Neuro-Enhancement: Pimp your brain!

Pimp your brain!
(Neuro-Enhancement)

Neuro Enhancement

Querer Einstieg über Frisuren und Krafträder

Als Buben haben wir selbstverständlich an unseren Mopeds herumgebastelt, und um den Preis des penetranten zwiebacksägenartigen Zweitaktradaus versucht, die Leistungsgrenzen, die das Gesetz uns vorschrieb, niederzuringen. "Frisieren" nannte man das damals, heute heisst es "Pimp your ride!". Wem die Mopedfrisur nicht recht gelingen wollte, der versuchte wenigstens, der Um- und Mädchenwelt mit einer modischen VoKuHiLa-Frisur zu imponieren. Und jetzt, wo uns die Haare ausgehen — und zwar zunächst vorne und oben, und erst dann seitlich und hinten, so dass wir, ganz ohne Friseur und Frisur, nur durch’s Wirken der Natur, zu einer schicken VoNiHiFra-Frise kommen könnten (will heissen: "vorne nichts, hinten Fransen") — jetzt sollen wir auf unsere alten Tage unsere Hirne frisieren. Oder wollen sie frisieren.

"Pimp your brain!" Der Student, der mir als Kandidat in der Prüfung gegenübersitzt: Er tut es angeblich. Einige Studenten zumindest. Und ich, der Prüfer — muss ich jetzt auch? Damit der Studiosus mit seinem gepimpten mentalen Moped nicht an meiner behäbigen Hirn-Harley vorbeibrettert?

Pro und contra – ad hominem

Zuerst wollt’ ich eine flammendes Fanal CONTRA "Neuroenhancement" verfassen. Warum, das weiss ich gar nicht so recht. Vermutlich, weil ich gerne aus Prinzip dagegen bin. "Whatever it is, I’m against it!" (Groucho Marx). In mir nistet der Dämon der Negation. Dann fiel mir aber auf, dass, wenn man die Sache "ad hominem" und nicht "ad rem" denkt, dass ich, als dem Nikotin und dem Alkohol durchaus nicht abgeneigter Mensch, dass ich also gewisse Schwierigkeiten bekommen würde, das "Contra" auch mir selbst gegenüber nur halbwegs glaubwürdig zu vertreten. Zumal abzusehen war, dass die Niederschrift dieses Blogbeitrages etlichen Nikotins bedürfen würde.

Also, dacht’ ich (mir eine Zigarette ansteckend), also setz’ ich mich nieder und schreib’ was PRO. Lysergsäurediethylamid (vulgo: LSD) wollt’ ich schliesslich auch schon lange mal probieren. Nur hab’ ich mich schon immer so vor meinen Dämonen gefürchtet, dass ich sie lieber gelegentlich im Suff betäube, als sie mit entfesseltem Wahrnehmungsvermögen in’s Freie zu entlassen. Wer weiss, was die dann mit mir anstellen. Und, um ganz ehrlich zu sein: Die (nüchterne) Schärfe des Intellekts, die ich mir selbst gern zu Gute halte (auch wenn’s oft nur das geölte Mundwerk und ein neunmalkluger Schreibstil sind, die sich da als "Intellekt" tarnen), jene Schärfe ist es auch, die die Dämonen im Schach hält, sie soweit zähmt, dass das Unwesen, das sie treiben, meinem Wesen zuträglich wird.

Ein vorbehaltloses PRO bekomme ich also auch nicht hin. Mangels Mut zu den wirklich krassen Methoden des "Enhancement" und qua Einsicht in die Tatsache, dass auch diejenigen dunklen und diffusen Ecken meines Bewusstseins, deren vollständige Kontrolle sich meinem Zugriff entzieht, für mich konstitutiv sind. Und genau DARAN werde ich versuchen, mein Argument festzumachen. Ein Argument, das allerdings (…Seufzer) weder so richtig pro noch contra sein wird. Schade. Ich schreib’ doch so gerne Philippicae (Schlaues Wort, nicht wahr? Mann, bin ich schon mal verbal-enhanced, und das ganz ohne Pillen!).

Ad rem – Aufrichtung des Strohmannes

"Neuroenhancement" – ich werd’ mir erlauben, im Folgenden nicht von den doch arg kruden Methoden der Bewusstseins-Beeinflussung zu reden, die die Pharmakologie heutzutage bietet. Ich unterstelle einfach mal, dass in näherer oder fernerer Zukunft Methoden da sein werden – vielleicht Kombinationen aus psychogenen und neurotrophen Wirkstoffen, die auf die synaptische Plastizität einwirken, womöglich in Kombination mit ganz gezielten Formen der elektrischen oder magnetischen Hirnstimulation – dass Methoden da sein werden, die es uns erlauben, viel gezielter auf einzelne Bewusstseinsbereiche einzuwirken, als eine Packung Zigaretten, ein Liter Wodka oder ein Löschblatt mit LSD das vermöchten. Ganz utopisch scheint mir das nicht. Schliesslich hat ja die moderne Hirnforschung gezeigt, dass mentale Phänomene vor allem eines sind: Auf eine geradezu unglaubliche Art und Weise in Einzelfunktionen dissoziierbar und mit bestimmten Orten im Gehirn assoziierbar. Auf der Basis unseres aktuellen Wissens darüber ist es also geradezu ein steinzeitlicher Ansatz, einfach eine Chemikalie über alles zu kübeln. Da liesse sich doch sicher mit ortsspezifischen Methoden Spezifischeres erreichen.

Fein. Nehmen wir also mal an, wir hätten die Möglichkeit, uns via Pille dergestalt zu pimpen, dass wir ganz bestimmte kognitive und affektive Funktionen dämpfen oder fördern können. Meinetwegen das logisch-analytische Denken, oder wahlweise das assoziativ entgrenzte, nehmen wir an, wir könnten die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses erhöhen, oder auch die des Lanzeitgedächtnisses, oder wir könnten selektiv eine ganz bestimmte Affektlage, grimmige Heiterkeit oder rührseligste Gefühligkeit einstellen. Nehmen wir weiter an, es gäbe keine Nebenwirkungen. Zumindest nicht in dem Sinne, dass wir körperlich Schaden nähmen. Mental freilich wird es Auswirkungen geben, dafür sind die Pillen ja da.

Take it!

Ich für meinen Teil schluckte vermutlich zuerst die Pille, die meine logisch-analytischen Fähigkeiten dermassen stärkte, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben verstehen könnte, wie eine Differentialgleichung funktioniert, und wie man sie löst. Denn das nicht zu können, erachte ich als ein Manko. Freilich würde mir das nicht in den Schoss fallen – ich müsste trainieren. Tat ich auch schon. Ohne Pille. Und scheiterte. Aber mit der Pille ginge es mir vielleicht wie einem gedopten Sportler: vorher Kreisklasse, jetzt Landesmeister.

Und, wie im Sport: freilich dopen dann alle, bei Klassenarbeiten, Staatsexamina und bei der wissenschaftlichen Arbeit. Und, wie im Sport, egal, wie viele Pillen ich schlucke, egal, wie lange ich an meinen Differentialgleichungsnüssen knacke: Einer wird immer besser sein. Weil er auch schon ohne Pillen besser war.

Aufschrei bei der Nobelpreisverleihung: "Der Preisträger war gedopt!". Stört mich das? Nicht wirklich. Eine wissenschaftlich korrekte Einsicht wird nicht dadurch falsifiziert, dass der, der sie gewann, dazu Pillen brauchte. Und wenn gestern einer dank Doping die 100 Meter in 9.0 Sekunden gelaufen wäre, dann bliebe es dennoch dabei, dass noch nie ein Mensch diese Strecke so schnell hinter sich brachte.

Will heissen: so wie das Doping im Sport, könnte das "Neuroenhancement" zum Zwang einer in wettbewerbsorientierten Gesellschaft werden. Andererseits – wenn’s keine Nebenwirkungen hat – warum denn nicht?

Exkurs: Fake it!

"Oh", sagte die Hure, " seit ich diese kleinen rosa Pillen nehme, die mich jeden meiner Freier romantisch lieben lassen, zumindest für ein halbes Stündchen, seither hab’ ich doppelt so viel Spass an meinem Job und verdien’ auch besser, denn die Kundschaft mag das…"

Warum denn nicht? Nicht authentisch? Ha! Was ist denn schon authentisch? "Authentisch" ist "bullshit". (H.G. Frankfurt, "Bullshit", Suhrkamp, Frankfurt, 2006)

Who are you?

Dennoch bleibt ein diffuses Unwohlsein. Und es hat eben doch mit der Authentizität (des Ich) zu tun.

