Augustine, was nun?

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Im August berichtete ich an dieser Stelle über die Frage, wie es nach der Veröffentlichung des Augustine-Reports mit der bemannten US-Raumfahrt weitergehen könnte. Das Dokument liegt jetzt seit vier Monaten vor und bislang sind keine öffentlich wahrnehmbaren Entscheidungen gefallen. Die Anzeichen deuten darauf hin, dass man auch hinter verschlossenen Türen noch zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen ist. Erst vor wenigen Tagen wurde das von der NASA noch vor der Einsetzung der Augustine-Kommission für das Jahr 2010 beantragte Budget von beiden Häusern des Kongresses ohne wesentliche Modifikation freigegeben. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die fälligen Programmänderungen zumindest für dieses Jahr nur im Rahmen des alten Budgets bewegen werden.

 

Solange die Politik keine Änderung vorgibt bedeutet das in der Praxis, dass die NASA weiterhin die für die bemannte Raumfahrt bestimmten Mittel für das so genannte "Program of Record" ausgibt, für den Status quo. Doch dies ist ein Programm, das nach Norman Augustines Analyse wegen der seit Jahren unzureichenden Finanzierung direkt ins Nirgendwo führt. Im Bericht heißt es dazu wörtlich „The current U.S. human spaceflight program appears to be on an unsustainable trajectory. It is perpetuating the perilous practice of pursuing goals that are often admirable, but do not match available resources”.

Obama: "A program to be proud of"

Präsident Obama beauftragte Norman Augustine nicht nur mit der Analyse der Ist-Situation sondern auch mit dem Aufzeigen von Lösungswegen. Mindestens eine davon, so seine Forderung, sollte in den derzeitigen Budgetrahmen passen. Augustine und seine Mitarbeiter haben sogar zwei abgeliefert, sie aber schon im selben Atemzug wieder verworfen. Dazu der Bericht: "The Committee has found two executable options that comply with the Fiscal Year 2010 budget profile. However neither allows for a viable exploration program…. (and) …permits human exploration to continue in any meaningful way".

Damit wissen wir: mit dem gegenwärtigen Budget ist nichts möglich, das die bemannte US-Raumfahrt aus der niedrigen Erdumlaufbahn herausbringt. Der Report stellt jedoch weiter fest, dass genau dies das Ziel einer starken bemannten US-Präsenz im Weltraum sein muss, denn: “The Committee concludes that the ultimate goal of human exploration is to chart a path for human expansion into the solar system”.

Damit hat die Augustine-Kommission der Obama-Administration den Fehde-Handschuh hingeworfen. Die Essenz dieser Aussage könnte man wie folgt auf den Punkt bringen: Entweder die USA machen etwas Vernünftiges und nehmen dafür richtig Geld in die Hand, oder sie lassen es bleiben und geben sich mit einem Status zufrieden wie ihn zukünftig auch Länder wie China oder Indien haben werden.

Auch über das, was „richtig Geld“ bedeutet, lässt der Bericht seine Leser nicht im Unklaren: Es geht um drei Milliarden Dollar mehr pro Jahr für die bemannte Raumfahrt. Und zwar "in real purchasing power", in "wirklicher" Kaufkraft also.

Für drei Milliarden Dollar "real purchasing power" braucht die NASA – optimistisch gerechnet – eine Erhöhung ihres Budgets von 4 Milliarden Dollar. Nur dann wäre das „Program of Record“ in einem erlebbaren Zeithorizont realisierbar. Nur dann könnte man bis 2025 die bemannte Mondlandung doch noch bewerkstelligen.  

Immerhin hat sich der US-Präsident schon mehrmals einer starken NASA verpflichtet. In seinen Anweisungen an Charles Bolden bei dessen Amtseinführung als neuer Administrator der Weltraumbehörde forderte er ihn auf: "Give us a space program to make the nation proud of". Dazu wird es mit Sicherheit nicht gehören, die Internationale Raumstation zum 150. Mal anzufliegen.

