Selbstverarschung

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei
"Ist der Ruf erst ruiniert,
lebt sich’s gänzlich ungeniert."
(Wilhelm Busch)

Oh ja. Der Titel ist mit Bedacht gewählt.

Eine wahre, eine ganz und gar wahre Geschichte aus dem Inneren der Wissenschaft und aus meinem Inneren will ich Ihnen erzählen. Eine Geschichte, die wohldokumentiert ist, zum Teil in "peer-reviewed journals", zum Teil in Texten, die ich hie und da im Netz verstreut habe. Ich werde Sie aus dem folgenden Text heraus dorthin verlinken.

Und es ist wirklich eine Geschichte der Verarschung. Wie ich versuchte, auf die Schippe zu nehmen und mich am Ende selber auf der Schippe wiederfand. Wie ich versuchte, mit Sprache zu veräppeln und von der Sprache veräppelt wurde. Einen Witz will ich Ihnen also erzählen, nur dauert er ein wenig länger.

Eh bien. Aus Gründen, die ich anderswo, vor allem hier und hier dargelegt habe, halte ich das menschliche Gesäss für den ästhetischen Höhepunkt der Humanevolution. Ich werde nicht müde, diesen Standpunkt auch in meiner Lehre, in den Kursen der Humananatomie, mit Nachdruck zu vertreten. Nach so einem halbsemestrigen Kurs, in dem es nicht nur, aber auch um die Anatomie der Regio glutaea (ho glutos: die Backe, die Wölbung) geht, kriegt man von seinen Studierenden, wenn Ihnen die Leistung des Dozenten zusagte, ein mehr oder weniger symbolisches Geschenk. Ein Buch. Eine Flasche Wein …

Im letzten Jahr haben mir die meinigen 3 kg Marzipan zu einem Arsch geformt. Ich hab’ ein Semester lang daran gefressen, leider vergessen, ihn zu photographieren.

Dieses Jahr … dieses Jahr haben sie den Hintern einer Kommilitonin mit Gipsbinden abgeformt, das ganze blau angestrichen und auf einen Rahmen montiert. Ich glaub’. ich weiss sogar, wessen Hintern das ist. Und danke allen Göttern, dass ich mittlerweile so ein alter Knacker bin, dem schon der Anblick der Form (und nicht erst der Besitz) einer Sache Freude bereitet.

Die akademischen Kollegen hier im Haus schwanken angesichts dieser Geschenke zwischen Pikiertheit und Erheiterung. Ich fühle mich über die Massen gebauchpinselt. Von Jahr zu Jahr ein mehr ein Arsch: wer kann das schon von sich sagen?

Und so ward ich keck und beschloss, das Lob des hinteren Körperendes auch in die Wissenschaft zu tragen. Mein Schicksal ist es freilich, am vorderen Körperende zu forschen – an dem eines unscheinbaren Wesens, das man "Lanzettfisch" nennt. Die Forschung am Vorderende dieses Fischleins, so hofft man, so hoffe ich, trägt zum besseren Verständnis der Frage bei, wie unser Kopf evolutionär in’s Sein gekommen ist. Die Lanzettfische haben nämlich keinen.

Ich mach’ also Kopfforschung an kopflosen Fischen, und als ob das nicht schon bizarr genug wäre, beschloss ich dennoch, gleichzeitig dem Hintern eine Lanze zu brechen. Hier hab’ ich den ersten Akt dieses Unterfanges dokumentiert.

In Kürze: ich schrieb zusammen mit meinen Forscherkollegen ein Manuskript, das wir zur Veröffentlichung im Journal of Comparative Neurology einreichten. Und damals, als das Manuskript noch in der Mache war, frug ich mich bange, ob folgende erste Sätze der Einleitung, die ich als scherzhaftes Lob des Hinterns dort einbaute, Bestand haben würden, ob sie die Kritik meiner Co-Autoren und der Gutachter überstehen würden:

"The animals on which we wish to report here are famed for the phylogenetic role they play (see below). They are also notorious for hiding not only in the sediments of their marine habitat, but also behind an impressive array of synonyms: cirrostomes, cephalochordates, acraniates, lancelets, branchiostomids, amphioxi: the same beasts in different disguises. "Amphioxus" literally means "pointed at both ends". Traditionally, the front end of the amphioxi has attracted more scientific interest than the rear one, as its study was expected to shed light on the evolution of the craniate (and human) head and brain.

Leaving aside the question why the evolution of the rear end of craniates and humans has attracted so relatively little attention, it can be stated safely that amphioxi indeed are one of the outgroups of craniates (Delsuc et al., 2006). Thus, the interest in their anatomy is fully justified from the viewpoint of anyone interested in the evolution of craniates….

