Phönix, Orpheus, innere Uhren und Zeit

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Wie Phönix der Asche bin ich gerade der Dusche entstiegen: gereinigt, erfrischt – aber keineswegs verjüngt oder gar verschönt, wie der mythische Vogel. Die Zeit nagt an mir. Der Phönix geht durch’s Feuer, um der Zeit zu entfliehen, mein Purgatorium aber ist die Zeit selbst. Die Forschung an ihr, um genau zu sein.

Die Dusche, der ich entstieg, ist am Anatomischen Institut. Ich hab’ da genächtigt. Das kommt hin und wieder vor, weil ich eben an der Zeit forsche, an der circadianen Zeit, an den inneren Uhren der Lebewesen. Und so geschieht es eben, dass man rund um die Uhr Proben nehmen muss. Also bleibt man abends, wenn alle anderen gegangen sind, am Institut, spielt am Computer herum, und bereitet sich darauf vor, alle vier Stunden in die Unterwelt der Anatomie absteigen zu müssen.

Dort, im geräumigen Leichenkeller, in der hintersten Ecke, vorbei an Katakomben, die mit Leichnamen gefüllt sind, steht mein Aquarium. Darin ist ein, nein: darin sind viele schädellose Fischlein (Branchiostoma lanceolatum). Wiesoweshalbwarum es jetzt gerade dieses Tierchen sein muss, das will ich hier nicht ausbreiten. Unerfreulich für die Fische ist es, dass ich sie umbringen muss, um an ihr Gehirn zu kommen, in dem ihre innere Uhr tickt. Unerfreulich für mich ist es, wenn ich nachts um halb drei auf dem durchgelegenen Sofa der Anatomie vom Wecker aus meinen Albträumen gerissen werde, mir eine Taschenlampe schnappen muss, schlaftrunken in den Keller tapere, und dort unten, unter schummerigem Rotlicht, mit dem Kescher Fische aus dem Aquarium herausholen muss, denen ich dann – immer noch im Schummerlicht – die Köpfe abschneide, um sie dann in Formalin zu legen. Denn es darf kein Licht auf die Tiere fallen, solange sie noch leben. Erfreulich hingegen für Fisch und mich: ich anästhetisiere die Tiere, bevor ich sie dekapitiere, und ausserdem haben die Tierchen so erfreulich wenig Gehirn, dass es dem Forscher leichtfällt, sich selbst einzureden, dass man ihnen nicht allzugrosses Leid zufügt. Ich arbeite ungern mit "höheren" Tieren.

Dem Orpheus gleich kommt man dann aus der Unterwelt wieder hoch, nur dass man keine Eurydike an der Hand hat, sondern ein formalingefülltes Töpfchen mit toten Fischen. Das stellt man seufzend in den Kühlschrank, stellt den Wecker auf 8 Uhr (nächste Probe!) und fällt wieder auf das schiefe Sofa. Um achte, erneut auf dem Weg in den Leichenkeller, bahnt man sich dann in aller verschwiemelten Herrlichkeit, wie sie nur von einer gestörten Nachtruhe auf einem unbequemen Klappsofa an einem mittelalten Manne erzeugt werden kann — um achte bahnt man sich dann den Weg hinab in den Keller durch hunderte von ausgeschlafenen, jungen, frischen Studenten, die zu den Kurssälen strömen. Die kennen mich alle aus der Vorlesung.

Dutzendfach schallt’s fröhlich:
"Guten Morgen, Herr Wicht!"
Ich:
"Grmbsbglgrunz…moin…"
(Getuschel: "Was’n mit DEM los?)

Fische köpfen, zähneputzen, rasieren, unter die Dusche — oh ja, das hat schon was: aus dem Bad treten und direkt auf der Arbeit sein: nein, ich hätt’ nichts dagegen, am Anatomischen Institut zu wohnen.

