben der Landestufe der Mondfähre Eagle feierlich vergraben und die Mond-Hymne würde in den  Helm-Interkoms der vielen hundert Ehrengäste erschallen, und…

…und nichts davon wird sein. Es wurde still um den Mond und still um Neil Armstrong.

In einer Welt, die jeden Bezug zum Begriff „Held“ verloren hat – jeder tumbe Kreisliga-Fußballspieler der im richtigen Moment den Ball ins richtige Tor stolpert wird von den Medien heutzutage so bezeichnet – war er wirklich einer. Neunzig Prozent Überlebenschance waren ihm stets gut genug. Nicht einmal, viele Male. Alleine die 78 Kampfeinsätze in Korea (hier musste er erstmals ein Flugzeug mit dem Schleudersitz verlassen) legen dafür Zeugnis ab. Aber seine 90 Prozent waren immer irgendwie bessere 90 Prozent als bei den anderen. Er hatte seine Chancen stets im Griff.

Bald nach Korea ging er nach Edwards, ins Mekka der Testflieger der fünfziger und sechziger Jahre. Dort flog er alles, was auch nur andeutungsweise Flügel hatte. Seine Lehrzeit begann er als Absetzpilot in der B-29 für die „Raketenjockeys“ Chuck Yeager, Bill Bridgeman, Frank Everest und wie sie alle hießen. Und schließlich flog er sie selbst, die Raketenflugzeuge und Hochleistungs-Jet-Prototypen. Von der X-1A bis zur X-15. Mit letzterer stieß er schon damals, im April 1962, an die Grenze zum Weltraum vor und erreichte eine Höhe von 68 Kilometern.

Neil Armstrong 1962 vor der X-15 mit der auf 68 Kilometer Höhe geflogen war

Der nächste logische Schritt zu noch größeren Höhen war das Dyna Soar-Programm der Luftwaffe. Ein echtes einsitziges, geflügeltes, wieder verwendbares Militär-Raumschiff. Armstrong war in diesem Programm für die Ausarbeitung der Start-Rettungsszenarien verantwortlich. Gleichzeitig arbeitete er auch schon für das Gemini-Programm, wo in Edwards gerade ein spezielles Landesystem, der Rogallo-Flügel (der später aber nie eingesetzt wurde) entwickelt wurde. Dann gab die Luftwaffe Dyna Soar auf und Gemini blieb. Armstrong wechselte ins Astronauten-Corps der NASA.

Zur Legende wurde sein Flug mit Gemini 8 zusammen mit David Scott, wo sich nach dem ersten Docking-Manöver in der Geschichte der Raumfahrt innerhalb von Sekunden eine Gefahrensituation aufbaute, die wahrscheinlich selbst unter den damaligen US-Astronauten kaum einer gemeistert hätte. Ein Lageregelungstriebwerk blockierte in der “An”-Stellung und hörte nicht mehr auf zu feuern. Das Raumschiff drehte sich schneller und schneller. Schließlich rotierte die Gemini mit einer Frequenz von einer Umdrehung pro Sekunde und die beiden Astronauten waren der Bewusstlosigkeit nahe, als Armstrong die rettende Idee kam, das Lagekontrollsystem der Kapsel für den Orbitbetrieb stillzulegen und das Raumschiff mit den Landetriebwerken zu stabilisieren. Dies hatte allerdings zur Folge, dass eine sofortige Notlandung erfolgen musste. Abseits aller bisherigen Landegebiete im Japanischen Meer.


Neil Armstrong (rechts) und David Scott nach der Notlandung der Gemini 8

Seine Person in den Mittelpunkt zu stellen, war ihm ein Gräuel. Ich erinnere mich an ein Interview mit Alan Bean, der in den Jahren 1968 und 1969 im “Astronaut Office” in Houston das Nachbarbüro hatte. Am späten Vormittag des 6. Mai 1968 sah er Armstrong durch die offene Tür bei der Arbeit an seinem Schreibtisch sitzen, konzentriert über einigen Papieren. In der Eingangshalle hörte er dann einige Kollegen aufgeregt über “den Unfall” sprechen. Er wollte wissen, was passiert sei und erfuhr, dass Armstrong nicht einmal eine Stunde zuvor draußen am Ellington Airfield den Absturz des LLRV (Lunar Landing Training Vehicle) mit dem er Trainingslandungen durchgeführt hatte, nur um Haaresbreite überlebt hatte.

