Nominalismus, Onomatopoietika und das Abbruchgewerbe

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

“Nomen atque omen”, schreibt Plautus, “Name und Vorzeichen”, und behauptet damit eine zauberische Beziehung zwischen Ding und Begriff, dem Namen und seinem Träger. Name ist Schicksal. Einen Namen nennend, kann man ein Ding, eine Person beschwören. Magisches Denken.

Im Mittelalter sagten dann die ‘Realisten’: “Unversalia sunt realia ante rem”. Alle Wirklichkeit sei in den Allgemeinbegriffen, die Einzeldinge seien nur ein Abklatsch davon. Eine zauberische Pointe: Jene Herren, die sich ‘Realisten’ nannten, weil sie – unverbesserliche Platoniker – eben an die Realität der Ideen glaubten, würde man heute gerade nicht so nennen, sondern ‘idealistische Schwärmer’. Anselm von Canterbury war einer von ihnen.

“Quatsch”, gaben die Nominalisten zurück, “Universalia sunt nomina post rem.” Die Allgemeinbegriffe sind nur abgeleitete Namen, alle Wirklichkeit ist in den Einzeldingen. Spätestens seit der Verfilmung von Umberto Ecos “Name der Rose” ist der Sieg der Nominalisten vollständig, denn einer von ihnen – William von Ockham – hat es in Gestalt des “William von Baskerville” zum Pop-Star gebracht. Zumal in der Verkörperung durch Sean Connery, der sozusagen schon im Fleische, mit seiner schieren personalen Präsenz, das blutleere Gerede der Idealisten widerlegt. Die Wirklichkeit? Im Allgemeinbegriff des Mannes? Quark! Das ist ein Mann! Jawoll. Götz George wär’ auch keine schlechte Besetzung gewesen.

Nominalismus also. Dinge hier. Namen dafür dort. Zwei getrennte Baustellen. Die Dinge schert es nicht, wie man sie nennt. Namen sind Benennungen, keine Beschwörung, kein (Vor)zeichen für irgendwas. Nominalistische Nüchternheit.

Leise Zweifel beschlichen mich aber angesichts meiner diesjährigen Weihnachtslektüre. Das Buch heisst “Gehirn und Gedicht”, stammt von R. Schrott und A. Jacobs  – und ist im übrigen einen Verriss wert. Detaillierte Rezension folgt.

In dem Buch ist ein längerer Abschnitt über die Geburt der Namen der Dinge aus dem Geiste der Onomatopoiesis (1), der Lautmalerei also. Ich kam in’s Grübeln. Stellt nicht so ein simples Lautgemälde wie “Wauwau” (ich möchte so etwas ein “Onomatopoietikon der ersten Stufe” nennen) die Richtigkeit von Plautus’ “nomen atque omen” unter Beweis? Wenn ich eine Tierstimme nachmachen kann – also zum Beispiel mit dem Lockruf der Ente mir eine vor die Flinte locken kann – ist das nicht eine sehr effektive Form der Beschwörung? Hat da nicht der Name tatsächlich die Macht über die Dinge, die er benennt?

Im (anti-)nominalistischen, nüchternen Sinne sehr verwunderlich und bedenklich fand ich auch die Ergebnisse eines linguistisch-psychologischen Experimentes, das Schrott und Jacobs schildern. Es ist sehr einfach. Man zeigte Versuchspersonen zwei Bilder: Ein “graphisch-eckiges”, nämlich das eines scharfkantigen, zackigen Sternes, und ein “malerisch-rundes”, nämlich eine Palette voller bunter, zerfliessender Farbkleckse. Dann legte man den Probanden sinnlose Worte vor, wie etwa “kikaritski” und “oglauwonga” und bat sie, diese den Bildern als “Namen für die Dinge” zuzuordnen. Genial simpel. Und es passiert genau das, was Sie auch gerade gedacht haben – der Stern wird fast immer mit dem spitzigen, hellen, stimmlosen Plosivlauten des “kikaritski” assoziiert, das stimmhafte, von tiefen und weichen Vokalen dominierte “oglauwonga” landet bei der Palette. Das sind, sozusagen, “Onomatopoietika der zweiten Stufe” – in uns allen scheint ein Synästhetiker zu stecken, der es sehr wohl vermag, zwei Dinge, die im nominalistischen Sinne gar nichts miteinander zu tun haben – die zackigen Spitzen eines Sternes und die explosive Spitzigkeit eines Lautes – zugleich und als zusammengehörig wahrzunehmen.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich eine Einleitung zur Vorstellung von “Onomatopoietika der dritten Stufe” benötige. Als solche würde ich Namen bezeichnen, die tatsächlich Gewalt über das haben, was sie bezeichnen, die ihre Träger unweigerlich determinieren, so zu sein und so zu handeln, wie sie heissen. Solche magischen Namenslautmalereien hab’ ich kürzlich in meiner Heimatstadt gefunden.