Welche Augustine-Option wird gewählt? 

Wie all die Jahre zuvor seit es unter Präsident Bush im Jahre 2004 in Kraft worden ist, hat das Constellation Programm in der Form, wie es der Bericht als "Program of Record" bezeichnet auch in diesem Jahr ein wesentlich zu niedriges Budget erhalten. Wir können diese Programmvariante somit getrost streichen. 

Realistisch gesehen verbleiben von allen Möglichkeiten, die Augustine aufzeigte, nur noch zwei: Die eine ist eine Variante der „Moon First“ Optionen (und zwar eine Sonderform der Option 4A des Berichtes) und die zweite eine der  „Flexible Path“ Optionen, nämlich die Programmvarianten 5A oder 5C. Optionen wie „Mars First“, auch im Report erwähnt, kann man knicken. Sie sind viel zu teuer.

Bei diesen beiden verbleibenden Wegen könnte man eigentlich schon jetzt mit dem "Streamlining" hinsichtlich der Elemente beginnen, die für beide Programmlinien relevant sind. Folgende Entscheidungen ergeben sich hier fast zwangsläufig:

  1. Die Entwicklung der Ares 1 in der bislang geplanten Form als bemanntes Raumtransportsystem wird eingestellt. Die zu erwartenden Missionsprofile rechtfertigen die Neuentwicklung von gleich zwei neuen NASA-Trägern nicht. Die einzige Rechtfertigung, mit Ares 1 in begrenztem Umfang trotzdem weiterzumachen läge darin, dass mit ihr als Testvehikel viele der Ares 5-Flugsysteme erprobt werden können. Die Ares 1 verbliebe in diesem Fall ein kurzlebiges Produkt, ein unbemannter Testträger für die Orion-Kapsel inklusive ihres Rettungssystems, für die neuen Feststoffbooster und vor allem für die neu zu entwickelnde zweite Stufe der Ares 5.
  2. Die beschleunigte Entwicklung eines bemannten kommerziellen Raumtransport-systems. Dies sollte auf die Weise geschehen, dass die US-Regierung einfach Transportaufträge ausschreibt und der Industrie die Entwicklung des dafür geeigneten Systems überlässt. Die größten Aussichten für den Erhalt dieses Auftrags hätte derzeit SpaceX mit seinem System „Dragon“, das schon weit gediehen ist. Aber auch Orbital Sciences mit einer bemannten Version der derzeit in Entwicklung befindlichen Cygnus-Kapsel wäre ein Kandidat.
  3. Die Ares 5 "Heavy" wird nicht realisiert. Wenn es das „Program of Record“ nicht gibt, braucht man auch keinen Schwerlastträger, der fast 200 Tonnen Nutzlast in eine niedrige Umlaufbahn befördern kann.
  4. Beauftragt wird dagegen eine Ares 5 "Lite”.  Für die gibt es eine Reihe von Entwicklungs-Optionen. Die hinsichtlich der Kosten pro Flugeinheit günstigste wäre die Original-Ares 5 aus (Ex-NASA Administrator) Mike Griffins Orion-Programmkonzept des Jahres 2004. Die andere Alternative – die mit den günstigeren Entwicklungkosten – wäre das vom Johnson Space Flight Center propagierte “Shuttle Side Mount Vehicle“. Diese Version wäre aber in der Serienfertigung – vor allem hinsichtlich der Triebwerke – überaus teuer.
  5. Ares 5 „Lite“ wird bemannbar ausgelegt. Sie löst in dieser Form nicht nur die Ares 5 aus dem „Program of Record“ ab, sondern auch die Ares 1.

Damit sind wir bei der künftigen Architektur angelangt und bei den beiden aus jetziger Sicht verbliebenen Programmoptionen, nämlich:

  • „Moon First“, und zwar in einer Sonderarchitektur, wie sie im Augustine-Report nur kurz angerissen, aber nicht weiter vertieft wird, und der
  • „Flexible Path“. Diese Version wird zum Zeitpunkt, an dem diese Zeilen entstehen, deutlich favorisiert.

