Absturzhysterie um Tiangong-1

Um den 1. April herum wird das chinesische Raumstationsmodul Tiangong-1 Geschichte sein.  Die wenigen Teile, die ihren Wiedereintritt in die Erdatmosphäre überleben werden, sind dann irgendwo unauffindbar in den Weltmeeren versunken oder liegen verbeult in irgendeiner Wüste. Die Hysterie um diesen Vorfall war zuletzt kaum noch auszuhalten. Seit Wochen war das Objekt unter intensiver Beobachtung der Mainstream-Medien, die sich an Blödsinn in der Berichterstattung gegenseitig zu übertrumpfen versuchten. Hier mal ein paar Schlagzeilen-Schnipsel, wahllos innerhalb von ein paar Sekunden aus dem Internet gefischt.

Bange Frage des Berchtesgadener Anzeigers: Kracht Tiangong 1 auf Deutschland?

 

Oder vielleicht eher, wie Bild vermutet, Mallorca?

 

Science ist jedenfalls der Meinung, dass die chinesische Raumstation New York oder Madrid treffen könnte.

 

Und “Heute” nimmt gar an, die Raumstation könnte beim Absturz die Umwelt vergiften

Ich hab jetzt keine Ahnung, warum ausgerechnet Tiangong-1 diese Medien-Aufmerksamkeit bekommt, denn weder  ist das Vehikel besonders groß, noch das Ereignis sonderlich selten. Das Gerät  ist in derselben Klasse wie die ISS – Zubringer-Raumfahrzeuge der Typen Dragon, Progress, Cygnus, ATV, HTV und Sojus. Die werden allerdings nach Ende ihrer jeweiligen Missionen kontrolliert zur Erde zurückgebracht. Aber auch unkontrollierte Wiedereintritte von Objekten der Tiangong-Größe sind fast an der Tagesordnung. Vor allem aus den sechziger bis nuller Jahren sind noch mehrere hundert Raketenendstufen im Orbit, allesamt in etwa in der Größenordnung von Tiangong 1,  die irgendwann in der Zukunft ungesteuert in die Erdatmosphäre herabsinken und verglühen werden.

In den vergangenen Tagen ist beispielsweise – völlig unbeachtet von der Mainstream-Presse – die zweite Stufe einer Long Marsch 3B (am 19. März um 6:52 Uhr über Paraguay, Masse etwa 11 Tonnen, und damit schwerer als Tiangong) in die Erdatmosphäre eingetreten. Fast in der gleichen Gegend (über Peru) war am 27. Januar die zweite Stufe einer russischen Zenit 3 SL-Trägerrakete abgestürzt. Ihr Leergewicht betrug etwa 9 Tonnen. Am 23. März verglühte über Sardinien die dritte Stufe der Sojus-Trägerrakete, mit der wenige Tage zuvor die Crew von Sojus MS-08 zur ISS gestartet wurde. Und eins der nächsten größeren Objekte, das bald nach Tiangong seinen Weg in die Erdatmosphäre finden wird, ist RXTE, der Rossi X-Ray Timing Explorer. Er wiegt 3,2 Tonnen, wurde 1995 gestartet, und ist seit 2012 außer Betrieb. Auch ihn wird die Mainstream-Presse ignorieren. Kleineres Gerät kommt fast täglich runter, wie just eben zu der Uhrzeit, zu der ich diese Zeilen schreibe (27.3., 17:30 Uhr) der 700 Kilogramm schwere Iridium 23, ein ausgedienter Mobilfunk-Satellit.