Wer mit wachen Augen durch die Stadt Frankfurt läuft …

… die Stadt ist, seit ich sie kenne, eine Baugrube: “abgerobbt, uffgebuddelt, zugeschisse unn’ neu hochgeklobbt” wäre allemal ein besseres Motto als das “Stark im Recht”, das sich die Stadt 1837 als Wahlspruch zulegte. In der Tat sollte man sich angesichts der abrissorientierten Baugeschichte der Stadt überlegen, ob man nicht das “Stark im Recht” durch “War im Weg” ersetzen sollte. Aber ich glaube, ich schweife gerade ab …

… wer wachen Auges und offenen Ohres durch die Stadt Frankfurt läuft, was er schon deshalb tun muss, damit er nicht in ihre Baugruben fällt oder von den Baulastern überfahren wird, dem werden diese Namen nicht entgangen sein – sie stehen auf schuttgefüllten Containern, sie prangen auf schwerem Gerät:

Knettenbrech und Gurdulic

Knettenbrech und Gurdulic. Kettenbruch und das polternde Geräusch einstürzender Mauern. Das Herrschaften, ist Onomatopoiese der dritten Stufe. Ich erlaube mir, noch die passenden Vornamen dazu zu phantasieren: “Karl Knettenbrech und Dragostan Gurdulic” (laut aufsagen, die “r’s” schön rollen lassen).

Ich kenne freilich die Herren oder Damen Knettenbrech und Gurdulic gar nicht. Aber ich wage zu behaupten, dass diese Namen ihre Träger zu dem Gewerbe bestimmen. Definitiv. Denn

“Kudrun Knettenbrech und Gunthilde Gurdulic – Bachblütentherapie”

…das ginge einfach nicht. Onomatopoietisch, meine ich.

(1) Übrigens sind schon die Worte “Onomatopoiesis/Onomatopoietikon” schiere Poesie. Ich kann sie gar nicht oft genug hinschreiben.
(2) hier ist die Homepage der Firma Knettenbrech und Gurdulic. Erfolgreiches Entsorgungsunternehmen aus Wiesbaden. Das Bild stammt von ihrer HP.

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

10 Kommentare

  1. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah? Wenn ich mir Deine sprachliche Ausdrucksweise betrachte und Deinen Nachnamen hernehme, na, das paßt doch! 😉

    Zumal in der Verkörperung durch Sean Connery, der sozusagen schon im Fleische, mit seiner schieren personalen Präsenz, das blutleere Gerede der Idealisten widerlegt. Die Wirklichkeit? Im Allgemeinbegriff des Mannes? Quark! Das ist ein Mann! Jawoll. Götz George wär’ auch keine schlechte Besetzung gewesen.

    Oder seinen Vater Heinrich George.
    Gibt es so Typen noch als Schauspieler? Bud Spencer – von der Figur her, nicht von der Austrahlung – fällt mir da noch ein, aber ansonsten?

  2. @ Huhn

    Soso.

    Mit unser beider Nachnamen müssen wir vorsichtig sein. “Huhn” ist in gewisser Weise programmatisch, “Wicht” halt auch.

    Wobei mir allerdings nicht so ganz klar ist, inwiefern “Wicht” für einen bestimmten Schreibstil prädestiniert. Zwergenperspektive, ovidische Froschperspektive, “von unten her” – “quamvis est sub aqua, sub aqua maledicere temptat” – meinst Du das so?

    Onomatopoietisch, klanglich geben unser beider Namen aber wirklich erbärmlich wenig her. In der Liste unserer Neu-Immatrikulierten habe ich einen Kommilitonen namens “Marcel Muschelknautz” entdeckt.