Fern sei es von mir, eine Substantialität des Ich zu behaupten. Ebensofern, an dieser Stelle irgend etwas über sein Zustandekommen, seine Supervenienz, Emergenz, Epiphänomenalität, Relationalität oder sein illusionistisches Wesen sagen zu wollen. Von der Alltagspsychologie, die ich an mir erlebe, soll die Rede sein.

Seit ich denken kann, und mit jedem mühsamen morgenmuffligen Erwachen meines Bewusstseins finde ich mich in diesem Körper und jenen in dieser Welt wieder. Wohl habe ich begriffen, dass beide – Welt und Körper – durchaus wandelbar sind, nicht zuletzt deshalb, weil ich und viele andere Iche wollten, dass diese Wandlungen eintreten. Und selbstverständlich weiss ich auch, das jene Wandlungen von Welt, Körper und Gehirn auch mein Ich verwandeln: wäre das Motorrad nicht erfunden, wie könnt’ ich je in die Rolle des fiesen Rockers schlüpfen? Hätt’ ich nicht gelernt, an Mopeds herumzubasteln, wie könnt’ ich je zum Motorradeigenbauer geworden sein?

In all diesen Wandlungen hab’ ich zwar mein "eigentliches Ich" (das Schopenhauer, glaub’ ich, als "intelligiblen Charakter" bezeichnen würde), nicht kennengelernt. Ich glaub’ auch nicht, dass das überhaupt geht. Aber ich hab’ mir einen "empirischen Charakter" zugelegt, ich weiss so in etwa – aus der Erfahrung des Scheiterns und des Erlernens, des Wollens und der Abneigung, der Furcht und der Freude, wer ich bin. Ich kenne die Dämonen, die ich bändigen kann, ich kenne die, die mich bändigen, ich weiss, was ich in Angesicht meiner Möglichkeiten mit einiger Aussicht auf Erfolg wollen kann, und was nicht.

Ich empfinde, mit anderen Worten, meinen "empirischen Charakter" als einen Möglichkeitsraum, dem Grenzen gesteckt sind. Ich weiss, dass ich diese Grenzen verschieben kann, kann lernen, verlernen, vergessen, verdrängen. Aber im ganzen ergibt sich mir doch ein Bild meiner selbst – und ich bin eben kein Proteus, der seine Form beliebig ändern kann, keine Amöbe, die Scheinfüsse in alle Raumrichtungen strecken kann. Mein Charakter hat eine gewisse Gestalt. Sie ist wandelbar, aber nicht gänzlich und nur mir Mühe.

Negativ formuliert: ich bemerke, dass der Beliebigkeit der Wandlung, selbst wenn ich sie wünschte, Widerstände entgegen stehen. Ich bin so und so, ich kann dies und das nicht. Ich finde (konstruiere?) meinen empirischen Charakter gerade auch in Hinsicht auf seine Beschränkungen. Und wiewohl ich weiss, dass viele von denen durch Sozialisation und Hirnstruktur erst "geworden" (mithin: wandelbar) sind, so sind sie mir dennoch zugleich in jedem Moment "gegeben", nicht weiter hinterfragbar, unmittelbar.

So.

Und jetzt werde ich die Möglichkeit haben (unter Umständen sogar den Zwang erfahren, s.o.), den meinen empirischen Charakter gezielt zu frisieren, mich dem Proteus anzunähern, von dem ich eben sprach, meine Möglichkeitsräume in einem Mass und mit einer Zielgerichtetheit zu erweitern, die es vorher nicht gab.

Und ich fürchte, mich in diesen Möglichkeitsräumen zu verlieren. Ärger noch: ich fürchte den Konformitätsdruck. So wie heutzutage jede angehende Friseuse offenbar ein Arschgeweihtätowierung tragen MUSS, fürchte ich, dass wir uns alle bestimmte Hirngeweihe werden aufsetzen müssen – das Geweih der gelassenen Heiterkeit, wenn wir eigentlich todtraurig sein sollten, die Tarnkappe der Liebe, wenn wir doch eigentlich hassen, das der nüchternen Berechnung, wenn wir doch eigentlich sturzbetrunken von der Schönheit oder Schaurigkeit des Kosmos durch dessen Abgründe taumeln oder auf dessen Gipfeln jauchzen sollten.

Ich fürchte, mit anderen Worten, einen Verlust der "condition humaine", ich fürchte die Entgrenzung bei gleichzeitiger Normierung. Ich fürchtete den Verlust meines meines Charakters, um nicht zu sagen: Meines Schicksals. Den Verlust des "Gegebenen" also.

Na und?

Ich hatte mal eine NSU. Ein Vorkriegsmotorrad. Nein – mittlerweile sollte ich sagen: ein Vorvorvorkriegsmotorrad, der Balkan und Afghanistan gehören mitgezählt. Die NSU war mit der Wehrmacht in Polen und blieb beim Rückzug erstmal dort. Hat, so wie sie aussah, als sie nach einem halben Jahrhundert heim in’s Reich kam, ein hartes Schicksal gehabt – sah aus, als ob man sie zum Pflügen verwendet und dann endgültig zuschanden geritten hätte.

Ich hab’ sie umgebaut, gepimpt und frisiert. Jetzt hab’ ich einen aberwitzigen Apparat, der aus einer bösen Melange aus alten, neuen, originalen und gefälschten, selbstgebauten und werksmässigen, NSU-eigenen und markenfremden Teilen besteht. Ein wilder, haarsträubender Renner, geht wie die Sau und macht einen Höllenradau. Ein voller Erfolg – aber eben keine NSU mehr, schon gar kein Weltkriegskrad.

So ähnlich, denke ich, könnte es uns gehen. Böses Gebastel an den mentalen Möglichkeiten, womöglich mit vollem Erfolg. Nur werden wir uns in dem, was dabei herauskommt, nicht mehr wiederfinden.

Na und? Nur zu! Schliesslich ist der Mensch etwas, das überwunden werden muss.

LINKTIPP: Gehirn&Geist-Sonderseite "Neuro-Enhancement" mit zahlreichen Artikeln und weiteren Informationen zum Thema

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

43 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Schöner Beitrag, AABER….

    …zwei kritische Anmerkungen möchte ich mir doch erlauben:

    Schliesslich hat ja die moderne Hirnforschung gezeigt, dass mentale Phänomene vor allem eines sind: Auf eine geradezu unglaubliche Art und Weise in Einzelfunktionen dissoziierbar und mit bestimmten Orten im Gehirn assoziierbar.

    Na ja, was diese statistisch vermittelte und grobkörnige Diss- und Assoziierbarkeit ontologisch bedeutet, darüber könnten wir jetzt noch streiten. Fakt scheint doch zu sein, dass dir kein Hirnforscher vorhersagen kann, was für ein Erlebnis du haben wirst, wenn er bei dir in Hirnregion X einen elektrischen Strom der Stärke Y induziert.

    Auch wenn solche Darstellungen der “Machbarkeit” von Bewusstseinszuständen verbeitet sind, suggerieren sie doch einen Grad der Machbarkeit, dem wir in den letzten 50 Jahren nicht wirklich näher gekommen sind (ich denke dabei an José M.R. Delgado, den Yale-Physiologen).

    Selbst bei der Tiefenhirnstimulation bei Parkinson-Erkrankten im späten Stadium, wo diese Maßnahme einige der schlimmen Symptome lindern kann, passieren doch unvorhergesehene Dinge. Dieser Eingriff eignet sich meines Erachtens als Messlatte am besten, da hier die Forschung und Chirurgie der Hirneingriffe am weitesten sein dürfte.

    Aufschrei bei der Nobelpreisverleihung: “Der Preisträger war gedopt!”. Stört mich das? Nicht wirklich. Eine wissenschaftlich korrekte Einsicht wird nicht dadurch falsifiziert, dass der, der sie gewann, dazu Pillen brauchte.

    Auch ein Nobelpreisträger ist nicht nur Erkenntnismaschine, sondern auch Person. Bei Nobelpreisen werden meiner Meinung nach auch Lebenswerke als ganze berücksichtigt.

    Ich erinnere mich noch an die Forderungen in den Medien, Grass müsse nach seinem Outing als ehemaliges SS-Mitglied den Preis zurückgeben. Wenn ich dich richtig verstehe, müsste man dem erwidern: Wieso, die Schönheit seiner Romane ist davon doch unabhängig.

