Metaphysische Schubladen

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Letzte Woche Donnerstag in Frankfurt: ein Vortrag von Frau Professor Martine Nida-Rümelin aus Fribourg. Thema: ihr Buch zur "transtemporalen Identität bewussteinsfähiger Wesen". Nur zog Sie’s diesmal nicht transtemporal, sondern "transmundan" auf: Möglichkeiten der Identität in verschiedenen Welten.

Bewusstseinsphilosophie, heavy duty.

Ich geb’s ja nur ungern zu (Obacht: es folgt ein kurzer Beitrag zur Genderdebatte), aber die Dame war mir intellektuell ein paar Etagen über. Nicht, dass ich nichts verstanden hätte: aber ich hatte den Eindruck, dass sie wesentlich schneller denken kann als ich. Und irgendwie auch präziser. Mist. Sehr beeindruckend.

Nein, keine Details des Vortrags hier, nur eine Zusammenfassung durch metaphyische Schubladisierung von Frau Nida-Rümelins Standpunkt. Sie selbst hat die Schublade aufgezogen und sich hineingepackt: sie bezeichnete sich als Dualistin. Zu meiner grossen Verwunderung war sie damit unter Profi-Philosophens (die den Saal füllten, ich war wohl der einzige Naturwissenschaftler dort) ziemlich einsam. Lauter hard-core Materialisten, so hatte ich den Eindruck.

In der Diskussion kam’s auf den Punkt. Auf ein Verbum, um genau zu sein.

Nida Rümelin: "Ich HABE meinen Körper."

Ein männlicher Philosophieprofessor (mir namentlich unbekannt, offenbar ein monistischer Materialist): "Nein. Sie müssen sagen: ‘Ich BIN mein Körper’."

Ich hab’ mich dann (mangels intellektueller Vitesse und Akkuratesse, s.o.) nicht weiter eingemischt. Aber rumort hat es in mir schon. Wie kommt der Philosophieprofessor dazu, sowas zu sagen? Und dann hab’ ich mir überlegt, was ich, als idealistischer Monist (Da! Ich hab’ mich verraten! Das ist meine Schublade!) über meinen Körper und mich sagen müsste.

Und fand das ziemlich schwer. Ich BIN es freilich nicht. Wäre mein Körper mein Ich, dann wären seine Grenzen mit ihm identisch, und dagegen spricht von der Alltagserfahrung (ein Haarschnitt ist keine Beschneidung des Ich) bis zu allerlei seltsamen Störungen des Körpergefühls ("alien limb syndrome") so ziemlich alles. Und überhaupt: gehört das Innere meines Darmes zu mir? Ist da nicht auch eine Grenzfläche? Ist nicht mein Darmlumen ein Stück Aussenwelt, nach innen eingestülpt? Nein, so nicht.

Mein Körper macht mich? Nein, das ist schnöder Materialismus.

Ich mache meinen Körper? Nein, das ist Fichte’sche Subjektmetaphysik

Mein Körper ist mir als unmittelbares Objekt gegeben? Das ist zwar Schopenhauer, aber dennoch verquast und nicht sehr erhellend. Soll wohl heissen: was auf meinen Körper wirkt, kann mir ohne Vermittlung durch andere Objekte zu Bewusstsein kommen. Aber wieso ist es gerade DIESES eine Objekt, das diesen Sonderstatus hat?  Wieso kann ich – wieder im pathologischen Falle – Bewusstseinseindrücke von Körperteilen haben, die ich gar nicht mehr habe? ("Phantomschmerz").

Also doch Rückzug in’s Gehirn? "Mein Hirn macht all das, mein Empfinden von Subjektivität, mein Gefühl der Einheit von ich und Körper, alle meine Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken, ja letztlich alle Vorstellungen von Objekten und Welt?" 

Sieht ja so aus. Da aber all mein Wissen über das Gehirn seinerseits wieder nur ein Produkt meines Hirnes ist, wäre mein Hirn zwar einerseits Produkt, andererseits aber auch Produzent der Vorstellungen. Es wird so eigenartig selbstreferentiell: das Hirn produziert sich selbst.  

Also sollte ich vielleicht sagen. "Mein Hirn macht mich und sich".

Bloss woraus? 