Moon First 

„Moon First“ ist im Grunde der mondbezogene Teil des Constellation-Programms, der aber nur dann Sinn macht, wenn ein ganz spezielles neues Elemente mit aufgenommen wird: In Situ Ressource Utilisation (ISRU). „Moon First“ hatte unmittelbar nach dem Erscheinen des Augustine-Reports an Boden verloren, gewinnt in der Zwischenzeit aber wieder an Terrain, seit die LCROSS-Sonde Wasser und Kohlenwasserstoffe auf dem Mond entdeckt hat.

Für den Leser, der sich nicht durch Augustines 157-Seiten Bericht arbeiten will: Die “Moon First”-Architektur gibt es ihrerseits in drei Varianten: 

  •  “Lunar Base”. Zunächst wird eine permanente Mondbasis errichtet von wo aus denn die Erforschung des Mondes durchgeführt wird.
  • Lunar global” mit ausgedehnten Forschungsexpeditionen, ausgehend von einer limitierten Anzahl von Landestellen, und in Form von
  • Einzellandungen, ähnlich wie bei Apollo

Das ursprüngliche Constellation-Szenario erforderte für jede Mondmission jeweils den Start einer Ares 1, um die Crew in der Orion-Kapsel in den Orbit zu bringen, sowie den Start einer Ares 5 in der „Heavy" Version, um den Mondlander und die Transferstufe in die Umlaufbahn zu transportieren. Beide wären dann in der Erdumlaufbahn miteinander verbunden worden und hätten dann zusammen den Transfer zum Mond durchgeführt.

Entwickelt man jetzt statt der Ares 1 die Ares 5 „Lite“, deren Nutzlastkapazität für die niedrige Erdumlaufbahn je nach gewählter Variante irgendwo zwischen 80 (Shuttle-Side Mount) und 110 Tonnen beträgt (Inline-Variante), dann benötigt man, um das ursprüngliche „Moon First-Szenario“ durchführen zu können für jede Landemission mindestens drei Starts um das benötigte Material und die Treibstoffe auf den Weg zu bringen.

Der neue Vorschlag lautet nun, die bemannten Missionen von den reinen Versorgungsflügen zu entkoppeln. Wenn man die Besatzung mit einem sehr kleinen und leichten Lander auf dem Mond landen könnte, dann würde das ein kostengünstigeres Szenario ermöglichen. In diesem Fall würde die bemannte Mondmission auf Basis des Starts zweier Ares 5 „Lite“ stattfinden.  Die kombinierte Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit beträgt in diesem Fall zwischen 160 und 220 Tonnen. Zum Vergleich: Apollo 17, die schwerste aller Apollo-Missionen, hatte nach der „Orbit Insertion“ eine Masse von etwa 140 Tonnen. Die „Throw-capability“, wie das die US-Raumfahrttechniker so bildhaft nennen, betrug damals 65 Tonnen. Diese Masse ist das, was letztendlich auf die Transferbahn zum Mond gelangt.

 

Die Ares 5 „Light“ Expedition in der Zwei-Träger-Variante könnte damit bei einem „Wurfgewicht“ von 75 – 100 Tonnen liegen, was ausreichen sollte, um einen kleinen 4-Mann Lander auf dem Mond niedergehen zu lassen und die Orion-Kapsel mit genügend Ressourcen zu belassen, dass sie autonom sechs Monate in der Mondumlaufbahn auf die Rückkehr ihrer Besatzung warten kann.

 

Mit dieser Minimal-Landefähre könnte man nun aber nicht sonderlich viel mehr machen als einst bei den Apollo-Landungen. Was man braucht, um den Einsatz sinnvoll und gewinnbringend zu gestalten, ist die Bereitstellung einer Basis. Doch woher soll die kommen?