    Ich will hier nicht über Grass urteilen, sondern nur ein Beispiel dafür zeigen, dass Person und ihre Leistung eben doch miteinander verwoben sind; und wenn die Person ihre Leistungen zu einem signifikanten Teil nur mithilfe pharmakologischer Krücken erbracht hat — dabei womöglich noch die eigene Sicherheit und die anderer aufs Spiel gesetzt –, dann können wir schon anders darüber denken. Das heißt aber nicht, dass wir ihre Erkenntnisse deshalb ablehnen müssten; nur bewerten wir sie vielleicht anders.

    Ich schreib’ doch so gerne Philippicae.

    Dann darf man also noch auf 13 weitere Reden von dir zum Thema Enhancement gespannt sein? Ich freue mich darauf.

  2. @ Bednarik

    “Da gibt es eine echte Alternative:
    Komasaufen.”

    Als Methode zur Überwindung des Menschen?

    Ja.

    Nur schwebte Nietzsche, wenn ich das recht verstanden habe, nicht der Regress in die Bewusstlosigkeit vor, sondern vielmehr der Aufbruch zu den Ufern des Übermenschen.

  3. NSU und Gehirn

    So eine NSU ist was reales – da sieht man Ausgangs- und Endprodukt und kann dadurch sehen ob wirklich was verbessert wurde.

    Aber so ein Gehirn ist, wie Götterspeise, eine weiche wabbelige Masse.
    Um etwas verbessern zu können, müsste man erst mal definieren können, wie das Ausgangsprodukt in seiner Qualität beschaffen ist. Da dies nicht möglich ist sollte man einmal in den Kalender schauen: Ist Neuro-Enhancement nicht ein Synonym für unangenehm feucht-kalte Herbstnebel?

  4. “Und die Schlange war listiger denn alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu dem Weibe: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten.
    Da sprach das Weib zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten;
    aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret es auch nicht an, daß ihr nicht sterbet!
    Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet mitnichten des Todes sterben;
    sondern Gott weiß, daß, welches Tages ihr davon esset, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
    Und das Weib schauete an, daß von dem Baum gut zu essen wäre und lieblich anzusehen, daß es ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte, und nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann auch davon, und er aß.” (1. Mose 3,1-6)

    Ich will den biblischen Sündenfall nicht annähernd auf einer Stufe mit so etwas lapidares wie Neuro-Enhancement stellen, aber ist es nicht immer das gleiche Prinzip? Wo wollen wir eigentlich hin? Ich denke, wir suchen an der falschen Stelle, um Zufriedenheit zu erlangen. Wir schöpfen doch die gegebenen Möglichkeiten noch nichtmal aus.

  5. @ Schleim

    Stephan,

    freilich habe ich einen Strohmann aufgerichtet (ich schrieb’s ja explizite), einen Grad an Spezifität des Enhancement unterstellt, den es nicht gibt.

    Nur denk’ ich halt: NOCH nicht. Natürlich kann Dir ein Hirnforscher für manche (die primären) Regionen des Cortex SEHR genau sagen, was passiert, wenn er sie manipuliert. In den Assoziationscortices wird es freilich schwieriger – aber bedenk’ doch zum Beispiel mal den “Gotteshelm”, der da gerade im Blog nebenan bei Michael Blume wieder mal auftaucht. Und bedenk’ die geradezu “lächerlich fokalen” kognitiven “Ausstanzungen” nach Hirn-Läsionen, die Damasio beschreibt.

    Natürlich passiert unvohergesehenes. Aber eben auch vorhersehbares, von der “holistischen These” der Cortexfunktion (Flourens) sind wir ja nun seit Fritzsch und Hitzig und seit Broca, also seit 150 Jahren, weg.

    Und wenn bestimmte kognitive Funktionen Foci im Gehirn haben, dann seh’ ich nicht ein, warum nan sie nicht selektiv manipulieren können sollte.

    Dass ich PHILOSOPHISCH damit ein Problem habe, steht auf einem ganz anderen Blatt. Vielleicht kannst Du mir das erklären. Nach der Ansicht meiner idealistischen Meister, wohl auch nach der des Dualisten Descartes, KANN ein mentales Phänomen gar keinen Ort haben. Bestenfalls eine Dauer. Und ich finde diese Argumentation – vor allem in Hinsicht auf meine Alltagspsychologie – zwingend. Wenn ich z.B. ängstlich bin, dann empfinde ich die Angst als ortlos. Doch weiss ich, dass die Stimulation eines bestimmten Hirnortes (der Amygdala) sie auslösen kann.

    Ich verstehe es einfach nicht…aber das ist wohl mal wieder das Leib/Seele Problem.

    Grass, der Nobelpreis und die SS…

    Das ist mir sowas von schnuppe, vor allem, wenn ich jetzt gerade höre, dass man (Friedens)nobelpreise auch für Leistungen bekommen kann, die man nich nicht erbracht hat.

    Caravaggio war ein Mörder und dennoch hängen seine Bilder zu Recht an den Wänden der grossen Museen. Das ist nämlich das tolle an der Kunst, der Wahrheit und der Ästhetik: dass sie sich (offenbar anders als das Mentale vom Gehirn) ganz und gar von dem, der sie schuf, ablösen können.

  6. Wicht: Eine Frage der Genauigkeit

    Nur denk’ ich halt: NOCH nicht. Natürlich kann Dir ein Hirnforscher für manche (die primären) Regionen des Cortex SEHR genau sagen, was passiert, wenn er sie manipuliert.

    Na ja — wenn man jetzt in meinen motorischen Kortex einen Strom leitet, kann man vielleicht vorhersagen, dass es in der kontralateralen Seite Zuckungen gibt. Wenn man es etwas genauer macht, kann man vielleicht die Extremität bestimmen, die zucken wird; aber z.B. zu sagen, bei dieser Stromstärke wird sich der Ringfinger um zwei cm anheben, das soll jemand sagen können — und zwar ohne vorher durch bloßen Versuch und Irrtum bei genau diesem Gehirn und genau diesem Körper eine (natürlich mit Messfehlern behaftete) Reiz-Reaktions-Kurve angefertigt zu haben?

    Natürlich passiert unvohergesehenes. Aber eben auch vorhersehbares, von der “holistischen These” der Cortexfunktion (Flourens) sind wir ja nun seit Fritzsch und Hitzig und seit Broca, also seit 150 Jahren, weg.

    Entschuldige mal aber die Theorie von der “mass action”, die kam historisch erst NACH Broca und Wernicke! Zurzeit erleben wir wieder einen Lokalisationshype aber auch hier zeichnet sich schon wieder ein Comback der Netzwerker an (man suche nach: Ed Bullmore, Cambridge).

    Die Frage ist natürlich immer, mit welchen Methoden man sucht. Die Lokalisierer finden Lokalisationen; die Netzwerker finden Netzwerke.

    Und wenn bestimmte kognitive Funktionen Foci im Gehirn haben, dann seh’ ich nicht ein, warum nan sie nicht selektiv manipulieren können sollte.

    Gut, damit stellst du eine Plausibilitätsüberlegung dafür an, dass es nicht UNmöglich ist. Darüber, dass und, wenn ja, wie genau es möglich ist, ist damit noch nicht viel gesagt.

    Das ist nämlich das tolle an der Kunst, der Wahrheit und der Ästhetik: dass sie sich (offenbar anders als das Mentale vom Gehirn) ganz und gar von dem, der sie schuf, ablösen können.

    Gut, dann sollte man vielleicht den Nobelpreis (dein Beispiel) den wissenschaflichen Studien und Kunsterwerken selbst verleihen und nicht den Personen, die sie erbracht haben (ob mit oder ohne pharmakologische Krücke)?

  7. @ Schleim/Lokal vs. global

    “Entschuldige mal aber die Theorie von der “mass action”, die kam historisch erst NACH Broca und Wernicke! Zurzeit erleben wir wieder einen Lokalisationshype aber auch hier zeichnet sich schon wieder ein Comback der Netzwerker an (man suche nach: Ed Bullmore, Cambridge).”

    “Mass action” sagt mir nichts. Ich bin mir aber SEHR sicher, dass der Herr Flourens (ca. 1820) die Lokalisierbarkeit corticaler Funktionen abstritt. Aufgrund von (groben) Läsionsexperimenten. Und nochmal eine Generation früher geriet der Sommering mit dem Kant in Streit, nur weil der Soemmering es gewagt hatte, den Seelenregungen ÜBERHAUPT einen Ort im materiellen Gehirn (“Nervenfluidum”, wenn ich es recht erinnere) zuzuweisen.

    Also, über lange wissenschaftshistorische Zeiträume hinweg betrachtet, ist die “Lokalitätshypothese” sicherlich junger als die “Globalhypothese”. Zumindest (immer hübsch vorsichtig sein, wenn man mit klugen Leuten diskutiert) ist das mein momentaner Wissensstand.