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

20 Kommentare

  1. Von Beethoven wird erzählt, daß seine Kompositionen für die damaligen Instrumente NICHT komponiert waren. Mir will scheinen, daß das Hirn ein Werkzeug ist, das “anbaut”, wenn dazu Bedarf besteht. Ich neige auch immer noch dazu, das Hirn in Verhältnis zum “Geist” zu setzen, wie das Pianoforte zum Pianisten. Ich kann einem Pianisten seine Fähigkeiten nicht absprechen, wenn ihm nur das Objekt (Pianoforte) zur Darbietung fehlt oder unzureichend ist.
    Doch letztlich muß ich an seine Fähigkeiten GLAUBEN, da er mich ja von seinen Fähigkeiten nicht überzeugen kann, da (DU wirst schimpfen) mir die Anschauung fehlt. Ich fürchte, wir sind zum Agnostizismus verurteilt.

  2. Schleife

    Douglas Hofstadter geht in seinem Buch ´Ich bin eine seltsame Schleife´ davon aus, dass das menschliche Bewusstsein aus schleifenartigen Mustern besteht, die sich selbst in einem Rückkopplungsprozess wahr nehmen und beeinflussen – so stand es mal irgendwo in der Werbung für dieses Buch. Ich hab´s leider noch nicht gelesen – aber vielleicht kennt es hier Jemand.
    Und vieleicht gibt diese Idee die Antwort auf die Frage?

  3. Mal ganz naiv gefragt:

    *Wäre mein Körper mein Ich, dann wären seine Grenzen mit ihm identisch*

    Und wo ist das Problem? Hat doch niemand behauptet, dass die Grenzen meines Körpers immer die gleichen bleiben…

    Wenn dem tatsächlich so wäre, gehörte z.B. die erst kürzlich entstandene Wölbung über dem Hosenbund nicht zu mir (was ich gerne glauben würde). Und wenn jemand an mein Haar geht, werd ich pissig.

    Ich für meinen Teil stelle mich auf den Standpunkt dass ich, in den Worten von Arvid, mein eigenes Epiphänomen bin. Ich bin, was ich als mich selbst wahrnehme, und das ist alles was ich bin: Eine – dank an KRichard für die Referenz – strange loop in einem Zentralnervensystem. Meinem oder dem anderer Leute.

  4. Apotemnophilia

    Ich hab´s geschafft, das Wort fehlerfrei zu schreiben. 😉

    Per Google-suche [Ramachandran “Self Awareness The last Frontier”] kommt man zu einem – trotz grober Denkfehler – sehr lesenswerten Artikel.
    U.a.: Demnach gibt es im Gehirn ein komplettes internes Abbild des eigenen Körpers. Menschen, bei denen dort ein Bereich verletzt ist, in dem ein realer Körperteil abgebildet ist – verleugnen diesen Körperteil bzw. möchten ihn am liebsten amputiert haben (Apotemnophilia).
    Demnach BIN ich der virtuelle Körper im Gehirn – und HABE den leiblichen Körper.

  5. Non-Dualismus

    Entpuppt sich doch das Naheliegendste, der Körper (der Leib), als Initialzündung für Metaphysik – schön!

    Der alltägliche phänomenologische Ich-Körper-Dualismus kann ja von Leuten, die die Welt vom Kino- oder Fernsehsessel aus erobern, kaum bestritten werden. Allerdings ist das Gehirn nicht Teil der Leiberfahrung – eine für die introspektiven Denktraditionen des Westens (Philosophie) und Ostens (Meditation) immer wieder ernüchternde Feststellung. Möglicherweise hat man all die Jahrtausende das entscheidende Fundament des Geistes übersehen (so wie das Auge, das sieht, unsichtbar ist).

    Kann ich also ein Verhältnis zu meinem Gehirn haben? Ich bin nicht mein Gehirn; denn dann wöge ich nur 1,5 kg statt … (lassen wir das lieber). Aber sicher “habe” ich mein Gehirn auch nicht nur so wie ich braune Socken oder m/eine Frau habe.

    Man kann wenig sagen, aber eines doch: Dass es ohne mein Gehirn mich als Person so wohl nicht gäbe – wie immer das Gehirn “mich” “macht”. Oder genauer: Das Schicksal meines Gehirns und mein Schicksal sind “irgendwie” sehr eng miteinander verwoben.

    “Ich schlafe jede Nacht” ist ein sinnvoller Satz, auch wenn ich ihn nur wach aussprechen kann; folglich hänge ich nicht von meinem Bewusstsein ab. Für Außenstehende bleibe ich ohnehin ich, auch wenn ich schlafe oder in Narkose versetzt werde. In gewisser Weise bleibe ich sogar ich, wenn ich dann einmal tot bin; und auch dies hängt nicht von der Erinnerungsfähigkeit Dritter ab.

