“Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter bereiten”

BLOG: Archäologische Spatenstiche

Anregungen zur Umwelt der Bibel
Archäologische Spatenstiche

Erika Gitt Noch heute wird im Haushalt vieler gläubiger Juden ein großer Aufwand betrieben, um Fleisch- und Milchprodukte nicht in Verbindung zu bringen. Wenn es die Gläubigen ganz genau nehmen, werden sogar separate Geschirre verwendet, die in keinster Weise miteinander in Berührung kommen dürfen. Diese Trennung wird teilweise so streng durchgehalten, dass es getrennte Kühlschränke, Herde und sogar Geschirrspülmaschinen gibt. Man findet in koscheren Restaurants teilweise sogar getrennte Küchen.

Unter koscherem Essen versteht man reine Lebensmittel nach dem Speisegesetz der Thora. Die lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Milchprodukte (Milch, Joghurt, Käse usw.), Fleischprodukte (Geflügel, Säugetiere) und neutrale Nahrungsmittel (Gemüse, Fisch usw.). Insgesamt finden sich drei Stellen in der Thora (z.B. 5. Mose 14,21b), die auf dieses Gesetz eingehen und im Allgemeinen mit  „Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter bereiten“ übersetzt werden. So wird in den talmudischen Auslegungen dieser Stellen unter anderem vorgeschrieben, das man zwar nach dem Verzehr einer Milchmahlzeit direkt danach eine Fleischmahlzeit zu sich nehmen darf, man aber nach einer Fleischmahlzeit eine sechsstündige Pause einlegen muss und erst danach Milchprodukte wieder zu sich nehmen darf. Neutrale Lebensmittel dürfen jederzeit und zu jedem Gericht gegessen werden. Zur Passahzeit werden diese Speisegesetze noch strenger ausgelegt.

Das Gesetz des koscheren Essens hat eine sehr lange Tradition. Um einen Einblick in die Lebensweise der Israeliten zu bekommen, kann man sich natürlich schriftliche Quellen anschauen, die allerdings verschwindend gering über alltägliche Dinge sprechen. Der andere Weg zur Erforschung des Alltags führt über die archäologischen Funde aus dieser Zeit.

So kann man zum einen durch karbonisierte Samen, Pollen, pflanzliche und tierische Reste und zum anderen durch Keramik auf die Ernährung schließen. Es lassen sich beispielsweise durch die Knochen sagen, dass man das Fleisch kochte und seltener briet. Was die Keramik angeht, so wird die alte Herstellungsweise noch heute durchgeführt und auch die Formen weisen teilweise Ähnlichkeiten mit denen aus der Antike auf.

Gloria London befasst sich mit der Ethnoarchäologie und schrieb über dieses Thema eine interessante kleine Geschichte, die den Grund der Entstehung dieses Gesetzes vielleicht teilweise erklären könnte. Sie beobachtete auf Zypern die Produktion von Keramik auf die alte herkömmliche Weise. In einem Gespräch mit der Töpferin sagte diese folgendes: „Man würde niemals Fleisch in ein Tongefäß mit Milch geben.“

Aber warum?

Nun, schaut man sich die Weinproduktion in der Antike an, so fällt auf, dass man vorzugsweise gebrauchte Krüge nutzte und zwar aus dem einfachen Grund, dass sich die Bakterien, die man zur Fermentation braucht, sich bereits in den Poren des Gefäßes befinden und so ein wesentlich hochwertiger Wein entsteht als dies in neuen Krügen der Fall wäre. Dies scheint auch für Milchprodukte der Fall zu sein. Für die Produktion von Joghurt zu Hause wird bis heute ein wenig Joghurt zur Milch hinzu gegeben, um so die Bakterien an die Milch zu bringen, die dann den Prozess in Gang bringen. In der Antike geschah dies, indem man einfach gebrauchte Milchbehältnisse verwendete, die bereits Bakterien enthielten.

Kommen wir nun zurück zur Töpferin: Diese erklärte ihre Aussage mit der Beobachtung, dass Milch sich grundsätzlich in den Poren von Keramikgefäßen absetzt und dort sauer wird, würde man nun Milch hineingeben, würde daraus eine Art Joghurt. Würde man Fleisch hineingeben, würde das Fleisch sauer schmecken. So könnte eine Erklärung für die Entstehung dieses Speisegesetzes die einfache Beobachtung sein, dass Fleisch einfach nicht schmeckt, vielleicht sogar ungesund ist, wenn man es mit Milchprodukten direkt kocht.

