Terminologia mortis

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Anatomus sum. Ich bin Anatom.

Anatomen, Pathologen, Rechtsmediziner, Bestatter und Pfarrer – qua Beruf oder Berufung bewegen sie sich an der Grenzlinie von Leben und Tod entlang. Das geht vielen anderen nicht anders, es geht eigentlich allen so, die ihr Leben nicht in dumpfester – vielleicht aber auch: gnädigster – Umnachtung verbringen. “Das Thier lernt den Tod erst im Tode kennen: der Mensch geht mit Bewußtseyn in jeder Stunde seinem Tode näher […].”(1)

Die Berufsgruppen, von denen oben die Rede ist, haben es aber auf eine besondere Weise mit dem Leben und dem Tod zu tun – der Philosoph zum Beispiel mag mit den Produkten des Lebens, etwa dem Bewusstsein, wohl vertraut sein, allein, die Produkte des Todes, die Leichen eben, sind seine Sache nicht. Denkerisch vielleicht. Materialiter weniger. Da kommen dann eben wir.

Vielleicht sollt’ ich die Schlachter noch mit hineinnehmen, denn auch die kennen Leichen, mit dem ziemlich handfesten Unterschied sogar, dass sie sie verfertigen. Eigentlich kennt jeder, der gelegentlich carnivor is(s)t, Leichen. Ich muss mir noch überlegen, ob ich den Horizont dieses Aufsatzes so weit dehnen will. Erstmal nicht. Wir bleiben beim Menschen und bei seinem Tod.

Es mit Leichen und mit Lebenden zu tun zu haben: Das zeichnet uns aus, wiewohl es natürlich keine Auszeichnung ist. Es ist aber ein ausgezeichneter Anlass, sich ein paar Gedanken über die Sprache zu machen, über die Begriffe, die wir täglich verwenden, wenn wir zu den Lebenden über den Tod reden. Und das tun wir, Anatomen zumal, denn unser lebendiges Publikum, das sind die Studenten, so, wie die Trauergemeinden das des Pfarrers, die hohen Gerichte das des Forensikers, die Angehörigen das des Pfarrers und Bestatters sind.

Und was man da so sagt und hört  — ich gehe jetzt in die “ich”-Form, denn ich will von Selbstgehörtem und Selbstgesagtem und -gedachtem berichten – was ich da so höre, sage, denke – davon will ich schreiben.

Der Tod

Der Auftakt sei heiter, ironisch, sarkastisch und polemisch: Es wundert mich, dass man den Tod noch nicht gegendert hat. Ich halt’ das auch nicht unbedingt für wünschenswert – nur so eine Feststellung. Ein Meister aus Deutschland(2), dort maskulin, aber eine Lady aus Latium, denn “mors” ist ein Femininum. Das, was TodMors verfertigen, die Leiche, oder den Leichnam, das können meine männlichen wie Ihre weiblichen Überreste sein, keinen schert’s, das ist auch gut so, denn das gendering via Partizip Präsens Pluralis (“die Laichenden”) bezeichnet das Fortpflanzungsverhalten der Kröten. “Tod” und “Leiche” sind genderresistent, das ist auch gut so, denn schliesslich hoffen wir ja auf die Gleichmacherei des Todes. Alle sind von ihm immer gemeint.

Die Toten und die Leichen

Ärgern tu’ ich mich, wenn ich Pfarrer, Kollegen, sie nachplappernde Studenten bei gegebenen Anlässen (sei’s auf dem Präparierkurs, wo die “Leichen”(3) liegen, sei’s bei der Beisetzungsfeierlichkeit, wo die Urnen stehen), mit Blick auf “Leichen” und Urnen von “den Toten” reden höre. “Wir schnippeln an Toten herum” – “Wir tragen die Toten zu Grabe”.

Letzteres ist zwar eine eingeführte, gar hochliterarische Trope, was aber nichts daran ändert, dass es eine Trope, eine Wendung, eine rhetorische Figur ist, die man, wenn ich nicht irre, als Metonymie, Bedeutungsverschiebung, bezeichnet. In den Urnen, da ist es offensichtlich, sind keine Toten. Da ist Asche drin. Auf den Schlachtfeldern, seien es die der Präpariersäle oder der Geschichte, da liegen auch keine Toten. Da liegen Leichen, mit Anführungsstrichen auf dem Präpsaal, ohne auf den Feldern der Völkerschlachten.