    “Es gibt ein Ich” ist dagegen kein sinnvoller Satz, sondern nur “Es gibt [bzw. postmortal gab] mich” (wobei ich auf mich, also meinen Körper zeige). Meinte Frau Nida-Rümelin denn vielleicht, dass es ein Ich gibt, das einen Körper hat? Das fände ich dann eigenartig.

    Wie erklärt ein kruder Materialismus eigentlich Gedächtnis und dann Zeiterleben (und dann Ich-Erleben)? Wie kann sich die je momentane physische Konstellation der Welt eigentlich vergangene Zustände merken – also *als Vergangenheit* gegenwärtig halten? Und wenn Materie sich etwas “merken” kann – ist sie dann noch “bloße Materie”? Und wenn der Geist erst verkörpert Wirklichkeit sein kann, ist er dann nur “edler immaterieller Geist”?

    Meines Erachtens ist der Stoff, aus dem Ich und Gehirn gemacht sind, das “dies hier jetzt”. Durch Abstraktion vom unmittelbarem Erleben (d.h. durch Filterung, Selektion, Gleichmacherei) entsteht die Welt der Dinge und Substanzen und “Iche”, denen diese Welt gegenüber tritt. Wissenschaftliche Theorie und persönliche Lebensgeschichte *beschreiben* die Wirklichkeit auf verschiedene Weise mit verschiedenen Agenten (nämlich nach verschiedenen Weisen der Abstraktion) – aber sie erfassen nicht die Wirklichkeit und sind sie nicht.

    Die Wirklichkeit ist dies hier jetzt; es ist ein bewahrendes Jetzt, kein das Vergangene vernichtendes “bloßes Jetzt”. Hier treffen sich Bewusstseinsgegenwart und die Jetzigkeit der materiellen physischen Welt; hier löst sich das Paradox zwischen einem Bewusstsein, das nur Gegenwart kennt, und der Physik, in der das Jetzt approximativ nichts ist und daher nicht vorkommt.

  6. Wissenschaftlicher Fortschritt

    oder verbal-gedankliche Masturbationen……?

    In solchen – zugegebenermaßen auch mich intellektuell überfordernden – Was-Auch-Immer-Diskussionen……bleibe ich zurück und frage mich, warum der Staat dafür soviel Geld übrig hat (diese “Denker” kosten den Steuerzahler ja gutes Geld)….während anderswo an der verlgeichsweise einfachen “Bildungsförderung” unseres Nachwuchses in den Kindergärten, Schulen und Hochschulen kräftig gespart wird…..

    so würde ich gerne mal über die “Nutzung des Verstandes” zum Zwecke unseres gesellschaftlichen Fortschrittes “philosophieren”….wenn dem dann Taten folgen, dann wäre die Investition auch mal sinnvoll gewesen….

  7. @ Armand

    Monika,

    wir sind im Dissens. Wenn Masturbation, wie Woody Allen sagt “die Liebe an und für sich” ist, dann ist die Beschäftigung mit den Fragen der Metaphysik die “Beschäftigung mit der Welt an sich und für mich”.

    Und die (zugegebenen) spekulativen Antworten auf diese Fragen haben einen PROFUNDEN Einfluss auf das, was wir – eben auch im Erziehungswesen – aus uns machen. Gottessklaven oder Bewusstseinsjunkies, Ideenknecht oder Evolutionsprodukt, Agnostiker oder Missionar: im Hintergrund steht eine metaphysische Hypothese, oft unausgesprochen.

    Nein, ich halte das nicht für Ressourcenverschwendung, weder mental noch monetär. Das “primum vivere, deinde philosophari” stimmt nämlich nicht. Wir sind nämlich bewusste Wesen. Unser Leben und sein Bedenken sind uns eins. Die “letzten Fragen”, die die Metaphysik stellt, mögen keine naturwissenschaftlichen Antworten finden: dennoch gestaltet die “geraunten” (Heidegger) Antworten unsere Lebenswirklichkeit.

  8. @ Hoppe

    “Allerdings ist das Gehirn nicht Teil der Leiberfahrung..”