 

Hier sind nun der Möglichkeiten viele. Eine davon wäre es, dies komplett der Industrie zu überlassen. Die NASA sollte nicht mehr tun, als einen Festpreisauftrag plus Prämie für jedes Kilogramm auf dem Mond gelandetes Material zu vergeben.

 

Möglich wären aber auch internationale Beteiligungen, in denen viele Länder im Rahmen eines internationalen Mondprogramms mit ihren einheimischen Trägern Versorgungsgüter auf dem Erdtrabanten landen. Hier wäre die Entwicklung eines möglichst einfachen generischen Landers, den alle am Programm beteiligten Nationen verwenden könnten, von Vorteil, und das müssten nicht notwendigerweise die USA tun.

 

Das Material sollte zunächst aus Habitaten ähnlich denen der aufblasbaren Bigelow-Raumstationsmodule bestehen, aus Solar-Generatoren, Baugeräten, Wasser und Verpflegung. Aber auch schon aus Maschinen, mit denen "In Situ" Rohstoffe gewonnen und Bauelemente hergestellt werden können. Je mehr man ISRU einsetzen kann, desto weniger Versorgungsmissionen für eine Mondinfrastruktur sind notwenig, desto günstiger wird das Missionsszenario. 

ISRU sollte kein unüberwindbares Problem sein. Schließlich haben wir auch auf der Erde eine jahrtausendelange Erfahrung im Bergbau. Sauerstoff, Metalle, Bausteine und Mineralien aus dem Mondboden zu gewinnen wäre nur eine Ausweitung dieser Technologien.

 

Sobald das gelungen ist, kann man Bauelemente und Maschinen ohne Rücksicht auf deren Gewicht bauen: Häuser, Fahrzeuge, Industrieanlagen, Agraranlagen. Wird Wasserstoff, oder gar Wasser gefunden, und die Chancen stehen neuerdings gut, dann wäre das sogar der Schlüssel zur potentiellen Autonomie einer Mondstation. In diesem Fall könnten dann auch vielfach wieder verwendbare Shuttles für den Flugbetrieb zwischen der Mondoberfläche und dem Mondorbit gebaut und dadurch die Kosten weiter gesenkt werden. ISRU, in Verbindung mit kommerziellen Mondtransporten und der Einbindung internationaler Partner, könnte die Regeln des Spiels komplett ändern. 

 

Flexible Path

 

Nun zu Variante zwei, dem "Flexible Path". Sie ist die wahrscheinlichere weil kostengünstigere und konservativere der beiden Optionen. Wie es der Name schon sagt, hangelt er sich ohne ein festes Ziel von einfachen zu immer komplexeren und schwierigeren Aufgaben in den Weltraum hinaus, und vergrößert dabei gleichzeitig den Abstand zur Erde sukzessive.

 

Sie hat allerdings eine entscheidende Schwäche: Landungen auf Mond und Mars sind fast bis zum Sankt Nimmerleinstag hinausgeschoben. „Look, don’t touch“ ist denn auch die spöttische Kommentar der Kritiker dieses Konzeptes.

 

Der Flexible Path beginnt recht unspektakulär im niedrigen Erdorbit und begibt sich später  – ebenfalls wenig publikumswirksam – zu virtuellen Punkten im Weltraum wie den geostationären Orbit oder den Lagrangepunkten. Noch später umkreist man den Mond und steuert irgendwann auch mal einen erdnahen Klein-Asteroiden an. Das Problem dieser Version wird es denn sein, diese Variante mit Spannung zu erfüllen.

 

Beispielhaft seien hier zwei Gestaltungsmöglichkeiten des „Flexible Path“ beschrieben, wie sie derzeit bei der NASA untersucht werden.

Flexible Path im Dienst der astronomischen Forschung

Diese Variante würde in der ISS und ihrem Umfeld beginnen. Dort würde die Montage großer Spiegelelemente, Interaktionen von Robotern und Menschen und die Einsatzbereitschaft des Orion-Raumfahrzeugs für Missionen mittlerer Länge erprobt werden. Das Ergebnis dieser frühen Probephase könnte bereits ein nutzbares Produkt sein, nämlich ein Nachfolger des Hubble Space Teleskops mit einem sehr großen Hauptspiegel, der sich etwa in der 10 Meter-Klasse bewegen würde.