“Toter” und “Leiche” sind nicht synonym, denn sonst könnten wir auf unsere Kriegerdenkmäler schreiben: “Unseren Leichen”. Das tun wir aber nicht, weil wir sehr wohl wissen, dass der Bedeutungskern von “Toter” – den wir mitunter metonymisch auf die Leiche verschieben, aber nie vice versa – dass der Bedeutungskern von “Toter” in der Erinnerung an den Lebenden, der nicht mehr lebt, liegt. Ein Toter, eine Tote, das sind Bewusstseinsinhalte, sie halten sich übrigens auch länger als Leichen.

Die Toten sind tatsächlich ziemlich lebendig. Sicher: “Sie ruhen in den Gräbern”, ruhen sich da aber nur aus, bevor das Halligalli der Auferstehung losgeht. In anderen Kulturkreisen bevölkern sie die Unterwelten, als teils ziemliche wackere, wenn auch geplagte Schatten – denken Sie an Sisiphus, den Steineschieber. Die Toten leben also. In der Erinnerung, in Anderswelten.

Warum mich die Metonymie ärgert? Weil ich oft genug – vor allem bei den Fachkollegen aus der seelsorgerischen Abteilung – den Eindruck habe, dass sie- bewusst oder unbewusst – als Nebelwerfer eingesetzt wird. Als der eines versöhnlichen Nebels zwar, der die Permanenz des Lebens über den Tod hinweg insinuieren soll – aber ein Nebel eben. Dort in den Urnen ist Asche. Dort in den Särgen sind Leichen. Die tragen wir zu Grabe. Und dort in den Gräbern ist Verwesung. Die Tröstung – sie sollte keine Rhetorik sein. Asche zu Asche und Staub zu Staub. So muss das heissen.

Die Präparate

In Anführungsstrichen hab’ ich die Leichen, die Leichname (ich halte beide für synonym) auf den Präpariersaal gelegt. Ohne würde ich sie den Pathologen und Forensikern auf die Stahltische und den Bestattern in die Särge legen, denn was deren Leichen zeichnet, ist die Verweslichkeit. Verweslich – das sind die der Anatomen eben nicht. Oder zumindest geben die Anatomen sich grosse Mühe, die Zersetzung der Objekte Ihres Interesses so weit hinauszuschieben, wie es eben geht. “Fixierung” nennen sie diesen Vorgang, “Einbalsamierung” oder “Mumifikation” sind andere Worte für ältere, meist weniger effektive Methoden der Leichenkonservierung.

Reizvoll wär’s, über die vielfältigen Methoden zu schreiben – ein andermal. Hier geht es mir darum, festzustellen, dass die Fixierung (Formaldehyd, Alkohol) den Leichnam davon abhält, das zu tun, was er normalerweise täte: verwesen. Ich habe bewusst das Aktiv gewählt – der Leichnam tut das, wiewohl er nicht mehr lebt. In ihm ist es aktiv – der Zerfall geht von innen nach aussen, nicht andersherum. Als erstes verdaut sich der Magen selbst.

Das wissen wir zu verhindern. Allerdings haben wir dann auch keine Leichen mehr vor uns. Sondern Präparate, Kunstprodukte, Material. Deswegen die Gänsefüsse, wenn von “Leichen” auf dem Präpariersaal die Rede ist.

An dieser Stelle werde ich dann öfters der Herzlosigkeit geziehen, der Respekt vor den Menschen und den Toten, sagt man, ginge mir ab. Dann werde ich manchmal zornig, haue dem Kritiker die vorangehenden Gedanken über das Wesen der Toten um die Ohren und fahre wie folgt fort.

Die Objektivation

Präparat, Kunstprodukt, Material – wie könnt’ ich die Studenten an die Präparate führen, wie könnt’ ich Ihnen die Messer in die Hand drücken und sie heissen, sie zu häuten, zu köpfen, zu zerteilen, wenn da Menschen lägen? Um das zu tun, was wir tun, brauchen wir alle Distanz, die wir nur herstellen können, radikal muss die Objektivation sein – und die Radikalität der Fixierung rechtfertigt die Radikalität des Sprachgebrauches. Kein Mensch. Natürlich nicht. Der lebt oder ist in der Erinnerung als Toter präsent. Kein Toter auch. Noch nicht mal ein Leichnam – ein Präparat. Messer her.

