Vieh

Vorab: es ist mir mit dem, was ich hier schreibe, tödlich ernst.

Ich beziehe mich auf das gestrige Feuilleton der FAZ, in dem David Litchfield die bestialische Geschichte der Gräfin Margit von Batthyany, geborene Thyssen-Bornemisza, ausbreitet. Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges gab sie auf ihrem Schloss im Burgenland eine Party für Angehörige der SS und andere Bonzen des Regimes. Zur Zerstreuung der Gäste wurden nach Mitternacht Waffen ausgegeben, man trieb etwa 200 im Keller des Schlosses intenierte jüdische Zwangsarbeiter in eine Scheune, wo sie zum Jokus von den betrunkenen Herrenmenschen erschossen und mit Latten erschlagen wurden. Die Gräfin lebte später, bis zu ihrem Tode, unbehelligt in der Schweiz.

Von Himmler, dem nach dem Besuch eines KZ schlecht geworden sein soll, stammt der berüchtigte Ausdruck, dass es schon eine Leistung sei, "..gesehen zu haben, wie tausend Leichen beisammen liegen, und trotzdem ein anständiger Mensch geblieben zu sein." So spricht der arrogante Technokrat der Vernichtung, der immerhin noch glaubt, einen Auftrag zu haben. Aus Margit von Batthyanys Tat und der der Teilnehmer ihres Gelages aber spricht das Viehische im Menschen schlechthin. Ich sage bewusst: "Vieh" – das Wort "Bestie" hat noch zu viele positive Konnotationen.

Wenn der Herr Professor Singer, wenn der Herr Professor Roth recht haben, dann waren das nicht die Taten von Frau Gräfin von Batthyany, dann waren es die Taten ihres Gehirns. Evolutionspsychologisch wohl auch gut zu begründen: auch Viecher benehmen sich mitunter wie Vieh. Irgendeinen evolutiven Nutzen wird's schon haben, sonst wär's ja nicht so. Und ausserdem: auf das Hirn eines Viehs kommt hin und wieder auch das Hirn eines Heiligen, nehmen wir Mutter Theresa. Evolutionspsychologisch gut zu begründen: auch Tiere können altruistisch sein. Irgendeinen evolutiven Nutzen wird's schon haben, sonst wär's ja nicht da. Man trägt keine Schuld, nicht am Guten und nicht am Bösen. Man steht lediglich am Ende einer Kausalkette.

Es widert mich an.

Ich WILL eine Schuld zuschreiben können, es gibt eine Urheberschaft. Und wenn es das "Ich" nicht war, weil es eine nur eine Fiktion von Urheberschaft ist, dann war's eben die Natur, die diese Kausalketten hervorgebracht hat. Dann gehört SIE verflucht, für das, was sie tat, und der Naturalismus, der sie anbetet, gleich mit. Die Fratze der Bosheit bleibt, egal ob man sie sich selber oder dem Naturgeschehen aufsetzt. Und ich persönlich würde, aus einer gewissen Bescheidenheit heraus, lieber mir selber als dem ganzen Universum den Prozess machen.

Obwohl man, mit Singer, ja auch sagen könnte, dass das Universum, das mich hervorgebracht hat, und auch Sie, die Sie vielleicht gerade ähnlich denken, dass sich das Universum gerade eben, am Ende dieser Kausalkette, in diesen Gedanken ebendiesen Prozess macht. Der Mensch als Richter des Universums, als seine Bewusstwerdung.

Falls Sie den Gedanken spannend finden, sollten Sie Schopenhauer lesen. Ansonsten sollten Sie mit mir zusammen, still und leise, die Täter verfluchen. Die Rache mag des Herrn sein: aber wenigstens der Fluch ist unser.

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Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Wünsche…

    Wir können uns im Leben eine Menge Dinge wünschen; und ich verstehe Sie gut! Auch ich kann derartige Taten nur schwer verkraften.

