Mystery Plane gelandet

Die geheimnisvolle X-37B alias OTV-1 (Orbital Test Vehicle 1) der US Luftwaffe kehrte am Freitag um 11:16 Uhr mitteleuropäischer Zeit nach 224 Tagen und 9 Stunden im Orbit wieder zur Erde zurück. Die Landung erfolgte auf der 4.600 Meter langen Rollbahn der Luftwaffenbasis Vandenberg in Kalifornien. Dort war es erst 1:16 Uhr nachts.

Diese Runway war dort vor 25 Jahren gebaut worden, um die Rückkehr militärischer Shuttle-Missionen zu ermöglichen. Für die Einsätze des Pentagon sollten die Raumfähren auch von hier aus starten. Nach der Challenger-Katastrophe wurden diese Pläne aber ad acta gelegt, und weder startete jemals ein Shuttle von dieser Basis am Pazifik, noch beendete dort jemals einer eine Mission.

Die Landung am Freitag war überhaupt erst die Zweite ihrer Art in der Geschichte der Raumfahrt. Nur ein einziges Mal zuvor war ein unbemanntes Fluggerät autonom aus dem Orbit zur Erde zurückgekehrt und hatte seine Mission auf einer Rollbahn beendet: Im November 1988 beim ersten und einzigen Flug des sowjetischen Raumgleiters Buran.

Die X-37B ist allerdings eine ganz andere Größenklasse als Buran oder die US-Raumfähren. Zwei der nur knapp 9 Meter langen X-37B würden problemlos hintereinander in der Nutzlastbucht eines Shuttle Platz finden. Das Landeverfahren der X-37B gleicht jedoch dem des Shuttle. Das Orbit-Manövertriebwerk feuert etwa 50 Minuten vor der Landung für einige Minuten und verringert die Fluggeschwindigkeit soweit, dass der niedrigste Punkt der Bahnellipse in den obersten Schichten der Erdatmosphäre verlegt wird. Sobald das Raumfahrzeug in Kontakt mit den Luftmolekülen kommt übernimmt die Reibung die weitere Abbremsung. Die sorgt auch, genau wie beim Shuttle, für eine erhebliche thermische Einwirkung auf das Raumfahrzeug, das durch einen keramischen Hitzeschild vor dem Verglühen bewahrt werden muss.  Der Anflug erfolgt autonom, genau wie beim Shuttle. Die Landung selbst wird bei den US-Raumfähren von den Astronauten durchgeführt, im Falle der X-37B erfolgte sie vollständig autonom. Der Bordrechner erhält dabei seine Positionsdaten über GPS.

 
Obwohl die X-37B äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Shuttle aufweist – vor allem in der Flügelform – ist sie nicht dafür ausgelegt, eine Besatzung aufzunehmen. Die Nutzlastkapazität ist gering, sie liegt bei etwa 250 Kilogramm und die Nutzlastbucht ist kaum größer als die Ladefläche eines Van.

Gebaut wurde das Raumfahrzeug von den “Boeing Phantom Works“. Die Mission wurde unter strengster Geheimhaltung abgewickelt und die US-Luftwaffe hat, außer einigen sehr allgemeinen Statements, keinerlei Einzelheiten veröffentlicht. Das letzte Mal dass man offiziell etwas von dem Vehikel erfuhr war am 22. April, fünf Minuten nach dem Verlassen der Startrampe (und noch mitten in der Startphase) der Atlas 5-Trägerrakete. Das war der Zeitpunkt an dem damals die Direktübertragung des Starts abgebrochen wurde.  Der Sprecher der United Launch Alliance (der Organisation, die den Start durchführte) verkündete: „At the request of our customer (der US-Luftwaffe) we herewith are ending our coverage“. Hier der Film des Starts. Die X-37B ist dabei unter der voluminösen Nutzlastverkleidung der Rakete verborgen.