Das, was ich da eben sprachlich angestellt habe, ist natürlich auch eine Trope, das Gegenteil einer Metonymie: Eine Zerreissung einer Begriffskette, die selbstverständlich Überlappungen aufweist. Ich weiss nicht, ob es einen schlauen Namen für diese Wortfigur gibt, aber ich weiss, dass sie als Denkfigur äusserst mächtig ist und einen instand setzt, Dinge zu tun, die man sonst nicht täte.

Wir tun alles für diese Zerreissung. Die personale Identität des Präparates wird ausradiert. Kein Name. Eine Nummer(4)(5).

Person und Präparat

Die Anonymisierung gelingt in soweit, als die Präparate namenlos sind. Individuuen sind sie dennoch, stets zweifelsfrei männlich oder weiblich(6), dick oder dünn, mit dieser oder jener körperlichen Besonderheit versehen – und mit meist ziemlich grausiger Mimik.

Die Gesichter, in die man da schaut (nie hat man übrigens den Eindruck, dass sie einen anschauen, wiewohl die Augen meist halboffen stehen) erzeugen zunächst den Eindruck einer überwältigenden, Individualität im Zustand des Totseins, aber man merkt rasch, dass es wieder die Fixierung ist, die unserer Imagination hier Streiche spielt. Im wesentlichen sind es zwei Gesichtsausdrücke, die man vorfindet: Die Facies hippocratica und das verschwollene Gesicht eines Boxers, der von seinem Gegner ganz fürchterlich verdroschen worden ist. Tendenziell kriegen die Dicken bei der Fixierung dicke Köpfe, die Mageren die hippokratischen Leidensmienen. Das hat wieder mit dem Bindegewebe zu tun, und wäre einen eigenen Aufsatz wert – hier will ich nur soviel sagen: Es ist keineswegs die personale Identität, die da aus den Gesichtern schaut. Ich hab’ oft genug gesehen, wie sehr die Fixierung die Gesichter der Leichen verändert – ich glaub’, ich würde meinen eigenen Vater nicht wiedererkennen.

Man sagt gern, dass der Leichnam oder das Präparat zwar keine Person mehr seien, aber dennoch – indem sie ein Überbleibsel einer Person sind – auf jene verweisen, und man leitet daraus eine gewisse Würde ab, die – sozusagen – von der Person auf den Leichnam abfärbe. Weswegen man würdig mit ihm umgehen müsse.

Dem kann ich nicht ganz folgen. Sofern das Präparat oder der Leichnam (ich werfe beide Begriffe jetzt wieder in eines, der oben hervorgehobene Unterschied tut nichts zu Sache, von der ich jetzt schreiben will) tatsächlich soweit anonym ist, dass es nicht möglich ist, es oder ihn einer bestimmten Person zuzuordnen, kann ich auch die Würde dieser Person nicht verletzen. Ärgstenfalles kann man ihn – den Leichnam – pars pro toto zur Würdigung (“unbekannter Soldat”) oder Entwürdigung (“Hottentottenvulva”) einer ganzen Personengruppe instrumentalisieren – aber die Person entzieht sich dem Schimpf oder der Ehre, einfach, weil man sie nicht kennt.

Das rechtfertigt nun eigentlich jedweden Blödsinn, den man mit anonymen Leichen anstellen will  – und in der Tat: Was der Herr Dr. von Hagens da treibt, ist meiner Ansicht nach zwar Blödsinn, aber keineswegs eine Herabsetzung von irgend jemandes personaler Würde.

Dem Unfug schieben die Anatomen einen Riegel vor, indem sie auf den Standard der “würdigen Präparation” achten, indem sie auf das “lege artis” pochen, indem sie irgendwelche Basteleien – z.B. das Annähen von Ohren an Hintern – streng strafen. Es ist aber das Ethos der Wissenschaft, das derlei verbietet (denn davon kann man nichts lernen, es sei denn: Die chirurgische Naht). Der beohrte Arsch beleidigt die Wissenschaft. Nicht seinen ehemaligen Besitzer.