 —

Das war jetzt ein Stimmungsbild, eine lange Einleitung zum Thema "innere Uhr", zum Thema "Zeit", das der Christian Hoppe in seinem Blog nebenan losgetreten hat. Ich möchte, wie man merkt, aus der Sicht des Chronobiologen (denn das bin ich) etwas zur Zeit sagen.

Ja, wir kennen die rhythmisch ablaufenden biochemischen und neuronalen Vorgänge in der "inneren Uhr". Wir wissen, wo diese Uhren liegen (bei Chordatieren im allgemeinen im Zwischenhirn). Wir wissen, dass diese Uhren unabhängig von äusseren (Licht-)einflüssen den Lebensrhythmus von Schlafen und Wachen erzeugen können, wir wissen, wie (hauptsächlich durch Licht) dieser endogene Rhythmus mit der Drehung der Erde um sich selbst und um die Sonne synchronisiert wird. Wir wissen, mit anderen Worten, dass die inneren Uhren des Organismus sowohl seine Zeit erzeugen (indem sie unabhängig von äusseren Einflüssen laufen) als auch ein Erzeugnis der kosmischen Zeit sind (indem sie an sie gekoppelt werden).

In Bezug auf die Frage, was "Zeit" sei, insbesondere aber in Bezug auf die Frage nach dem Status der "Gegenwart, des "Jetzt", hilft uns das alles nur bedingt weiter. Die "Erzeugung" von Zeit in den inneren Uhren weist darauf hin, dass auch Organismen, darin den relativistischen Inertialsystemen der Physiker nicht unähnlich – eine "Eigenzeit" haben. Also ein Argument gegen Newtons "tempus verum, aeternum et absolutum" – die Zeit ist kein Teil der "Kulisse" der "Weltbühne", vielmehr wird sie im "Weltspiel" verfertigt.

Das "Jetzt" bleibt rätselhaft. Die inneren Uhren liefern nur die rhythmische Sukzession von bestimmten chemischen und neuronalen Zuständen, es sind – metaphorisch gesprochen – kreisende Bewegungen, die in sich selbst zurücklaufen. Die Uhren haben keinen "Zähler" – die Anzahl der durchlaufenen Zyklen wird in keiner (bekannten) Weise registriert. Es ist also eigentlich auch verfehlt, von "Uhren" zu reden. Es fehlt das Zählwerk, das Datumswerk, die Möglichkeit, "vorher" und "nachher" auseinander zu halten. Es sind nur "Unruhen", Rhythmusgeneratoren.

Zeit ist aber viel mehr als Rhythmus: Zeit ist Rhythmus und Zahl. Und Zeit mit einem "Jetzt" (McTaggerts "A-Zeit, siehe meine Antwort auf Christian Hoppe), ist Zeit mit Rhythmus und "ausgezeichneter" Zahl. Die Lage ist undurchsichtig … momentane (metaphysische) Arbeitshypothese: "Zeit" ist das Verhältnis zweier Bewegungen zueinander: einer linearen, voranschreitenden ("Zahl") und einer kreisenden, zum Ausgangspunkt zurückkehrenden ("Takt"). Keine von beiden alleine konstituiert Zeit, Zeit ist die Relation zwischen ihnen.

Mit anderen Worten: unser Wissen über die "inneren Uhren" reicht noch nicht einmal aus, um eine "B-Zeit" sensu McTaggert (Zeitpfeil ohne "Jetzt") zu konstruieren. Wo ist der Zähler?

Ich weiss es nicht.

Ich weiss nur, dass eine hoffentlich lange, aber dennoch zählbare Sukzession von Tagen in’s Land geht, bevor ich wieder nächtens in die Unterwelt muss.

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

17 Kommentare

  1. Anatomische trifft physikalische Zeit

    Hallo Helmut,

    ich habe mich vor ein paar Jahren zu einem Erguss hinreißen lassen, der besonders die Zeit in der Physik behandelt. Darin spreche ich auch an, dass es Zeit vielleicht gar nicht gibt. Interessiert? Mehr gibt’s hier.