Ab da war man auf die Beobachtungen von Amateuren angewiesen, und die zeigten sich dabei recht begabt. Es begann ein reges „Spaceplane-Spotting“. Dennoch dauerte es bis zum 20. Mai, bis zwei Beobachter das Fahrzeug zum ersten Mal sichteten. Es befand sich auf einer Bahn mit einem niedrigsten Bahnpunkt von 401 und einem höchsten von 422 Kilometern über der Erdoberfläche. Die Neigung der Bahn zum Äquator betrug 40 Grad. Der Ground track der Bahn (der Flugweg, aufgetragen auf die Erdoberfläche) wiederholte sich alle 61 Erdumkreisungen, respektive alle vier Tage. Ground tracks, die sich alle zwei, drei oder vier Tage wiederholen, sind Standardbahnen für optische Spionagesatelliten.

Dieser Beitrag beschreibt die Suche und das Auffinden der X-37B durch die Amateurbeobachter Kevin Fetter und Greg Roberts. Und hier das Video von Kevin Fetter mit seiner Beobachtung. Von da an kamen die updates regelmäßig im Abstand von wenigen Tagen. Inklination und Höhe änderten sich anfangs nur minimal. Eine Beobachtung vom 28. Mai zeigte das Objekt auf einer Höhe von 400 x 422 Kilometern und einer Bahnneigung von 39,985 Grad. Auch Fotos wurden in dieser Phase gemacht. Zu der Zeit war die X-37B leicht zu beobachten, ein Objekt mit einer Magnitude zwischen 2 und 3, je nach Stellung des (stark reflektierenden) entfaltbaren Solargenerators, der für die Stromversorgung des Raumfahrzeugs zuständig war.

Ende Juni verloren die Amateure das Vehikel für einige Wochen aus den Augen, nachdem die Bahn geändert worden war. Am 20. August wurde es aber wieder gefunden, auf einem Orbit der nun 24 Kilometer höher war, als der vorige und eine geringfügig veränderten Inklination aufwies. Von da an konnten die Amateure das OTV wieder für einige Wochen verfolgen, bis sie es Ende September erneut aus den Augen verloren.

Am 12. Oktober wurde es wieder aufgefunden, die Bahn lag nun bei 376 x 393 und die Inklination bei 39,988 Grad.  Die Bahnänderung erscheint klein, war aber jetzt darauf ausgelegt, einen bestimmten Punkt auf der Erde alle 46 Erdumkreisungen, respektive alle drei Tage erneut zu überfliegen.

Jetzt aber darauf zu schließen, dass die X-37B ein Spionagesatellit ist (wie es die meisten Medien tun), wäre ein wenig voreilig. Diese Bahn könnte man genauso gut deswegen gewählt haben, um den Landeort in kurzen Abständen zu überfliegen und die Mission jederzeit beenden zu können.

Nach wie vor ist  somit unklar, was das US-Militär mit diesem Vehikel eigentlich bezweckt. Die Nutzlastkapazität ist extrem begrenzt, Probenrückführungen könnten mit Kapseln einfacher und billiger durchgeführt werden. Es bleibt also weiterhin die Frage, was denn so wertvoll ist, dass es einen Aufwand rechtfertigt, den man im bemannten US-Raumfahrtprogramm grade eben abstellen will.

Erstaunen erregte auch die Länge der Mission. Es ist ein Hinweis darauf, dass die X-37B schon sehr ausgereift ist, wenn bei einer maximal möglichen Einsatzdauer von 270 Tagen der Erstflug gleich über 225 Tage geht. Und der nächste Start des geheimnisvollen Fluggeräts soll schon in wenigen Monaten erfolgen.

Nach der erfolgreichen Landung gab die Luftwaffe ein lakonisches Statement heraus. Der Wortlaut "Aufgabe des X-37B Programm sind Risikominimierung, die Durchführung von Experimenten und die Entwicklung von Operationskonzepten für wieder verwendbare Raumfahrzeuge". Nun ja. Hätte man nicht bis noch vor kurzer Zeit fast gebetsmühlenartig immer wieder gehört, dass das US-Militär ein wieder verwendbares Raumfahrzeug überhaupt nicht braucht, hätte das eine gewisse Plausibilität. Ist es also nur eine nette technische Spielerei, die sich das Pentagon so nebenbei leistet? Nun, dafür ist es garantiert zu teuer. Für "Luxusprojekte" hat auch das US-Verteidigungsministerium in Zeiten äußerst angespannter Haushaltslage keine Mittel übrig.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Mysteriös

    Das ist in der Tat mysteriös, zumal mir nichts einfallen will, wozu man dieses Raumfahrzeug nutzen könnte. Und Geld zuviel haben die auch nicht. Der Einsatz in Afghanistan ist sehr teuer. Oder die haben einfach zu lange Verträge und können da nicht so einfach raus.