Buddha und die Gräber

Manches Präparat findet sein Grab nie – oder besser: wird in Gläsern, im hellen Licht der anatomischen Sammlungen begraben. Andere – die meisten – gehen in’s Dunkel der Grablege, denn die Anatomen sammeln (s.o.) alle nummerierten Teile sorgsam ein, aus der Nummer wird wieder ein Name, und der steht auf der Urne, in der die Asche ist.

Wie schon gesagt: wir tragen nicht unsere Toten zu Grabe, sondern die Urnen. Und die Toten zu Grabe zu tragen – das ist eigentlich das Ärgste, was wir tun können, denn es heisst: sie vergessen, die Erinnerung begraben, sie endgültig sterben heissen.

Andererseits – vielleicht sieht so ja die Erlösung aus. Spurlos verschwunden und verweht. Wer im Gedächtnis anderer lebt – der lebt ja noch.

Verstörender Gedanke: der Buddha. Ich denke ihn gerade. Als Person. Das heisst: er ist nicht wirklich ‘rausgekommen.

Auauau..

 

Annotationes:
(1) Arthur Schopenhauer, WWV
(2) Das ist sehr ernst gemeint.
(3) Gänsefüsse werden weiter unten erklärt.
(4) …die tatsächlich in Form von Plastikschildchen an Zehen, Fingern, Ohren hängt, und die es dem Prosektor (dem “Bestattungsamtsleiter” der Anatomie) erlaubt, die Teile später personenbezogen wieder zusammenzuführen, denn die Urnen, die wir beisetzen, die tragen wieder die Namen derer, deren Asche sie enthalten.
(5) Meines Wissens halten es die Pathologen, die Forensiker, ja, selbst die Bestatter nicht anders. Die Leichen werden nummeriert. Schon aus organisatorischen Gründen, der chronologischen Buchhaltung halber. Es ist aber interessant, einem Rechtsmediziner zuzuhören, wenn er sein Sektionsprotokoll in das Diktaphon spricht, derweil er den Leichnam inspiziert. Nie wird er den Namen des Obduzierten aussprechen, selbst Personalpronomina werden vermieden. Also nie “Er hat eine Stichwunde am Rücken” oder “ihr Herz zeigt keine Auffälligkeiten”, sondern stets “Stichwunde am Rücken”, “Herz ohne Befund”. Man kann das als einen Ausdruck der sprachlichen Effizienz und gebotenen Kürze verstehen, kann es aber auch als ein Zeichen der Scheu und Distanzierung interpretieren – eben jener notwendigen Distanzierung, von der oben im Zusammenhang mit dem Präparierkurs der Anatomen die Rede ist.
(6) Ich hab’ noch nie einen Hermaphroditen gesehen, und käme mal einer in die Anatomie, dann würden wir ihn/sie vermutlich auch nicht in den Präparierkurs bringen.

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

13 Kommentare

  1. Die Erfahrungen im Präp-Kurs veranlassten unser Kind, seine Eltern zu bitten, sie mögen sich im Falle des Todes doch bitte nicht der Wissenschaft zur Verügung stellen.

  2. Leib-Seele-Problem

    (1) Dein Text ist die interessanteste Variante, das Leib-Seele-Problem aufzuwerfen, die ich seit langem gelesen habe. Denn das Verhältnis zwischen den Toten und den Leichen ist letztlich wohl das zwischen Seele und Leib.

    (2) Denn die Seele ist gar nicht so unkörperlich-immateriell, wie man zunächst meinen könnte; wirklich immateriell sind nur Ideen und Gedanken (weswegen bspsw. Dämonen letztlich nichts anderes sind als Gedanken). Seelen sind ja nur in ihrer “verwandelten” Körperlichkeit als die Seelen ganz bestimmter Verstorbener erkenntlich; ohne einen Körper jedweder Art wären sie nicht als die zu erkennen, die sie sind/waren. – Hieraus wird am Ende ein Argument gegen Reinkarnation, da die Tatsache, dass ich im Besitz des vollständigen Wissens über das Leben einer Person bin, noch lange nicht bedeutet, dass ich diese Person bin/war; personale Identität ist wohl kaum ohne Leiblichkeit zu denken (vgl. Peter Geach, God and the Soul).