Eine weitere Erklärung geben uns die Maimoniden (eine Gruppe jüdischer Gelehrte im Mittelalter, 12. Jahrhundert). Diese schlugen zur Ergründung des Gesetzes vor, dass man sich vom kanaanitischen Ritual distanzieren wollte, dass Tiere in Milch gekocht wurden in Verbindung mit der Idolverehrung. Dieser Vorschlag wird von einer Keilschrifttafel aus Ugarit (1300 v.Chr.) unterstützt. Diese beschreibt ein ebensolches Ritual. Leider ist man sich bis heute nicht ganz sicher, ob hier von Milch (halav) oder vom Fett (helev) die Rede ist.

Es lässt sich abschließend sagen, dass das Abgrenzen von „heidnischen“ Riten leider nicht mit Überzeugung belegen lässt, ohne sich dabei sehr weit aus dem Fenster zu hängen. Allerdings ist die Annahme, das dieses Verbot aus dem alltäglichen Leben entstanden ist durchaus nachvollziehbar. Wenn man sich vor Augen führt, dass Fleisch nicht alltäglich war und man so auch nichts davon verschwenden konnte und wollte, ist es nur zu verständlich, dass man spezielle Kochgefäße dafür verwendete. Des Weiteren spricht ebenfalls für diese These, dass sich bis heute in vielen Ländern dieser Brauch noch belegen lässt, beispielweise Zypern.

Veröffentlicht von

Erika Gitt studierte an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster in den Fächern: Vorderasiatische Altertumskunde, Koptologie und Früchchristliche Archäologie und promoviert derzeit in Münster im Fachbereich Vorderasiatische Altertumskunde mit dem Thema "Neuassyrische Palastware und deren Imitate in der Levante während der Pax Assyriaca". Seit 2007 ist sie Mitglied der AG für Biblische Archäologie. Erika Gitt hatte bereits in der Kindheit großes Interesse an vorderasiatischer Geschichte und Kultur, speziell für die Levante.

14 Kommentare

  1. Spannender Beitrag, danke!

    Ich finde es sehr gut, dass hier einmal zwei konkurrierende Thesen vorgestellt werden, das zeigt Wissenschaft beim Erkenntnisprozess.

    Aus heutiger Sicht würde ich eher zur zweiten These tendieren: Die Speise-, Kleidungs- und Zeitgebote sichern beobachtbar Identität und Zusammenhalt der jüdischen Gemeinschaften. Auch kennen wir viele Beispiele, in denen Abgrenzungen gegen umgebende Kulte zur Gebotsnorm erhoben werden.

    Andererseits aber schließt das eine das andere m.E. überhaupt nicht aus: Zum Beispiel könnte die Beobachtung “unerwünschter Nebenwirkungen” die Gebotsformulierung begünstigt und deren Sinnhaftigkeit bestärkt haben. Religiöse Formierung als auch kulturell innovativer Prozess.

  2. Mir scheinen die kultischen Gründe auch plausibler zu sein. Es gibt ja viele weitere Bibelstellen, die heutzutage als absoluter Blödsinn erscheinen (“Ihr sollt euer Kopfhaar nicht rundum abschneiden. Du sollst deinen Bart nicht stutzen.” [3. Mose 19,27]). Doch wenn man weiß, daß die geschorenen Haare der Kanaaniter eine religiöse Bedeutung hatte und die Juden sich damit äußerlich distanzieren wollten, sieht das schon anders aus. Ich glaube, in Indien scheren sich manche Frauen heute noch die Haare und weihen es einem Götzen.

  3. Natürlich sieht man hinter den meisten religiösen Gesetzen vor allem die Abgrenzung zu anderen Völkern. Allerdings ist bei diesem Speisegesetz dann noch die Frage zu stellen: Warum gibt es so ein “Gesetz” auch in anderen Kulturen, die den jüdischen Glauben nicht hatten?
    Ich denke diese Frage ist nicht so leicht zu klären wie wir es gerne hätten…

  4. @ Erika: Naja…

    …aber das eine schließt ja das andere nicht aus. Warum sollte ein Gesetz nicht umso leichter zur Abgrenzung dienen, wenn es noch dazu sinnvolle Funktionen erfüllt? Solches wird sich ja z.B. auch über das Sabbatgebot sagen lassen. Und umgekehrt war ja der Nutzen nicht so stark, dass er sich universal (z.B. auch in Kanaan) von selbst durchgesetzt hätte. M.E. könnte eine Kombination beider Aspekte zutreffen – eine eindeutige Klärung für nur einen Aspekt hielte ich in der Tat auch für unwahrscheinlich. Wie gesagt: Klasse Beitrag! 🙂