    DAS ist ein Name! Da wird selbst mir als heterosexuellstmöglichem Onomatopoietiker ganz verschmust zu Mute.

  3. Wobei mir allerdings nicht so ganz klar ist, inwiefern “Wicht” für einen bestimmten Schreibstil prädestiniert. Zwergenperspektive, ovidische Froschperspektive, “von unten her” – “quamvis est sub aqua, sub aqua maledicere temptat” – meinst Du das so?

    Ja, haargenau so habe ich das gemeint. 😉

    Ich finde, wir taufen Dich einfach um. Abram (-> der Vater ist erhaben) hat von Gott auch den neuen Namen Abraham (-> Vater der vielen) bekommen, also bekommst Du auch einen. Wie wäre es mit Lindolfo Wuchtus? Oder fällt Dir noch ein anderer Vorname ein, der Lingua ähnlich klingt?

    Wart es mal ab, bis Du den neuen Studenten zu Gesicht bekommst. Der wird bestimmt wie Bud Spencer aussehen.

  4. @ Huhn

    Wenn ich schon ein biblisches Alias zu wählen hätte – dann Hiob. “Hiobs heitere Humoresken” (“hahaha!”) wäre eine guter Blogtitel. “Kopflose Fussnoten” tun’s aber auch.

    Der Herr Muschelknautz sieht gar nicht aus wie Bud Spencer – sondern wie der Herr Muschelknautz. Aber VIEL schlanker als unser dicker Kater.

  5. @ Wuchtus

    Hiob würdest Du wählen? Wirklich? Kennst Du die ganze Geschichte?

    Ein frommer rechtschaffender Mann, der seinen Bestiz, seine sieben Söhne und drei Töchter und zum Schluß seine Gesundheit verliert. Und dann sagt ihm seine Frau, er solle langsam abdanken. Es ist aus mit ihm. Einsam und verlassen besuchen ihn seine drei Freunde und halten ihm vor, daß er selbst Schuld an seiner Situation sei. Irgendein Fehlverhalten sei dafür schon verantwortlich und er erlebe nur seine gerechte Strafe. Dies verneint Hiob und argumentiert dann schon etwas selbstgerecht. Naja, wer will es ihm in der Situation verübeln? Keiner steht ihm bei, alle hacken nur auf ihm rum, obwohl er das eben nicht verdient hat. Als letztes redet dann ein Vierter und mahnt Hiobs Selbstgerechtigkeit, aber tadelt auch die drei Freunde, die für alles eine Erklärung haben. Sein Fazit lautet, daß man bei Gott nicht alles erklären können.

    Zum Schluß wendet sich Gott dem Hiob zu. In einem aufwühlenden, direkten Gespräch begegnet Hiob dem Schöpfer. Allerdings bekommt er keine seiner ursprünglichen Fragen beantwortet. Die müssen ihm auch völlig gleich geworden sein. Warum auch nicht, wenn man Gott so massiv begegnet? Das muß überwältigend gewesen sein, so daß alles andere unbedeutend wird. Hiob bereut seine freche Haltung gegenüber Gott. Letzendlich wurde für ihn ja damit auch seine alles entscheidende Frage beantwortet. Seine tiefe Sehnsucht nach Gott, die sich in der Begegnung erfüllt hat. Und am Ende rechtfertig Gott Hiob gegenüber seine drei Freunde, weil sie nicht Recht geredet haben. Mißgeschick und Leid ist nicht grundsätzlich eine Strafe Gottes.

    Am Ende hatte Hiob alles doppelt. Sein ursprünglicher Besitz hat sich verdoppelt. Nur die Kinderzahl nicht. Er hatte wieder sieben Söhne und drei Töchter. Allerdings, so heißt es, ist Gott ein Gott der Lebenden und nicht der Toten. Die anderen sieben Söhne und drei Töchter wird er in der Ewigkeit wiedersehen. Also, hat er die auch doppelt.