    Beste Grüße,
    Andreas

    p.s.: Glückwunsch zum ausgelesenen Post 2008!

  2. Bravo, die schreckliche Nacht hat ein herrliches Ergebnis hinterlassen und ich bin begeistert, weil alles mit meiner Sicht in Einklang ist, und übrigens auch mit Aristoteles, der sagte: „Zeit ist unser Maßstab für die Dauer von Bewegung.“

    Viel Zeit zur Erholung wünscht

    S.R.

  3. Bewegung

    (Klasse Text, Sie können es einfach, Herr Wicht!)

    Vielleicht ist das Problem der Bewegung (oder allgemeiner: der Veränderung) nicht nur physikalisch (nur Bewegtes/sich Veränderndes kann anderes bewegen/verändern – wie aber setzte dann Veränderung/Bewegung ein?), sondern auch phänomenologisch im Hinblick auf unser Erlebenkönnen von Veränderung/Bewegung ein nicht zu unterschätzendes Rätsel. Dies wird durch den Hinweis auf “Hirnprozesse” keinesfalls gelöst, sondern eher kôanartig zugespitzt.

    Vielleicht lässt sich daraus ja eine neue Variante oder Deutung des alten Gottesbeweises “aus der Bewegung” gewinnen, und der erste seinerseits unbewegte Beweger, also die Bedingung der Möglichkeit von Veränderung, Bewegung und Zeit – wäre das Jetzt. (Ob man diesen unbewegten Beweger dann immer noch Gott nennen würde, wäre allerdings Geschmackssache.)

  4. Ergänzung

    Was halten Sie von der Idee, dass man Sein genauer als “Bleiben”, “Bestand haben” bestimmen müsste, weil es in einem bloßen “Jetzt” letztlich nichts gibt? Ein “bewahrendes Jetzt” wäre kein streng präsentisches Sein, sondern ein Sein mit Vergangenheit, Sein + Gewesensein.

  5. @ Andreas @Rehm

    @ Andreas
    Ich hab’ Deinen Essay “Was ist Zeit?” gelesen. Gegen Ende schreibst Du:

    “Wir müssen uns wohl zunächst mit dem Gedanken anfreunden, dass Antworten auf die Frage nach der Natur der Zeit auch mit modernen physikalischen Konzepten uns einen Rest von Unklarheit lassen.”

    🙂

    Das ist ja wohl ein klassischer Euphemismus – “ein _Rest_ von Unklarheit..” Mir ist ziemlich vieles unklar. Einig sind wir uns jedoch auch in vielem: dass Zeit ein lokales Phänomen sei, womöglich ein quantisiertes und allemal ein relatives. Und dass es “Weltformeln” gibt (Schrödinger, Wheeler-deWitt), die ohne das “t” auskommen.

    Klar scheint mir zu sein (hier auch @ Rehm), dass der Knackpunkt irgendwo bei der “Bewegung”, der “Änderung” liegen muss, wobei es erstmal egal ist, ob die in diskreten Schritten oder kontinuierlich erfolgt. Wenn die Zeit, wie ich im Augenblick spekuliere, ontologisch erst NACH der Bewegung kommt (also ein “emergentes” Phänomen ist), dann müsste es “zeitlose Bewegungen” geben.

    An dieser Stelle (“zeitlose Bewegung” sollte ich übrigens dringenst dem
    Dr.Peter Eisenhardt
    und seinem Buch:
    “Der Webstuhl der Zeit”
    Credits geben, denn das, was ich hier verzapfe, ist zum guten Teil der Interaktion mit ihm geschuldet.

    Darüberhinaus (um mich wieder auf Christian Hoppes Seite zu schlagen) will es mir um’s Verplatzen nicht gelingen, auch nur IRGENDEINEN Begriff von Zeit (sei’s ein strikte physikalischer, sei’s ein psychologischer) zu denken, ohne so etwas wie “Erinnerung” mitzudenken.