  5. Hm

    Ich meinte es gar nicht so als Abgrenzung, um der Abgrenzung willen, sondern weil man wirklich anders ist. Die Vorstellung das Lamm in der Milch der Mutter zuzubereiten behagt auch mir nicht. Sind zwar “nur” Tiere, aber wer über eine gewisse Ethik verfügt, wird die wohl auch auf die Tierwelt ausweiten. Durch das Gesetz Gottes hatten die Israeliten eine sehr anspruchsvolle Ethik, während andere Völker ringsrum teilweise ihre eigenen Kinder opferten oder sie der Tempelprostitution zur Verfügung stellten etc.

  6. Diese These wurde übrigens auch schon in der Fachwelt diskutiert. Man ist leider zu keinem klaren Schluss gekommen, da es wirklich schwierig ist die Denkweise und das Ethikempfinden zur damaligen Zeit zu bewerten. Da ist man leider sehr schnell dabei seine eigene Ethik mit hineinzubringen.
    Aber natürlich könnte auch dies seinen Teil dazu beigetragen haben, dass sich solch ein Gesetz entwickelte.

  7. Die Mischung machts?

    Vielleicht sind beide Thesen korrekt. Immerhin schließen sie sich ja nicht gegenseitig aus. Um sich von anderen abzugrenzen, kann man durchaus eine lose Sittel, die sich aus praktischen Gründen durchgesetzt hat, zum Gesetz erheben. Es wäre ja auch unpraktisch, für den identitätsstiftenden Abgrenzungsprozeß extra völlig neue Sitten zu erfinden, die keinen Bezug zur Identität haben.

  8. @die Mischung machts

    Das sehe ich persönlich auch so. Ich denke so etwas Komplexes wie ein Speisegesetz kann durch aufgrund mehrer Faktoren entstanden sein. Nun ist der Ring frei für die Frage: Welcher Faktor war zuerst da???

  9. Henne/Ei

    Typisches Henne-Ei Problem. Was soll ich als Huhn dazu sagen? Ich werde das Geheimnis weiter bewahren.

  10. Ich denke, die praktische Handhabung war immer vor dem Gesetz da, weil das Gesetz einen Bezug zur Identität haben mußte. Ein Priester, der kommt und sagt “Leute, ich habe da was ganz neues, um uns von den anderen abzugrenzen.”, ist mir nicht plausibel. Eher einer, der sich auf schon Vorhandenes beruft.

  11. Ja…

    …auch ich würde der Annahme Renes zuneigen – gerade auch weil es den Brauch ja auch in anderen kulturellen Kontexten gibt, er also möglicher- bzw. wahrscheinlicherweise mehrfach auch unabhängig voneinander entdeckt wurde. Da lag es geradezu nahe, ihn auch religiös zu verankern und damit sowohl Sinnhaftigkeit, gefühlte Ethik (Mutter-Kind-Sympathien) und religiöse Identitätsabgrenzung zu verknüpfen. Wobei auch das sicher ein wechselwirkender Prozess war – und ist.

    Noch eine Frage: Gerade konnte ich den Artikel nicht in der Chronologs-Übersicht sehen, da erscheint er aber doch hoffentlich wieder!?

  12. Ach, jetzt hab ichs kapiert…

    …die spannende Seminarankündigung von Peter Veen gehört zum gleichen Chronolog, deswegen erscheint diese jetzt in der Übersicht…

    Da nutze ich meinen Aha-Effekt doch gleich, um einfach mal zu schreiben, dass m.E. derzeit die Chronologs erfreulich an Fahrt gewinnen!

  13. @ Michael

    Der Archäologischen Spatenstiche Blog hat mehrere Autoren, deshalb tauchen da unterschiedliche Autoren auf. Der DAI Blog war auch so angelegt und die KlimaLounge ebenfalls. Ich habe das extra nur für Dich gemacht, um Dich zu verwirren. 😉

  14. @ Martin

    Und Du wusstest auch gleich, dass es funktionieren würde! Es ist doch einfach immer schön, Menschen um sich zu haben, die einen gut kennen… Der Blume, wieder mal zu schusselig zum Schuhebinden! 😉

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