    Dennoch aus Wünschen alleine wird keine Realität und schon gar keine Wissenschaft. Eher das Gegenteil!

    Was wir gerne hätten und was uns die Realität bietet deckt sich nun eben manchmal nicht.

    Von Wünschen getrieben besteht die Gefahr sich in Wunschvorstellungen zu fangen und den Bezug zur Realität zu verlieren, wie man ja lebhaft an verschiedenen Arten der Religiosität unschwer erkennen kann.

  2. Realität…

    “Von Wünschen getrieben besteht die Gefahr sich in Wunschvorstellungen zu fangen und den Bezug zur Realität zu verlieren, wie man ja lebhaft an verschiedenen Arten der Religiosität unschwer erkennen kann.”

    Ach? Tatsächlich?

    Wieso kommen wir Menschen überhaupt dazu von so etwas wie Schuld zu reden? Was ist das Schuld? Eine Erfindung? Warum können wir uns etwas darunter vorstellen? Sind wir von Natur aus ohne Gewissen? Ist es alles nur Erziehung? Und wenn es nur Erziehung ist, wieso funktioniert sie meistens?

    Man kann es auch anders sehen. Die Naturalisten sind nicht bereit sich mit ihrer eigenen Schuld auseinanderzusetzen. An andere abschieben wollen sie sie auch nicht, ergo wird sie als nicht existent deklariert. Dazu fällt mir nur ein: “Von Wünschen getrieben besteht die Gefahr sich in Wunschvorstellungen zu fangen und den Bezug zur Realität zu verlieren”

  3. Schopenhauer

    Es gibt neben dem Willen als Trieb und Drang auch die Vernunft. Sie bildet nicht die Begriffe, sondern ist die vernehmende und befragende Instanz des Menschen. Der Wille hat längst vernommen, daß er über das Mitgefühl zur Vernunft kommt. Bitte drehen Sie sich nicht um, wie Lots Frau, sonst erstarren Sie mir noch. Drehen Sie sich nicht zum Willen, sondern zur Vernunft!

  4. Bitte genauer hinsehen

    Hallo Helmut,

    vorab: ich kann die Wut, die einen packt, wenn man über (Nazi- und andere) Greueltaten liest, durchaus nachvollziehen und gehe insofern inhaltlich mit Deinen Äußerungen völlig konform.

    Was nun aber den Gegenstand Deiner Echauffierung angeht sollte man doch etwas differenzierter herangehen. Ich verweise auf ein am 18.10.07 vom Deutschlandradio gesendetes Interview:

    http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/682854/

    … es gibt natürlich auch dazu kontrastierende Meinungen. Aber eben nur Meinungen, Mutmaßungen usw. Insofern kann man die Forderung des Simon-Wiesenthal-Zentrums nach genauer Erforschung der Umstände des Rechnitz-Massakers nur unterstützen, sollte sich aber sehr zurückhalten, was auf dem derzeitigen Wissensstand basierende Statements angeht.

    Gruß
    Werner Schmidt

  5. Ungerecht??

    >>Aus Margit von Batthyanys Tat und der der Teilnehmer ihres Gelages aber spricht das Viehische im Menschen schlechthin. Ich sage bewusst: “Vieh” – das Wort “Bestie” hat noch zu viele positive Konnotationen.

  6. Von viehischen Viechern

    Lieber Herr Wicht,

    Vieh mag sich zwar “viehisch” benehmen, wie Sie ganz richtig schreiben, aber betreibt doch keinen Genozid, oder irre ich mich?

    In dieser Hinsicht scheinen wir den Viechern — leider — einiges voraus zu haben.

    Bestie sei “positiv konnotiert”? Mein Fremdwörterbuch weiß unter Bestialität “viehische Rohheit” oder “entsetzliche Grausamkeit” zu verstehen. Dann sind wir also doch wieder bei den Viechern. Mir scheint, ein anderes Wort muss her.