    Jawohlja, und dafür gibt es sogar objektive Gründe. Das Hirn ist nämlich so ziemlich der einzige Teil des Körpers (von Haaren und Nägeln mal abgesehen), in dem es KEINE Organe der Eigenempfindung (Schmerz, Spannung, Temperatur etc.) gibt.

    “Meinte Frau Nida-Rümelin denn vielleicht, dass es ein Ich gibt, das einen Körper hat? Das fände ich dann eigenartig.”

    Ich frug sie nach dem Vortrag, ob das, was sie vertritt (ihr spezieller Dualismus eben) nicht zu einer Idee von der “Substanzialität des Ich” führen müsse. Sie antwortete schnell und in wohlgesetzten Worten … sie war zu flink für mich (s.o.), aber ich nahm den Eindruck mit, dass sie so eine Substanz für denkbar hält.

    (andere Fragen)
    Weia, ist das kompliziert.
    Deidesheim?
    Mit den “Jetzt” als Wirklichkeitshorizont kann ich mich anfreunden. (Nachkartend: mit dem “Sein” allerdings nach wie vor nicht…). Notwendig für das “Jetzt” als Wirklichkeit wäre eine Dekonstruktion der “Zeit”. Is’ in Arbeit, raubt mir aber das letzte bischen Verstand. Zwischenstand des Irrsinns: Zeit ist ein emergentes Phänomen, nichts Substantielles.

    Passendes Zitat aus’m Talmud:

    “Wer über vier Dinge nachdenkt, wäre besser nicht geboren: was oben ist, und was unten, was vorher ist, und was nachher.”

  9. @ KRichard

    Schande.
    Schande über mich.
    Ich schrieb “alien limb syndrome”, wo ich “Apotemnophilia” hätte schreiben können. Eine Chance, ein schönes Wort zu verwenden: ich hab’ sie vertan. Danke für die Trouvaille!

    Tja.

    Und jetzt?

    Ab damit, wenn einen sein Bein stört?

    (@ Monika: OBACHT! Metaphysische Frage!)

  10. @ Dissens?

    das denke ich nicht ;-), denn:

    Gegen das Philosophieren hab ich überhaupt nichts und Du hättest mich missverstanden, wenn Du denkst, dass ich jegliche philosophische Gedankenspielerei ablehnen würde……im Gegenteil !

    Ich hänge hier gedanklich quasi in der Metaebene drin, mit der Frage nach dem Sinn dieses Sinnierens, welches für mich eigentlich bereits Thema in der Erste-versus-Dritte-Person-Perspektive von Northoff und anderen Kollegen war. Das war vor fast 10 Jahren…..nur das damals der Neurohype in der Philosophie noch nicht angekommen war und die dazu erschienen Bücher ein “Schattendasein” geführt haben…..

    Alter Wein in neuen Schläuchen quasi…..So erscheint das Thema mit neuem Namen wieder auf dem Wissenschaftsmarkt …… gewissermaßen als philosophische Kopien ;-))mit neuen “Autoren”, diesmal mit größeren Chancen, dass die Science Community davon Notiz nimmt…….

  11. Diät halten

    Wenn der Körper ein im Gehirn gespeichertes virtuelles Abbild erzeugt, aus welchem durch die rückgekoppelten Hofstadter´schen Schleifen ein Bewusstsein einsteht – dann müsste man nur noch verstehen lernen, wie und warum ein ´Bewusstsein´ entsteht, und was es ist.
    So bräuchten wir die Metaphysik nicht mehr – und @Armand wäre glücklich.

    Leider dehnt sich das Universum aus und so gibt es diese kürzlich entstandene Wölbung über @Fischer´s Hosenbund. Wächst sie schneller als ihr virtuelles Abbild im Gehirn – dann existiert sie dort nicht. Wenn aber etwas real da ist – was nicht existiert – dann bräuchten wir doch wieder die Metaphysik, um dieses Phänomen zu beschreiben.
    => Also – @Fischer, achten Sie auf Ihre Figur, sonst machen Sie @Armand unglücklich.

  12. Barocke Gedankenschnörkel…?

    => Also – @Fischer, achten Sie auf Ihre Figur, sonst machen Sie @Armand unglücklich.

    Habe herzlich gelacht….wohl aber dabei den “tieferen” Sinn nicht verstanden ;-)…????