    Frage an Andreas, den Physiker: in einer strikte physikalischen, objektiven, mesoskopischen Beschreibung eines physikalischen Vorganges, meinetwegen eines Pendels – WO sind die jeweils vorangegangenen Zustände? In der Vergangenheit? Wo im physikalischen Raum ist die Vergangenheit?

  6. Aristoteles

    Ob andrerseits, wenn es die Seele nicht gäbe, die Zeit vorhanden wäre oder nicht, das könnte man wohl fragen: wenn das Dasein von jemand, der zählen kann, ausgeschlossen wäre, dann könnte auch unmöglich etwas sein, das gezählt werden kann, also dann klarerweise auch nicht Zahl; Zahl ist doch entweder das Gezählte oder das Zählbare.
    Wenn aber nichts anderes von Natur begabt ist zu Zählen als die Seele, und von dieser besonders das Verstandesvermögen, dann ist es unmöglich, daß es Zeit gibt, wenn es keine Seele gibt, …

    Grüße aus der Geburtsstätte der Meta-Physik
    S.R.

  7. @ Rehm

    !!!

    Wenn der Text der ersten beiden Sätze von Dir ist, dann sinke ich sofort vor dem genialen Imitator der klassischen Sprache auf die Knie. Wenn er’s nicht ist, beglückwünsche ich Dich zu dem schönen Fundstück – von dem ich dann allerdings gerne gewusst hätte, woher es stammt. Der Stagirit, Aristoteles persönlich?

    ???
    Die Geburtsstadt der Metaphysik?
    Wo is’n die?

  8. @Wicht

    Pardon, ich war in Eile und vergaß Gänsefüßchen und Quelle des Zitats.

    Es stammt aus der Wiege der Metaphysik, das heißt aus dem Hirn des Aristoteles,
    aus dem Kapitel „Physik“, da schrieb er einiges über die Zeit, was heute von vielen noch nicht begriffen wird, z. B. in der Einleitung:

    „Zunächst ist es von Vorteil, hierbei Zweifelsfragen anzustellen, auch mittels äußerlich herbeigezogener Überlegungen, nämlich ob sie (die Zeit) zum Seienden gehört oder zum Nichtseienden;
    Daß sie nun also entweder überhaupt nicht wirklich ist oder nur auf abgeschwächte und dunkle Weise, das möchte man aus folgenden Tatsachen vermuten:
    Das eine Teilstück von ihr ist vorübergegangen und ist insoweit nicht mehr, das andere steht noch bevor und ist insoweit noch nicht.
    Aus diesen Stücken besteht sowohl die ganze, unendliche wie auch die jeweils genommene Zeit.
    Was nun aus Nichtseiendem zusammengesetzt ist, von dem scheint es doch wohl unmöglich zu sein, daß es am Seien teilhabe.“

    S.R.

  9. Das auch noch

    Interessantes schrieb Aristoteles auch über das JETZT, das die Zeit in Vergangenheit und Zukunft teilt, die beiden Teile aber auch verbindet.
    Das Jetzt ist für A. als Grenze nicht ein Teilstück der Zeit, so wie ein Punkt nicht Teil einer Linie ist.
    Insoweit das Jetzt aber auch Zahl ist (so wie ein Punkt auf einer Linie auch Zahl sein kann), dient das Jetzt zur Benennung der Zeit als Zahl.

    Unser Bewußtsein ist demnach ein ständiger Grenzgänger, Schritt auf Schritt in „Zeitfenstern“ des Jetzt, wenn es nicht gerade schläft.
    Gute Nacht
    S.R.

  10. Hallo Helmut,

    Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meinen Essay zu lesen. Ich empfinde diese Diskussion zwischen Geisteswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern über das Wesen der Zeit ungemein interessant. Mir fällt dabei auf, wie unterschiedlich gefragt/formuliert wird; vielleicht ist es sogar so, dass sich Geistes- und Naturwissenschaftler ganz unterschiedliche Antworten von der Frage nach dem Wesen der Zeit versprechen.