  7. Vieh, Viecher, Bestien

    Als ich das Wort “Vieh” anstelle der “Bestie” verwendete, dachte ich an “La Belle et la Bete” – und diese Bestie hat ja noch ihre guten Seiten. “Bestialität” mag ja noch als “natürliche Wildheit” durchgehen, ich suchte einen Begriff, der noch näher an der Widerwärtigkeit und der Degeneration ist.

    Ja, ich hätte den ersten Absatz nicht im Indikativ schreiben sollen. Tatsächlich ist es eine Wiedergabe der Behauptungen von Litchfield in der FAZ.

    Genozid gibt es leider auch im Tierreich (unter Löwen) und meine Katze tötet Mäuse zum Vergnügen, ohne sie zu fressen. Nein, natürlich nicht, schreien hier die Naturalisten: sie tut es, um in Übung zu bleiben. Aber soweit ich weiss, töten auch wilde Schimpansen kleinere Affen ohne ersichtlichen Grund. Nein, natürlich nicht, schreien die Naturalisten, wahrscheinlich wollen sie Futterkonkurrenten ausschalten. Muss ja alles hübsch ordentlich seinen evolutionären Sinn haben, selbst wenn sie nicht müde werden zu betonen, dass die Evolution insgesamt sinn- und ziellos sei. Dem ich im übrigen zustimme, fern sei es von mir, dem “Intelligent Design” das Wort zu reden. Schon wegen des Respekts gegenüber dem Wort “intelligent”.

    Es fällt mit, mit anderen Worten, schwer, die Natur als einen “schuldfreien” Zusammenhang zu begreifen. Das mag mancher für unwissenschaftlich halten. Damit muss ich leben. Für unintelligent/unintelligibel halte ich den Gedanken nicht.

  8. vieh ubd bestie

    ‘…. um tierischer als jedes tier zu sein..’
    weder ‘vieh noch bestie’ sind adäquate ausdrücke, leider ist es nur der mensch, der zu solchem fähig ist:
    wenn die natur zum vergleich von solchen taten herangezogen werden soll,dann käme die (sinnlose)zerstörungsenergie von naturkatastrophen in frage ???
    aber wie soll man dem sagen ?

  9. Vieh

    Der Autor sagt “…auf das Hirn eines Viehs kommt hin und wieder auch das Hirn eines Heiligen, nehmen wir Mutter Theresa.” und irrt (leider). Er möge sich mit ihr beschäftigen, um zu erhellen, dass die vom Vatikan Geheiligte, und sie nicht alleine,
    Vieh in seinem Sinne sind.

  10. @ Wicht – Vieh

    Sehr geehrter Herr Wicht,

    Ihr Angewidertsein ehrt Sie !

    Bedenken Sie aber, dass es noch weitere Greuel gab, unter der Naziherrschaft und davor und davor und davor… und danach bis in unsere Zeit – die standen bestimmt auch in den Feuilletons,
    lesen Sie mal nach.

    Damit kein Missverständnis aufkommt – Ihrem Angewiderstsein stimme ich zu !

    Der Seitenhieb auf Singer, Roth und die Evolutionspsychologie, der in der sarkastischen Unterstellung gipfelt, “Man trägt keine Schuld, nicht am Guten und nicht am Bösen. Man steht lediglich am Ende einer Kausalkette”, gerät dann aber leider daneben. Es sieht fast so aus,
    als suchte Ihre (sympathische) Wut ein Ziel und findet es bei Ihren, aus Ihren sonstigen Beiträgen bekannten, “Widersachern”. Daran ändert sich auch nichts, wenn Sie in einem
    anderem Beitrag (Sing´er, Singer) Herrn Singer Ihre Liebe erklären (wenn auch etwas arrogant und udaamit unpassend, wie ich empfunden habe – Verzeihung, das musste ich Ihnen mal sagen).

    Sehr geehrter Herr Wicht, ich bin froh, den Nazis gerade noch entkommen zu sein (um ganze sieben Monate), wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre.