    Nobelpreise:

    Ja, wir sollten die Werke und ihre Wirkung auf uns preisen, und nicht den Meister, der sie schuf. Tun wir – auf lange Sicht – ja auch. Wenn ich nach Colmar gehe und im Musee d’Unterlinden Eintritt bezahle, um den Isenheimer Altar zu sehen, dann zahl’ ich den Preis nicht wegen des Herrn Grunewald, sondern wegen des Herrn Auferstehung in der Lichtgloriole, die ich sehen will.

  8. @ Lokalisation usw.

    dass der Herr Flourens (ca. 1820) die Lokalisierbarkeit corticaler Funktionen abstritt. Aufgrund von (groben) Läsionsexperimenten.

    Soso, und deinen Kollegen, den Herrn Dr. Franz Josef Gall (1758–1828), den lässt du außen vor?

    Und nochmal eine Generation früher geriet der Sommering mit dem Kant in Streit, nur weil der Soemmering es gewagt hatte, den Seelenregungen ÜBERHAUPT einen Ort im materiellen Gehirn (“Nervenfluidum”, wenn ich es recht erinnere) zuzuweisen.

    …und war das noch mal eine Generation vorher, als Descartes die Leib-Seele-Interaktion in der Zirbeldrüse lokalisierte?

    Ich bin aber kein Medizingeschichtler, ich kann hier nur mehr oder weniger dilletieren. Zur Not wüsste ich aber, wenn ich fragen kann. Bloß sind wir jetzt schon weit vom Thema “Enhancement” abgekommen.

  9. @ Schleim

    Grummelbrummel.

    Ja, und schon im Mittelalter hat man den sensus communis, die vis commemorativa, und die vis sensitiva in drei verschiedenen Ventrikeln lokalisiert, Plato pflanzte eine Seele unters Zwerchfell, die zweite ins Herz und die dritte ins Gehirn, und wenn ich nur ein bischen suchen würde, fänd’ ich vermutlich auch einen ollen Griechen, der die Sache anders und holistisch sah. Ich find aber keinen, nehm’ ich statt dessen Spinoza: alles ist beseelt.

    Einigen wir uns auf “unentschieden” – BEIDE Traditionen durchziehen die Wissenschaftsgeschichte?

    Dann könnten wir in der Tat zur Kernfage zurückkommen: ist es möglich/wird es möglich sein, eine ganz bestimmte, eng (wie eng?) umrissene mentale Funktion extern (Pille/Stimulation) abzurufen/hervorzurufen/zu intensivieren/abzuschwächen?

    Ich führe an, dass es natürlich “im Groben” schon geht. Sonst gäbe es keine Schmerztabletten. Nun ist “Schmerz” aber auch keine “eng umrissene” mentale Funktion. Worauf wollen wir uns für die Diskussion einigen? Was ist ein “gezielter” Eingriff, was ist eine “eng umrissene Funktion”, wie “feinmaschig” muss ich mir das Gewebe des Mentalen denken, wenn ich via Neuro-Enhancement eine Masche enger, die andere weiter machen will?

  10. Wicht: In Ordnung

    Gut, akzeptiere ich.

    Ich wollte nur auf die enorme Suggestivkraft hinweisen, die sich oft hinter diesen Darstellungen darüber verbirgt, was wir angeblich alles schon machen können.

    Um das große Problem zu lösen, um das es uns hier mit Blick auf die Manipulierbarkeit von Bewusstseinszuständen geht, wird man meines Erachtens qualitativ über die korrelativen Beobachtungen hinausgehen und wirklich “verstehen” müssen, wie die zelluläre “Informationsverarbeitung” im Gehirn “funktioniert”.

    Aber Informationsverarbeitung, Funktion, das sind doch schon wieder Metaphern…

    Da sehe ich jedenfalls noch kein Licht am Horizont — aber ich bin auch nicht das Maß aller Dinge. Vielleicht haben andere hier bessere Argumente?

  11. Schlappschwänze

    Neuro-Enhancement ging schon einmal in die Hosen:

    Um 1975 waren die kleinen Captagon-Pillen ein sehr beliebtes Aufputschmittel bei dynamischen Jungakademikern – bis sich herausstellte, dass Mann davon impotent wird.

  12. @Helmut: Ethnologie

    Dein Beispiel mit der Hure fand ich wirklich gut, weil es einen Punkt ins Spiel bringt, der sonst leicht vergessen wird: NE kann einen Betrag dazu leisten, zu ertragen, was wir uns auf andere Weise eingebrockt haben, so daß man allein aus Gerechtigkeitsgründen darüber nachdenken müßte, ob es nicht ein Recht z.B. für das Bildungsprekariat geben könnte, unverschuldet wirtschaftliche Nachteile bei der Ausbildung durch NE wieder hereinzuholen:

    Bsp.: Mein Vater hat mein Studium finanziert, so daß ich hier meine Beiträge schreiben kann (thx, Dad!). Wäre ich z.B. in Schwarzafrika geboren (unverschuldet), dann könnte ich das vielleicht nicht, obwohl ich bei angemessener Ausbildung dazu in der Lage gewesen wäre.

    Das zeigt noch einen weiteren Punkt von NE, der – soweit ich sehen kann – bisher in keinem Beitrag angesprochen wurde: Kulturrelativität.

    Bsp.: Das Leben der Indios in Südamerika ist nicht einfach und sie kauen seit Jahrhunderten Coca-Blätter gegen den Hunger und die Erschöpfung z.B. bei ihrer Arbeit als Bergleute. Es gehört folglich zu ihrem etablierten Selbstverständnis, die Folgen der Droge nicht als persönlichkeitsverändernd einzustufen: Wer kein Coca kaut, gilt als dumm, daß die Pflanze z.B. auch Calcium und die Vitamine A und B2 enthält. Coca wird auch oft als Arznei verwendet.

    Wie wollen wir solche Fälle einschätzen? Ich habe versucht, die Berliner Ethnologin Astrid Baerwolf für einen Betrag zu gewinnen, doch leider hatte sie keine Zeit.

  13. @Helmut: authenticity

    “Ich empfinde, mit anderen Worten, meinen ’empirischen Charakter’ als einen Möglichkeitsraum, dem Grenzen gesteckt sind.”

    Von einem intuitiven Standpunkt (“Alltagspsychologie, die ich an mir erlebe”) aus, ist das eine schöne Formulierung. Aber können wir mehr haben? Wenn wir das Problem der Kulturrelativität einmal beiseite lassen, dann läuft die Furcht, diesen Möglichkeitsraum zu verlieren, doch augenscheinlich darauf hinaus, daß Verfahren oder im übertragenen Sinne Werkzeuge gebraucht werden, um diesen Raum zu erschließen. Für den Fall, daß das tatsächlich mit Authentizität zusammenhängt (ich halte das für falsch), könnten wir uns doch einfach ein Paket genehmigen: NE plus NE-Berater. Inwiefern wäre das nicht-authentisch? Denn wenn du dir ein Studium reinziehst, dann erzeugt das auch einen Möglichkeitsraum, der sonst nicht da gewesen wäre. Und hättest du ein anderes Studium gewählt, dann wäre dein Möglichkeitsraum mit großer Wahrscheinlichkeit ein anderen. (Es genügt an dieser Stelle, zu wissen, daß du nicht wissen kannst, daß es derselbe geworden wäre.)

    Schicke counterfactuals oder? 😀 Das übt für kommende Zeiten! 😉

    Die Sache mit dem Konformitätsdruck gibt es auch unabhängig von NE wie dein Beispiel mit der Friseuse zeigt. Offenbar ist er sogar geschlechtsspezifisch, da ich nicht mal jemanden kenne, der jemanden kennt, der von einem Friseur mit Schlampenstempel weiß. Und daß man in der Öffentlichkeit zu lächeln hat …. nun ja: Ein bekanntes Problem. Wie, i.e. auf welche Weise du das Lächeln erreichst, kann doch eigentlich keinen Unterschied machen, oder? Und wenn es einen macht, dann hast du deine eigentliche Intuition zu diesem Punkt in deinem Artikel nicht geschildert.

    “wenn wir doch eigentlich sturzbetrunken von der Schönheit oder Schaurigkeit des Kosmos durch dessen Abgründe taumeln oder auf dessen Gipfeln jauchzen sollten.”

