Wort zum Sonntag (Apologie der Irrelevanz)

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Vorab das Wort zum Sonntag, von Joseph Hyrtl, 1889, Lehrbuch der Anatomie des Menschen, 20. Auflage, Wien, Verlag von Wilhelm Braumüller, S. 893/894

"Was nun die Functionenlehre des Gehirn anbelangt, beugen die Physiologen demüthig ihr Haupt, und bekennen, dass das menschliche Seelenwesen ihr durchaus unbekannt ist. Keine, wie immer verlautbarte Ansicht über die Hirnthätigkeit kann und wird es uns erklären, wie und wodurch den Factoren dieser Thätigkeit, den Ganglienzellen [=Neuronen, Anm.d.V] Bewusstsein [Hervorhebung im Original] innewohnen kann. … Der Materialismus hat sich zwar bemüht, zu beweisen, dass das unbekannte Seelenwesen nur die Summe der materiellen Vorgänge des Gehirnorganismus sei. Die materiellen Vorgänge aber erfolgen in allen Organen mit unverbrüchlicher Nothwendigkeit und laufen in einer bestimmten Reihenfolge ab, an welcher die Organe selbst nichts ändern können. Ist die Seele nur eine Erscheinungsform des materiellen Hirnlebens, so ist sie auch in dieselben Fesseln der Nothwendigkeit gelegt, wie dieses. Selbstbestimmung, Spontaneität, Freiheit, und was wir sonst noch der Seele zuzumuthen gewohnt sind, fällt Alles hinweg, und es muss mit der neuen Lehre auch eine neue Weltordnung geschaffen werden, die sicher keine moralische sein wird."

Hundertundvierzig Jahre ist das nun her, dass der Herr Hyrtl das schieb. Ich hab's hier hergestellt weil
– es erstens noch aktuell ist
– ich zweitens selten eine schönere Formulierung des Problems gelesen habe
– der Hyrtl drittens ein Anatom war, den ich verehre
– weil er sich viertens traute, ein Anatomielehrbuch von über tausend Seiten ohne ein einziges Bild zu schreiben
– das fünftens zu lesen dennoch ein Genuss ist
– und das sechstens weit mehr als Anatomie enthält, wie man am obigen Zitat leicht bemerkt
– und das siebtens, trotz literarischem und philosophischem Anspruch, dennoch ein Renner bei den Studenten war.

Haben Sie in letzter Zeit mal ein modernes "Standardlehrbuch" der Anatomie in die Hand genommen? Es ist ein Graus: dünner, schlanker, komprimierter, das Wichtigste in Kürze. Das Wichtigste: die Nutzanwendung (in Prüfung und Klinik). Selbst der "Waldeyer", ehedem der letzte Hort einer Anatomie, die sich traute, mehr zu sein als die Magd der Klinik und ein Wissenssteinbruch für "multiple choice" Prüfungen, wurde bei der letzten Revision auf Stromlinie gebracht. Und genau das ist es, wovor es Hyrtl grauste. Nur das, was "unverbrüchlich nothwendig in bestimmter Reihenfolge" geschehen muss (im Falle des Aztes: pauken, prüfen, praktizieren) soll noch gelten.

"Selbstbestimmung, Spontaneität und Freiheit, und was wir sonst noch der Seele zuzumuthen gewohnt sind" … haben Sie keinen Platz mehr in der Anatomie? Doch. Im Abwegigen, im Obskuren, im Irrelevanten, in der Fussnote, im sprachlichen Gestus, im Schönen, im Hässlichen, in der Assoziation, kurz, in allem, was sich der "unverbrüchlichen Nothwendigkeit der bestimmten Reihenfolge" entzieht. Es lebe die Irrelevanz!

Wir sollten also, der Freiheit zu liebe, möglichst viel irrelevantes Wissen über das Gehirn sammeln und noch dazu versuchen, wirklich wasserdicht zu beweisen, dass es tatsächlich ohne Bedeutung ist.

Gar nicht so einfach übrigens, denn es gibt nichts im Gehirn, ja, nichts in der Welt, von dem man sagen könnte, dass es grundlos und zwecklos sei (ausser der Welt im ganzen vielleicht) Alles, Abstrakta und Konkreta, ist entweder geworden und/oder dient irgendwelchen Zwecken. Scheinbar zwecklose anatomische Strukturen kann ich Ihnen in Massen nennen – grundlose nicht, denn sie sind ja aus irgend etwas entstanden – "unverbrüchliche Nothwendigkeit": nihil ex nihilo.

