Arizona-Massaker trifft NASA

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Vor wenigen Tagen hat ein 22jähriger Mann in einem Supermarkt in Tucson, Arizona sechs Menschen erschossen und zwölf weitere zum Teil schwer verletzt. Unter letzteren ist auch das primäre Opfer seines Anschlags, die US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords. Giffords ist eine der Hoffnungsträgerinnen der Demokratischen Partei. Sie hatte sich erst kürzlich bei den "Mid-Term Elections" für das Repräsentantenhaus gegen ihren republikanischen Kontrahenten durchgesetzt. Und das immerhin in einer Zeit, wo die Linien der Demokraten auf breiter Front einbrechen.

Eine Tragödie, gewiss. Doch was hat das mit Raumfahrt zu tun?

Nun, Gabrielle Giffords ist nicht nur als liberal bekannt (und daher den rechten Hardlinern aus dem Bibelgürtel ein Dorn im Auge). Sie ist nicht nur bekannt als Befürworterin von Obamas Gesundheitsreform, sie ist auch bekannt als Verfechterin eines starken US-Raumfahrtprogramms.

Gabrielle Giffords war, anders als ihr Präsident, Befürworterin des Constellation-Programms, konnte sich damit aber nicht durchsetzen. Dennoch sollte sie in Kürze die Sprecherin der Demokraten im Raumfahrtausschuss des neuen Kongresses werden.

Und sie ist – und damit kommen wir zum Thema – mit einem Astronauten verheiratet. Mit Shuttle-Commander Mark Kelly, der sich in diesen Tagen in der finalen Phase der Vorbereitung für den wahrscheinlich vorletzten Shuttle-Flug des Programms befindet, Starttermin: 1. April 2011.

Gabrielle Giffords (mitte) und Mark Kelly (rechts) bei Giffords Vereidigung

Kelly’s Auftrag ist es, mit seiner Crew und der Raumfähre Endeavour das Alpha Magnet Spectrometer zur Internationalen Raumstation zu bringen. An Bord der Raumstation befindet sich übrigens gerade der Schwager von Gabrielle Gifford: Mark Kellys Zwillingsbruder Scott. Er ist dort Kommandant der sechsköpfigen Expeditionscrew 27. Scott Kelly führt – das nur nebenbei – von der Raumstation aus auch einen Twitter-Log unter @StationCDRKelly (und auch Mark Kelly hat einen mit der Bezeichnung @ShuttleCDRKelly).

Mark Kelly ist Marineflieger im Rang eines Kapitäns zur See, einem Dienstgrad, den er weiter innehat, denn er ist von der Navy nur zur NASA abgestellt. Dort (wie bei allen fliegenden militärischen Verbänden) ist es üblich, einen Piloten während einer ernsten persönlichen Krise für eine gewisse Zeit zu "grounden".  Ein Pilot, der sich nicht voll auf die Steuerung seines Fluggeräts und die Durchführung seiner Mission konzentrieren kann, und damit womöglich sein eigenes Leben und das seiner Crew gefährdet, wird als Sicherheitsrisiko betrachtet.

Gabrielle Giffords Zustand ist kritisch. Sie hat einen Kopfdurchschuss erlitten, den sie wie durch ein Wunder überlebt hat. Aber gerade mal eben so. Sie steht nun am Anfang einer sehr langen Heilungsperiode und die Wahrscheinlichkeit bleibender Schäden ist hoch. Mark Kelly sollte jetzt an ihrer Seite sein, doch zweieinhalb Monate vor seiner Mission, bleibt ihm dafür eigentlich kaum Zeit.

Mark Kelly steht nun vor zwei Möglichkeiten, Er könnte mit dem Kommandanten des allerletzten Fluges tauschen (der momentan für Juni angesetzt ist) oder er könnte von seinem Flug zurücktreten, mit der Gewissheit, nie wieder in den Weltraum zu fliegen, denn für Shuttle-Commander gibt es in Zukunft nichts mehr zu tun.

Mark Kelly (links) und STS 134 Crew

Und es erhebt die generelle Frage, was zu tun ist, wenn aktiven Astronauten kurz vor oder während einer Mission ein persönlicher Schicksalsschlag trifft.

Dafür gibt es nur insofern eine Regel, als die Besatzungsmitglieder vor dem Flug bestimmen können, ob sie in so einem Fall während ihrer Mission benachrichtigt werden wollen. Die meisten entscheiden sich für die Information, so wie etwa Daniel Tani, der sich 2007 gerade bei einer Langzeitmission an Bord der ISS befand, als seine Mutter bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.

Der russischen Kosmonaut Georgi Gretschko entschied sich anders, und erfuhr erst nach seiner Rückkehr von der Station Saljut 6, dass sein Vater schon seit Monaten tot war.

Die Zeiten sind jetzt allerdings anders als bei Gretschkos Flug (im Jahre 1978). Astronauten und Kosmonauten an Bord der ISS können eMails empfangen und senden und obwohl sie über gesicherte Kanäle laufen ist es ist fraglich ob man ein solches oder ähnliches Ereignis unter Verschluss halten könnte. In Unglücksfällen, bei denen nächste Angehörige betroffen sind geht das sicher nicht. Es würde schnell auffallen, wenn plötzlich kein Kontakt mehr einem bestimmten Angehörigen besteht. Und dann sind ja an Bord der ISS in der Regel noch fünf weitere ständige Besatzungsmitglieder, die ihrerseits Mails bekommen. Und gelegentlich kommen Besuchscrews, die ebenfalls Bescheid wissen.

