Godspeed Scott Carpenter

Es gibt etwa ein Dutzend geflügelte Worte in der Raumfahrt, die jedem geläufig sind, der sich für dieses Thema interessiert. “Tranquillity Base here, the Eagle has landed” ist so eines, “This is a small step for a man, but a giant leap for mankind” ein anderes. “Houston, we have a problem” ein Weiteres. Das erste der geflügelten Worte der bemannten Raumfahrt stammte aber von Scott Carpenter.

Bild 1 - Glenn und Carpenter vor Mission

John Glenn (links) und Scott Carpenter im Jahre 1961 vor dem Flug von Friendship 7.

Carpenter und John Glenn hatten beide für die Mission von Friendship 7 trainiert. Glenn war als Primärpilot ausgewählt, Carpenter war sein Ersatzmann. Als sich John Glenn schließlich am 20. Februar 1962 als erster US-Bürger auf seine historische Reise in den Orbit machte, war Carpenter der CapCom, also “Capsule Communicator” im Missionskontrollzentrum, das sich damals noch in Cape Canaveral befand und nicht in Houston.

Der “Capsule Communicator” war auch so ein Begriff, der in diesen Tagen geprägt wurde. Er war stets selbst Astronaut und hielt Verbindung zum Mann (und es waren nur Männer in diesen Tagen), der in den Weltraum flog. In der Sekunde der Zündung, als sich die Atlas D mit Glenn an der Spitze auf die Reise machte, rief ihm Carpenter über Funk zu “Godspeed, John Glenn”.

Drei Monate später, am 24. Mai 1962, war die Reihe an ihm selbst. Nun flog Scott Carpenter selbst in den Orbit. Seine fünfstündige Reise wurde eine der aufregendsten in der Geschichte der US-Raumfahrt. Seine Mission war – viel zu früh im noch unreifen US-Raumfahrtprogramm – mit Experimenten überfrachtet worden. Er kam mit seinen Aktionen in Verzug, verbrauchte viel zu viel Treibstoff, und verkalkulierte sich schließlich bei der manuellen Bestimmung seines Wiedereintrittswinkels.

Bei Beginn der Bremszündung hatte der Gierwinkel seines Raumschiffs eine Ablage von 25 Grad von der korrekten Position. Das hatte zur Folge, dass der Schubvektor nicht mit dem Flugwegvektor übereinstimmte.  Diese Missweisung alleine hätte Carpenter schon den geplanten Landepunkt um 280 Kilometer verfehlen lassen. Die Verzögerung bei der Zündung der Bremsraketen betrug drei Sekunden, was noch einmal 24 Kilometer hinzufügte. Unglücklicherweise lag zusätzlich auch noch die Leistung der Bremsraketen drei Prozent unter dem Sollwert, was zu weiteren 95 Kilometern Abweichung führte. Die Landung, das war schon bei der Zündung seiner Retro-Raketen klar, würde weitab vom Zielgebiet erfolgen. Kurz bevor er in die Erdatmosphäre eintrat, teilte ihm CapCom Gus Grissom mit, dass die Rettungsschwimmer mindestens eine Stunde brauchen würden, bis sie zu ihm stoßen konnten.

Carpenter mit Aurora  7

Scott Carpenter bei seiner Raumkapsel Aurora 7

Der Landevorgang selbst war dramatisch. Der gesamte Lageregelungstreibstoff war verbraucht, was dazu führte, dass die Kapsel, nachdem sie die tiefere Atmosphäre erreicht hatte, wilde Pendelbewegungen von bis zu 300 Grad durchführte. Das machte Carpenter noch nicht so große Sorgen, denn er wusste, dass die Mercury durch ihre Schwerpunktlage im Prinzip eigenstabil war. Er befürchtete aber, dass sich der Stabilisierungsschirm, der automatisch erst in einer Höhe von etwa 10.000 Metern ausgeworfen wurde, bei diesem wilden Pendeln möglicherweise in der Nase des Raumfahrzeugs verheddern und damit den späteren Auswurf des Hauptschirms verhindern könnte. So wartete er einen günstigen Moment in der Schaukelbewegung ab, eine nur sekundenkurze Phase in der die Kapsel sich in einer vertikalen Lage befand, und löste den Pilotschirm manuell aus. Bereits in 15.000 Metern Höhe.

