Atlantis – Thor 5 – WINDS

BLOG: Astra's Spacelog

Raumfahrt: Informationen – Meinungen – Hintergründe
Astra's Spacelog

In meinen Raumfahrtvorträgen erlebe ich immer wieder, dass in der Öffentlichkeit völlig falsche Vorstellungen über die Häufigkeit von Weltraumstarts, ihre Erfolgsquote und die Art der Nutzlasten bestehen. Je nach grundsätzlicher Einstellung zum Thema tragen die Menschen den Eindruck mit sich – und das ist jetzt nur eine kleine Auswahl – dass Starts von Satelliten- und Raumsondenträgern…

• Fast ausschließlich militärisch geprägt sind
• Sehr häufig stattfinden
• Extrem selten stattfinden
• Fast nie funktionieren, weil Raketen immerzu explodieren
• Eine ungeheure Belastung für die Umwelt darstellen
• So sicher sind, dass es nicht lohnt, darüber zu berichten
• Ausschließlich von den USA, Russland und Europa durchgeführt werden

Diese selektive Art der Wahrnehmung ist kein Wunder und absolut verzeihlich. Sie passiert mir auf Gebieten, in denen ich nicht bewandert bin, ebenso.

Sehen wir uns nur mal die drei letzten Orbitalmissionen an: den Start der Raumfähre Atlantis von Cap Canaveral, den Start des norwegischen Kommunikationssatelliten Thor 5 in Baikonur und den Start des Internet-Satelliten WINDS/Kizuna von Tanegashima. Von welchem dieser drei Starts – allesamt haben sich in den vergangenen drei Wochen ereignet – haben Sie etwas wahrgenommen?

Richtig. Ausschließlich von dem der Raumfähre Atlantis. Über die anderen beiden Missionen haben die Medien nicht berichtet. Sie existieren somit für die breite Öffentlichkeit nicht.

Eine der Aufgaben meines Blogs ist es,  die Kunden der Kosmologs vollständig über alle Starts weltweit zu informieren. Das ist weder eine so singuläre Aktivität, wie uns die Medien glauben machen, noch eine Aufgabe, die einen Blogger Tag und Nacht beanspruchen würde.

Bis zum Ende dieses Jahres erwarte ich zwar eine Rekordzahl von Starts in diesem neuen Jahrtausend. Trotzdem werden das am Schluss nicht mehr als etwa 80 sein. In den meisten Wochen jeweils etwa ein Start, in manchen Wochen zwei, in einigen wenigen drei. Und manchmal findet auch zwei Wochen lang gar keiner statt.

Damit es trotzdem nicht zu viel wird, berichte ich immer im Zweier- oder Dreierpack, in einigen wenigen Ausnahmen auch mal einzeln, wenn die Medien hierzulande mal wieder eine wichtige wissenschaftliche oder kommerzielle Mission gar nicht wahrnehmen. Und damit die Beiträge nicht ungebührlich lang werden, verweise  ich mittels Link auf den vollständigen Bericht, den ich jeweils auf "Der Orion" poste. Der interessierte Leser mag sich dort im Detail informieren.

Und nun zu den Starts, die in den letzten drei Wochen erfolgt sind:

Am 8. Februar begann mit zwei Monaten Verzögerung die Mission der Raumfähre Atlantis. Das Kommando über die Colombus-Mission hatte NASA-Astronaut Steven Frick. Sein Stellvertreter ist Shuttle-Pilot Alan Poindexter. Mit an Bord befanden sich die NASA-Missionsspezialisten Rex Walheim, Stanley Love und Leland Melvin und zwei Astronauten der ESA: der deutsche Missionsspezialist  Hans Schlegel und der Franzose Leopold Eyharts. Die beiden Europäer hatten ihren Aufgabenschwerpunkt bei der Installation des neuen Weltraumlabors Columbus. Anschließend löste Eyhardts Dan Tani als Langzeitmitglied der ISS ab. Tani flog nach vier Monaten Aufenthalt auf der ISS mit der STS 122-Crew wieder zur Erde zurück.

Den "Schwerpunkt ISS" deckt in den Kosmologs Markus Landgraf ab, deshalb berichte ich in der Regel nicht darüber. Meine Postings zum Flug der Atlantis sind hier und hier zu finden.

Am 11. Februar brachte eine Proton M Breeze M den norwegischen Kommunikationssatelliten Thor 5 direkt in einen geostationären Orbit. Direkteinschüsse sind eine Spezialität der Proton. Nur sehr wenige andere Trägerraketentypen können das in einer Standardkonfiguration bewältigen. Üblich sind Einschüsse in geostationäre Transferbahnen.

Der Start erfolgte um 12:34 Uhr in Baikonur bei kaltem (-17 Grad Celsius) aber kristallklarem Winterwetter. Aufgrund des Direkteinschusses konnte einer der relativ seltenen Tagstarts durchgeführt werden, was diese Mission für die Beobachter besonders eindrucksvoll machte.