Der nächste Schritt wäre eine Anwendung der gelernten Techniken mit dem Bau eines auf die Erde gerichteten Globalen Monitoring Teleskops im Geostationären Orbit. Dies könnte ihm Rahmen einer bemannten 45 Tage-Mission geschehen, in deren Ablauf etwa 20 Außenbordmanöver durchgeführt werden. Neben dem praktischen Nutzen des Aufbaus eines solchen Teleskops hätte die Mission das Ziel, erstmals Forschungsdaten über einen längeren Aufenthalt von Menschen außerhalb der schützenden magnetischen Hauptgürtel zu bekommen. 

Schließlich wäre als dritter Schritt die Errichtung großer Beobachtungsanlagen an den Lagrange-Punkten L1 und L2 mit Missionsdauern von mehr als drei Monaten vorgesehen. Als Endprodukt hätte man eine Beobachtungsinfrastruktur für astronomische und Erdbeobachtungszwecke geschaffen und gleichzeitig die astronautischen Fähigkeiten für später folgende, tiefer in den Weltraum hineinreichende Missionen.

Flexible Path zu erdnahen Asteroiden

Hier wird derzeit eine Referenzmission zum NEO (Near Earth Asteroid) 1999 AO10 diskutiert. Insgesamt hat die NASA bislang 39 erdnahe Asteroiden identifiziert, die für eine solche Mission prinzipiell geeignet wären. 1999 AO10 hat den Vorteil, als Erdbahnkreuzer immer wieder in die Reichweite der Erde zu gelangen. In ihrem Beispiel-Szenario geht die NASA von einer unbemannten Vorläufer-Mission aus, die 2019, 2020 oder 2021 stattfinden könnte und mit einem Raumfahrzeug der Discoverer-Klasse durchgeführt wird. Die bemannte Mission hätte ihre Startgelegenheiten dann 2025, 2026 oder 2032.

 

Auch hier beginnen die ersten Schritte mit Hilfe der ISS, wo man den Ablauf erprobt, Prototypen testet, Techniken erlernt und das Orion-Raumfahrzeug in der für den NEO-Flug vorgesehenen Konfiguration testet. Die Referenzmission zu 1999 AO10 hätte eine Dauer von 155 Tagen und beinhaltet einen zweiwöchigen Aufenthalt in unmittelbarer Nähe des Asteroiden.

 

Die nächsten Wochen werden mehr Informationen bringen und wir können gespannt sein, welche Entscheidungen fallen. Bis sich ein neues Szenario etabliert hat, wird es jedoch noch viele Diskussion geben. Diskussionen, die ihrerseits wieder Einfluss auf die Programmgestaltung haben werden. 

Augustine Commission Final Report im Internet: http://www.nasa.gov/pdf/396093main_HSF_Cmte_FinalReport.pdf 

 

 

 

  

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

4 Kommentare

  1. Warum überhaupt bemannte Raumfahrt?

    Ich weiss, diese Fragen müssen den Befürwortern der bemannten Raumfahrt wie die reinste Blasphämie vorkommen, ich stelle sie trotzdem:

    Warum überhaupt ein neues bemanntes Raumfahrtprogramm im Sonnensystem? Was haben wir durch eine bemannte Mondstation oder durch eine Serie bemannter Landungen? Was können wir damit erforschen, was wir nicht auch mit unbemannten Orbitern und Landern herausfinden können? Und was sollen Astronauten bei einem NEO erreichen, was nicht auch eine Sonde schaffen könnte?