Ereignisse dieser Art sind vom Gefahrengesichtspunkt her zu vernachlässigen. Der in den Medien pausenlos zitierte ESA-Experte Holger Krag gab an (in einem Interview mit dem WDR, aber der Mann muss die letzten Wochen allen möglichen Medien dutzende von Interviews gegeben haben, denn man trifft überall auf seinen Namen): “..dass die Wahrscheinlichkeit, von einem Trümmerteil verletzt zu werden, so hoch ist, wie die Wahrscheinlichkeit zweimal in einem Jahr vom Blitz getroffen zu werden.” Was insofern nicht ganz stimmen kann, weil die Sache mit den zwei jährlichen Blitzeinschlägen in die selbe Person bereits mehrmals vorgekommen ist, wogegen in der gesamten Raumfahrtgeschichte kein einziger Fall belegt ist, dass ein Mensch durch ein aus dem Orbit fallendes Objekt auch nur leicht verletzt wurde. Soweit bekannt ist, auch kein Tier, das größer als eine Ameise ist. Und vielleicht noch nicht einmal die, denn das mit der Ameise ist jetzt einfach mal eine Vermutung von mir.

Bei Tiangong-1 handelte es sich um Chinas erstes experimentelles Raumstationsmodul. Es war am 30. September 2011 gestartet worden und wurde danach zweimal von chinesischen Crews besucht. Später wurde das Mini-Habitat noch einer Reihe unbemannter Tests unterzogen. Bis März 2016 bestand noch Kontakt mit dem Vehikel, aber dann gab es an Bord einen Kurzschluss, und ab da hatte die Kontrollstation in China keinen Einfluss mehr auf die Bahnbewegungen des Teils. Was schade war, denn die chinesischen Ingenieure hatten durchaus geplant, Tiangong-1 kontrolliert über dem Südpazifik zurückzubringen, um auch noch das allerletzte Restrisiko eines Personen- oder Sachschadens auszuschalten.

Tiangong 1 ist etwa 10 Meter lang, hat einen Durchmesser von 4 Metern und wog nach dem Start etwa achteinhalb Tonnen. Das Ding hat also die Abmessungen und das Gewicht eines kleineren Lastwagens (oder, wie das Bildchen unten zeigt, eines US-Schulbusses). Am Ende dürften es nicht mehr als etwa sieben Tonnen sein, denn der Treibstoff an Bord ist weitgehend verbraucht. Die Flugbahn bewegt sich zwischen 42,8 nördlich und südlich des Äquators. Damit ist Deutschland beim Absturz also schon mal außen vor. Von dem Statiönchen dürften am Boden aller Voraussicht nach Fragmente im Gesamtgewicht von einigen hundert Kilogramm, verteilt auf ein Dutzend Objekte, ankommen. Der Rest wird in den oberen Schichten der Atmosphäre verdampfen.

Der @techinsider hat diesen netten Größenvergleich geschaffen.

Interessant sind diese abstürzenden Raumfahrtobjekte aber allemal, und wer sich für sowas interessiert, sollte bei Twitter Jonathan McDowell @planet4589 und Marco Langbroek @Marco_Langbroek  folgen. Die beiden haben sich  die Bahnanalysen abstürzender Großobjekte zum Hobby gemacht. Von McDowell stammen auch einige interessante statistische Daten. Er hat herausgefunden, dass von den 94 Raketenendstufen, die beispielsweise im Jahr 2000 im Orbit platziert wurden (zusätzlich zu den Satelliten, die sie abgesetzt haben), nur ganze drei aktiv und gezielt zum Absturz gebracht wurden. Der Rest wurde sich selbst überlassen. Von diesen verbliebenen 91 Endstufen sind inzwischen 49 wieder zur Erde zurückgekehrt (ganz ohne irgendwelchen Presse-Bohei). 41 sind noch oben. Im Jahr 2017 wurden 90 Endstufen platziert, von denen 26 aktiv “de-orbited” wurden. Also schon viel mehr, als 17 Jahre zuvor. 15 weitere sind inzwischen unkontrolliert wieder in die Erdatmosphäre eingetreten, der Rest ist noch oben. Aktives “De-orbiting” nimmt also deutlich zu.