Thor 5 wurde von Orbital Sciences Corporation auf Basis der Star -2 Plattform für die Norwegische Firma Tele-NOR gebaut. Die Startmasse des Satelliten beträgt gut 2.000 kg. Er soll den 10 Jahre alten Thor 2 ersetzen, der sich langsam dem Ende seiner technischen und wirtschaftlichen Lebensdauer nähert. Die 24 Ku-Band Transponder von Thor 5 werden Telekommunikationsdienstleistungen für Nord- und Zentraleuropa sowie für den mittleren Osten zur Verfügung stellen. Den ausführlichen Startbericht mit einer schönen Bilderstrecke finden Sie hier.

Und am 24. Februar brachte die japanische Raumfahrtbehörde einen experimentellen Kommunikationssatelliten der neuesten Generation mit der Bezeichnung WINDS in den Orbit. Es ist dies der erste Satellit der ausschließlich für die Bereitstellung von Internet-Services vorgesehen ist. Er soll im südostasiatischen Raum Breitband-Internetdienste zur Verfügung stellen. WINDS steht für "Wideband INternetworking Engineering Test and Demonstration Satellite".

Das Raumfahrzeug wurde von der 14. Trägerrakete des Typs H-2A vom Startkomplex Yoshinobu auf der Insel Tanegashima am Südende des japanischen Archipels in den Orbit gebracht. Der Träger – wie üblich in den Farben Orange und Weiß – war mit zwei großen und vier kleinen Feststoff-Zusatzraketen bestückt. Der Liftoff erfolgte um 9:55 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Den Startbericht dazu können Sie hier einsehen.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

2 Kommentare

  1. Himmel…

    80 Starts sind doch schon ne ganze Menge, wenn man bedenkt dass das überwiegend Satellitentransporte sind. So langsam wird das bestimmt ganz schön eng da oben…

  2. Da ist was dran

    Die 80 Starts, die ich in diesem Jahr erwarte (letztes Jahr waren es genau 68) bedeuten übrigens nicht automatisch auch 80 Objekte. Es sind tatsächlich wesentlich mehr, denn in den meisten Fällen kreist noch die Endstufe der Rakete mit im Orbit, die den Satelliten hoch gebracht hat. In vielen Fällen wird auch von einem einzelnen Träger mehr als nur ein Satellit gestartet.

    Es gibt einige hoch beliebte Bahnen oder sogar Bahnpunkte, auf denen sich die Satelliten dicht an dicht tummeln. Einige Betreiber von Kommunikationssatelliten legen es sogar drauf an, ihre sendenden Kapitalanlagen im geostationären Orbit möglichst eng zu “clustern”, um an einem bestimmten Punkt möglichst viele Transponder und möglichst viele verschiedene Sende-Bänder zur Verfügung zu haben. Die werden tatsächlich vom Boden aus beobachtet, um sicher zu stellen, dass sie sich nicht zu nahe kommen. Auf einem Raumkubus mit der Grundfläche der Stadt München können dann da schon vier oder fünf Satelliten stehen.

    Früher waren Bahnen, die von 28 oder 51 Grad nördlicher Breite nach Osten führten recht dicht belegt. Diese Bahnen führen von Cap Canaveral und Baikonur weg und nutzten die Erdrotation maximal. Das hat nachgelassen, denn die heutigen Träger sind leistungsfähig genug, Satelliten jeweils in zweckoptimierte Bahnen zu entsenden.

    Auch polare Morgen- und Abendbahnen sind für Erdbeobachtungszwecke sehr beliebt (und belebt).

    Zwischendrin herrscht aber doch beträchtliche Leere und je mehr Abstand von der Erde besteht, umso mehr dünnt es aus.

    Die ganz großen Brocken gehen ohnehin entweder zur ISS (Raumstationsmodule) oder kehren wieder zur Erde zurück (Shuttle, Progress, Sojus, ATV). Auch die meisten Endstufen verglühen meistens nach relativ kurzer Zeit wieder in der Erdatmosphäre.

    Die Jahresmenge an Material, die fürs Erste nicht mehr runterkommt (oder auf heliozentrische Bahnen entschwindet) dürfte in etwa so groß sein, dass sie ein Becken in einem durchschnittlichen städtischen Schwimmbad füllen würde.

    Richtig gefährlich sind nur die Altlasten (z.B. Trümmer von explodierten Raketenstufen oder explodierten Satelliten) oder die Trümmerwolken, die bei Satelliten-Abschussversuchen entstehen, wie dem im letzten Jahr durch China, als ein (chinesischer) Wettersatellit auf der belebten 800 Kilometer-Polarbahn zerstört wurde. Seitdem kreuzt eine Trümmerwolke aus mehreren tausend Schrapnells die Bahnen vieler anderen Satelliten. Und diese Wolke fliegt in einer Höhe, in der sie noch für Jahrzehnte ein Problem darstellen wird.

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