    Die bemannte Raumfahrt der Mitte des 20. Jahrhunderts war (und das ist jetzt zunächst mal meine persönliche Meinung) in erster Linie eine chauvinistische Veranstaltung einzelner Staaten, der UdSSR und der USA, die die Überlegenheit ihrer jeweiligen Ideologie und Wirtschaftsordnung demonstrieren wollten. Das war immerhin besser, als das auf dem Schlachtfeld zu tun, worauf selbstverständlich auch nicht verzichtet wurde. Wenn Diktaturen wie die VRChina jetzt ähnliches vorhaben ist dies nur zu verständlich. Wobei diese Machtdemonstrationen eher auf das eigene Volk gerichtet sind.

    Aber was die Wissenschaft angeht: Die stand und steht bei der bemannten Raumfahrt in der zweiten oder dritten Reihe. Die Situation der ISS ist das aktuelle Beispiel. Ich bin nicht generell gegen bemannte Raumfahrt. Aber sie muss einem Zweck dienen. Einfach nur etwas tun, weil man es tun kann, das ist ein bisschen wenig. Mit dem Geld, von dem hier die Rede ist, könnte man eine ganze Armada von Sonden und Landern in das Sonnensystem ausschicken. Der Erkenntnisgewinn wäre enorm.

  2. Warum überhaupt bemannte Raumfahrt?

    Ich war vor einer Weile bei einer Veranstaltung der TU-München, auf der die US-Astronautin Marsha Ivins sprach. Unausweichlich kam nach ihrem Vortrag die Frage: „Könnten wir nicht die unnütze bemannte Raumfahrt einstellen, und uns nur auf die viel billigeren unbemannten Forschungsmissionen beschränken“. Ihre Antwort lautete: „Possibly we can. But where’s the fun?“.

    Die Frage nach dem Sinn und Zweck der bemannten Raumfahrt wird gerade in Deutschland, dem Mutterland der Kosten-Nutzen-Rechnung, auf jeder dieser Veranstaltungen gestellt. Ich selbst höre sie fast ausnahmslos bei jedem meiner Vorträge, sofern die irgendwo mit bemannte Raumfahrt zu tun haben. Und ich hab mir – wie Marsha Ivins – seit langem abgewöhnt, Antworten zu geben, die einen wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Mehrwert gegenüber der unbemannten Raumfahrt begründen, obwohl es das in vielen Fällen tatsächlich tut.

    Naja, ein kleines Beispiel braucht es vielleicht doch um, um direkt auf das Argument von Jan Hattenbach zu antworten: Ein weiterer Vortrag, den ich vor einer Weile gesehen habe, war von Steve Squyres (einem bekannten NASA-Planetenwissenschaftler) und er beschäftigte sich mit den Mars-Rovern Spirit und Opportunity. Ihm wurde nach seiner Präsentation in der Fragerunde unterstellt, dass er doch aufgrund der sehr erfolgreichen Mission der beiden Robotspäher sicher ein unbedingter Verfechter der unbemannten Raumfahrt sein müsste. Squyres hat das kategorisch zurückgewiesen. Was der Mars-Rover Spirit in sechs Jahren geleistet hat, so meinte er, hätte ein gut ausgebildeter Geologe in einem halben Tag geschafft.
    Und wenn das Umfeld schwierig ist und die Anforderungen an das Gerät hoch, dann wird auch unbemannte Raumfahrt sehr schnell sehr teuer. Die weltweit teuerste Einzelmission des letzten Jahres war der unbemannte Start von Herschel und Planck. Und es sind ja nicht nur die Anschaffungskosten. Wenn ein Rover auf dem Mars, nur damit er an einem Tag fünf Meter zurücklegen kann, in Pasadena von einem 30-Mann-Team rund um die Uhr betreut werden muss (am Anfang der Mission waren das sogar mehr als 100), dann kumuliert sich das über die Jahre auch ganz nett.