Das funktionierte, der Pilotschirm dämpfte sofort die Oszillationen und die weitere Landung verlief normal. Doch er befand sich weitab des vorgesehenen Gebietes. Er versuchte jemanden über den Notfunksender zu erreichen, doch niemand meldete sich. Ihm fiel auf, dass die Kapsel tief im Wasser lag. Damit war es zu gefährlich, die Luke herauszusprengen, die Kabine würde sofort volllaufen. Damit blieb nur die unbequeme alternative Ausstiegsmethode: durch den engen Tunnel nach oben.  In der Kabine herrschten 38 Grad und Carpenter schwitzte am ganzen Körper. Er nahm den Helm ab, demontierte das Frontschott  und begann sich durch die enge Röhre nach oben zu winden. Es war eine heiße, anstrengende Übung, erschwert dadurch, dass er die Kamera mitnahm, das gepackte Schlauchboot, die Überlebensausrüstung und obendrein mit den verdrehten Schlauchverbindungen des Raumanzugs kämpfte. Schließlich bekam er aber den Kopf nach außen.

MA 7  Ausstieg

Carpenter zwängt sich durch die obere Luke der Mercury. Hier bei einer Übung.

 

Der Seegang war akzeptabel, die Wellen waren etwa 1,5 Meter hoch. Carpenter quetschte sich aus der Kapselspitze und ließ sich langsam ins Wasser hinabgleiten. Im Wasser blies sich das Schlauchboot auf. Er ließ sich in das kleine Boot hinunter, holte die Kamera mit hinein und bereitete sich darauf vor, so lange zu warten, wie es eben dauerte, bis er gefunden wurde.

Der Status von Carpenter und Aurora 7 war der Öffentlichkeit nicht bekannt. Jeder der den Flug am Radio oder vor dem Fernseher verfolgt hatte, wusste, dass er jetzt unten sein musste. Doch es bestand kein Kontakt mehr. War der Pilot in Sicherheit? Der Öffentlichkeit wusste nicht, dass eine P2V das Signal der Funkbake der Kapsel aus einer Entfernung von 80 Kilometern erfasst hatte. Eine weitere P2V hatte das Signal aus einer Entfernung von 400 Kilometern geortet. Somit war eine Dreipunktpeilung möglich, die den Rettungskräften Carpenters Landepunkt ziemlich genau sagte. Acht Minuten vor der Landung war außerdem ein SA-16 Flugboot von Puerto Rico aus aufgebrochen um den aus den Radardaten abgeleiteten Landepunkt anzusteuern. Drei Schiffe waren ebenfalls nicht allzu weit entfernt: Ein Kutter der Küstenwacht auf Höhe der Insel St. Thomas, ein Handelsschiff, etwa 50 Kilometer entfernt, und der US-Zerstörer Farragut, der 120 Kilometer südwestlich auf Position war. Es würde in jedem Fall aber mehr als eine Stunde dauern, bis irgendwelche Bergungskräfte an der Landestelle waren. Nachdem das Schlauchboot selbst über kein Funkgerät verfügte, nahm für die Öffentlichkeit, die den Raumflug an den Radiogeräten verfolgt hatte, das Drama zu.

Carpenter hatte es jetzt in seinem Rettungsboot einigermaßen gemütlich. 36 Minuten nach der Wasserung sah er zwei Flugzeuge herankommen: eine P2V und  – ziemlich unerwartet – eine Piper Apache. Die beiden Flugzeuge begannen über ihm zu kreisen, und so wusste er, dass er gefunden worden war. 20 Minuten später sah er zwei SC-54 ankommen. Aus einer der Maschinen sprangen zwei Froschmänner mit dem Fallschirm ab, was Carpenter, der sich auf die anderen Flugzeuge konzentrierte, jedoch nicht bemerkte.

Aurora 7 im Wasser.

Aurora 7 im Wasser. Drei Stunden dauerte es, bis Scott Carpenter an Bord des Bergungsschiffes genommen werden konnte.

