Von der Langenweile

Diejenigen unter uns, die sich noch ihrer Kindheit entsinnen, wissen, dass die Langenweile (1) eine formidable Bedrohung der Daseinsfreude ist, so bedrückend wie Hunger und Durst.

“Mir ist soooo langweilig.”

Die erwachsene Antwort lautet stets: “Dann tu’ was!”

Also tut man was.(2) Und wird, zum Beispiel, Wissenschaftler. Naturwissenschaftler. Das ist ja so toll. Da gibt es dauernd etwas Neues zu beforschen und zu entdecken. Der tollste Beruf der Welt. Schopenhauer ist ja selber schuld, wenn er nur ein doofer Philosoph geworden ist, dem dann so langweilig war, dass er über die Langenweile philosophieren musste. (3)

Also ward ich Naturwissenschaftler. Aber, bitte glauben Sie mir, mir ist gerade soooo langweilig. “Tu’ was!”, schallt’s von Chef.

Ja. Ich schreibe gerade die langweiligste Publikation meines Lebens. Und die langwierigste. Und das kam so:

Vor ein paar Jahren ward mir der Mäuselaborkram fade und langweilig, und ich dachte, man könnte die Mäuse ja auch mal ins Freie setzen, und gucken, wie sie sich dort benehmen, so im Vergleich zur klimatisierten Vollkontrolle im Labor. Es geht nämlich um Verhaltensforschung, es geht um das Benehmen der Mäuse im Einvernehmen – oder eben auch: in der Diskrepanz – zwischen dem Zeitdiktat, das ihnen ihre inneren Uhren aufgeben und den äußeren Zeitgebern, dem Wechsel von Tag und Nacht und Jahreszeiten, die ihnen das astronomische und meteorologische Geschehen zuträgt. Es geht um “Chronobiologie”, die Biologie der Zeit.

Jetzt hier im Haupttext in alle Details zu gehen, wäre langweilig, wozu gibt’s Fußnoten (4).

12 Mäuse in 12 Käfigen, 365 Tage lang im Freien. Über jeder Maus ein Sensor, der in 10-minütigen Intervallen die Aktivität der Mäuse, die Umgebungstemperatur, die Luftfeuchtigkeit, die Lichtintensität, das Datum, die Uhrzeit und die laufende Nummer des Intervalles aufzeichnet. Macht 12x365x144x7 = 4.415.040 Datenpunkte.

Die resultierenden Excel-Files waren ein wenig unhandlich. Oft sagte der PC: “Bitte warten”, und es ist langweilig, auf rotierende Sanduhren zu schauen. Gar nicht langweilig war es, die VBA-Programme zu schreiben, die aus diesen Datensätzen das herausholen sollten, was mich interessierte. Viele, viele Stunden, Tage, Wochen, ja: Monate habe ich allerfeinsten Spaghetti-Code geschrieben, der aber tat, was er sollte. Mir war gar nicht langweilig: Es war Schreiben, es war Sprache, auch wenn es die des Computers war. Siehe Fußnote (3).

Nun hab’ ich die Ergebnisse. Sie sind überaus langweilig. Das, was die Mäuse im Freien, unter den Bedingungen der “natürlichen abiotischen Zeitgeber” anstellen, ist so unterschiedlich von dem, was sie im Labor unter künstlichen Bedingungen tun, nicht. Ich muß eine Publikation schreiben, die im Wesentlichen “nil novi”, “nichts Neues” konstatiert, und das langweilt mich und wird die Leser langweilen, wenn es nicht schon die Gutachter so angähnt, dass sie es in die Tonne der Ablehnung treten. Es fehlt das, was die Verhaltensforschung das “arousal” nennt: die aufregende Einsicht, das irritierende Phänomen und die resultierende Hektik. Fast.

So sieht eines der Ergebnisse, zum Balkendiagramm geronnen, aus:

Gesamtaktivität der Mäuse (gegenüber den Mittelwert aufgetragen) über der Jahreszeit bzw. den Monaten. Die roten Balken entlang der Zeitachse markieren diejenigen Zeiträume, während derer die Aktivität signifikant höher oder niedriger ist als im Jahresmittelwert.

Da ist die tägliche – oder besser: nächtliche, denn die Tierchen sind nokturnal – Gesamtaktivität vom Mäusen gegen die (Jahres-)zeit aufgetragen. Sommers sind sie munterer als winters, nun ja, das könnte mit der Temperatur oder dem Licht zusammenhängen (die Korrelationen sind aber lausig, ich hab’s gerechnet). Was doch auffällt, ist, dass die Mäuse so um die Äquinokten im Frühling und Herbst herum deutlich – und hochsignifikant – aktiver sind, als zur übrigen Zeit des Jahres. Sie sind irgendwie “aroused”.