    (3) Während die Leiche noch über Jahre irgendwie physisch auf Erden präsent ist, leiden die Angehörigen an der Abwesenheit des Toten, der in ihrer Vorstellung anwesend bleibt – genauer: weil er in ihrer Vorstellung lebendig bleibt. Die Vorstellung als Wahrnehmungserwartung (Ulric Neisser) erfüllt sich nicht mehr in tatsächlicher Wahrnehmung: die sehnsüchtig erwartete, allabendliche Umarmung ist tatsächlich nicht mehr möglich. Die Gestalt schließt sich nicht. Das Leben ist zerrissen.

    (4) Die Begegnung mit der Leiche mir bekannter Personen war für mich immer sehr irritierend. Ich hatte dabei immer das Gefühl: Die eigentliche Person ist überhaupt nicht hier (wo immer sie ist), die Leiche ist nicht der Ort der Anwesenheit dieser Person. Ich fand das, glaube ich, immer ein wenig tröstlich; denn dies impliziert ja, dass das Verweseungsschicksal der Leiche nicht das Schicksal der verstorbenen Person (des Toten) ist.

    (5) Du deutest an, dass die Toten in unserer Vorstellung leben, dass wir sie aber doch bitte nicht zu Grabe tragen sollen. In der lebendigen Person sind meine lebendige Vorstellung von ihr und die physische Materialität ihrer Präsenz innigst miteinander verwoben. Ich glaube, die Ablösung des Toten als lebendige Vorstellung von der Leiche in ihrer zerfallenden Materialität kennzeichnet den Trauerprozess.

    (6) Aber es besteht eine Verbindung zwischen der Leiche und dem Toten, jedenfalls unmittelbar nach dem Tod! Die Schändung der Leiche eines zum Tode Verurteilten zeigt, dass zu diesem Zeitpunkt die Ablösung noch nicht vollzogen ist; sie trifft doch auch den Toten und auf jeden Fall seine Angehörigen und dies befriedigt die Leichenschänder (obwohl alle wissen, dass der Tote selbst nichts mehr spürt). Und der Anblick einer durch Unfall oder Verbrechen entstellten Leiche, betrifft sehr wohl den Toten (in unserer Vorstellung) und kann die Trauer massiv erschweren – hier liegen ja auch Zeichen des beim Sterben noch real Erlebten, Durchlittenen vor; vermutlich betrifft bereits die bloße Vorstellung dieser Qualen die Toten (“in uns”).

    (7) Mit der Leiche können wir nicht leben. Aber wie leben wir mit den anwesend abwesenden Toten? Denn bei komplizierter Trauer führen diese Toten, die keinesfalls bloße Phantasieprodukte sind, ihr Eigenleben. Hier sind Dissoziationen möglich, die Toten kommen gleichsam aus ihren Gräbern, bedrängen oder beglücken die Lebenden mit ihrer Anwesenheit: in Träumen, bei Besuchen am Grab, in gedankenverlorenen traurigen Augenblicken. Kurz: sie sind alles andere als tot. Frühere Kulturen haben sich vor der Rückkehr der Toten gefürchtet und vielleicht ist dies ein Grund, warum man die Leichen nicht einfach irgendwo ablegt, sondern zur Sicherheit noch vergräbt oder besser gleich verbrennt. – Nur hilft das alles nichts. – Das Phänomen der Dissoziation könnte auch Romanschrifsteller treffen, wenn deren Figure anfangen, in ihnen ihr Eigenleben zu leben.

    (8) So verbindet sich mit dem gesamten realen Bestattungsvorgang eben doch auch ein Vorgang in unserer Vorstellung, und das spätere Leben mit den Toten kann durch diese sowohl realen wie auch symbolischen Handlungen entscheidend positiv oder negativ beeinflusst werden. – Ich hätte daher, ehrlich gesagt, ein ungutes Gefühl dabei, wenn die Leiche einer mir bekannten Person über Wochen auf dem Seziertisch Deiner Studenten liegt; die Loslösung ist dann in mir noch nicht vollzogen, die Vorgänge im Präpsaal betreffen dann sehr wohl den Toten selbst, der in mir seine Ruhe finden soll. (Natürlich achte ich die Entscheidung Eurer Körperspender, aber ein ungutes Gefühl bleibt dabei.)