Diese Tabelle zeigt den Verbleib der Raketenendstufen des Jahres 2017. Er stammt von Jonathan McDowell (@planet4589)

Das bislang schwerste Objekt übrigens, das einen unkontrollierten Wiedereintritt erlebte, war die Raumfähre Columbia, die am 14. Februar 2003 über Texas auseinanderbrach. Sie hatte eine Masse von etwa 105 Tonnen. Das zweitschwerste Objekt war die US-Raumstation Skylab, gefolgt von den sowjetischen Raumstationen Kosmos 557 und Saljut-7. McDowell hat mehr als 50 Objekte identifiziert, die unkontrolliert in die Erdatmosphäre eingetreten sind und die schwerer waren als Tiangong-1. Das schwerste jemals aus dem Orbit zurückgekehrte Objekt, die sowjetisch/russische Raumstation Mir mit einer Masse von 143 Tonnen, ist allerdings kontrolliert über dem Südpazifik zum Absturz gebracht worden. Und damit zählt sie nicht zu dieser Liste.

Ich bin Raumfahrt-Fan seit frühester Kindheit. Mein Schlüsselerlebnis ereignete sich 1963. Ich lag mit Masern im Bett. Und im Fernsehen kam eine Sendung über Scott Carpenters Mercury-Raumflug. Dazu der Kommentar von Wolf Mittler, dem Stammvater der TV-Raumfahrt-Berichterstattung. Heute bin ich im "Brotberuf" bei Airbus Safran Launchers in München im Bereich Träger- und Satellitenantriebe an einer Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Technik tätig. Daneben schreibe ich für Print- und Onlinemedien und vor allem für mein eigenes Portal, "Der Orion", das ich zusammen mit meinen Freundinnen Maria Pflug-Hofmayr und Monika Fischer betreibe. Ich trete in Rundfunk und Fernsehen auf, bin Verfasser und Mitherausgeber des seit 2003 erscheinenden Raumfahrt-Jahrbuches des Vereins zur Förderung der Raumfahrt (VFR). Aktuell erschien in diesen Tagen beim Motorbuch-Verlag "Interkontinentalraketen". Bei diesem Verlag sind in der Zwischenzeit insgesamt 16 Bücher von mir erschienen, drei davon werden inzwischen auch in den USA verlegt. Daneben halte ich etwa 15-20 mal im Jahr Vorträge bei den verschiedensten Institutionen im In- und Ausland. Mein Leitmotiv stammt von Antoine de Saint Exupery: Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge zu verteilen und Arbeit zu vergeben, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten unendlichen Meer. In diesem Sinne: Ad Astra

5 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “Ich hab jetzt keine Ahnung, warum ausgerechnet Tiangong-1 diese Medien-Aufmerksamkeit bekommt”

    Na weil es eine Raumstation der bösen, bösen Chinesen ist. Da ist alles dann ganz bedrohlich und gefählich. Es droht quasi der Kommunismus unkontrolliert auf die Welt zu stürzen und ganze Erdteile zu verwüsten. Qualitätsjournalismus eben.

  2. Was den Blödsinn in der Berichterstattung betrifft – heute auf einer elektronischen Info-Tafel am Münchner Ostbahnhof gelesen:

    “Tiangong-1 wird über der Südhalbkugel abstürzen – Deutschland nicht betroffen”

    Ah ja. Im Gegensatz zum Rest der Menschheit kennt der zuständige Redakteur also den Absturzzeitpunkt heute schon auf ungefähr eine Dreiviertelstunde genau.

  3. H. Morlok: Vielen Dank für den Spiegel-Artikel über Skylab. Ich hab ihn mit Genuss gelesen. Vom Tonfall her könnte das gestern gewesen sein. Seinerzeit sind eine ganze Reihe von Trümmern in der Gegend von Perth, in Australien gefunden worden. Skylab war aber auch – mit 77 Tonnen Gewicht – im Vergleich zu Tiangong-1 ein ganz schönes “Trumm”.

    H. Polak: Insgesamt liegt der Redakteur gar nicht so falsch, denn erstens ist Deutschland tatsächlich nicht betroffen und zweitens liegt die Wahrscheinlichkeit, dass das Ding auf der Südhalbkugel runterkommt, bei 50 Prozent. Es bewegt sich ja bei jedem Umlauf 45 Minuten auf der Nordhalbkugel und 45 Minuten auf der Südhalbkugel. Es gibt Boulevardzeitungen, deren Meldungen durch das ganze Blatt hindurch nicht annähernd diesen Wahrheitsgrad aufweisen.

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