Weswegen?

Ich schrieb eine langatmige, eigentlich langweilige Hypothese nieder, die besagt, dass, so um die Zeit der Tagnachtgleichen, den Gründen der Himmelsmechanik sei es geschuldet, die Änderungen der täglichen Lichtverhältnisse am schnellsten vor sich gingen; nie rascher als um die Frühlingsäquinokte würden die Tage länger und die Nächte kürzer und vice versa im Herbst. Den Mäusen aber sei das Licht der wesentliche Zeitgeber für die Taktung ihres Verhaltens, nie dynamischer als um die Äquinokten aber seien die Taktwechsel, denen sie unterlägen – das könnte die Mäuse schon irritieren, dieser rasche Lichtwechsel.

Ich schloss diesen Absatz, ich schloss das ganze Manuskript mit den Worten:

“This might arouse a mouse.”

Ich bin mächtig stolz auf mich. Zwar lockt das alles keinen Hund hinter dem Ofen vor, aber vielleicht lockt der Satz ein Grinsen auf das Gesicht eines Gutachters, den den faden Kram lesen muss, vielleicht lässt der dann Gnade vor Neuigkeitswert walten. Außerdem stabreimt es sich, ist also per se schon mal schön, und es hat (siehe erneut Fußnote 3) mich mit der Langenweile der Verfassung des Manuskriptes versöhnt.

Fußnoten:

(1) Ich schreib’ das absichtlich mit “n”. Als Hommage an Arthur Schopenhauer, der es (ab und zu, s.u.) auch so schrieb, und der die Langenweile zu einem Gegenstand seiner Philosophie gemacht hat. Dazu gleich mehr.

(2) Blaise Pascal (1623-1662) schreibt in den Pensées: “Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, daß sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.”

Mit anderen Worten: die Welt wäre ein glücklicherer Ort,  hielten wir es in der Langenweile und bei uns selber und unseren Gedanken aus. Es wäre allerdings einzuwenden, dass noch nicht einmal der Herrgott dazu in der Lage war, es bei sich selbst auszuhalten, es ward ihm zu fade, und er schritt zu Schöpfung, oder er war von sich selbst so voll, dass er schöpfend überquoll …

(3) Arthur Schopenhauer schreibt in der Welt als Wille und Vorstellung: “Sahen wir schon in der erkenntnißlosen Natur das innere Wesen derselben als ein beständiges Streben, ohne Ziel und ohne Rast; so tritt uns bei der Betrachtung des Thieres und des Menschen dieses noch vieldeutlicher entgegen. Wollen und Streben ist sein ganzes Wesen, einem unlöschbaren Durst gänzlich zu vergleichen. Die Basis alles Wollens aber ist Bedürftigkeit,  Mangel, also Schmerz, dem er folglich schon ursprünglich und durch sein Wesen anheimfällt. Fehlt es ihm hingegen an Objekten des Wollens, indem die zu leichte Befriedigung sie ihm sogleich wieder wegnimmt; so befällt ihn furchtbare Leere und Langeweile: d.h. sein Wesen und sein Daseyn selbst wird ihm zur unerträglichen Last. Sein Leben schwingt also, gleich einem Pendel, hin und her, zwischen dem Schmerz und der Langenweile, welche Beide in der That dessen letzte Bestandtheile sind. Dieses hat sich sehr seltsam auch dadurch aussprechen müssen, daß,  nachdem der Mensch alle Leiden und Quaalen in die Hölle versetzt hatte, für den Himmel nun nichts übrig blieb, als eben Langeweile.”

Dem habe ich wenig hinzuzusetzen, ausser, dass ich hier öffentlich erklären möchte, dass so schreiben zu können, wie Schopenhauer – oder besser: eben nicht so schreiben zu können, wie er, sondern eher im Kleist’schen hyperhypotaxierenden Stile gefangen zu sein – mir als ein Mangel, ein Schmerz, eine Bedürftigkeit meines Daseins erscheint. Schreiben können wie Schopi – das wär’s!

Es wäre allerdings auch noch hinzuzusetzen, dass Arthur Schopenhauer, indem er schreibt, und indem er so schreibt, wie er schreibt, zugleich eine Strategie zur Überwindung der Langenweile vorführt – man setze sie in wohlgewählte Worte, man entkomme der brütenden Beschäftigung mit sich selbst dadurch, dass man sich einem  Anderen, das aber doch ein Eigenes ist, hingibt: der Sprachschöpfung.