    Du hattest die “zeitlosen Bewegungen” angesprochen. Darunter kann ich mir als Physiker gar nichts vorstellen. Bewegungen sind in der Physik untrennbar mit einem Zeitbegriff verbunden. Oder anders gesagt: Mit der Bewegung kommt automatisch die Zeit in die Welt. Mit der Zeit kann man den Bewegungsvorgang parametrisieren und die Entwicklung des bewegten Objekts in Raum und Zeit beschreiben.

    Du fragtest:
    In einer strikte physikalischen, objektiven, mesoskopischen Beschreibung eines physikalischen Vorganges, meinetwegen eines Pendels – WO sind die jeweils vorangegangenen Zustände? In der Vergangenheit? Wo im physikalischen Raum ist die Vergangenheit?

    In der klassischen Mechanik (d.h. wir lassen Einsteins Raumzeit, die “Verwebung” von Raum und Zeit, außer acht) ist die Zeit absolut, also unveränderlich. Zeit und Raum sind vollkommen unabhängig voneinander. Es macht daher keinen Sinn, die Zeit im Raume suchen zu wollen.

    Das von Dir angesprochene Pendel startet mit einer gewissen Auslenkung aus der Ruhelage und schwingt dann sinusförmig hin und her bis es die Reibung zum Stillstand bringt. Um das zu berechnen, stecke ich die Information über die Startbedingung des Pendels (Auslenkung um einen Winkel, Startgeschwindigkeit ist null, Startbeschleunigung ist eine Komponente der Erdbeschleunigung) in die Lösung einer Differentialgleichung. Die Lösung sagt mir dann zu beliebigen Zeiten, bei welcher Auslenkung sich das Pendel befindet und welche Geschwindigkeit (1. Ableitung der Auslenkung nach der Zeit) und Beschleunigung (2. Ableitung der Auslenkung nach der Zeit) es dort hat. Physikalisch betrachtet ist in der klassischen Physik die Zeit nichts weiter als ein Ordnungsparameter.

    Du fragtest, “wo” die jeweils vorangegangenen Zustände (des Pendels) seien. Sie sind sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Zukunft an einem anderen Ort – der im Spezialfall des Pendels zufällig derselbe Ort (gleiche Auslenkung) zu verschiedenen Zeiten sein kann. Das Pendel bewegt sich auch durch die Zeit: es war in der Vergangenheit und bewegt sich in die Zukunft.

    In Newtons und Galileis Physik ist die Zeit unerschütterlich überall gleich in ihrem Fluss und ihrem Maß.

    Mit Einstein kam die relative Zeit in die Welt. Zeit wurde etwas, das davon abhängt wie schnell sich der Zeitmesser bewegt und wie groß der Abstand des Zeitmessers von Massen in der Umgebung ist. Das Neue ist, dass Raum und Zeit nicht mehr unabhängig voneinander sind. Raum und Zeit sind im Raum-Zeit-Kontinuum verwoben. Das führt auf die Relativität der Länge.

    Beste Grüße,
    Andreas

  11. @ Rehm @ Hoppe @ Müller

    Danke für den Aristoteles!
    Für viele dieser Gedanken hätte ich bislang dem Augustinus die Credits gegeben. Wieder was gelernt.

    Im Rückblick auf den Augustinus (und jetzt eben auch auf den Aristoteles) müssen wir (d.h. Hoppe und ich), so glaub’ ich, sehr aufpassen, dass wir mit keinem den beiden Herren Ärger bekommen.

    Wenn ich’s in der Tendenz recht verstehe, sind Hoppe und ich gerade dabei, die Zeit und die Wirklichkeit als ein “nunc stans” zu fassen, aber sowohl Aristoteles als auch Augustin konzipieren sie auch als ein “nunc currens”. Das wird aus den Zitaten von Aristoteles meiner Ansicht nach ganz klar.