Es war sein 21. Flug auf diesem Vehikel gewesen, das damals neben den NASA-Testpiloten nur Charles Conrad und er benutzten (zu diesem Zeitpunkt stand noch nicht fest, ob Apollo 11 oder Apollo 12 die erste Mondlandung durchführen sollte). Ein Bruch im Hydrauliksystem machte die Maschine unsteuerbar. Er konnte sich in buchstäblich allerletzter Sekunde in gerade mal 30 Meter Höhe mit dem Schleudersitz retten, nur um dann am Fallschirm fast in die brennenden Trümmern des LLRV zu treiben.

Neil Armstrongs Absturz mit dem LLRV am 6. Mai 1968

Bean konnte das nicht glauben. Er hatte Armstrong doch eben in aller Ruhe seinen Papierkram bearbeiten sehen. Er ging also zurück ins Büro und sagte: “Ich hab da grad in der Halle eine unglaubliche Geschichte gehört”. Worauf Armstrong interessiert aufblickte und fragte: “Wirklich? Was denn?”

Bean antwortete: “Die Leute erzählen, dass Du vor einer Stunde aus dem LLTV aussteigen musstest”.

“Ja”, meinte Armstrong, “Stimmt”! Ich hab die Kontrolle über das verdammte Ding verloren und musste aussteigen”. Hier ein Film dieses Ereignisses.

Er machte nie irgendein Gewese um sich und seine Leistungen.

Er hasste die Stories, die um seine Ernennung zum Kommandanten der ersten Mondlandung von der Presse größtenteils frei erfunden wurden. Er wäre ausgewählt worden, weil er Zivilist sei, weil er besonders kaltblütig sei, weil er der Beste sei. Was auch immer. Er wusste, dass es sich um einen puren Zufall handelte, dass er in der von Deke Slayton schon Jahre zuvor festgelegten Crew-Rotation mit seiner Mannschaft jetzt eben den Slot für die erste Mondlandung zugewiesen bekam. Zum Zeitpunkt seines LLRV-Absturzes standen die Chancen für Pete Conrads Crew besser, und davor war die Mannschaft von Thomas Stafford eine Zeitlang als die wahrscheinlichen Kandidaten gehandelt worden.

Neil Armstrong, fotografiert von Edwin Aldrin, nach der Exkursion auf dem Mond in der Landefähre

Bezeichnend auch die Story die der bekannte US-Wissenschaftsjournalist Miles O’Brian erst vor ein paar Tagen erzählte. Dass nämlich Neil Armstrong gerne und ausführlich mit ihm sprach. Sobald er aber O’Brian mit einem Kamerateam im Schlepptau erblickte, machte er einen weiten Bogen um ihn.

Als er gefragt wurde, was er denn bei dem Gedanken empfinde, dass selbst tausende von Jahren nach seinem Tod seine Fußspuren noch immer im Mondstaub zu sehen sein würden, antwortete er, und dieses Zitat will ich wörtlich bringen “I kind of hope that somebody goes up there one of these days and cleans them up.”

Er gab keine Autogramme mehr, nachdem er festgestellt hatte, dass es Leute gab, die damit Geschäfte machten und er verklagte seinen Friseur, weil der seine Haare für teures Geld verhökert hatte.

Er wirkte selbst schon in seinen aktiven Astronautenjahren seltsam schrullig und weltscheu. Damals war man aber – auch bei der NASA – gerne bereit das zu akzeptieren. Vom legendären Missions-Controller Gene Krantz stammt das Wort: “Mir ist es egal, dass er anders tickt, so lange ich nur weiß, dass er richtig tickt”.

Er sprach nie einfach so spontan heraus sondern dachte über jedes einzelne Wort jedes einzelnen Satzes nach. Über. Jedes. Einzelne. Wort. Die Leute wunderten sich manchmal, wenn nach diesen langen Denkpausen häufig ganz einfache, kurze, schlichte, banal klingende Sätze entstanden. Waren sie wirklich banal, dann deshalb, weil das Thema einfach nicht mehr hergab. Wenn sie aber nur banal klangen, dann weil sie die Essenz seiner Analyse waren, die er in den Denkpause von allem überflüssigem „Müll“ befreit hatte. Eine Eigenschaft, die ich schon als Jugendlicher fast so sehr bewunderte wie seinen Mut. Diese klar formulierten, schlichten und kurzen Sätze. Sie wirken in unserer heutigen Zeit des permanenten Backpulver-Geschwurbels noch befremdlicher als damals.