    Eine Geschichte also mit einem riesen Happy End. Kannst Du Dich damit wirklich identifizieren? Naja, vielleicht kommt das ja noch. 🙂

  6. @ Huhn

    Ganz im Ernst:

    Den Hiob würd’ ich nicht wegen, sondern eher trotz des Happy Ends wählen. Und zwar wegen der Rede, die der HErr an ihn richtete. Ich kann es nicht wörtlich wiedergeben, bin momentan auch zu faul, es nachzuschlagen – aber wenn ich es recht entsinne, hat sich ihm im Gleichnis vom Leviathan, den man nicht mit der Angelschnur fangen kann, der HErr als das offenbart, was er ist: ein unauslotbarer Abgrund.

    Ob der HErr da zu ihm redete, oder ob der Hiob da einfach nur etwas aus sich heraus über das Sein begriffen hat (ich bevorzuge die zweite Interpretation), ist mir schnuppe.

    Die Einsicht in die Bodenlosigkeit zählt.

  7. @ Wicht

    Ich habe das mit dem Leviathan immer anders verstanden. Wenn Hiob diesem begegne würde er in die Hose machen oder schnell das Weite suchen. Doch Gott ist viel größer als der Leviathan. Gott bringt dann mehrere Beispiele aus der Schöpfung, vor denen Hiob größten Respekt hatte, aber vor Gott hatte er wohl keinen mehr. Dabei ist der Schöpfer doch immer mehr als die Schöpfung. Das war dem Hiob sehr eingänglich. Abgrund und Bodenlosigkeit lese ich da nicht heraus.

    Kann sein, daß Hiob gar nicht mit Gott geredet hat, sondern daß es aus seinem Innern kam. Irgendeine Einbildung. Wäre es verwunderlich nach all dem Leid und der Isolation? Denn seine Freunde hielten ja auch nicht zu ihm. Da können in der Innenwelt schonmal Einbildungen des Herzens aufziehen. Allerdings waren das dann sehr wirksame, gewaltige kräftige Einbildungen, denn er hat ja sein Leben wieder in den Griff bekommen. Ich persönlich glaube das nicht. Das kommt mir dann wie Münchhausen vor, der sich selbst an seinen Haaren aus dem Sumpf zog (vielleicht solltest Du Dir Haare wachsen lassen 😉 😀 ). Da ist es meines Erachtens wahrscheinlicher, daß die Kraft von außen von Gott kam.

  8. @ Huhn – Gleichnis vom Leviathan

    Ich glaube, man kann das Gleichnis vom Leviathan in Hiob 40, 41 durchaus als ein Selbstportrait des HErren lesen.

    Den Behemot (in 40) bezeichnet er ganz ausdrücklich als sein Geschöpf (“den ich geschaffen habe”).

    Aber beim Leviathan ist das anders. Der taucht unvermittelt auf, und – vor allem – mittendrin in der Rede über die Macht des Leviathans in der dritten Person wechselt der HErr unvermittelt (41,2) in die erste Person – mit der rhetorischen Frage: “Wer ist denn, der vor MIR bestehen könnte?”

    Nur ganz am Ende wird der Leviathan noch mal als “Geschöpf” bezeichnet. Was steht da im Urtext? “Wesen” würde zu meiner Interpretation passsen…

  9. Im Vers 3 geht es weiter mit: “Wer hat mir zuvor gegeben, dass ich ihm vergelten sollte? Was unter dem ganzen Himmel ist, mir gehört es!” In der Elberfelder gibt es dazu eine Anmerkung: “Andere üs. mit vielen hebr. Handschr., LXX und Textänderungen: Wer ist es, der vor ihm bestehen könnte? Wer ist es, der ihm begegnet und unversehrt bliebe? Unter dem ganzen Himmel gibt es ihn nicht!”

    Naja, ich weiß nicht. Gott beschreibt sich in vielen Stellen in der Bibel und die können auch bisweilen sehr düster sein*, aber diesen einen Satz würde ich nicht auf ihn beziehen. Das ist mir zu vage.

    * beispielsweise:
    “Ich bin der HERR und sonst keiner. Außer mir gibt es keinen Gott. Ich gürte dich, ohne dass du mich erkannt hast, damit man erkennt vom Aufgang der Sonne und von Untergang her, dass es außer mir gar keinen gibt. Ich bin der HERR — und sonst keiner —, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Frieden wirkt und das Unheil schafft. Ich, der HERR, bin es, der das alles wirkt.” (Jesaja 45,5-7)

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