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BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Mitunter bin ich depressiv. Eigentlich, so sag' ich mir dann immer, ist das nur recht und billig, denn jemand, der angesichts des Gesamtzustandes der Welt keine Depressionen kriegt, kann eigentlich keinen guten Charakter haben. Manchmal hilft diese Überlegung. Es kam aber auch schon vor, dass sie nicht mehr half. Die Lage wurde so finster, dass ich mich gezwungen sah, einen Therapeuten aufzusuchen. Ich war damals so Mitte vierzig.

Der Therapeut (kein Psycholog', sondern ein Mediziner) hörte mir zu, diagnostizierte eine handfeste endogene Depression und half mir mit einigen Gesprächen wieder auf die Beine. Was mir am meisten half, war der Satz, den er mir zum Ende der kurzen Therapie mit auf den Weg gab: "Herr Wicht", sagte er, "Herr Wicht, eigentlich sind sie ein Fall für die Couch. Aber in Ihrem Alter lohnt sich das gesamtwirtschaftlich betrachtet nicht mehr."

Der Satz hat sich seither öfters als heilsam herausgestellt: wenn schon der platte Ökonomismus an sich nichts taugt, so taugt er doch wenigstens dazu, die Seelenpein zu verulken. Und solange man noch ulken kann, haben einen die Depris auch noch nicht gefressen. 

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

4 Kommentare

  1. “Mitunter bin ich depressiv. Eigentlich, so sag’ ich mir dann immer, ist das nur recht und billig, denn jemand, der angesichts des Gesamtzustandes der Welt keine Depressionen kriegt, kann eigentlich keinen guten Charakter haben.” Schopenhauer dürfte für Sie wohl nicht die richtige Literatur sein. Denn unser Blick allein sieht die Welt so oder so. Was die Welt für sich und an sich ist, darüber können wir nichts wissen. Allein, was sie für uns ist, das ist von Bedeutung. Drehen Sie sich nicht um! Es gibt die Gewalt und die Dämlichkeit in der Welt, aber dies ist nur die halbe Wahrheit!

  2. An sich oder für mich?

    Nein, keine metaphysische Debatte bitte. Das war gar nicht intendiert. Eigentlich wollt’ ich nur sagen, dass der Sarkasmus ein gutes Gegengift gegen die Traurigkeit ist. Ein sehr wirksames Mittel gegen Bauchweh ist es übrigens auch, sich mit dem Hammer feste auf den Daumen zu hauen. Das Bauchweh verschwindet – garantiert (für eine Weile wenigstens).

  3. Sarkasmus

    Wenn der Sarkasmus nicht zum Zynismus mutiert, ist nichts dagegen zu sagen. Wenn man über sich lachen kann, dann ist das ein gutes “Gegengift”. Aber Sie wissen ja, “der Wille, dem ist das Wurst und schickt uns auf die Reise”. Mir hat die Philosophie gegen die Traurigkeit geholfen -auch der “Hammer” Nietzsches. Doch Härte hilft nicht. Am Ende umfasste er in Turin ein geschundenes Pferd und brach im Wahnsinn zusammen. Sicher, ich werde Sie hier nicht mit meiner Metaphysik behelligen -nur so viel: Erkenntnis bringt Licht in das Dunkle des Menschen, nicht der Glaube an die eigene Ohnmacht angesichts der Dämlichkeit in dieser Welt.

  4. Sich über viele Jahre mit Depressionen über die Runden zu retten und zu lernen, mit ihnen zu leben, ist ohne Sarkasmus und Selbstironie fast nicht möglich. Da braucht es keine Philosophie, sondern Ausdauer. Schwer ist es allerdings, nicht zynisch zu werden, wenn man mit ansehen muss, mit welchem Erfolg es möglich ist, andere für dumm zu verkaufen und diese sich das gefallen lassen. Ich versuche, möglichst alt zu werden, um über diese idiotische Gesellschaft vielleicht doch noch lachen zu können.

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