    Verdammt, jetzt ich hab mich in dich verliebt! 😉

  14. Hunter S. Thompson

    @ Elmar Diederichs

    Der von mir – Helmut Wicht wird das ähnlich sehen – sehr geschätzte Hunter S. Thompson war bekannt für seine exzessiven Rauschzustände, hervorgerufen durch nicht geringe Mengen an Drogen und Alkohol. Auf seinen rasanten Lebensstil wurde er auch mehrfach angesprochen und soll dazu gesagt haben:

    “Ich würde nie auf die Idee kommen und all dieses Zeugs jemandem empfehlen. Aber mir hat es gute Dienste geleistet”

    Letztlich hat er sich dann – als er dieses Leben nicht mehr führen konnte – erschossen und vielleicht sollten wir es da ähnlich halten mit den NE.

  15. @Stephan Schleim: justice

    “Grass: Wieso, die Schönheit seiner Romane ist davon doch unabhängig.”

    Ich denke, daß der Vergleich nicht zieht: Grass sollte den Preis nicht zurückgeben, weil seine Bücher auf einmal mies geworden wären oder die Person die Auszeichnung nicht verdient hat, sondern weil es politisch für die deutsche Kultur untragbar ist, irgendeine Ehrung für jemanden mit SS-Vergangenheit auszusprechen. That’s all.

    “ein Beispiel dafür zeigen, dass Person und ihre Leistung eben doch miteinander verwoben sind;…”

    Vielleicht ist das gängige Praxis, aber ist das auch richtig? Ist meine italienische Gemüsepfanne mit Salat am Abend nicht auch eine pharmakologische Krücke für meine Arbeit am nächsten Tag? Ich könnte auch ohne sie überleben, aber sie zu essen, gibt mir einen guten Schlaf und dieser die nötige Konzentration. Weil wir daher offenbar nicht präzise angeben können, was NE wirklich ist oder noch nicht ist, kann man an dieser Grenze nicht guten Gewissens unterschiedliche Bewertungen aufhängen.

    Für den Fall, daß andere Personen gefährdet werden, würde ich wieder wie im Grass-Beispiel argumentieren.

    “dann sollte man vielleicht den Nobelpreis (dein Beispiel) den wissenschaflichen Studien und Kunsterwerken selbst verleihen und nicht den Personen, die sie erbracht haben”
    Natürlich nicht. Die Personen werden geehrt, weil sie es verdienen. Aber dieser Verdienst ist nicht identisch mit Leistung pro Zeit: Wäre sie es, dann wir müßten jemanden ausszeichnen, der es z.B. vom rumänischen Waisenkind ohne Ausbildung im Arbeitslager in 20 Jahren zum Professor mit glücklicher Familie gebracht hat, ohne aber jemals die Wissenschaft bahnbrechend voranzutreiben. Doch das tun wir nicht, weil offenbar der Verdienst um eine bestimmte Fachdisziplin zählt und wie dieser Verdienst erbracht wurde, ist klarerweise egal: Wer sich seine Gesundheit für den Nobelpreis ruiniert hat, wird auch ausgezeichnet, obwohl er seine “natürlichen Grenzen” klar überschritten hat. Ob er nun ohne NE den Preis bezahlen muß oder mit NE nicht, spielt für den erzielten Fortschritt keine Rolle – obwohl es im Vergleich mit anderen ungerecht ist.

    M.a.W.: Gerechtigkeit ist eine komplizierte Sache und nicht alle Verdienste sind gleich – oder würden Sie auch solche Wissenschaftler nicht auszeichnen, die ihre Zeit in Wissenschaft und nicht in ihre persönliche Entwicklung gesteckt haben und sich deshalb z.B. wie Kinder benehmen? Denn auch diese Wissenschaftler würden wir kritisieren – vielleicht sogar von einem moralischen Standpunkt aus.

  16. @Helmut, Stephan Scheim: metaphors

    “Nach der Ansicht meiner idealistischen Meister, wohl auch nach der des Dualisten Descartes, KANN ein mentales Phänomen gar keinen Ort haben. Bestenfalls eine Dauer.”

    Ich stimme dir zu: Konzeptionell versagt hier offenbar die ansonsten so beliebte Metapher der Substanz als Perspektive zur Charakterisierung von Mentalem.

    @Stephan Scheim:

    “Vielleicht kannst Du mir das erklären.”

    Das würde mich auch interessieren. Könnten Sie da noch etwas nachlegen?

  17. @ Diederichs: Verdienste

    Natürlich nicht. Die Personen werden geehrt, weil sie es verdienen.

    Die implizite Unterstellung in diesem Satz ist eine petitio gegen den Enhancement-Skeptiker, der gerade anzweifelt, dass durch Pillen ermöglichte Leistungen ein persönliches Verdienst sind.

    Doch das tun wir nicht, weil offenbar der Verdienst um eine bestimmte Fachdisziplin zählt

    Moment mal — erstens verleihen nicht “wir” den Nobelpreis, sondern ein Gremium der schwedischen Akademie; zweitens steckt hier wieder das Wörtchen “Verdienst” darin, das in der Diskission gerade umstritten ist. Es ist bestimmt interessant, einen Blick in die tatsächlichen Vergabekriterien und Begründungen der Akademie zu schauen.

    Nehmen wir einmal das Beispiel John Nash. Ich kenne nicht die genaue Geschichte, habe aber seine Abschlussrede gelesen und den Film gesehen. Im Film wird das so dargestellt, dass das Preiskomitee wegen Nashs Schizophrenie erst testet, ob die Person Nash für das Komitee und den Preis tragbar ist oder zu einem peinlichen Skandal führen wird. Das sind alles Faktoren, die von seiner früheren mathematisch-ökonomischen Leistung unabhängig sind.

    (Kleiner Einwurf: Es geht hier natürlich um keinen Nobelpreis, sondern den Preis der Schwedischen Reichsbank im Gedenken an Alfred Nobel, der oft fälschlicher Weise als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet wird.)

    und wie dieser Verdienst erbracht wurde, ist klarerweise egal:

    Das ist wieder die petitio.

    Wer sich seine Gesundheit für den Nobelpreis ruiniert hat, wird auch ausgezeichnet, obwohl er seine “natürlichen Grenzen” klar überschritten hat.

    Hast du mal ein reales Beispiel dafür oder betreiben wir hier Science-Fiction-Philosophie?

  18. @Stephan Schleim:

    “Die implizite Unterstellung in diesem Satz ist eine petitio gegen den Enhancement-Skeptiker, der gerade anzweifelt, dass durch Pillen ermöglichte Leistungen ein persönliches Verdienst sind.”

    Nö. Der ganze Absatz ist doch meine Begründung.

    “Im Film wird das so dargestellt, dass das Preiskomitee wegen Nashs Schizophrenie erst testet, ob die Person Nash für das Komitee und den Preis tragbar ist oder zu einem peinlichen Skandal führen wird. Das sind alles Faktoren, die von seiner früheren mathematisch-ökonomischen Leistung unabhängig sind.”

    Richtig. Ist das nicht genau das, was ich sage zu deinem Grass-Beispiel sage?

    “Hast du mal ein reales Beispiel dafür”

    Klar: Burnout oder CFS sind dafür ganz bekannte Beispiele.

    Einstein hatte aufgrund von Überarbeitung mal einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich nie ganz erholt hat.

  19. @ Diederichs: Begründungen

    Nö. Der ganze Absatz ist doch meine Begründung.

    Deine Begrundung scheint zu sein, dass “Personen geehrt werden, weil sie es verdienen”. Dass sie es aber auch verdienen, wenn sie ihre Leistungen durch Pillen erbracht haben, das steht hier gerade zur Debatte. Daher ist die Behauptung, sie würden es verdienen, eine petitio principi. Oder habe ich eine andere Begründung übersehen?

    Richtig. Ist das nicht genau das, was ich sage zu deinem Grass-Beispiel sage?

    Wenn mein Nash-Beispiel aber richtig ist, dann bedeutet das, dass die Vergabepraxis praktisch nach anderen Richtlinien vergeben wird (von der Person abhängig) als du es annimmst (vom Verdienst abhängig). Denn: Wäre Nash etwas verrückter gewesen, hätte er den Preis nicht bekommen. (Laut Film.)

    Klar: Burnout oder CFS sind dafür ganz bekannte Beispiele.

    Einstein hatte aufgrund von Überarbeitung mal einen Nervenzusammenbruch, von dem er sich nie ganz erholt hat.

    Gut — es ging mir aber um ein Ruinieren der Gesundheit durch Psycho-Enhancement.

    P.S. Verzeihung, aufgrund eines falschen HTML-Tasks wurde ein Teil meines Beitrags abgeschnitten. (Stephan wünscht sich eine Vorschaufunktion!)