    ..ich muss zugeben, dass ich auch den Kommentaren mit meinen gottgegebenen Synapsen nicht mehr folgen kann….ich gebe mich geschlagen….und stelle fest, dass ich intellektuell überfordert bin….und mich hier nur noch mit “barocken Gedankenschnörkeln” konfrontiert sehe, während die Gedankenelite erst an dieser Stelle beginnt….grr… die Erste-versus-Dritte-Person-Perspektive ist also keine Metaphysik??, sondern???
    ……
    muss wohl mal wieder einen IQ-Test machen und ggf. meinen Bloggerführerschein abgeben…..

  13. @ Armand

    Machen Sie sich keine Sorgen. Ich z.B. verstehe mitunter mein eigenes Zeuch nicht. Ich vernehme etwas, auch das, was ich selber schreibe und verstehe es nicht. “Das Wort fällt nicht auf fruchtbaren Boden.” Sie sprachen die Masturabation an. Nun, so ganz unrecht will ich R.Wagners Beobachtung nicht geben, wenn er an Dr. Eiser schreibt:

    “Ich trage mich”, so schrieb Wagner am 23. Oktober 1877 an Dr. Eiser, “für die Beurteilung des Zustandes Nietzsches seit langem mit den Erinnerungen von gleichen und sehr ähnlichen Erfahrungen, welche ich an jungen Männern von großer Geistesbegabung machte. Diese sah ich an ähnlichen Symptomen zugrunde gehen, und erfuhr nur bestimmt, daß Folgen der Onanie vorlagen.”

    Große Geistesbegabung ist richtig, der Rest ist Müll. Was wissen wir schon über den Orgasmus? Vielleicht entleert sich der Inhalt der Vernunft erst durch die orgastische Entspannung in den Verstand.

  14. Gedankenschnörkel

    Helmut Wicht schrieb: “Mein Hirn macht all das, mein Empfinden von Subjektivität, mein Gefühl der Einheit von ich und Körper, alle meine Empfindungen, Wahrnehmungen und Gedanken, ja letztlich alle Vorstellungen von Objekten und Welt?”

    Freilich, welches Organ sonst? Und Helmuts Hirn bringt das Ganze auch noch in eine mitteilbare Form; einige Leser wissen nun wieder das Neueste von ihm, seiner Hirnrinde sei Dank.

    Unsere Vorfahren glaubten ja noch an eine Beteiligung des Herzens an den seelisch-geistigen Vorgängen; das ist heute nur noch in esoterischen Zirkeln üblich, für „schnöde Materialisten“ ist das Herz eine Pumpe, weiter nichts.

    „Ich“ und „mein Körper“ sind sprachliche Formen für eine komplexe, untrennbare Einheit, die differenziert beschrieben werden kann als eine Beschreibung von Grenzen im weitesten Sinn dieses Wortes, das heißt:
    Jedes Wort und jede Unterscheidung ist eine Grenze, jede Zahl ist eine Grenze, und am geistigen Horizont und zwischen Ich und Nicht-Ich sind die Grenzen im Fluß des Lebens in ständiger Bewegung. Mit Hilfe von sensomotorischer Kontrolle (Rückkopplung) und einem Gedächtnis kann „Ich“ meine Grenzen zur Umwelt aktiv gestalten.

    Beispiel: Der Darm gehört zum Ich, aber seinen Inhalt scheide ich aus, da mache ich eine dynamische Grenzscheidung zum Nicht-Ich, mit der auch das geläufige Wort „Scheiße“ seine ethymologische Herkunft begründen kann.

    Die akademische Frage, ob ich meinen Körper habe oder mein Körper bin, verliert für mich an Sinn, wenn ich von einer untrennbaren Einheit von Ich und Körper mit plastischen Grenzen ausgehe.

    Ein Auto mit elektronischem Navigationsgerät wäre hier ein hinkender Vergleich,
    weil so ein „Navy“ nicht das Lenken, Bremsen, Beschleunigen usw. eines Autos steuern kann, und vor allem: es hat nie eine Zielvorstellung.
    Das automatische Sprechen des satellitengesteuerten „Navys“ könnte zu der Meinung verführen, daß die kleine Kiste immer genau weiß, wo wir gerade sind und daß sie den Sinn der Sätze versteht, die sie von sich gibt.
    Was fehlt diesen Geräten zum Verständnis der „klugen Anweisungen“, die sie ständig von sich geben?
    Wie entsteht daraus erst in unseren Gehirnen „Sinn“? Was ist dieser „Sinn“ eigentlich und wie ist „Sinn“ sprachlich herstellbar?