Neil Armstrong hält am 3. Mai 1994 eine Vorlesung am MIT

Ich hätte mir zwar gewünscht, dass er an der Tranqullitiy Base beerdigt wird, ich hätte mir aber ehrlich gesagt nie vorstellen können, dass er einmal in der ungeheuren Explosion einer fehlgeleiteten Trägerrakete stirbt, im furchtbaren Absturz eines Raumschiffs, einer langen dramatischen Tragödie auf dem Mond oder auch nur in aufsehen erregendem Siechtum vor den Augen Welt. Es hätte es als unangemessen empfunden, soviel Aufsehen zu veranstalten. So ging er unauffällig, schlicht und ohne großes Gewese.

Godspeed, Neil Armstrong

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

6 Kommentare

  1. Wesentlichkeit

    Eugen Reichl schrieb (28. August 2012, 23:10):
    > Neil Alden Armstrong 1930 – 2012
    > […] Diese klar formulierten, schlichten und kurzen Sätze. […] weil sie die Essenz seiner Analyse waren, die er in den Denkpause von allem überflüssigem „Müll“ befreit hatte.

    What a guy.
    Wonder how fond he was of being called “Neil Alden Armstrong“.

  2. Der widerwillige amerikanische Held

    Neil Armstrong war kein moderner Held. Heutzutage ist man es ja gewohnt, dass jeder “tumbe Kreisliga-Fußballspieler der im richtigen Moment den Ball ins richtige Tor stolpert” anschließend alles und jeden mit seinen “Heldentaten” vollmüllt. Meistens gibt es dann anschließend noch einen Werbevertag und wir dürfen uns, wenn wir Pech haben, noch wochenlang von ihm erklären lassen welches Toilettenpapier wir verwenden sollen. Personen die sich dem entziehen werden als “schrullig und weltscheu” angesehen. Neil Armstrong hat sich selbst auch nie die Heldenrolle an die Brust geheftet. Er war eher ein Mann, der in sich selber ruhte. Dazu passt auch, dass seine Familie auf der Internetseite der NASA kein großes Denkmal für ihn forderte, sondern schrieb: “For those who may ask what they can do to honor Neil, we have a simple request. Honor his example of service, accomplishment and modesty, and the next time you walk outside on a clear night and see the moon smiling down at you, think of Neil Armstrong and give him a wink.”
    Quelle: http://www.nasa.gov/…2_600_armstrong_family.html

  3. the next time you walk outside on a clear night and see the moon smiling down at you, think of Neil Armstrong and give him a wink

    Done.

    (Nebenbei bemerkt, es gibt einen, aber wirklich nur einen Fußballspieler, der sich meiner Unterstützung jederzeit gewiss sein darf.)

  4. Heldenmut

    Ich habe den unglaublichen Mut und die Fähigkeiten dieser Männer überhaupt erst begriffen, als ich eine Original-Apollo-Kapsel besichtigen dürfte. Um Gotteswillen, in dieser besseren Keksbüchse sind die zum Mond und zurück geflogen? Geleitet von Computern, deren Rechenleistungen an einen C64 nicht so ganz heranreichten? Und die haben es trotzdem geschafft?
    Um Himmelswillen, was waren das für Kerle! They don’t make them like this anymore.

  5. try to walk in his footsteps!

    Neil Armstrong zu Ehren erhält dieses Metapher eine ganz neue Bedeutung:

    Ich würde jederzeit gern in seine Fußstapfen auf dem Mond treten – nicht um eine Heldin zu werden oder damit der US-Präsi zum Mond kommt. Ich würd’s auch mit nur 80% Überlebens-Chance tun – einfach aufgrund der Bewunderung dafür, was menschliche Ingenieure schaffen (und das entzieht sich leider meinem Können, aber ich probiere’s gern aus) und um einmal auf einem anderen Planeten gewesen zu sein und den Sternhimmel ohne “störende” Atmosphäre gesehen zu haben!

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