Sprachverschraubung (Kleist)

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Es gibt – das wird Ihnen jeder Mechanikus bestätigen – nur fünf Arten von Schrauben: zu lange, zu kurze, zu dicke, zu dünne und solche mit unpassendem Gewinde.

Wenn man lange im Geschäft ist und sich fleissig Schraubenvorräte zulegt, ändert das an der Situation nur wenig. Man hat nun stets etwas zu lange, ein wenig zu kurze, ein bischen zu dicke, eine Kleinigkeit zu dünne und mit einem beinahe passenden Gewinde versehene Schrauben zur Hand.

In der Welt des Geistes ist es nicht anders. Die Doktorarbeit zum Beispiel, durch die ich mich gerade quäle, ist von jemandem verfasst, dessen Sprachschraubensammlung noch nicht sehr weit gediehen ist – weswegen mit dem Hammer geschraubt wird. Da werden, um in der mechanischen Analogie zu bleiben, metrische Rechtsgewinde in zöllige Linksgewindebohrungen gekloppt – das Resultat ist hämmernder, bohrender, sich schraubig durchs Hirn windender Kopfschmerz. Bei mir, der ich das lesen muss.

Das kann ich besser. Beinahe passende Worte, fast rechtgezimmerte Sentenzen, ungefähr angemessene Metaphern find’ ich fast immer. Beinah fast immer. Oft. Mitunter…

Warum ich das schreib’?


Quelle

Weil gestern vor 200 Jahren Heinrich von Kleist gestorben ist, der wirklich für jedes Sprachgewinde die passende Schraube hatte. Dem will ich zum Todestag gratulieren. Er hat ein Leben gelebt, in dem nichts passte. Aber ein Sprachkunstwerk aufgerichtet, das so perfekt verschraubt ist, wie das Leben gepfuscht. Nein – dem war in diesem Leben nicht zu helfen, stimmt schon. Dazu war er ein zu guter Schriftsteller, ein zu grosser Perfektionist.

Lerne, Pfusch zu ertragen! Das ist das Geheimnis des Lebens!

Wenn da nur dieser Kopfschmerz nicht wäre…

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

15 Kommentare

  1. “will schreiben wie Film”

    Wie wäre es denn mal mit etwas ganz anderem, einem verbotenen Buch: “Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz”?

    Irmgard Keun, “Das kunstseidene Mädchen”:

    “Und ich denke, dass es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. Ich denke nicht an Tagebuch – das ist lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein.”

    “Und es wird mir eine Wohltat sein, mal für mich ohne Kommas zu schreiben und richtiges Deutsch – nicht alles so unnatürlich wie im Büro.”

    “Und habe mir ein schwarzes, dickes Heft gekauft und ausgeschnittene weiße Tauben draufgeklebt und möchte einen Anfang schreiben: Ich heiße somit Doris und bin getauft und christlich und geboren. Wir leben im Jahre 1931. Morgen schreibe ich mehr.”

  2. Pfusch am Bau

    Derzeit ruft fast täglich eine Bekannte, die gerade Ihr Haus sanieren lässt und dem Wahnsinn nahe ist, bei mir an, um sich von mir trösten zu lassen.

    Sie klagt, es sei zwar alles irgendwie schöner und moderner geworden, aber nichts funktioniere mehr richtig und überall ‘knirsche’ es. Die verantwortlichen Handwerker würden, sofern sie sich nicht telefonisch verleugnen lassen und überhaupt greifbar seien, sich gegenseig die Schuld für Mängel zu schieben.

    Da mir zwischenzeitlich auch kaum noch aufmunternde Worte mehr einfallen, konnte ich heute mit Ihrem Spruch glänzen:

    ‘Lerne, Pfusch zu ertragen! Das ist das Geheimnis des Lebens!’

    Habe Ihr natürlich gesagt, den hätte ich selbst ausgebrütet.

    Schreibe ja schließlich keine Doktorarbeit

  3. @ Lichte

    Aber das (die Zitate aus dem Buch) IST doch gut verschraubte Sprache. Zumindest merkt man, dass die Autorin sich etwas gedacht hat, dass sie schreiben kann. Die umgedrehte Zeitreihe ‘Name und getauft und christlich und geboren..’ ist originell.

  4. @ Geoman

    ‘Lerne, Pfusch zu ertragen! Das ist das Geheimnis des Lebens!’

    Kleist hätte wahrscheinlich geschrieben:

    “Hättet ihr halb nur soviel als ietzo, den Pfusch zu beklagen, ihn zu beseit’gen getan: Wohnlich wär’s um Euch, und schön.”

    (geklaut und modifiziert aus der “Herrmannschlacht”)

  5. “… ist originell”

    “Die umgedrehte Zeitreihe ‘Name und getauft und christlich und geboren..’ ist originell.”

    Richtig! Ich habe immer wieder auf diesen kleinen Satz aufmerksam gemacht, weil er mir so gut gefällt.