    Viele Fragen…

    S.R.

  15. Schöner Blog

    Hallo,
    um meine Begeisterung mal in jugendlichem Slang auszudrücken:”Die Guste ist der Hammer!”
    Sie beschäftigt sich mit der Durchgängigkeit der philosophischen Logik, in der Psychologie. Dies ist Zuarbeit zur pyschlogischen Grundlagenforschung.

    Scheints dreht sie ihren Kolegen gerade das Kreuz raus, damit macht man sich natürlich nicht sehr beliebt. 😉

    Herr Wicht ihr Understatment ihrer Person gegenüber ist übertrieben. Meiner Meinung nach ist eine gut strukturierte Frau allem über. Einer solchen Person kann man sich nur mit einem stark e-lastigem Gehirn stellen. Das führt aber an sich das Vorhaben ad absurdum, da einem das die nötigem Grundlagen (Agressivität, kleinteiliges Denken und Emphatiemangel)entzieht.
    Leider fehlt mir das nötige Grundlagenwissen, sonst hätte ich gern, in der Veranstalltung, ihre Anwesenheit geteilt, denn ich denke es wäre amüsant, wenn man genug davon verstehen würde.

    Ein bearbeitetes Stück einer älteren Arbeit, das aber wohl immernoch im Kontext ihres neuen Buches gesehen werden kann.

    http://www.jp.philo.at/texte/Nida-RuemelinM1.pdf

    Da blicke ich gern ohne Neid auf den Gipfel, des Achtausenders. 🙂

    Gruß Uwe Kauffmann

  16. Gipfel des Achtausenders?

    Gipfel des Achtausenders, wenn damit Europro Monat gemeint sind, das dürfte wohl zu tief geschätzt sein.

    Was die Bewertung betrifft, habe ich dabei das komische Gefühl wie das Kind in dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, daß da etwas nicht stimmt. Ich habe den Artikel gelesen und werde das Gefühl nicht los, daß da nur akademisches Renommiergehabe drin steckt.

    Ich erkenne darin keinen Sinn außer: Die Verfasserin hat sich ein gedankliches System geschaffen, mit dem Sie sich den Anschein tiefgründiger Logik verschaffen kann.
    Ihre Gedankenexperimente mit der Verpflanzung von Hirnhälften sind als Argumente nicht brauchbar, weil die beiden Hirnhälften völlig verschieden (rechts-links) sind und getrennt nicht zwei gleiche Individuen neurophysiologisch repräsentieren können.

    Das Wesen mit der linken Hälfte könnte z.B. Sprechen, während das Wesen mit der rechten Hirnhälfte das Sprechen erst lernen müßte.

    So bleibt mein Eindruck: Sie ist gar nicht so klug, wie sie mit vielen Worten vortäuscht, nur ein mittlerer Hügel in der Landschaft.

    S.R.

  17. @Helmut Wicht

    Lieber Helmut,

    komisch, was bei Dir den Glauben an eine geistige Überlegenheit der Professorin hervorrief, hat auf mein Gehirn eine Wirkung ähnlich wie Rhizinus auf den Darm.

    Akademische Schaumschlägerei und Scharlatanie ist (nach meiner Erfahrung) unter Professoren zwar durchaus normal und wird von der Philosophin auf hohem Niveau betrieben, aber die hier verlinkte Arbeit ist für mich von der Verarschung kaum noch zu unterscheiden.

    DAS ANTIZIPATIONSPROBLEM IN
    THEORIEN PERSONALER IDENTITÄT
    von Martine Nida-Rümelin (Freiburg)

    Die banale Erkenntnis, daß die Zukunft eines jeden Lebewesens ungewiß ist, wird hier in einer kaum verständlichen Sprache problematisiert und mit phantastischen „Gedankenexperimenten“
    zu trivial-nichtssagenden Ergebnissen aufbereitet.