Einer der beiden Männer war der Hauptgefreite John Heitsch, der eine Stunde und sieben Minuten nach Carpenters Wasserung von der SC-54 abgesetzt worden war. Er landete in beträchtlicher Entfernung von der Raumkapsel im Wasser, befreite sich von seinem Gurtzeug und schwamm zu Carpenters Schlauchboot hinüber. “Hey!” rief der Froschmann dem vollständig überraschten Carpenter zu. Der fragte verblüfft: “Wie sind Sie den hierhergekommen?” Kurz darauf war auch der zweite Fallschirmspringer da, Unteroffizier Ray McClure. Die beiden Froschmänner bliesen schnell zwei weitere Schlauchboote auf und machten sie am Raumfahrzeug fest. McClure und Heitsch beschrieben den Astronauten später als bestens gelaunt, in sehr aufgeräumter Stimmung und überhaupt nicht erschöpft. Carpenter öffnete seine Überlebenspackung und bot den beiden einen Imbiss an. Sie lehnten dankend ab, tranken aber etwas von Carpenters Wasserration.

Nun waren sie zu dritt, aber immer noch ohne Funkkontakt, und sahen der immer größer werdenden Anzahl von Flugzeugen beim Kreisen zu. Eines der Flugzeuge warf einen Schwimmkragen für das Raumfahrzeug ab. Er schlug mit einem lauten Knall auf dem Wasser auf, wobei eine der Pressluftflaschen zum Aufpumpen zu Bruch ging. Die beiden Taucher holten den Kragen und machten ihn an der Kapsel fest, aber nur der untere der beiden Ringe lies sich aufblasen. Danach krochen sie wieder in ihre Schlauchboote zurück. Kurz darauf schwebte ein Fallschirm mit einer Kiste sanft zu Wasser. Die Froschmänner nahmen an, dass es sich dabei um das längst erwartete Funkgerät handelte. Einer der beiden schwamm die beträchtliche Strecke, um es zu holen. Er kam mit der Kiste zurück, die beiden öffneten sie und fanden kein Funkgerät sondern nur eine Batterie. Dieser Punkt, mit den herzhaften Flüchen der beiden Froschmänner, nahm in Carpenters späterem Bericht eine besondere anekdotische Note ein.

90 Minuten nach der Wasserung erschien auch die Grumman SA-16 aus Puerto Rico im inzwischen recht belebten Luftraum über Carpenters Landestelle. Dem Piloten schien die See ruhig genug, um eine Landung zu wagen und den Astronauten aufzunehmen. Mercury Control in Cape Canaveral war das aber zu riskant und wollte, angesichts der stabilen Situation vor Ort, mit der „normalen“ Prozedur weitermachen.

Drei Stunden nach der Landung wurde Carpenter schließlich von einem HSS-2 Helikopter an den Haken genommen. Aber durch eine unglückliche Kombination aus einem kurzzeitigen Absenken der Winsch und einer hohen Welle wurde der Astronaut dabei komplett untergetaucht. Die besonders komische Note dabei war, dass Carpenter unbedingt den Film trocken halten wollte, und so war vom vollständig abgetauchten Astronauten nur der nach oben gereckte Arm mit der Filmkamera zu sehen. Danach war das nasse Abenteuer vorbei und Carpenter wurde zunächst auf der Farragut abgesetzt, wo ihn der besorgte Anruf von Präsident Kennedy erreichte. Der Präsident gab seiner Erleichterung Ausdruck, dass Carpenter in Sicherheit sei und Carpenter entschuldigte sich dafür, dass er „bei der Landung nicht besser gezielt habe“.

Das war auch das Ende der Mission von Aurora 7 aber auch das Ende der Astronautenkarriere von Scott Carpenter. Missionsmanager Chris Kraft führte die kritische Situation am Missionsende darauf zurück, dass Carpenter die Anweisungen von Mission Control während der Mission, vor allem hinsichtlich der Treibstoff-Ökonomie ignoriert hätte. Carpenter sah sich wohl noch als der “Steely-eyed” Testpilot, wie er in den 50iger und frühen sechziger Jahren noch üblich war, niemandem verantwortlich außer sich selbst und seiner Einschätzung der Lage. Chris Kraft sah das völlig anders.