    Verstanden hat es niemand. Verzweiflung. Irgendwann hab ich dann mal im internet gesucht, ob es … und: http://de.wikipedia.org/wiki/Hysteron-Proteron_(rhetorische_Figur)

    Aber entscheidend ist, dass Originalität hier nicht Selbstzweck ist, sondern etwas sagt – meine Interpretation des Satzes (vor dem Hintergrund des Buches):

    Keun stellt die Ich-Erzählerin vor, weil es vom Leser erwartet wird, der Konvention entspricht. Aber gleichzeitig bricht Keun die Konvention: Sie schreibt einfach aus einem offiziellen Dokument – Pass?, Geburtsurkunde? – ab, ohne Rücksicht auf die richtige Reihenfolge … soll heissen: Das ist alles total unwichtig, hat nichts mit mir zu tun. Das ist nicht mein Leben, nicht mein Film.

    “Anders” an diesem Buch ist auch, dass es so “einfach” ist: “Und es wird mir eine Wohltat sein, mal für mich ohne Kommas zu schreiben und richtiges Deutsch – nicht alles so unnatürlich wie im Büro.”

    Heute würde man wohl sagen: “Popkultur”. Und Keun schreibt auch über “Hochkultur”:

    [Doris ist bei einem Mann eingezogen. Aus ihrer anfänglichen Verachtung wird ganz langsam Liebe. Aber er schwärmt noch immer von seiner Frau, mit der er nicht mehr zusammenlebt]

    “Und: »Meine Frau konnte singen so ganz hoch und hell.«

    Sing ich – – – das ist die Liebe der Matrosen – wunderbarstes Lied, was man hat.

    »Schubert«, sagt er. Wieso? »Gesungen hat sie, wie Schubert komponiert hat.« Das ist die Liebe der Matrosen – ist vielleicht ein Dreck, so’n Lied, was? Was heißt Schubert, was besagt er? Das ist die Lie – aus dem Leben gegriffen ist das – wie meine Mutter bei richtigen Kinostücken sagt.

    Und habe sein Bett gemacht.”

    “Das kunstseidene Mädchen” ist mein Buch der Bücher. Ich kenne kein anderes Buch, das so Kino ist:

    “Aber ich will schreiben wie Film …”

    Das tut Irmgard Keun. Lesen! (ich habe meinen Kommentar unter der Überschrift “Keun Buchempfehlung” gespeichert …)

  6. von wegen

    Helmut Wicht schrieb (22. November 2011, 12:12):
    > Es gibt – das wird Ihnen jeder Mechanikus bestätigen – nur fünf Arten von Schrauben: zu lange, zu kurze, zu dicke, zu dünne und solche mit unpassendem Gewinde.

    Es gibt auch die Schrauben mit falschen Köpfen; in zahlreichen Unterarten.

  7. @DIYicus

    …auch wahr.

    Adorno, wäre er Schrauber gewesen, hätte geschrieben: “Es gibt kein richtiges Gewinde im falschen.”

    Hingegem ganz und gar selbstgedichtet:

    Schraubers Morgengebet

    Guter Gott der Grobmechanik,
    bewahr auch heute mich vor Panik,
    laß mich bei dem Schraubensenken
    stets an Dein Evangelium denken:
    “Ich, Gott, der diese Schrauben schuf,
    rechtsrum zu und linksrum uff,
    geb’ Dir die Weisheit, bis ans Grab:
    für Schrauben gilt: nach fest kommt ab!”

  8. “Du hast wohl eine locker” sprach Doris zu dem verschrobenen Schreiberling als dieser ihr riet, sich besser durchs Leben zu pfuschen “Beinah fast immer. Oft. Mitunter” entgegnete ihr der alte Heinrich
    😉

  9. Ist die Schraub’ erst festgerostet,
    hilft Kriechöl meist.
    Ist sie locker oder dünn –
    geh hin und nimm Loctite.

    Der Reim ist futsch,
    das ist der Pfusch
    Es juckt mich nicht,
    ich bin kein Wicht.

    Ob Müdigkeit oder Zorn,
    der Schramm erinnert an den Georg fromm.
    Ob Vernunft oder Wille gar –
    Verstand und Einsicht später war.

  10. Das Böse ist nicht klein-
    groß muß man sich’s denken.
    Westerwelle oder Merkelein
    sind’s nicht, sie lenken
    durch des Habgiers Macht
    die Geschicke und sie denken:
    sie säßen am Tisch zuerst.
    Die Habgier lacht-
    die Uhr läuft gegen Mitternacht.

  11. “Vielleicht gibt es der Worte nicht mehr viele. Sie werden irgendwann wie leere Worthülsen im Brackwasser der Beliebigkeit untergegangen sein.” (Georg Schramm)

  12. Nimmst du die Schraub’, die da festgerostet
    nicht als Schraub’, sondern als Politikum-
    so kommst du nicht drum herum,
    das Kriechöl metaphorisch zu versteh’n-
    Auch die kleinste Schraub’ die fest verleimt
    tut ihren Dienst,
    wenn auch sich’s nicht reimt,
    so ist’s, wie der Weise schreibt:

    “Es heißt in den Schriften der Weisen: Ihr sollt die Schlange nicht deshalb gering achten, weil sie keine Hörner hat.
    Niemand weiß, ob aus ihr nicht einst ein Drachen wird, wie auch aus einem einzelnen Mann
    eine ganze Armee werden kann.”

  13. der war gut …

    Schraubers Schlaflied

    Geist der lösbaren Verbindung,
    Drehmoments- und Knackpunktsfindung,
    schläfst du, wird mir doch nicht bange:
    ich vertrau nach “ab” auf “Zange”.

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