    Das „Gedankenexperiment“:

    „Sie zertrennen Andreas Gehirn in gemeinsamer Arbeit und reinplantieren beide Hälften in je einen bereitliegenden, lebensfähigen, gehirnlosen weiblichen Körper. Wenige Stunden später erwachen zwei Personen, L-Andrea (in ihr Gehirn wurde die linke Hemisphere transplantiert) und R-Andrea (in ihr Gehirn wurde die rechte Hemisphäre transplantiert), die sich beide für Andrea halten und deren ‚Erinnerungen’ aus der Innenperspektive teilen. In ihren Vorlieben, Bindungen, Wertschätzungen, Talenten und im ganzen Wesen sind beide Personen gerade so wie Andrea, die ursprüngliche Person.“

    Aus diesem „Gedankenexperiment“, das völlig im Widerspruch zu den Erkenntnissen der Hirnforschung konstruiert und praktisch nicht erfüllbar ist, erhält die Philosophin durch „logische“ Überlegungen tiefschürfende Erkenntnisse, wie z.B.:

    „Das Antizipationsproblem betrifft die nicht-realistische These der Möglichkeit unterbestimmter Fälle transtemporaler personaler Identität“.

    Helmut, ich kann Deine Bewunderung gut verstehen, wenn die Rednerin solche Sätze im Stakkato mit 4 Silben pro Sekunde runterrattert, aber Sinn finde ich in diesen „Erkenntnissen“ nicht, wenn ich darüber nachdenke.

    Ich tröste mich, wie Du weisst, mit einem Weltbild, in dem der Begriff „Ähnlichkeit“ für jede Feststellung von Identität eine tragende Rolle spielt,
    hier ausführlich beschrieben:
    http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84hnlichkeit_(Philosophie)

    Zu meiner Überraschung benutzt Frau Nida-Rümling in ihren langen Gedankengängen, in denen es um die Erhaltung der Identität in der Zeit geht, den Begriff „Ähnlichkeit“ nicht ein einziges Mal, als ob es dieses Wort in ihrem Wortschatz nicht gäbe.

    Dafür setzt sie in ihren Gedankenexperimente hin und wieder „allwissende“ Wesen ein, und ihr Bedauern, die Zukunft nicht genau vorhersagen zu können, läßt mich auf ihren frustrierten Wunsch nach derartiger „Gottähnlichkeit“ schließen.

    Helmut, Du hättest nicht so viele begeisterte Leser, wenn Du in solcher Sprache auftreten würdest.

    S.R.

  18. @Rehm

    Sehr geehrter Herr Rehm,
    nun sollte man Sie kennen, oder liegt es an meinem Banausentum, dass ich an Ihren Beiträgen zweifele.
    Kann man erwarten, das wenn neue Philosophie, so kleinteilig wird, dass man Sie mit den Gesetzen der Logik bearbeiten kann, nicht von sprachlichem Kontext abhängig wird?
    Sind Sie Berufsphilosoph und wenn ja in welchem Bereich arbeiten Sie?
    Ich weiß nicht ob die Dame Stuss redet, das wird aber wohl der ernsthafte Diskurs um ihre Arbeit zeigen und diesen fordert sie ja ein.
    Nun gebe ich Ihnen Recht das erwähnte Beispiel, ist nun mehr als unglücklich gewählt.
    Ich bin wohl naiv aber ich habe abseits der Achttausender, einen gewissen Respekt vor Leuten, die die Zeit haben sich 8-10 Stunden am Tag, wirklich professionell mit einem Thema zu befassen.

    Gruß Uwe Kauffmann

  19. @ Steffen Rehm

    Danke für den Kommentar!

    Meine bewundernden Äusserungen stützen sich auf den mündlichen Vortrag von Frau Nida-Rümelin. Ihr Buch hab’ ich nicht gelesen – und zumindest die Kritik an dem Gedankenexperiment in dem verlinkten Text teile ich. Das war keine glückliche Idee, das mit dem “halbierten Hirn”.

    Bei der Bewunderung Ihres mündlichen Vortrages bleib’ ich. Das “Caveat”, das ich dazusetzen muss (und von dem ich hoffte, dass es zwischen den Zeilen in meinem Originalbeitrag durchscheint) ist natürlich folgendes: Sie ist eine Anti-Materialistin, und meines Feindes Feind ist mein Freund. Das ist ziemlich unphilosophisch, ich geb’s ja zu…

    Ich bin übrigens mit Frau Nida-Rümelin im Dissens, was die “transtemporale” oder “transmundane” Identität des Ich angeht. Ich glaub’ nicht dran, vor allem deshalb nicht, weil sie (absichtlich?) nicht zwischen “Ich” und “Subjekt” differenziert (zumindest im Vortrag nicht). Dem “Subjekt” (der schieren Möglichkeit des Erkennens ohen Erkenntnisinhalt) würde ich in der Tat einen “metaphysischen” Status jenseits von Raum und Zeit geben, dem “Ich” hingegen (einem in Bezug auf seine Vorstellungen individualisierten Teil des Subjektes) nicht.