    Das “nunc stans” ist das “Jetzt”, das alle Vergangenheit als Erinnerung und alle Zukunft als Antizipation umfasst. Es ist das ganze “Sein”, die ganze “Wirklichkeit”, wenn ich Christian Hoppe recht verstanden habe. Es ist “Alles”.

    Das “nunc currens” aber ist die “bestandslose Grenze” (Schopenhauer) zwischen dem, was nicht mehr ist, und dem, was noch nicht ist, mithin ein rasendes Nichts, das sich von Nichts zu Nichts bewegt. Es ist “Nichts”.

    BEIDES sind mögliche Interpretationen der “Wirklichkeit”, die sich allerdings gegenseitig negieren.

    Wieder mal eine der Aporien, eine der Paradoxien, an die man läuft, wenn man einen Gedanken nur zu Ende denkt. Das Jetzt ist alles. Das Jetzt ist nichts.

    Was ist die Synthese von “Alles” und “Nichts”? Von “Sein” und “Nicht-Sein”? Von “Ja” und “Nein”?

    Ein entschlossenes “Jein”? Ein “Seichts” (aus “Sein” und “Nichts” zusammengezogen)? Verbirgt sich der Herrgott persönlich hinter diesem Paradox?

    Keine Ahnung.

    Ich würd’ vorschlagen, das Paradox einfach stehen zu lassen, und einen Schritt zurück zu tun – nämlich die sich “Struktur der Zeit” erstmal unbeeindruckt von diesem Paradox, quasi “bestandsaufnehmend” zu untersuchen.

    Und da ist doch das, was die Physiker in den letzten 100 Jahren geleistet haben, sehr beeindruckend! (Danke, Andreas!). Ohne jetzt irgendwas “kausales” sagen zu wollen, reine Analogie – ich finde es sehr beeindruckend, dass die subjektive “Dehnbarkeit” der Zeit (Langenweile/Spannung) ihre Entsprechung in der Dilatation/Kompression der Zeit in massereichen/-armen/schnellen/langsamen Systemen findet. Ich finde es bemerkenswert, dass Zeit zu einem “lokalen” Phänomen geworden ist.

    Das Missverstehen, das das Gespräch zwischen Andreas Müller und Hoppe/mir auszeichnet, hat nichts mit bösem Willen zu tun, es sind, so denk’ ich, nur die Prämissen. Andreas tut so – als guter Physiker – er tut so, “als ob” (Vaihinger) das, was geschieht, auch unabhänging von der Präsenz des Beobachters geschehe. Diese Prämisse muss ich ihm (als guter Idealist, seufz..) streitig zu machen versuchen. Eben besonders in Hinblick auf die Vorstellung von “Zeit”.

    Das probier’ ich im Laufe des Wochenendes nochmal in einer separaten Replik…

  12. @ Wicht

    “Ein entschlossenes “Jein”? Ein “Seichts” (aus “Sein” und “Nichts” zusammengezogen)? Verbirgt sich der Herrgott persönlich hinter diesem Paradox?”

    Eher ein entschlossenes Werden.

  13. Rolle des Beobachters

    Lieber Helmut,

    ist die Aporie, in der Du Dich nun sonnst nicht auch ein “klassischer Euphemismus”, der sich auftut, wenn man nicht weiterweiß? 😉

    Was ich versuchte als Erstes klar zu machen, ist der Standpunkt der klassischen Physik. Dort ist es so, dass “das, was geschieht, unabhängig vom Beobachter geschieht”, um mal Deinen Halbsatz direkt zu übernehmen.

    In der modernen Physik ist die Rolle des Beobachters wichtig. Zeit und Raum sind nichts Unabhängiges vom Beobachter, sondern der Beobachter gibt mit seinem Ort und Bewegungszustand vor, wie er Zeit und Raum wahrnimmt. Das gilt sowohl in der Relativitätstheorie (Zeitdilatation, Längenkontraktion), als auch in der Quantentheorie (Heisenbergsche Unschärfe).