    Ich bin auch froh um Jeden, der denen entkommen ist. Können Sie so sicher darüber sein, wie Ihr Schicksal verlaufen wäre, wenn Sie da hineingeboren worden wären ?

    Ihnen ist anfangs ein interessantes Wort entschlüpft: “Aus Margit Batthyanys Tat und der der Teilnehmer ihres Gelages aber spricht das Viehische im Menschen schlechthin”. Sie haben recht, aber haben Sie das so gemeint? Ich glaub´s fast nicht. In der Tat, es scheint das Vieh in uns fortzuleben, “im Menschen schlechthin”. Ob es in Ihnen auch fortlebt, interessiert mich hier aber nicht, es geht mir um anderes:

    Ich glaube nämlich nicht, dass man mit Singer (oder Roth) sagen könnte, wie Sie behaupten, dass das Universum Sie hervorgebracht hat. Das Universum ? Sind Sie Pantheist ? Was beten Sie an ?

    Auch Ihr lockerer Spruch (ironisch gedacht): “Irgendeinen evolutiven Nutzen wird´s schon haben, sonst wär´s ja nicht so” geht daneben und trifft weder die Evolutionspsychologie noch Singer, noch Roth. Denn: irgendein evolutiver Nutzen (siehe z.B. das Verhalten von Affen und Menschen bei Irenäus Eibl-Eibesfeldt in “Liebe und Haß”) könnte ja schon Vergangenheit sein,
    obwohl das Vieh, das er hervorgebracht hat, noch herumstolpert (schön wär´s). Es könnte auch sein, dass so manches, was herumstolpert, zufällig entstand und auf seine Prüfung gegenwärtig noch wartet, evolutiv keinen Nutzen hat und seiner Selektion noch hart.

    Ich will damit sagen, dass die platte Formel: “Irgendeinen evolutiven Nutzen wird´s schon haben, sonst wär´s ja nicht da” der Evolutionstheorie und damit der Evolutionspsychologie nicht gerecht wird (ich weiß, Sie bezeichnen sich selbst als Evolutionsbiologe).

    Ihre ironische Schlussfolgerung: “Man steht lediglich am Ende der Kausalkette”, in den Absatz über Singer und Roth und von Ihnen am Ende fast unbemerkt hineingeschoben, ist polemisch, da Sie billigend in Kauf nehmen, dass so mancher Leser diese mit den Neurowissenschaften verknüpft.

    Vielmehr ist es so, dass durch die Forderung nach Therapie und Edukation statt nach Strafe und Sühne, ja gar nicht gemeint ist, die jeweiligen Täter bis zu ihrem Tode unbehelligt leben zu lassen. Diese und ihre Mittäter müssen einem Veränderungsprozess unterworfen werden. Die Gesellschaft wird sich auch immer vor ihnen schützen müssen, nicht durch Behelligungen wie Tod oder Folter, sondern durch Haft. Strafe i.S. bloßen Wegsperrens alleine verändert wenig, am Ende werden nur deren Angehörige, die Nichttäter und nicht Nichtsympathisanten waren, diskriminiert und gesellschaftlich ausgeschlossen. Es gilt, an diesem Veränderungsprozess zu arbeiten, ihn zu verbessern, in Therapie, Erziehung und Weiterbildung.

    Ihr grimmiger (verständlicher) Gedanke, “die Rache mag des Herrn sein: aber wenigstens der Fluch ist unser” ist jedoch ergänzungsbedürftig um die Frage, was sollen, was können wir tun ?
    Rache und Fluch ist aber zu kurz gegriffen und die Neurowissenschaften hätten Sie in Ihrem Artikel sachlicherweise einmal außen vor lassen können.

    Die Neurowissenschaften in Ihrem Artikel mit den Greueln der Nazizeit implizit zu assoziieren empfinde ich als unlauter.

    MfG
    Gerhard Strobel

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