Carpenter flog als einziger der ursprünglichen Mercury 7 Astronauten nie wieder in den Weltraum. Shepard, der erste Amerikaner im Weltraum, der mit 1961 eine suborbitale Mission durchgeführt hatte, betrat als Kommandant von Apollo 14 fünfter Mensch den Mond. Virgil Grissom, mit Liberty Bell 7 der zweite Amerikaner im Weltraum, flog später als Kommandant von Gemini 3, der ersten bemannten Gemini-Mission. Er hätte auch Apollo 1, die erste bemannte Apollo-Mission, als Kommandant fliegen sollen und war von Chefastronaut Slayton sogar schon als Kommandant der ersten Mondlandung ausgesucht worden, als er bei der Tragödie am Launch Pad 14 am 27 Januar 1967 ums Leben kam. John Glenn, der mit Friendship 7 der erste Amerikaner im Weltraum war, bekam Jahrzehnte später, als 77jähriger, bei der Mission STS 95 im Jahre 1998, noch die Chance eine Woche in den Weltraum zu fliegen. Walter Schirra flog nach Sigma 7 noch als Kommandant von Gemini 6 und als Kommandant von Apollo 7, der ersten bemannten Apollo-Mission. Und Gordon Cooper, der mit Faith 7 im Mercury-Programm geflogen war, war noch einmal mit Gemini 5 für eine Woche im Orbit. Selbst Deke Slayton, dessen Mission Delta 7 storniert wurde, weil man bei ihm Herzrythmusstörungen festgestellt hatte, flog Jahre später dennoch in den Weltraum. Als Chefastronaut der NASA, setzte er sich kurzerhand für die neuntägige Apollo-Sojus-Testmission im Jahre 1975 selbst auf die Besatzungsliste.

Dieses Bild entstand kurz vor dem Tod des Astronauten Wally Schirra im Jahre 2007, der auch zu den Mercury 7 gehörte. Carpenter ist rechts.

Dieses Bild entstand kurz vor dem Tod des Astronauten Wally Schirra im Jahre 2007. Auch er gehörte zu den legendären Mercury 7. Carpenter ist rechts.

Nur Carpenter flog kein weiteres Mal. Was ihn aber nicht weiter störte. Schon während der Ausbildung zum Raumfahrer hatte er seine Liebe für die Aquanautik entdeckt. Im Herbst 1963 wechselte er zum SeaLab-Programm der US-Navy und sollte dort im Jahr 1964 einen mehrwöchigen Unterwasseraufenthalt an Bord einer Untersee-Station absolvieren. In diesem Jahr erlitt er jedoch einen schweren Motorradunfall, so dass er erst im Jahr darauf an Bord des SeaLab II Habitats gehen konnte . Bei dieser Tauchexpedition blieb er 28 Tage unter Wasser.

Carpenter kehrte noch einmal für eine kurze Zeit zur NASA zurück und arbeitete in einer Leitungsposition im Manned Spaceflight Center in Houston. Danach war er noch einmal entscheidend an einer SeaLab-Mission beteiligt bevor er sich mit seinem Unternehmen Sea Sciences, Incorporated selbständig machte.

Im September erlitt Scott Carpenter einen leichten Schlaganfall. Er war bereits auf dem Weg der Besserung mit der Erwartung, wieder vollständig zu genesen, als er während der Rehabilitationsphase am 10. Oktober überraschend verstarb. Er wurde 88 Jahre alt. Nun lebt als einziger Astronaut des Mercury-Programms nur noch  der inzwischen 92jährige John Glenn.

Godspeed, Scott Carpenter.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

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  1. Toll geschrieben. Man bekommt einen Eindruck davon, was das für Kerle waren, diese frühen Astronauten. Benzin im Blut würde man in der Autosportszene sagen.

  2. John Glenn (rechts) und Scott Carpenter im Jahre 1961 vor dem Flug von Friendship 7.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass auf dem ersten Foto John Glenn links steht und nicht rechts.

  3. Noch was zum Ausbessern: das Apollo 1 Unglück geschah 1967, nicht 1966.

    Bei der Gelegenheit aber vielen Dank für die Erinnerung an den Mann und seine Aurora 7 Mission. Kommt anderweitig in den Medien ja arg kurz weg.

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