(4) Gar nicht langweilig, sondern vielmehr nervenaufreibend war es, die Genehmigung für dies Vorhaben zu bekommen. Denn Labormäuse, so meinen die Tierschutzbehörden, gehören ins Labor, und sonst nirgendwohin. Zumal dann, wenn sie gentechnisch verändert sind. Waren unsere aber nicht. Es waren ganz “normale” Labor-Inzucht-Mäuse, die allerdings seit hunderten von Generationen nicht mehr im Freien waren.

Und wir haben sie ja auch gar nicht frei herumlaufen lassen. Sie sassen, futtertechnisch wohlversorgt und vor Mäusefressern geschützt, in Käfigen im Freien. In Einzelkäfigen. Vermutlich war ihnen arg langweilig.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. “This might arouse a mouse.”

    Vely nice, ‘a-rouse’ könnte die Wiederverwendbarkeit meinen, vgl. mit :
    -> https://www.etymonline.com/word/rouse

    Das Geschwätz dient auch dazu Langeweile aufzulösen bzw. gar nicht entstehen zu lassen.
    Die ‘Sprachschöpfung’ bleibt Veranstaltungsinhalt.

    MFG
    Wb

  2. @webbaer
    “Das Geschwätz dient auch dazu Langeweile aufzulösen bzw. gar nicht entstehen zu lassen.
    Die ‘Sprachschöpfung’ bleibt Veranstaltungsinhalt.”

    Das mag sogar zutreffen, die gefällige Selbstbespiegelung in den Sprachgeschöpfen, die man in die Welt setzt, ist etwas, das gewiss viele Autoren motiviert, und ich will mich von dieser Eitelkeit auch gar nicht freisprechen.

    Langenweile als “Schöpfungsmotiv” halte ich aber für das ungleich spannendere Thema. Nicht nur könnte man sie GOtt unterstellen (wie ich es ja tat), man könnte sie (mit Schopenhauer) als eine anthropologische Konstante nehmen, und behaupten, dass wir es zu gar nichts gebracht hätten, hätten wir es nicht dahin gebracht, dass uns überhaupt langweilig sein kann.

  3. Ja, die Rekursion ist bemerkt worden, lieber Herr Dr.Helmut Wicht.

    Haben Sie sich mal gefragt, warum Sie genau jetzt vorrätig, verfügbar bis vorrättg sind, wenn die Welt sich aktuell so-o ändert?
    Dr. W hat dies getan, glaubt nicht so recht an Zufall.

    MFG + schöne Mittwoche noch!
    Dr. Webbaer

  4. @krug
    Vielen Dank, ich werde mir das ansehen.

    Wie gesagt, mit Labormäusen geht das (tierschutzhalber) nicht. Unsere Mäuse waren Inzuchtstämme, die sich – aufgrund spontener Mutationen in den Stammeleltern der Stämme – in einigen endokrinologsichen Merkmalen unterscheiden. Mit gezielt gentechnisch veränderten Mäusen (knock-out/in etc.) darf man erst recht nicht ins Freie.
    Hier.
    In Russland geht das schon. Es gibt da einige Papers zum Freilandverhalten gentechnisch manipulierter Mausstämme.

  5. Ich kann nur dazu raten, von den Labormäusen zu den Rankenfüßern zu wechseln. Die sind sesshaft, man braucht sie nicht in Käfige zu sperren und geht dadurch vielen Problemen aus dem Weg. Selbst seine unbezähmbare Arbeitswut konnte Darwin nicht davor bewahren ob der Mannigfaltigkeit des Gegenstands ordentlich zu fluchen:

    https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/rankenfuesser/55622

    Für Schopenhauer wird dann allerdings kaum mehr Zeit übrig sein.

  6. Zitat Cornelia Krug: „Ja, vielleicht hätten sich die Mäuse weniger gelangweilt, wenn sie nicht in Einzelkäfigen, sondern in einem grossen Freigehege gehalten worden wäre.
    .

    Bravo, Frau Krug! 🙂

    Vielleicht hätte Helmut Wicht, statt sich zu langweiligen, sich vorher erkundigen können, ob solche Studien schon existieren, bevor er eine Genehmigung für Tierversuche beantragt. Das schreibt das Tierschutzgesetzt vor, und es leuchte auch jedem ein.

