War Goliat „nur“ ein Elitekämpfer?

Peter van der Veen Der vom Hirtenknaben David um 1000 v. Chr. mit einer Steinschleuder getötete „Riese“ Goliat gehört sicher zu den bekanntesten Gestalten der Bibel  (vgl. 1. Samuel Kap. 17). Denn die Geschichte wurde eindrucksvoll erzählt und so spendet Trost: Auch der „kleine Mann“ vermag sich zu behaupten, wenn er geschickt und findig ist. Abgesehen davon gilt die Erzählung gemeinhin als Phantasiegebilde.

Doch diese Einschätzung ist vielleicht ein wenig vorschnell.

Der Glaube an Riesen war im Altertum auch im Vorderen Orient weit verbreitet. So schildert das mesopotamische Epos um den Helden Gilgamesch sein Ringen mit dem Riesen Humbaba. Dieser Kampf war jahrhundertelang ein beliebtes Bildmotiv. Und noch um Jesu Geburt war die Goliath-Erzählung lebendig: Drei mit etwa 1,90 Meter überdurchschnittlich große Mitglieder einer Familie aus Jericho wurden auf ihren Gebeinkästen mit diesem Beinamen gekennzeichnet. 

Das Buch Samuel beschreibt Goliat als „Vorkämpfer“ der Philister (einem aus der Ägäis stammenden Volk). Er soll in einem Duell über Sieg oder Niederlage entscheiden. Das entspricht vermutlich den Gepflogenheiten jener Zeit, sind solche Vorkämpfer doch auch in altägyptischen, hethitischen und nicht zuletzt in den homerischen Heldensagen belegt. Die Beschreibung des Waffenarsenals Goliats passt gut zu archäologischen Funden aus der altmediterranen und vorderasiatischen Welt. Der Vergleich des Speeres mit einem „Weberbaum“ meint vermutlich weniger dessen Größe als seine Handhabung und besondere Wirkung. Mit Hilfe einer Schlinge, wie sie eben auch an einem Weberbaum befestigt war, konnte ein geübter Soldat vier Mal so weit werfen. Ähnliche Waffen wurden im Mittelmeerraum bereits Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. in der Schlacht eingesetzt. In jener Zeit waren auch sichelförmige Hiebschwerter in Ägypten und  Palästina weit verbreitet.

In einer weiteren Geschichte im 2. Buch Samuel Kapitel 21,15-22 werden Mitglieder der Goliat-Familie als Söhne „Rapas“ beziehungsweise als „Rephaim“ bezeichnet. So benennen Inschriften aus der nordsyrischen Küstenstadt Ugarit im 2. Jahrtausend auch Könige und Elitekrieger eines Urvolkes. Auch in der Bibel (Josua Kapitel 13,11-12) werden die Vorfahren dieser außerordentlichen Menschen mit einem Volk in Verbindung gebracht, das ursprünglich auf den Golanhöhen, östlich des Sees von Genezaret, wohnte. Und genau dort verortet die ugaritische Überlieferung den mythischen König Rapa’u. Dass der Name Rapa auch im 8. Jahrhundert v. Chr. noch in Gebrauch war, belegt eine Inschrift aus Gat (Tel es-Safi), der angeblichen Heimatstadt des Goliat, die Archäologen der Bar-Ilan Universität vor wenigen Jahren entdeckt haben.

In den Schriftrollen vom Toten Meer und in griechischen Übersetzungen des Alten Testaments steht im Übrigen zu lesen, dass Goliat „nur“ zwei Meter groß gewesen sei. Das verträgt sich durchaus mit Statistiken, die zum Beispiel von der israelischen Altertumsbehörde aufgrund hunderter männlicher Skeletten aus der Bronze- und Eisenzeit (3000 – 500 v. Chr.) erstellt worden sind. Zwar waren Männer in jener Zeit durchschnittlich nicht größer als 1,64 Meter. Doch robuste Kerle zwischen 1,85 und 2,00 Meter kamen durchaus vor und dienten dann vermutlich meist als Elitekämpfer in der Armee. Solche Skelette kamen bei Grabungen in Gezer (Israel) und Tell es-Sa’idija (Jordanien) zu Tage. Auch ägyptische Quellen aus der Ramessidenzeit (ca. 1200 v. Chr.) bestätigen, dass solche „riesigen“ und gefährlichen Krieger einst in Syrien und im Heimatland der Bibel lebten.

Und ein Vorkämpfer trat aus den Reihen der Philister, sein Name war Goliat, aus Gat; sechs Ellen und eine Spanne ragte er auf. Und er trug einen bronzenen Helm und war mit einem Schuppenpanzer bekleidet … Und er hatte bronzene Schienen an seinen Beinen und ein bronzenes Krummschwert auf seiner Schulter. Und der Schaft seines Speeres war wie ein Weberbaum .’ 1. Buch Samuel Kap. 17,4-7.

 

 

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Peter van der Veen hegt seit seiner Jugend großes Interesse an der Geschichte und Archäologie der Bibel. Er ist Leiter einer deutschen Arbeitsgruppe für Biblische Archäologie und arbeitet seit seiner Promotion über antike Beamtensiegel (Uni Bristol, 2005) an mehreren Forschungsprojekten zur Archäologie des alten Israel.

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  1. Klingt vernünftig… Hochgewachsene Menschen sind für militärische und repräsentative Zwecke bis in die Neuzeit hinein begehrt gewesen. Man denke an die “Langen Kerls”.

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