    Hoffentlich werden Kevin und Greg nicht wegen versucherter Vergewaltigung oder ähnliches verhaftet. 😉

  2. Keine Knete II

    Mal abgesehen davon, dass erhebliche Teile dieser Ausgaben auf Pump entstanden sind, wär das natürlich ein Argument. Bei 170 Milliarden Kriegsausgaben jährlich für Afghanistan und Irak lässt sich vielleicht auch die halbe Milliarde, die das OTV-Projekt bisher gekostet haben dürfte, unauffällig abzweigen. Auf der Suche nach “Weapons of mass destruction”.

  3. Schutzanzüge

    Für mich stellt sich die Frage: Warum hat das Bodenpersonal Schutzanzüge an? Diese habe ich bei einer Shuttle-Landung noch nicht beobachtet.
    Vielleicht hängen diese mit der Art der (militärischen) Mission zusammen?!

  4. Wasserstoffperoxid

    Im Orbit kann die Bahngeschwindigkeit um 1100 m/s und auch die Bahnhöhe mit Hilfe eines 29,3 kN starken und mit Kerosin-Wasserstoffperoxid betriebenen Rocketdyne AR2-3 Triebwerkes geändert werden.

    Das restliche verbliebene Wasserstoffperoxid ist ätzend, mit organischen Stoffen explosiv, und kann einen Überdruck durch Sauerstoffabspaltung aufbauen.

    Da kann man leicht weisse Haare bekommen.

  5. Distickstofftetroxid

    Das Orbital Maneuvering System (OMS) des Space Shuttles verbrennt Monomethylhydrazin und Distickstofftetroxid.

    Diese Substanzen sind aber genau so gefährlich wie das Wasserstoffperoxid.

  6. Triebwerk

    Mit 29,4 kN wäre das kleine Fahrzeug erheblich übermotorisiert. Damit wäre es in der Leistungsklasse der Orbittriebwerke des mehr als 20mal schwereren Shuttles.

    Obwohl die letzte Sicherheit fehlt, dürfte es sich beim Orbit-Manövriertriebwerk der X-37B um das Aerojet R4D handeln. Ein Standard-Apogäumsmotor der amerikanischen Raumfahrt der knapp 500 N leistet und in vielen Versionen in kommerziellen und militärischen Nutzlasten zum Einsatz kommt. Siehe dazu dieses Dokument: http://tinyurl.com/263dr2m

    Dieses Triebwerk wird mit MMH/N2O4 betrieben und die Anzüge, welche die Techniker auf den Bildern tragen sind die Standard-Schutzanzüge, die beim Hantieren (Betanken und Enttanken) mit diesen beiden nicht gerade hautfreundlichen Flüssigkeiten zu tragen sind. Diese Anzüge sieht man auch bei der Betankung kommerzieller Satelliten.

    Und warum tragen die NASA-Techniker solche Anzüge nicht bei Shuttle-Landungen? Der weitaus größte Teil des verbliebenen Treibstoffs wird vor dem Landen, noch im Orbit bzw während des Landeanflugs entsorgt. Am Boden selbst gibt es Detektoren, die so genannten “Sniffer”, die feststellen, ob möglicherweise MMH und N2O4 aus den Düsen entweicht. Wenn das nicht der Fall ist, kann man sich dem Shuttle problemlos auch ohne diese Anzüge nähern. Wenn der Orbiter dann aber in der “Orbiter Processing Facility” komplett enttankt wird, dann tragen die Techniker wieder diese Anzüge.

  7. Beim Shuttle muss abgewartet werden

    Und warum tragen die NASA-Techniker solche Anzüge nicht bei Shuttle-Landungen?

    Neben den von Astra korrekt genannten Gründen kommt beim Shuttle hinzu, dass eine Warteperiode eingehalten werden muss, bis etwaige Hydrazindämpfe sich verflüchtigen und der Hitzeschild sich abkühlt.

    http://en.wikipedia.org/…le#Re-entry_and_landing

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