    Es gibt in diesem Zusammenhang ein schönes Zitat von Einstein, sinngemäß: “Ist der Mond noch da, wenn ich ihn nicht anschaue?” Ein Anhänger der klassischen Physik sagt, dass der Mond natürlich noch da sei; ein Quantentheoretiker würde dem schon mehr Skepsis abringen. Denn für mikroskopische Objekte, Quantenobjekte ist es so, dass ihr Zustand erst mit der Beobachtung (der “Messung”) in die Welt kommt. Vor der Messung ist ihr Zustand eine Überlagerung aus allen möglichen Zuständen (vgl. Schrödingers Katze).

    Im Grunde genommen bin ich also ganz bei Dir, Helmut, dass Zeit nicht unabhängig vom Beobachter ist, sondern vielleicht erst durch diesen in die Welt kommt. Das war die Conclusio meines u.g. Web-Essays, dass die Zeit nur eine Bedeutung und ein Wesen in unserer mesoskopischen Welt hat, in der der Mensch der Beobachter ist.

    Beste Grüße,
    Andreas

  14. @ Wicht et al.

    (Ich war krankheitshalber einige Tage ausgeschaltet und freue mich nun an einer sehr interessanten Diskussion mit vielen anregenden Beiträgen. Klasse!)

    Ich will keinesfalls die Diskussion von vorne aufrollen. Aber ein Aspekt meiner Frage (der Neuro-Aspekt) zielte darauf, zu prüfen, ob der Materialismus bzw. Naturalismus an der unbestreitbaren Fähigkeit bewusster Beobachter, Veränderungen (relativ zu einer physisch nicht mehr existenten Realität) wahrnehmen zu können, scheitert oder ob diese Fähigkeit zur “Erinnerung” auf Hirnzustände trotz ihrer materiellen Jetzigkeit vollständig reduziert werden kann.

    Wie wäre also in einem, ausgehend von der Physik, rein materialistisch konzipiertem Universum überhaupt Physik, das heißt: eine Theorie der Veränderung, möglich?

    Diese Frage würde die Physik selbst gar nicht treffen, sondern allenfalls deren Ontologisierung in Form von Materialismus/Naturalismus; denn eine Ontologie müsste auch das Beobachten und den Beobachter umfassen bzw. möglich erscheinen lassen.

    In den nächsten Tagen werde ich in meinem Blog ein wenig aus der “Phänomenologie der Wahrnehmung” von Merleau-Ponty zitieren, was in dieser Frage aufschlussreich sein könnte.

    Auf Kommentare zum Neuroaspekt des Veränderungserlebens bzw. der Zeitwahrnehmung aus Ihren/Euren Reihen wäre ich sehr gespannt!

  15. Salon “intersubjektives Reisen”

    Hallo Herr Wicht,

    wir hatten uns mal dort zum Freien Willen (Bereiter-Hahn)gesehen. Wir haben am Freitag einen astronomisch-griechischen Salonabend mit Thomas Bührke zu Aristarch (aktuelles Buch)und am 24.4. einen “Quantenschaum”-Abend mit Roland Wegenmayr zu Verschänkung, Realtitätsmodell, etc. Ich wollte Sie gerne wieder einladen, habe aber Ihre email Adresse nicht. Zu obigen Thema könnte ich auch etwas beitragen, da ich einmal eine kl. Melatonin-Studie zum jet lag mit der Bundeswehr geplant hatte. Ich finde Ihre Betrachtungen zur Zeit äusserst spannend – das wäre doch auch mal ein Salonthema wert.

  16. innere Uhr

    So, jetzt benötigen wir nur noch eine wissenschaftliche Analyse inklusive Erklärung, wie denn der menschliche Körper wirklich den Tag-Nacht-Rhythmus steuert!

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