Wissenschaft, brühwarm

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Es klingt zunächst nicht so, aber was folgt, ist eigentlich ein direkter Folgebeitrag zu den Plagen des Herrn Meier, die ich hier geschildert habe. Der englische Text da unten ist der Auftakt des Manuskriptes zu einer wissenschaftlichen Publikation, an der ich gerade schreibe. Ich denke, Sie können die Fachausdrücke einfach überlesen – es reicht, wenn Sie wissen, dass ich von dem Fisch reden will, dessen Vorderende Sie unten im Bild sehen. Und der Fisch – besser gesagt: die Gruppe von Fischen zu der er gehört – hat viele Namen. Er ist recht eng mit uns Menschen verwandt – jedenfalls enger als, sagen wir mal: ein Hummer.

Das Manuskript hat noch keinen Titel, ist momentan auch wurscht. Die spannende Frage ist: wielange überlebt der anti-cephalozentrische Scherz, den ich einzubauen versuchte? Kommt er an den Gutachtern vorbei? Oder scheitert er gar schon an den Co-Autoren?

I’ll keep you posted… 

Introduction 

The animals, on which we wish to report here, are famed not only because of the phylogenetic role they play (see below). They also are notorious for hiding not only in the sediments of their marine habitat, but also behind an impressive array of synonyms: cirrostomi, cephalochordates, acraniates, lancelets, branchiostomids, amphioxi: the same beasts in different disguises. "Amphioxus" literally means "pointed at both ends". Traditionally, the front end of the Amphioxi has attracted more scientific interest than the rear one, as its study is expected to shed light on the evolution of the craniate (and human) head and brain.

Leaving aside the interesting question why the evolution of the rear end of craniates (and humans) has attracted so relatively little attention, it can be stated that Amphioxi indeed are one of the out-groups of craniates (insert citation), thus, investigations of their anatomy are fully justified from the viewpoint of anyone interested in the evolution of craniates and man. Secondly, it has become clear in the meantime, that Amphioxi do possess a homologue of the craniate forebrain (insert citation) and that, in addition, some organs that are typical of the latter can be identified and homologized even in lancelets (insert citations): a homologue of the lateral eyes (the frontal organ), one of the pineal organ (the lamellar body) and one of the subcommissural organ (the infundibular organ). All these structures are located in the diencephalon of craniates – indeed, a telencephalon seems to be entirely missing in cephalochordates.

We here wish to report on yet another diencephalic structure present in all craniates that can also be identified in lancelets: the suprachiasmatic nucleus.

(etc.) 

 

Zur Auflockerung: die Hauptperson. Ein Lanzettfisch, dessen Vorderende aus dem Sand herausschaut. Das Hinterende sieht aber bei flüchtigen Hinsehen fast genauso aus. Aus einer älteren Publikation von mir und Kollegen. 

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

4 Kommentare

  1. Großartig!

    Obwohl der Witz angekündigt war, mußte ich laut lachen. Wahrscheinlich auch, weil mir der vorangehende übers Verstecken in Synonymen auch schon sehr gefiel. Der Gluteophile hat die Gelegenheit genutzt.

    Danke übrigens auch für das wunderbare Bonmot kürzlich, daß Arroganz Niveau von unten gesehen ist. Konnte ich schon mit Erfolg verwenden.

    Erst im Nachhinein fiel mir dann auf, daß meine Kritik an arroganten Tendenzen im Bolognagewitter, die ich nebenan in Menschen-Bilder formulierte, ja irrtümlich verstanden werden könnte, als sei er auch auf Ihren Beitrag bezogen. Ist nicht so. Mich störte dort vor allem der hochfahrende Ton, während ich Ihre ironisch-melancholische Poesie stets genieße.

  2. ganzheitlich

    Hallo,
    “keinen Arsch in der Hose haben”,”kein Rückgrat haben”, so oder so ähnlich könnte
    man sich nach oben arbeiten.
    Wobei ich Spekulationen ganz witzig fände, ob der Po beim Modell der Embodied Cognition noch zum Darm gehört oder dem Bewegungsaparat zugeordnet
    werden muss.

    M.F.G. Uwe Kauffmann

    (*Einen braven Wicht gibt es nicht*)

  3. Sprachspiele…

    Ein Kollege von mir hat in einem Neuro-Paper mal eine Aktivierung im “Gyros souvlaki” versteckt — das haben dann allerdings schon die Coautoren aufgedeckt. 🙂

  4. Sprache der (Neuro-)wiss.

    Gyros souvlaki ist schön. Als Literaturverweis stand da dann hoffentlich:

    K. Ebab und D. Oener (2003): The Role of the Gyros Souvlaki in the Perception of Disgusting vs. Appealing Chemosensory Stimuli. In: The Journal of Swallow and Puke, Vol. 1, Issue 1, pages 1-1226 (Note: Journal discontinued after first issue).

    Ernsthafterweise hätt’ ich noch Folgendes anzumerken. In den dem Entwurf des Manuskriptes, den ich oben ablieferte, taucht mehrfach das Personalpronomen der 1. Person Plural – “we” – auf. Als ich (ca. 1980) begann, wissenschaftlich zu publizieren, da war das verpönt, zumindest in meinem unmittelbaren Umfeld. Wissenschaft habe “objektiv” zu sein, ergo sei das Subjekt (egal ob “ich” oder “wir”) aus Manuskripten zu bannen. Es war daher die Hochzeit des Passiv:

    “..were investigated..”
    “..was analyzed…”
    Etc.etc. – auch das “one” (..one might put forward the hypothesis…”), also Heideggers dusteres “Man”, war sehr beliebt.

    Das hat sich, habe ich den Eindruck, gebessert. NICHT gebessert – und ich bin selber dieser Unsitte schuldig – hat sich die elende, lügenhafte, verantwortungslose Formulierung, die sich im “Material and Methods”-Teil fast jeder neurobiowissenschaftlichen Arbeit findet, die es mit Tierversuchen zu tun hat:

    “..animals were sacrificed..”
    “..were killed..”
    “..were decapitized..”

    Das Minimum an Ehrlichkeit, der Respekt gegenüber dem Tod (und sei es der eines Versuchstieres) und die Verantwortung des Forschers geböte eigentlich, dass er schriebe:

    “I have killed 200 mice by decapitation.”

    Sprache IST verräterisch. Die passivischen, subjektfreien Formulierungen gaukeln Objektivität vor – lassen sich aber auch als eine Flucht vor der persönlichen Verantwortung lesen.

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