  20. @Stephan Schleim: Nash

    “Oder habe ich eine andere Begründung übersehen?”

    Ich denke schon: Daß Grass gute Romane schreibt, hat keiner von uns bezweifelt. Wenn es so ist, dann hat er einen Preis verdient, falls Verdienst als erfolgreiche Bemühung um Fortschritt zu unterscheiden ist von moralischer Tadellosigkeit und Leistung pro Zeit. Daß wir diese Unterscheidungen machen, zeigen die Beispiele vom Waisenkind und dem kindlichen Wissenschaftler.

    Aber natürlich ist es unproblematisch zu sagen, daß jemand einen Preis verdient hat, seine Auszeichnung aber politisch unkorrekt wäre.

    “Wäre Nash etwas verrückter gewesen, hätte er den Preis nicht bekommen.”

    Ja, aber was wird durch dein Beispiel demonstriert? Daß es mehr als einen wie immer definierten Verdienst als Kriterium für die Preisverleihung gibt oder das “Verdienst” als Ausdruck der Lebensleistung oder des sonstigen nicht-wissenschaftlichen Verhaltens ist? Offenbar ist das Nash-Beispiel keine Exemplifikation der zweiten Variante, denn für seine psychische Erkrankung kann Nash nichts.

    By the way:

    “einen Blick in die tatsächlichen Vergabekriterien und Begründungen der Akademie zu schauen.”

    Ausgezeichnet wird mit dem Friedensnobelpreis offenbar nicht einmal mehr, wer “am dransten ist” …. pöhhh

  21. @ Diederichs

    “Dein Beispiel [Wicht] mit der Hure fand ich wirklich gut, weil es einen Punkt ins Spiel bringt, der sonst leicht vergessen wird: NE kann einen Betrag dazu leisten, zu ertragen, was wir uns auf andere Weise eingebrockt haben, so daß man allein aus Gerechtigkeitsgründen darüber nachdenken müßte”

    Wir sollten endlich 24h Supermärkte durchsetzen, damit es ein Kleptomane einfacher hat und nicht während der Ladenschlußzeiten unnötig leiden muß. 😉

    Ich bin nicht dafür Mißstände zu entschärfen. Besser den Mißstand angehen.

    Und das Cocabeispiel ist für mich wieder so ein exotisches Urwaldbeispiel. Im Urwald findet man alle möglichen Formen von Gesellschaften. Anderswo werden die Toten nicht begraben, sondern aufgegessen. Was hat das mit mir oder unserer Gesellschaftsordnung, der Kultur etc. zu tun? Sollen wir das nun bei uns auch probieren? Vielleicht können wir das auch industrialisieren? Anstatt den Verwandten aufzuessen, wird er an einem Schlachthof verkauft. Bringt Geld in die Hütte und so haben noch andere etwas davon. Ist doch auch eigentlich Verschwendung das gute Fleisch so verrotten zu lassen.

  22. @Martin Huhn:

    “Ich bin nicht dafür, Mißstände zu entschärfen. Besser den Mißstand angehen.”

    Wenn dein Supermarktbeispiel in diesem Sinne ernst gemeint ist, dann trifft es nicht den Punkt, um den es mir ging. Mein Punkt ist der, daß eine Gesellschaft eine Person nicht ohne Grund in eine schlechte Lebenslage bringen darf und ihm obendrein verbietet, sich selbst zu helfen, um den Mißstand, den die Person nicht oder nicht gleich ändern kann, zu ertragen.

    “Was hat das mit mir oder unserer Gesellschaftsordnung, der Kultur etc. zu tun?”

    Eine Menge: Indios haben offenbar ein anderes Verständnis von sich selbst als z.B. Helmut. Daher stellt sich die Frage, ob seine Bedenken auch z.B. für die Entscheidungen der Indios, Coca zu kauen, gelten.

  23. @ Diederichs

    “daß eine Gesellschaft eine Person nicht ohne Grund in eine schlechte Lebenslage bringen darf und ihm obendrein verbietet, sich selbst zu helfen, um den Mißstand, den die Person nicht oder nicht gleich ändern kann, zu ertragen.”

    Ich befürchte, dann würde die Person noch länger in diesem mißlichen Zustand verharren, weil es erträglicher geworden ist. Meist ändern Menschen Mißstände erst, wenn der Leidendruck unerträglich wird.

    Ich finde, wir haben auch schon genügend Mittelchen, um der Realität, der Bewußtheit zu entfliehen und uns zu betäuben. Ich weiß nicht, ob viele Huren Drogen nehmen, aber ich halte das für wahrscheinlich, weil sie mit ihrem Leben nicht klar kommen, aber Drogen lösen keine Probleme.

    “Daher stellt sich die Frage, ob seine Bedenken auch z.B. für die Entscheidungen der Indios, Coca zu kauen, gelten.”

    Ok, aber das hat ja nun erstmal nichts mit mir oder unserer Gesellschaft zu tun. Hingegen haben Helmuts Bedenken uns sehr wohl etwas zu sagen, oder nicht?

  24. @ Elmar Diederichs

    Ich hätte gerne über’s WE an dieser Diskussion teilgehabt – aber siehe: es galt, Prioritäten zu setzen. Ich bin zwei Tage lang in Mannheim durch den Matsch des Maimarktgeländes gestiefelt, in welchem tausende von schmierigen Motorradschraubern zehntausenden von klatschnassen Kunden hunderttausende von öligen, rostigen, schlammverkrusteten, zerscherbten Motorradteilen zu verscherbeln versuchten. Kurz: ich war auf dem Veteranenmarkt.

    Elmar – Du unterstelltest mir in einer Deiner ersten Antworten, dass ich meine Intuitionen nicht ganz offen gelegt habe. Du hast recht.

    Meine erste Intuition oder Inspiration zum Thema NE war jene berühmte Anekdote von Herrn Goethe. Darf ich sie erzählen? Goethe verstand die Mathematik nicht und empfand das, ebenso wie ich es tue, als Manko. Er nahm auf seine alten Tage Nachhilfe in Mathematik. Es fruchtete nichts. Er brach den versuch, die Welt der Zahlen zu verstehen ab. Und sagte folgendes:

    “Ich werde es zu meinem Wesen nicht brauchen können.”

    Das ging mir als erstes durch den Kopf, als ich zu schreiben begann. Und wiewohl ich – aus Gründen der Ratio – versucht habe, “essentialistische” oder “substanzialistische” Argumente zu vermeiden, so ist es doch so, dass ich es gerne hätte, wenn ich sagen könnte: “dies und das ist mein Wesen, mein Charakter, und es ist mir GEGEBEN.” Ich weiss, jetzt kommen tausend Probleme (von wem gegeben?), aber in dem Wust von Relationen und Unwägbarkeiten, die meinen Kosmos ausmachen, ist mir zumindest der Wunsch/die Illusion, wenigstens in mir selbst einen “Wesenskern” zu finden, immer ein Halt gewesen. Das geht soweit, dass ich – soviel zum Thema “eigene Erfahrungen mit NEs” – es stets veruscht habe zu vermeiden, meine Antidepressionstabletten zu schlucken. Nur wenn es GANZ arg wurde – aber ansonsten versuche ich, mich geradezu an meiner Traurigkeit festzuhalten. Sie ist konstitutiv.

    Nochmal: ich weiss, dass ich von einem romantischen Desiderat rede, ich weiss, dass ich mich mit der “Gegebenheit” und dem “Wesenskern” auf essentialistische, wenn nicht religiöse Abwege begebe.

    Du hast natürlich recht – wie Du auch in Deinem eigenen Beitrag schriebst, ist ein Verlust an “Authentizität” oder gar der des “subjektiven Erlebens” nicht zu fürchten.

    Was ich fürchte, ist der Verlust der Illusion eines Haltes, eines “Gegebenen” den man in seinem “Wesen” finden zu können glaubte. Das ist, wie ich gerne zugebe, ein logisch sehr schwaches Argument.

    Was das Selbstverständnis des Menschen angeht, halte ich es aber für wichtig. Sicher: der Strohmann, den ich aufrichtete, ist noch eine Utopie. Wenn sie aber wahr werden sollte, wenn wir jederzeit “das, was wir sind” zu “dem, was wir sein wollen” machen könnten: dann wär’n wir, glaub’ ich, keine Menschen mehr.

    (seufzer)

    Schon wieder ein essentialistisches Argument. Ich mach’ jetzt besser Schluss, ich denk’ ich hab’ meine Intuitionshosen weit genug heruntergelassen.

  25. @Helmut: Wesenskern

    Was wäre, wenn du etwas fürchten würdest, daß gar nicht da ist?