    Dein Verweis auf “Ähnlichkeit” vs. “Identität” ist hilfreich. Ich muss da immer an Hegel denken: wenn ich die Identitätsbehauptung A=A mache, mache ich implizite auch eine Behauptung des Unterschiedes, denn, bitt’schön: ich muss die beiden ja erstaml als getrennt erkennen können, um sie dann ein eines zu setzen. Also muss es irgendeine Differenz geben, und sei’s die Position rechts und links des Gleichheitszeichens. GLEICHheitszeichen übrigens, nicht SELBSTheitszeichen!

  20. vom mat. Standpunkt:

    Objektivität als funktionaler Teil der Subjektivität:

    “Die wichtigste Besonderheit dieses Körpervorgangs vom psychischen Typus liegt wohl darin, daß er subjektive Erfahrungen generiert, die selbst ganz und gar körperliche Vorgänge sind, auch wenn sie niemals als solche erlebt werden, sondern immer nur als nicht-körperliche, als ob sie nicht körperlicher Art wären. Die subjektive Erfahrung täuscht: Als fundamentalste und folgenreichste Täuschung imponiert die erfahrungsmäßige Entkörperung des `Psychischen´, `Mentalen´, `Geistigen´. Diese Entkörperung ist reine Fiktion, sie ist real nicht möglich. Bei diesem fest eingebauten Programmfehler des Psychischen scheint es sich um einen nützlichen, kreativen Defekt zu handeln: Auf der Basis dieses scheinbar entkörperten Prozesses entsteht nämlich die ganze Welt der menschlichen Fiktion mit ihren schier unbegrenzten Möglichkeiten. Auch das Bewußtsein ist ein Teil dieses scheinbar entkörperten fiktiven Gesamtprozesses.”

    “Entstehungsgeschichte und Funktionsmerkmale dieses fiktiven Arbeitsmodus haben womöglich etwas damit zu tun, daß das Gehirn selbst als Organ, das an der Produktion der subjektiven Erfahrung wesentlich beteiligt ist, dem Zugriff eben dieser subjektiven Erfahrung weitgehend entzogen ist: Als subjektive Erfahrungswesen können wir die ureigene körperliche Arbeitsbasis unserer Erfahrunng nicht vollständig wahrnehmen und bleiben diesbezüglich, also beim Versuch einer Selbstreflexion oder Selbstdefinition, immer auf Fiktionen angewiesen. Ein Vorgang, dessen materielle Grundlage nicht unmittelbar erkennbar ist, bekommt in der subjektiven Erfahrung immer eine (zumindest zusätzliche) gespenstische Qualität: Subjektive Erfahrung, die keinen unmittelbaren, d.h. sinnlichen Zugang zu ihrer eigenen körperlichen Arbeitsbasis hat, erfährt sich selbst ganz unvermeidlich als körperlosen Vorgang und muß sich selbst zunächst in solchen Kategorien reflektieren. Das fiktive, d.h. psychische bzw. bewußte Ich erlebt sich immer nur als vollkommen entkörpertes Gespenst, das sich als scheinbar Nicht-Körperliches in Opposition zum scheinbar Nur-Körperlichen (dem entseelten Körper) befindet: Das Psychische als illusionäres Artefakt erzeugt zwangsläufig das illusionäre Artefakt des Nur-Körperlichen. Beides, reine Psyche und bloßer Körper sind realitätswidrige Fiktionen aus der Werkstatt des fiktiven Arbeitsprozesses selbst.

    Das Psychische wäre also ein Fabrikat, das keinen direkten Einblick in die Fabrikationsstätte hat, von der es unaufhörlich fabriziert wird. Bildlich: Ein Flugpassagier, der das Flugzeug, in dem er sitzt und das ihn trägt, nicht wahrnehmen kann, muß sich selbst als eine ganz besondere Art von Flugwesen wahrnehmen, als Flugwesen eben, das ohne Flugzeug fliegen kann und nunmehr mit den richtigen Flugzeugen um die Wette fliegt. Jede bewußtseinsorientierte Psychologie sitzt dieser kapitalen, ziemlich verrückten Illusion auf und vervielfältigt nur diesen immanenten Irrtum des Bewußtseins selbst.”

    (mertz, “borderline…”; s.78)

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