    (9) Dissoziation – die Eigenständigkeit von Vorstellungsinhalten innerhalb unseres Bewusstsein – ist natürlich nur ein psychologischer Vorschlag, die eigenartigen Phänomene der Wiederbegegnung mit Verstorbenen zu erklären, die vielfach beschrieben wurden. Auf diese Weise muss man nicht annehmen, dass die Toten tatsächlich aus einer Anderswelt/Hinterwelt zeitweise zur Erde zurückkehren.

    Doch wer weiß …

  3. Skelettierte Leiche?

    Ah, sehr schön! Das habe ich gebraucht. Nächste Woche gehe ich zu einer Beerdigung (Urnenbestattung). Jetzt freu ich mich drauf. Anknüpfend an diesen Post, könnten sich dort interessante Gespräche entwickeln.

    Eine terminologische Frage habe ich zuvor noch:

    “Ein Toter, eine Tote, das sind Bewusstseinsinhalte, sie halten sich übrigens auch länger als Leichen.”

    Skelette halten bekanntlich, zumindest manchmal, in Fällen ohne Einäscherung, länger als jegliche Erinnerung an den einstigen Skelettträger. Skelett ist demnach wohl keine Subkategorie von Leiche. Richtig?

  4. @ Hoppe

    Ich danke Dir dafür, dass Du Dich mit meinem Text auseinandergesetzt hast.

    (1) So hab’ ich es nicht intendiert, aber freilich hat es mit Leibern und Seelen zu tun.

    (2) ist eine Riesenbaustelle. Ich glaube (nicht: weiss), dass es ein substantielles Ich nicht gibt, sondern vielmehr nur momentane Agglutinationen von Bewussteinsinhalten. Rästelhaft ist mir die Kontinuität, aber wenn das Ich unwandelbar wäre, wie könnte man dann retrospektiv fragen “War ich das?” – was man tut und sich vor sich selbst schämt. Auch das geht übrigens nur, wenn man zwei ist…

    (5) “Die Toten zu Grabe tragen”, das ist nach meinem Sprachverstädnis eine Metapher für “sie vergessen”. Und ja/nein – ich bin mir nicht schlüssig, ob im Vergessenwordensein die Erlösung liegt, oder nicht.

    (6) Widerspruch. Die Verbindung ist nur dann da, wenn ich/man weiss, zu welcher Person die Leiche gehört. Die Schändung einer beliebigen Leiche schändet beliebige Personen, die vielleicht fürchten, dass man sie eines Tages selbst so behandeln könnte, aber das (gewünschte) abschreckende Exempel funktioniert nur, wenn es wirklich der Kadaver des Gehenkten ist.

    (7)(8)(9)Da kann ich wenig dazu sagen, ausser, dass ich wirklich glaube – wie im Text erläutert – dass “die Toten” als Bewusstseins- und Sprachfiguren sehr lebendig sind.

  5. @Joker

    Skelett –

    im weiteren Sinne – Teil einer Leiche, aber auch (abgrenzbarer) Teil eines lebenden Körpers.

    Im engeren Sinne – als montiertes anatomisches Skelett, als Schädel etc. – wieder ein Präparat, ein kunstvoll (Mazeration, Entfettung, Bleichung etc.) hergestelltes Etwas, das bloss noch aus dem Kalk und dem Kollagen der Knochen besteht.

    Die ältesten anatom. Skelette stehen in Basel, sind von Vesal gemacht worden (ca. 1540).

  6. Anonymisierung und Würde

    Verbirgt sich da ein Zirkelschluss oder scheint es mir nur so? Erst wird die Leiche anonymisiert und dann heißt es, dass die Leichen keine Personen mehr sind und auch keine Würde mehr haben; ein Zirkel von Anonymisierung zur Würdelosigkeit und zurück.

    Schließlich ist es doch eure Entscheidung, der Leiche den Namen wegzunehmen. Ich frage mich, was mit einer Leiche einer Person geschähe, die sich beispielsweise den Namen oder die Adresse ihrer Homepage auf den Körper tätowieren ließ. Würden man diese den MedizinerInnen vorlegen? Würde man womöglich erst die Tätowierung entfernen oder unlesbar machen, um zu verhindern, dass jemand die Identität dieser Person herausfindet?