    Ich meine folgendes:

    “Was ich fürchte, ist der Verlust der Illusion eines Haltes, eines “Gegebenen” den man in seinem “Wesen” finden zu können glaubte.”

    Was ist schon “gegeben”? Das Gehirn ist bekanntlich plastisch und vielleicht hätte es sich mit einer stärkeren Affinität zur mathematischen Sprache entwickelt, wenn du – sagen wir – in den ersten 6 Jahren mit anderen Spielzeugen gespielt hättest, als es der Fall war. Worum es mit geht, ist der Rückgriff auf den Wesenskern, mit dem man verbindet, daß er irgendwie invariant ist. Aber vielleicht haben sich alle Fähigkeiten irgendwann entwickelt? In diesem Fall wäre es – ohne das du der Meinung bist, daß dies der Fall ist – so, daß du schon immer mit Änderungen deines Möglichkeitsraums gut fertig geworden bist und das Besondere an NE ist die Ungewöhnlichkeit des Mittels und das Abrupte des Eintritts der Folgen.

    Meine Frage also lautet: Daß es Grenzen des Möglichkeitsraumes als Folge sich langsam entwickelter Fähigkeiten gibt, glauben wir. Aber warum du von diesem Punkt an weiter vorstößt zum invarianten Wesenskern, ist unklar. Was motiviert diesen Schritt?

  26. @Martin: intuitions

    “Ich befürchte, dann würde die Person noch länger in diesem mißlichen Zustand verharren, weil es erträglicher geworden ist. Meist ändern Menschen Mißstände erst, wenn der Leidendruck unerträglich wird.”

    Na, das sind ja ganz schön “harte Bandagen”: Ich weiß, daß man bei Drogenabhängigen gelegentlich so argumentiert, aber hier geht es um doch um einen anderen Fall, wo eine mißliche Lage, die z.B. die Hure ändern will, ökonomisch nicht sofort geändert werden kann, und sie die verbleibende Zeit einfach nur besser durchstehen will.

    Ich finde das bedenklich nahe an der Aussage “Wer ein Problem hat, ist selbst schuld.” – was in gewissen konservativen Politikkreisen populär sein mag, aber einfach falsch ist: Andernfalls wäre jeder Minderheitenschutz obsolet.

    “Ich finde, wir haben auch schon genügend Mittelchen, um der Realität, der Bewußtheit zu entfliehen und uns zu betäuben.”

    So what? Wer will mich zwingen, in der Realität zu leben? Ist das nicht meine Freiheit, so zu leben, wie ich will?

    “Hingegen haben Helmuts Bedenken uns sehr wohl etwas zu sagen, oder nicht?”

    Du kennst ja meinen Standpunkt aus meinem Artikel und deine weiterführende Frage, wie ernst solche Intuitionen zur Subjektivität zu nehmen sind, kommt daher sehr gelegen: Daß wir aus der Entwicklung unserer Kultur solche Intuition haben, heißt nicht, daß wir aus sie verpflichtet sind. Und nach meiner Meinung ist es Teil deiner Freiheitsrechte, zu sagen: “Ok, so sind also meine kulturell ererbten Intuitionen. Aber – interssiert mich nicht. Warum sollten die stimmen? Ich will mich nicht daran halten, sondern verfolge einen für mein Selbstverständnis dominanten Plan in meinem Leben für den NE hilfreich sind: Her mit den Pillen.”.

    Was sollte daran verkehrt sein? Ich kann – modulo der üblichen Anti-Doping-Argumente – nichts finden.

  27. Falsch verstanden

    @ Elmar Diederichs:

    Ich glaube, Sie haben Martin da falsch verstanden. Seine Bedenken gehen keinefalls in die Richtung, dass jemand in einer problematischen Situation diese selber zu verantworten hat, also selber schuld ist.

    Vielmehr sieht er – und ich auch – das Problem, dass eventuelle Probleme mit den Pillen verdrängt werden, anstatt sie zu lösen. Und auch bei der Prostituierten, die sich ihren Job damit vielleicht erleichtert, besteht die Gefahr, dass sie den Zeitpunt verpasst, an dem sie etwas an dieser Situation hätte ändern können, weil sie eben voll mit diesen “Drogen” ist.

  28. @ Elmar Diederichs

    Erstmal danke, dass Du Dich überhaupt auf meine diffusen Gedankengänge einlässt und mir dabei hilfst, wenigstens ein wenig Ordung hineinzubringen.

    Wenn ich gläubig wäre, würde ich vermutlich genau so argumentieren wie der Herr Professor Eibach in dem Beitrag, den der Stephan Schleim auf der Sammelseite untergebracht hat. Das ist, wenn ich es recht sehe, genau meine Argumentationslinie, nur das dort der Herrgott als “Gebender des Gegebenen” im Hintergrund steht. Und mit dem mag ich mich nicht anfreunden.

    Meine Motivation?

    Sicherheitshalber nochmal: ich will NICHT behaupten, dass es den “Wesenskern” (“intelligibler charakter”) als “gottgegebenen Charakter” wirklich _gäbe_. Ich behaupte vielmehr – primär für mich – dass es die SEHNSUCHT nach ihm gibt. Ebenso wie man sich nach einem Gott sehnen kann, ohne an einen zu glauben. Also basteln wir uns einen “empirischen Character”. Ich bin zu blöde für Differentialgleichungen. Basta. Ich kann nette lyrizistische Prosa scheiben. Basta.

    Das “Basta” (als Beschränkung oder Bestätigung) gibt eine gewisse Sicherheit, auch in ganz alltäglichen Dingen. Nein, ich werde mir KEIN auch noch so gut gemachtes Buch über die “Wunder der Mathematik, für Vollidioten erklärt” kaufen. Ich kauf’ mir die Gesamtausgabe von Heinrich von Kleist und lese erstmal sämtliche Novellen.

    Ja – ich MÖCHTE Ecken und Kanten und Fehler und Defizite und Stärken haben. NOCH (es gibt die Mittelchen ja noch nicht) kann ich sagen: “Ich bin halt so. Das ist mein Charakter, meine Biographie, mein Schicksal.”

    BALD (wenn es die Mittelchen gibt), werde ich mich fragen lassen müssen: “Warum tust Du nichts gegen Deine Defizite?”

    Bah.

    Eigentlich, so merk’ ich gerade, sind wir ja schon längst soweit. “Friss Deine Antidepressiva, Deine Depressionen sind ja nicht zum Aushalten!” – hat man Dir das schon gesagt? Mir schon. Wenn man dann zurückgibt: “Friss LSD und geh’ auf’n Horror, Deine penetrant gute Laune scheisst mich an!”, dann macht man sich im Allgemeinen keine Freunde.

    Infinite Jest, haha.

    Eben gerade legt mir meine Süsse einen Zettel auf den Tisch: die Psychiatrie der Uniklinik sucht Probanden, die sich einer neuartigen Alptraumtherapie aussetzen wollen. Man verspricht schnelle Besserung.

    Ich finde meine Alpträume durchaus spannend. Und einer davon ist, dass diese ganze NE-Geschichte ein weiterer Dreh in Richtung auf ein “positives”, “affirmatives”, “Friede-Freude-Eierkuchen-Weltbild” mit lauter “gelungenen, glücklichen Charakteren” ist.

    Bin ich dagegen. Die Welt ist ein Loch und der Mensch ein Schuft. Die Schöpfung ist von vorne bis hinten verpfuscht – und man soll’s merken.

    Unhappy pills, wir brauchen unhappy pills.

  29. @ Diederichs

    “Daß wir aus der Entwicklung unserer Kultur solche Intuition haben, heißt nicht, daß wir aus sie verpflichtet sind. Und nach meiner Meinung ist es Teil deiner Freiheitsrechte, zu sagen: “Ok, so sind also meine kulturell ererbten Intuitionen. Aber – interssiert mich nicht. Warum sollten die stimmen? Ich will mich nicht daran halten, sondern verfolge einen für mein Selbstverständnis dominanten Plan in meinem Leben für den NE hilfreich sind: Her mit den Pillen.”.”

    Das erinnert mich an ein Witz. Wieviele Ostriesen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? 1000. Einer hält die Birne und die anderen 999 drehen das Haus.