Sie sehen: der Hintern bildet das logische Scharnier zwischen dem ersten und zweiten Absatz, und zumindest ich fand dieses im Kopf versteckte Lob des Hinterteiles witzig. Ein paar Kommentatoren des Blogs auch.

Und dann – dann geschah ein Wunder. Die Gutachter schluckten die Formulierung, ja, schluckten das ganze paper mit "minor revisions". Und einer schrieb gar, es sei "well-written". Ha! Hier ist das veröffentlichte Produkt unserer Bemühungen zu besichtigen. Zur Zeit nur online, Druck folgt (1).

Und dann, nach den "minor revisions", die die Datendarstellung und ein paar andere Ungenauigkeiten betrafen, danach kamen die "proofs", die Druckfahnen. Und die liest man dann als Autor noch mal, sozusagen mit der Lupe vor Augen, mit korinthen- und kommakackender Genauigkeit, denn es ist die letzte Chance, noch irgendeinen Unfug zu eliminieren. In den "proofs" sind auch die letzten Fragen und Anmerkungen des Lektorats, Kleinkram meist, einzelne Worte und Formatierungen betreffend.

Die "take-home-message" der Publikation war eigentlich ganz einfach. Unsere Daten lieferten Anhaltspunkte dafür, dass die Evolution der Komplexität des Gehirns der Chordatiere anfangs ein "add-on"-Prozess war: Neue Strukturen kamen zu alten, bereits existierenden "Bausteinen" (von denen wir in diesem Fisch einige identifiziert hatten) hinzu. Also weniger "Differenzierung" von Praexistentem, als "Addition" von Neuem. Aber das wollt’ ich nicht so simpel sagen. Am Ende der Diskussion, in den letzten Sätzen der Publikation, da wollt ich nochmal Pathos buttern, da wollt ich von "Kathedralen der Komplexität" reden, die auf "alten Fundamenten" errichtet wurden.

Und ich schrieb, wir schrieben:

"…that these [gemeint sind die von uns identifizierten "alten" Bausteine] were among the ancient "building blocks" of the chordate brain, serving as a solid fundament for the cathedral of complexity that was to be erected from new stones on an old fundament later in evolution."

Der Lektor/die Lektorin hatte das Wort "fundament" angekringelt. Wir kratzen uns am Kopf, guckten ins Wörterbuch und lachten dann schallend. Wir – ich vor allem – waren so blöde, "foundations" zu meinen, aber "fundament" zu schreiben. Und "fundament" heisst: "Gesäss".

"…eine Kathedrale der Komplexität, auf einem alten Arsch errichtet."

"Foundations", wir schrieben dann "foundations" in die Druckfahnen hinein. In der online-Version stehen aber noch unsere "fundaments". Ich bin ja mal gespannt, was das im Druck werden wird. Hin- und hergerissen bin ich. Einerseits wünsch’ ich natürlich nicht, dass man mich dieses "lapsus linguae" überführt. Andererseits: Ist es nicht ein wunderbarer Scherz, den die Sprache selbst da mit mir getrieben hat, dem Hintern zu Ehren? Also ganz in meinem Sinne? Wär’s nicht wert, dafür Hohngelächter zu riskieren?

Was ich hiermit tue.

(1) Spatial and temporal expression patterns of Bmal delineate a circadian clock in the nervous system of Branchiostoma lanceolatum (2010) Helmut Wicht, Elke Laedtke, Horst-Werner Korf, Christof Schomerus. The Journal of Comparative Neurology.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

6 Kommentare

  1. Danke

    für dieses neue Kleinod.

    Und übrigens: Schopi ist da. Ein Stündchen habe ich heute noch. Die Pfeife raucht, Safranskis Vorwort habe ich eben genossen. Jetzt breche ich auf in eine neue reizvolle Welt.

  2. @ Bolt

    Danke für die Blumen.

    Wir sprechen uns hier wieder, ja (mein nächtses Schopi-Postung kommt bestimmt..)? Denn drüben beim Dahl, im “Libertarian”, da verlier’ ich so langsam die Übersicht in den Kommentaren.

  3. Kreolische Medizin

    Bei Problemen mit dem Allerwertesten bewährt (zumindest auf Martinique): un bonbon-fesses – ein “Bonbon für den Hintern”, bei uns eher als Suppositorium oder auch Zäpfchen bekannt…

    Ansonsten Glückwunsch zum Paper und zu diesem amüsanten Blog-Beitrag!

  4. reprint request

    Lieber Helmut,

    Deine Eloge hab ich jetzt nicht im Detail studiert, aber das paper würde mich interessieren. Schickste mir bitte ein pdf?

    Danke und Grüße,

    Thomas

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