    Vielleicht hätte Helmut Wicht, anstatt sich zu langweiligen selbst auf die Idee kommen können, dass Verhaltensforschung nur sinnvoll ist bei der Beobachtung von freilebenden Tieren bzw. unter artgerechten Bedingungen. Das Tierschutzgesetz schreibt auch eine artgerechte Haltung der Versuchstiere. Die Haltung von Mäusen in Einzelkäfigen ist nicht artgerecht, sie ist grausam – auch ohne das Tierschutzgesetzt zu kennen hätte Helmut Wicht selbst auf diese Idee kommen können, denn Tiere sind keine Gegenstände, Tiere fühlen, Tiere leiden.

    Vielleicht hätte Helmut Wicht, anstatt sich bei Tierversuchen zu langweiligen, selbst auf die Idee kommen können, dass Beobachtungen an Tiere (oder Menschen), die unter Leiden, Schmerzen, Streß oder Angst gewonnen wurden, die Forschungsergebnisse verfälschen.

    Vielleicht hätte Helmut Wicht, anstatt sich bei Tierversuchen zu langweiligen, seine fachliche und ethische Verantwortung als Tierexperimentator wahrnehmen können und eingehend und verantwortungsvoll zum Beispiel diese Webseiten studieren – das wird ihm die Langeweile vertreiben:

    Ärzte gegen Tierversuche e.V.
    oder
    ANTIDOTE EUROPE

  7. Tiere kennen keine Langeweile, auch Mäuse nicht. Neulich habe ich einer Kuh auf einer Weide beim wiederkäuen zugeschaut. Dieses Tier lebt im ewigen HIER und JETZT. Gedanken, Probleme, Stress, geschürte Ängste durch Medien, kennt diese Kuh nicht, da es gesund ,also nicht-menschlich, reagiert, in dem es außer Nahrung zu verarbeiten, nichts macht. Reine Gedankenleere und seelische Zufriedenheit . Diese Tiere brauchen keinen Psychiater der die durchgeknallten Psychen, die keinen Frieden finden und ewig beschäftigt werden wollen, repariert…

  8. Zitat Golzower: “Tiere kennen keine Langeweile, auch Mäuse nicht. Neulich habe ich einer Kuh auf einer Weide beim wiederkäuen zugeschaut. Dieses Tier lebt im ewigen HIER und JETZT. ”

    .
    Je nachdem, wie Sie “Langeweile” definieren.

    Ich glaube schon, dass Tiere im HIER und JETZT leben, in dem Sinne, dass sie nicht Sorgen, Kummer und Leiden aus der Vergangenheit oder projeziert in die Zufkunft empfinden können, wie wir Menschen es tun. Das bedeutet aber keinesfalls, dass sie in “ewiger Zufriedenheit” leben, nur weil Sie Kühe beim Widerkäuen beobachtet haben: Wenn Sie einen Mensch beobachten, der beim Essen von etwas Leckeres eindeutig genießt und zu diesem Zeitpunkt an nichts Anderes denkt, bedeutet es auch nicht, dass er in “ewiger Genuß” lebt, oder? 😉

    Langeweile ist auch nicht Synomym für Kummer, Sorgen oder Problem. Jemand, der Probleme hat, hat keine Langeweile. Für mich bedeutet Langeweile: Nichts zu finden, wozu ich Lust hätte.

    Eine Maus in einem Einzelkäfig wird verhindert das zu tun, wozu sie Lust hätte. Und das ist schon Leiden. Allein der Bewegungsdrang. Ich kann mir vorstellen, dass eine freilebende Maus mehrere Kilometer pro Tag in ihrem Revier zurücklegt. Und vor allem: Die sozialen Kontakte! Ein soziale Spezie in Isolation zu halten ist hochgradige Quälerei. Denken Sie zum Beispiel daran was es bedeutet, einen Mensch im Einzelhaft zu halten.

    Und was die Frankenstein-Forscher der Affenhirnforschung mit hochentwickelten Tieren seit 50 Jahren anstellen, die sie auch in kleinen Käfigen von 2 qm halten, darüber können Sie sich hier ein paar undercover gedrehte Bilder und Video angucken.

    Tierversuche bedeuten Kultur der Gewalt in der Wissenschaft. Nur, dass Folter keine Wissenschaft ist. Solche “Wissenschaft” wollen die Menschen nicht, 80% der Bürger Deutschlands und Europa sind gegen Tierversuche.

  9. @alle
    Ich werde mich hier nicht auf eine Globaldiskussion zum Thema “Tierversuche” einlassen und werde mich entsprechend zur Wehr zu setzen wissen.

    Zur Einzelhaltung der Mäuse wäre anzumerken, dass es aus wissenschaftlichen Gründen männliche Mäuse sein mussten, die man aber nicht in Gruppen in Käfigen halten kann, weil sie sich gegenseitig umbringen.