    Ich bin mit meiner Kultur aufgewachsen. Es ist gut diese Kultur zu hinterfragen. Vielleicht findet sich was besseres. Aber da habe ich schon ein Problem. Gibt es eine objektiven Standpunkt mit dem ich meine Kultur untersuchen kann? Nein. Ich kann ethisch, moralische Maßstäbe anwenden, um die Gesellschaft zu hinterfragen, aber zu vielen Dingen wird es keine Antwort geben.
    Wenn ich nun gut mit dieser Kultur klarkomme in der ich lebe. Wenn mir die Sprache gefällt, die Art zu denken, die Geschichte etc. Warum soll ich aus dieser jahrelangen Gewohnheit, die mir identitätstiftend erscheint, ausbrechen? Oder gar versuchen die ganze Gesellschaft umzubauen? Ich glaube nicht, daß es mit “Wunderpillen” besser wird. Das sind wieder nur so hochtrabende Versprechungen, die nichts halten werden.

  30. @Sören Schewe: mishaps

    “Seine Bedenken gehen keinefalls in die Richtung, dass jemand in einer problematischen Situation diese selber zu verantworten hat, also selber schuld ist.”

    Ich würde mich in diesem Fall gern irren, bzw. unbegründete Ängste haben. 🙂

    “Problem, dass eventuelle Probleme mit den Pillen verdrängt werden, anstatt sie zu lösen.”

    Ok, aber solange wir nichts gegen Alkohol unternehmen, kann das kein ernsthaftes Argument gegen NE sein.

  31. @Martin: Ich bin ein Ostfriese.

    “Das erinnert mich an ein Witz.”

    Tut mir leid, ich versteh die Parallele, Analogie oder was auch immer nicht.

    “Gibt es eine objektiven Standpunkt mit dem ich meine Kultur untersuchen kann? Nein.”

    Warum nicht? Kapier ich nicht. Wirklich nicht. Weder was “objektiv” in diesem Zusammenhang meint, noch deine Idee dahinter. Weiß nicht mal warum.

    “Warum soll ich aus dieser jahrelangen Gewohnheit, die mir identitätstiftend erscheint, ausbrechen? Oder gar versuchen die ganze Gesellschaft umzubauen?”

    Spielt doch keine Rolle “warum”. Es ist deine Freiheit, es mit friedlichen Mitteln zu versuchen.

    Tut mir leid, daß ich mich so anstelle, aber ich komm nicht mit.

  32. @ Huhn

    Wicht: “Unhappy pills, wir brauchen unhappy pills.”

    Huhn: “Dazu ist nur ein ungeschminkter Blick in den Spiegel nötig.”

    Uah, gezielter Tiefschlag. Ich werd’ ab morgen auf’s Rasieren verzichten und mir einen Bart wachsen lassen. Oder meinst Du uns alle?

  33. @Wicht: insight

    “Wenn ich gläubig wäre, würde ich vermutlich genau so argumentieren wie der Herr Professor Eibach in dem Beitrag, den der Stephan Schleim auf der Sammelseite untergebracht hat.”

    Hab ich gelesen und ich bin darüber echt “verstrahlt”. Ich komm noch drauf zurück – sowie ich Zeit habe. *mit teuflichem Grinsen zu lesen*

    “dass es den ‘Wesenskern’ (‘intelligibler charakter’) als ‘gottgegebenen Charakter’ wirklich gäbe.”

    Weiß ich. Deshalb fiel meine Antwort entsprechend aus.

    “Also basteln wir uns einen ’empirischen Character’.”

    Ok, aber warum bestehst du auf ihm? Diese Frage ist doch noch nicht beantwortet.

    “hat man Dir das schon gesagt? Mir schon.”

    Nein, aber das war nicht nett.

    “Und einer davon ist, dass diese ganze NE-Geschichte ein weiterer Dreh in Richtung auf ein ‘positives’, ‘affirmatives’, ‘Friede-Freude-Eierkuchen-Weltbild’ mit lauter ‘gelungenen, glücklichen Charakteren’ ist.”

    Jetzt versteh ich das schon besser, aber die Frage ist doch, ob dieser Alptraum noch was mit NE zu tun hat. Denn was du im Blick hast, ist eine Manipulation der Meinungen. Bei NE aber geht es um alles, was NICHT mit Gründen zu tun hat: Wenn ich Gründe habe zu glauben – egal, ob sie gut sind oder nicht – daß die Schöpfung in einem Anfall geistiger Umnachtung gehandelt hat, dann ist das keine Depression. Gute Laune zu haben, heißt nicht, daß ich alles bejahe, wofür ich eigentlich Gründe habe, es zu verurteilen, eben weil ich gute Laune habe.

    Vielleicht hat Martin recht, daß man eher etwas ändert, wenn es einem schlecht geht. Aber das zeigt doch nur, daß die Behauptung, NE würde uns das Leben ausschließlich leichter machen, falsch ist: Wenn ich NE verwende, dann muß ich zusätzlich lernen, zu tun, was nötig ist, allein weil es dafür Gründe gibt. Und das ist eine zusätzliche sozial-ethische Herausforderung und keine mentales Kopfkissen, wie in den Beiträgen hier durchweg behauptet wird.

  34. @ Wicht

    Natürlich meinte ich uns alle, den Mensch allgemein. Wenn die Sonne scheint und wir gut drauf sind, dann sind wir alle die liebenswürdigsten Geschöpfe, die es gibt. Aber wehe wenn nicht. Wir sind nunmal sehr von unserem Egoismus (in seinen verschiedensten, raffinierten Formen) geknechtet.

  35. Ein kurzer Einwand

    @Wicht:

    *Wenn sie aber wahr werden sollte, wenn wir jederzeit “das, was wir sind” zu “dem, was wir sein wollen” machen könnten: dann wär’n wir, glaub’ ich, keine Menschen mehr.*

    Dem würde ich zwar nicht widersprechen wollen, aber ich habe meine Zweifel an der praktischen Relevanz dieses Diktums. “Das, was wir sein wollen” hat mit Hirnchemie nur bedingt etwas zu tun. Selbst die beste Neuropille kann uns nicht zu etwas machen, was dieser Definition genügen könnte. Das können nur wir selbst, Hirndoping hin oder her.

    Insofern würde ich auch so weit gehen, derartige philosophische (und theologische) Einwände prinzipiell für irrelevant zu erklären. Denn so unmündig und seiner Hirnchemie ausgeliefert, dass man ihm auf dieser Weise sein Mensch-sein nehmen könnte, ist der Mensch keinesfalls.

    So, jetzt dürft ihr weitermachen. 😉

  36. @Helmut: Was vergessen …

    Worauf ich hinaus will, ist, daß NE – falls es irgendwann man funktioniert – im Grunde ein Fall von social engineering ist und sich nicht davon unterscheidet, einen Psychotherapeuten aufzusuchen.

    Auch beim Besuch des Therapeuten gibt es massive Nebenwirkungen: Man muß erst lernen, das eigene Problem in Termen der Therapiesprache zu reforumlieren, damit man mit der Lösung des Therapeuten was anfangen kann – falls das Problem dann noch sichtbar ist. Der Unterschied ist allein, daß keiner die Folgen der Vokabularänderung für die mentale Verfassung diskutiert, was auch eine Folge neuzeitlicher Philosopohenideen ist.

    Psychologen haben zwar ihre kognitive Wende Ende der 60er gehabt, aber sie nehmen sie nicht ernst. Ihre analytische Wende steht definitiv noch aus. Wer wird sich ihrer annehmen?

  37. Ein Manko

    wie schön folgendes zu lesen:

    “Ich für meinen Teil schluckte vermutlich zuerst die Pille, die meine logisch-analytischen Fähigkeiten dermassen stärkte, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben verstehen könnte, wie eine Differentialgleichung funktioniert, und wie man sie löst. Denn das nicht zu können, erachte ich als ein Manko.”

    So ist es. Ihre Einstellung zu Ihrem Manko, lässt mich aber vermuten, dass Ihr Mathelehrer Schuld ist. Ganz sicher sogar.

    Einer meiner zukünftigen Blogposts sollte genau diese Bildungslücke für immer schließen. Sie motivieren mich Ihnen für’s Bochdaleksche Blumenkörbchen damit zu Danken (aber wohl erst in 2010, denn dieses Thema bedarf der Vorbereitung).

  38. macht mir spass

    ich habe mich sehr gefreut dass ich Sie gefunden habe.
    Sie haben sowas feinsinnig ruppiges.
    Ich beschäftige mich auch mit der Anatomie, website siehe unten .

    geben Sie mir Ihre e-mail adr ?

  39. Interessanter Beitrag

    Bin durch Zufall bei einer Recherche auf diesen Beitrag gestolpert und finde Ihre Ansätze sehr interessant. Ihren Linktipp werde ich auf jeden Fall auch gespannt verfolgen.

    Vielen Dank und beste Grüße!

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