Im Falle der ISS lässt sich also mit schlechten Nachrichten nicht so einfach hinter dem Berg halten. Selbst bei Missionen, die eines Tages in den tieferen Weltraum führen, dürften sie nicht ohne weiteres zu verbergen sein. In jedem Fall, betrifft es die ISS oder eines Tages ein Raumschiff auf dem Weg zum Mars: kein Astronaut, der bereits die Erde verlassen hat, hat die Möglichkeit ans Krankenbett seiner Lieben zu eilen, oder an einer Beerdigung teilzunehmen. Das persönliche Schicksal muss hier in den Hintergrund treten.

Etwas anderes ist die Frage, ob ein Astronaut aus einem Programm ausscheiden soll, wenn ihn oder sie kurz vor Beginn der Mission ein schwerer Schicksalsschlag trifft. Das wird, wie bei Mark Kelly in jedem Einzelfall zu bewerten sein. Die Entscheidung ist nicht leicht, und Mark Kelly muss sie binnen weniger Tage treffen…

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

7 Kommentare

  1. Giffords Position zu Waffengesetzen

    Gabrielle Giffords ist übrigens auch Gegnerin verschärfter Regelungen des privaten Waffenbesitzes:

    http://en.wikipedia.org/…lle_Giffords#Gun_rights

    Aber vielleicht überdenkt sie ihre diesbezügliche Position ja noch einmal im Licht der neuen Geschehnisse.

  2. Giffords Position

    Ohne mich jetzt ausführlich in ihr Programm vertieft zu haben, denke ich – aber das ist meine persönliche Meinung – dass man auch ein gehöriges Maß an stockkonservativen Werten vertreten muss, um in einer Gegend wie Arizona eine Wahl zu gewinnen. Knapp genug war es ja beim letzten Mal. Demokratin + Befürworterin der Gesundheitsreform + Erneuerbare Energien, das wird für die Leute dort ohnehin schon schwer zu schlucken sein. Und die “National Rifle Association” und die “Gun Owners of America” scheinen ihr die Unterstützung der “gun rights” ohnehin nicht so recht abzukaufen, wenn man die “ratings” sieht (D+ und D-). Ich denke mir überhaupt, dass es kaum einen Schutz davor darstellen wird, sich in der Gegend und in dieser Position eine Kugel einzufangen, wenn man sich als Gegner des unbeschränkten Waffenbesitzes outet.

  3. Votesmart

    Das ist wirklich interessant. Da kommt einiges an Abstimmungen zusammen. Wenn man sich da ein Bild über einen Abgeordneten machen will, hilft das sicher weiter. Vor allem, wenn man bedenkt, dass in den USA nicht dieser Fraktionszwang herrscht, wie bei uns. Da kann der einzelne noch ein eigenes Profil entwickeln.

  4. Sturckow ersetzt (vorläufig) Mark Kelly

    …und seit heute liegt eine Entscheidung vor. Die Chefastronautin der NASA, Peggy Whitson, benannte ihren Stellvertreter Frederick Sturckow als Ersatzmann für Mark Kelly. Sie gab gleichzeitig bekannt, dass Kelly auch weiterhin als Kommandant der Mission STS 134 geführt wird, und Sturckow ihn gegenwärtig nur für das laufende Training ersetzen soll. Frederick Sturckow flog bereits viermal mit dem Shuttle zur ISS, zuletzt als Kommandant der Mission STS 128 im August und September 2009. Als Starttermin für STS 134 ist derzeit der 19. April geplant.

  5. Mark Kelly verweigert Medienauftritte

    Mark Kelly hat entschieden, Meidenauftritte im Vorfeld des letzten Endeavour-Flugs, bei dem er als Kommandant fungieren wird, abzusagen. Er hat es einfach satt, auf die immergleichen persöichen Fragen zu antworten. Das finde ich voll nachvollziehbar.

    http://spaceflightnow.com/…e/sts134/110323kelly/

  6. Mark Kelly verweigert Medienauftritte

    Auslöser dafür waren wohl das ständige Insistieren der Presse auf diesem Punk, das sein Zwillingsbruder Scott Kelly nach dessen Rückkehr von der ISS vor wenigen Tagen erlebte. Auch der weigerte sich schon, immer wieder die selben Fragen zum immer wieder selben Thema zu beantworten.

    Die Haltung Mark Kelly’s kann nicht genug gewürdigt werden. Sie ist die einzig Richtige. Die Mission, ihre Ziele und die Bedeutung der anderen Besatzungsmitglieder würden vor dem Hintergrund dieser sensationslüsternen Berichtung völlig in den Hintergrund treten. Sich selbst hier bewusst aus dem Fokus der (vor allem) Boulevard-Presse zu nehmen, und das offensichtlich auch im Gegensatz zu den Interessen der NASA-Presseleute zu tun, zeugt von einem Format das ich hierzulande bei Personen öffentlichen Interesses und öffentlichen Lebens schmerzlich vermisse. Schlicht nur das zu tun, was der Anstand und der Respekt für andere – in diesem Fall für seine schwer verletzte Frau – gebieten, das ist selten geworden.

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