Hyrtls Ausweg war, sich auf das Irrelevanteste zu stürzen, was man an einer anatomischen Struktur finden kann: ihren Namen, dessen Etymologie und Sprachkritik. Er hat ein wunderbares Buch namens "Onomatologia anatomica" geschrieben, das ich für die Epitome einer Anatomie der Freiheit halte.

Und im übrigen können Sie auch diesen ganzen Beitrag unter dem Begriff "Versuch einer Apologie der Irrelevanz" verbuchen. Die Rechtfertigung der Irrelevanz muss nämlich natürlich vor allem eines sein: irrelevant.

 

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

5 Kommentare

  1. Irrelevanz der Hirnforschung

    “Wir sollten also, der Freiheit zu liebe, möglichst viel irrelevantes Wissen über das Gehirn sammeln und noch dazu versuchen, wirklich wasserdicht zu beweisen, dass es tatsächlich ohne Bedeutung ist.”

    Aber, lieber Herr Wicht, das geschieht doch schon längst – und Forschungsinstitutionen weltweit geben Milliarden dafür aus! Na gut, der “Beweis” ist noch nicht erbracht aber ich bin sicher, dass ein paar schlaue Köpfe, zum Beispiel in Oxford, schon daran arbeiten.

    “Die Rechtfertigung der Irrelevanz muss nämlich natürlich vor allem eines sein: irrelevant.”

    Das ist Ihnen aber nicht gelungen. Ich finde das nämlich hochrelevant – und auch noch zitierfähig!

    Besten Dank,

    Ihr Arno

  2. @ Arno

    ..wenn ein Ironiker einem Ironiker antwortet, dann kommt (anders als in der Mathematik) nicht einfach ein doppelter Vorzeichenwechsel heraus, sondern Grund zur Heiterkeit.

    Danke.

    Helmut Wicht

  3. Ironie und Irrelevanz

    Meine Nachricht war und ist, mein lieber Herr Wicht, sicher von Ironie gezeichnet, ganz gewiss – darum ist sie aber doch nicht unernst gemeint!

    Um mich vom Gegenteil zu überzeugen, möge mir jemand eine psychiatrische Erkrankung nennen, die man mithilfe des Hirnscanners diagnostizieren kann.

    Aber, das sehe ich ein, Hirnforschung ist ja nicht nur Bildgebung. Also war mein Statement doch etwas übertrieben.

  4. Früher war alles besser?

    Sehr geehrte Herren,

    Aus dem Wiki

    Relevanz steht für:
    * Bedeutsamkeit, ein Maß für die Wichtigkeit einer Sache oder Information in der Realität
    * Relevanz (Informationswissenschaft), die Bedeutung eines Dokuments für eine Suchanfrage
    *Relevanz (Statistik), die Wahrscheinlichkeit einer statistischen Vorhersage

    Wir gehen ja immer von einer eineindeutigkeit aus, die vieleicht gar nicht gegeben ist, auch nicht für Wörter.

    Filterkriterien entscheiden zwischen verwertbarer und scheinbar nutzloser Information. Theoriebildung wird nur mit der Vereinfachung handhabbarer . Informationserlangung und deren Außschluß, sind notwendig und untrennbar mit einander Verbunden.

    So grob vor 2000- 3000 Jahren, konnte mann sich noch drauf verlassen, wenn mann ein hochwertiges Stück Literatur schrieb, das es in allen Belangen aufmerksam behandelt wurde.

    Sich darüber zu beschweren, das der Markt, die Produkte marktfähig macht und die kleinen
    Juwelen immer seltener werden, macht wenig Sinn.

    Der intelektuelle summer of 69, dauert bei uns allen nur einen Sommer und früher war alles besser und der Schnee lag drei Meter hoch.

    Herr Wichts Reaktion auf die „ Affektlogik“ zeigt ja durchaus, die Bereitschaft zur anwendund von Filtern, in den Raum.

    Gruß Uwe Kauffmann

    (*Sorry Formatierung geht verloren*)

  5. Denklähmung

    (*zur anwendund von Filtern, in den Raum*)

    Grunz, die Frühschicht bringt mich um!

    Gruß Uwe Kauffmann

    (* Man mag ja eine generelle bei mir vermuten! Aber es macht soviel Spass, ich kanns nicht lassen.
    :-)*)

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