    Du schreibst, du würdest selbst die Leiche deines Vaters nicht mehr wiedererkennen. Das kann ich mir nicht so ganz vorstellen; aber gut, du bist der Fachmann.

    Was aber, wenn es sich um die Leiche einer berühmten Persönlichkeit handelt? Würde der Gerichtsmediziner dann noch stets nur die Nummer, nicht den Namen verwenden?

    Lenins Leiche kannst du beispielsweise heute noch besichtigen und sie wird nach wie vor personifiziert und mit Würde behandelt (um darauf zu achten befinden sich dort auch Aufpasser). Das untermauert doch, dass es sich um eure Entscheidung handelt, die Leiche zu personifizieren oder nicht und entsprechend als Würdenträger anzusehen oder nicht.

    Ich will das psychologische Handwerkszeug deiner Zunft hier gar nicht kritisieren, sondern eben interessiert nachfragen. Wäre es für dich anders, die Leiche eines Bekannten zu präparieren, würde dir die Objektivierung dann womöglich schlechter gelingen?

    P.S. Die Sache mit dem Meister Tod aus Deutschland, die du so ernst meinst, verstehe ich leider nicht.

  7. ad “Leichnam”

    Leichnam …

    1) … das wort, alte zusammensetzung von lîc, ahd. lîh, leib und hamo kleid, faszt den körper als eine leibliche hütte im gegensatz zu der darin weilenden seele …

    2) leichnam bezeichnet zunächst den lebenden menschenleib … nhd.: wann abgeschnitten oder abgehawen wurt ain bain oder ain chartilago .. das hailet nicht mer an den leichnam. Hier. Braunschweig chirurg. (1539) fol. 5

    (Grimmsches Wörterbuch)

    Früher wurde übrigens noch vom “toten Leichnam” gesprochen (siehe dort Bed. 3) und im Niederländischen ist auch heute noch lichaam der lebende Körper und lijk die Leiche.

  8. @ Schleim

    “Verbirgt sich da ein Zirkelschluss oder scheint es mir nur so? Erst wird die Leiche anonymisiert und dann heißt es, dass die Leichen keine Personen mehr sind und auch keine Würde mehr haben; ein Zirkel von Anonymisierung zur Würdelosigkeit und zurück.”

    Das ist so, aber es ist kein Zirkel. Wir lösen die Person von ihren Überresten, weil jene uns nicht für eine Person, sondern für “die Anatomie des Menschen” stehen sollen.

    Dass das nicht funktioniert, dass stets ein Individuum und seine Leidensgeschichte, die sich aus seiner Anatomie ablesen lässt, übrig bleibt – das ist eine andere Geschichte.

    Aber in einem Zirkel sind wir nicht. Nähte ich Ohren an Hintern: keinen hätte ich beleidigt, denn ich wüsste nicht, wessen Ohren es waren, keiner könnte klagen, weil er persönlich beleidigt wurde.

    Es sei denn, der Kläger wäre der Tod selbst, dessen Beleidigung ich im übrigen Herrn von Hagens vorhalte.

  9. Definition ´Toter´ ´Leiche´

    In den nächsten Monaten bekommen wir Post mit einem Organspenderausweis.
    Dann dürfte die Frage neu diskutiert werden müssen, was denn ein ´Toter´ und was eine ´Leiche´ ist.

  10. Vergänglichkeit

    Der beohrte Arsch beleidigt die Wissenschaft. Nicht seinen ehemaligen Besitzer.

    Jaja, um dem Aufsatz kommentarisch noch ein wenig mehr Inhalt zu geben: Viele Menschen (oder Bären) in vorgerücktem Alter wissen um den Nutzen des Todes.

    Wer will schon ewig verharren.
    Der Tod ist Erlösung und das Gegenteil des Todes scheint die Hölle zu sein.

    Ob der werte Inhaltegeber die Veranstaltung und deren Ende brauchbar einordnet, scheint dem Schreiber dieser Zeilen zumindest zweifelhaft.
    Kann man so Ansehen & Geld verdienen?

    MFG
    Dr. Webbaer

  11. @ Helmut Wicht

    “Verstörender Gedanke: der Buddha. Ich denke ihn gerade. Als Person. Das heisst: er ist nicht wirklich ‘rausgekommen.”

    Ich glaube, es ist ein Wesentliches, daß das Eine das Andere nicht denken kann.

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