    Bemannte Raumfahrt wird aber tatsächlich bis auf den heutigen Tag höchstens indirekt aus wirtschaftlichen Motiven betrieben. Viel relevanter ist der gesellschaftliche, kulturelle und vielleicht sogar biologische Aspekt. Was treibt uns dazu, Dinge zu machen, die unter Kosten-Nutzen-Aspekten eher fraglich sind? Dieses Phänomen ist nicht nur auf die bemannte Raumfahrt begrenzt. Warum bauen Menschen ungeheure Pyramiden? Wozu müssen Kirchen unbedingt 100 Meter hoch sein? Warum muss ein Opernhaus 400 Millionen Euro kosten? Auch der wirtschaftliche Nutzen mancher Sportanlage ist extrem fraglich. Wie viele Leute springen schon Ski auf einer Großschanze? Sollte Bergsteigen nicht generell verboten sein? Es ist sinnlos, gefährlich und ertragsarm. Welchen praktischen Nutzen bringt uns ein Partikelbeschleuniger? Warum haben die Menschen überhaupt Afrika verlassen? War doch nett da, warm und auskömmlich.

    Warum also betreiben wir Skispringen, Bergsteigen, das unter Kosten-Nutzen-Aspekten sinnlose beschleunigen klitzekleiner Partikel, und warum stellen wir uns riesige Kirchen und teure Kulturpaläste in die Städte wo es billige Hallen aus Fertigteilen auch täten? Man könnte fürs gleiche Geld viel mehr davon bauen. Und was zum Teufel haben unsere Vorfahren im kalten Europa gesucht, in Sibirien oder Alaska?
    Die Gründe sind denen für die Durchführung bemannter Raumfahrt nicht ganz unähnlich.

    Die Frage ist aber auch schon zu einer Zeit gestellt worden, als die bemannte Raumfahrt noch 50 Jahre in der Zukunft lag. Und da gefällt mir Konstantin Ziolkowskis Begründung immer noch am Besten. Er meinte: „Die Erde ist die Wiege der Menschheit. Aber welcher Mensch bleibt schon sein ganzes Leben in seiner Wiege?“.

  3. Was wir von bemannter Raumfahrt haben?

    Gut, ich könnte es mir jetzt leicht machen und einfach die von Jan angefangene Argumentationskette weiterspinnen. Was haben wir denn überhaupt von Raumfahrt zu Forschungszwecken, ob bemannt oder unbemannt?

    Was wir von Raumfahrt im allgemeinen haben, fragen selbst hartgesottene Technologiegegner mittlerweile kaum noch, die knallharten Vorteile sind gar zu offensichtlich. Aber die Forschung im Weltraum? Gar die interplanetare? Wozu müssen wir denn das wissen? Was kümmert’s denn den Normalbürger, ob’s auf dem Mars Wasser gibt und ob sich dort Leben entwickelt hat. Muss er etwa weniger arbeiten, wenn wir das herausgefunden haben?

    Und wozu brauchen wir Astronomie? 99% der Bevölkerung interessiert sich gar nich dafür, und leben die etwa schlechter als die paar, die sich dafür interessieren? Im Ernst, wegen der paar Astronomen nicht so viel Licht machen, wie man will, ja was denn sonst noch alles!?

    Gut, das war jetzt ein Tiefschlag. 🙂

    Ich will auch gar nicht in diesem doofen Stil weiterreden, sonst gewöhne ich mich am Ende noch selbst daran. Außerdem kann ich mich zuverlässig darauf verlassen, dass Ironie ohnehin nie als solche erkannt wird.

    Also, im Ernst jetzt.

    Ich kann schon nachvollziehen, wieso die Frage gestellt wird. Ich habe auch eine lange Zeit genau die Position vertreten, dass man genau dasselbe oder mehr mit unbemannten Sonden erreichen kann. Daher sind mir die Argujmente durchaus vertraut und geläufig.

    Ich habe allerdings meine Meinung geändert, und zwar genau deswegen, weil ich vielen, sehr vielen *unbemannten* Mission in der Planungsphase beteiligt war und bin.

    Eins merkt man dabei unweigerlich.

    Jede Kleinigkeit, alles, was ein Astronaut mal eben so in kurzer Zeit nebenbei machen könnte ….

    … Hin zu dem großen Brocken, mit dem Fuß das Zeug wegscharren, das davor herumliegt, dabei ein Stück anstehendes Gestein entdecken, dieses mit dem Geologenhammer beklopfen, hier und da Proben entnehmen, den geologischen Kontext ins Diktafon beschreiben, dann die Bohranlage aus dem Wagen holen, sich drei oder vier der möglichen Stellen anschauen, den Bohrer aufbauen, verankern und einschalten, während er läuft, noch zu einigen anderen Stellen herüberwandern, ein paar Schritte die Felswand hoch, dort die interessante Verfärbung anschauen und feststellen, dass es nur ein oberflächlicher, durch Erosion freigelegter Einschluss ist, zurück zum Bohrer, der sich inzwischen selbst abgestellt hat, weil etwas hakte, das Hindernis beseitigen, wieder einschalten ….

    … all das wäre mit einem unbemannten, halbautonomen, von der Erde aus ferngesteuerten Rover eine Sache von Monaten, und vieles wäre gar nicht möglich, oder man würde gar nicht wahrnehmen, dass ich diese oder jene Chance geboten hat, oder man würde es nicht machen, weil die Zeit fehlt oder man nicht weiß, wie die Steueralgorithmen des Rovers damit klarkommen und man lieber nichts riskieren will usw. usw. usw.

    Es ist eine Illusion, in absehbarer Zeit könnten Rover denselben wissenschaftlichen Return erbringen wie Menschen. (Wenn das so wäre, wieso erforschen dann nicht Roboter die Antarktis?) Das, was Spirit und Opportunity bis jetzt in fünf Jahren an wissenschaftlichen Erkenntnissen gebracht hätten, hätten eine kleine Mannschaft erfahrener Geologen in wenigen Tagen geschafft.

    Unbemannte Sonden werden den menschlichen Forscher auf absehbare Zeit nicht auch nur annähernd ersetzen können. das heißt nicht, dass unbemannte Sonden keinen Sinn haben. Für viele Aufgaben sind sie sogar besser geeignet. Sollen Menschen aus dem Ordbit endlose Fotoserien schießen oder das Magnetfeld vermessen? Wozu? Das können Sonden besser.

    Wenn man sich aber nur auf die unbemannten Sonden verlässt, dann lässt man einen großen Teil des wissenschaftlichen Returns außen vor. Man will ihn gar nicht. Man verzichtet einfach darauf.

    Das hat wenig mit Blasphemie zu tun. Es ist eher Realismus. Ein paar Jahre Arbeit an unbemannten Missionen, dann will man wirklich mehr sehen. Mehr Wissenschaft, viel mehr, mehr als diese Sonden je erbringen werden.

    Chauvinismus mag in den ersten Jahren der Raumfahrt eine treibende Rolle gespielt haben, spätestens nach Apollo 11 gab es dazu aber eigentlich keinen Anlass mehr.

    Ehrlich Leute – ich weiß, Negativismus ist cool und angesagt, aber bitte: Redet nicht das größte wissenschaftliche Abenteuer der Menschheit klein. Und bitte: Keiner soll sich einbilden, die Rechnung: “Wenn man dasselbe Geld in die unbemannte Raumfahrt stecken könnte …” habe irgendeine Aussagekraft. Geld, richtig Geld, gibt es für die Raumfahrt, wenn in irgendeiner Form, als nahes oder fernes Ziel auch die Option dahintersteckt, dass Menschen sich selbst dorthin begeben können.

    Wenn willentlich auf dieses Ziel verzichtet wird, dann kriegt man auch nicht annähernd die Mittel. Und dann gibt’s auch nicht annähernd die Wissenschaft.

  4. Eugen Reichl is back in town! 🙂

    … und auch gleich mit einem wirklich fulminanten Beitrag. Ich finde, er verdient es, dass man sich mit ihm inhaltlich auseinandersetzt.

    Das werde ich auch tun, allerdings erst morgen – heute ist es zu spät.

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