Maskuliner Selbstversuch (Vitia virilia)

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Es gibt Blogbeiträge, die haben Nebenwirkungen. Edgar Dahls Aufsatz nebenan, in den Wissenslogs, mit dem Titel "Nichts als Sex im Kopf" ist so einer. Er berichtet da von einer Dame, die sich – um dem Mangel an Libido abzuhelfen, unter dem sie offenbar litt – einen Hirnstimulator in (unter? auf? siehe unten!) den Frontallappen des Grosshirns setzen liess. Der Apparat funktionierte, aber die Lust der resultierenden Nymphomanie fand die Dame dann auch wieder nicht lustig, und liess das Ding wieder ausbauen. Es sei nicht verschwiegen, dass die Faktenlage zu dieser Geschichte ziemlich dünne ist. Ein Neurochirurg habe einem anderen Neurochirurgen erzählt, dass er einen Kollegen kenne, der wiederum eine Patientin habe …. so ähnlich klingt’s in der Pressemeldung, auf die Edgar Dahl sich bezog. Könnte also ebensogut eine "urban legend" sein, zumal mir von einem "Libido-Zentrum" im eigentlichen Cortex des Frontallappens nichts bekannt ist. Bestenfalls im Septum, tief drin im Frontallappen, oder unten, am queren Band von Broca. (Was es nicht alles im Hirn gibt, nicht wahr? Die Stria diagonalis Brocae liegt schamhaft versteckt zwischen den Schenkeln — äh: Crura, wollt’ ich sagen, was aber auch schon wieder "Schenkel" heisst — also: liegt schamhaft verborgen zwischen den beiden Crura des olfaktorischen Traktes an der Basis des Frontallappens. Aus Stimulationsexperimenten bei Mensch und Tier weiss man, dass diese Region und das Septum durchaus etwas mit den Gefühlen der Lust und Unlust zu tun haben.)

Schenkel hin, Broca her, "urban legend" oder nicht – darum ging es in Edgar Dahls Aufsatz ja gar nicht. Um die philosophischen Implikationen der ganzen Geschichte ging es, sei sie gelogen oder wahr. Und freilich musste ich mich einmischen, und als guter Schopenhauerianer argumentieren, dass jede Lust, die man NICHT habe, eine gute Lust sei. Edgar assistierte mit stoischen Argumenten: Zu können, aber nicht zu wollen, das sei das wahre Glück, also ‘raus mit dem Chip.

Dennoch: Nachwirkungen. In mir grummelte es. Es wäre doch, so dacht’ ich, spannend, mal herauszufinden, wie es sich anfühlt, so ein haariges Monstrum zu sein, dessen Hauptanliegen darin besteht, alles zu begatten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Das Leben ist schliesslich dazu da, Erfahrungen zu sammeln. Nicht, dass ich unter der Lustlosigkeit litte – nö, nicht wirklich. Es war eher die Beschränktheit des Erfahrungshorizontes, die mich dazu brachte, dem Klimakterium virile mit einer Testosteronsubstitutionstherapie zu begegnen. Vulgo: eine Packung Testosteronpflaster, wird ja eben rundrum Werbung dafür gemacht. Und das mit dem "Klimakterium" ist eigentlich auch gelogen. "Klimax" heisst schliesslich: der "Gipfelpunkt" und "Klimakterium" soviel wie: "von nun an geht’s bergab". Rückblickend auf ein Leben, das jetzt schon ein gutes halbes Jahrhundert währt, war mein Marsch durch die Landschaften der Libido aber nie eine hochalpine Unternehmung, sondern mehr wie ein Strandspaziergang auf Juist: Hie und da mal eine Düne, ansonsten erfreulich eben. Mit Schopenhauer, mit der Stoa zu argumentieren: es fiel mir leicht.

Aber jetzt: Pflaster drauf! Drei Wochen, hier ist der Erfahrungsbericht:

Nein, das Astwerk der Frankfurter Bäume ist nach wie vor eine weitgehend frauenfreie Zone, denn ich bin wie zuvor leidenslos unlustig. Der Beipackzettel verdächtigte das Hormon der Auslösung von Priapismen (selber nachschlagen…), dieser Verdacht liess sich jedoch nicht erhärten. Nicht, dass meine Holde und ich wie Mönch und Nonne zusammenlebten, oh nein! Doch die Empfehlungen, die der Ex-Mönch Martin Luther und die Ex-Nonne Katharina von Bora bezüglich der Frequenz geben (muss ich das hier wirklich zitieren? Das kennt man doch!), halten sowohl meine Frau als auch ich für ziemlich stressig. Alle drei Tage? Weia! Auch die Studentinnenschaft, unter der sich wirklich reizende Mädels befinden, sieht sich von Avancen meinerseits gänzlich unbelästigt, so dass der spottende Aphorismus: "Die Ehe ist die Verbindung des Maximums an Möglichkeit mit dem Minimum an Versuchung" (von wem ist das eigentlich?), so dass dieser Spott an mir abperlt wie Wasser an einer fetten Ente. Mit steht der Sinn nach meiner Süssen, und sonst keiner, nur ist er halt ziemlich platonisch, der Sinn.

Andere Nebenwirkungen: sehr erfreulich. Das Zeug ist das beste¹ Antidepressivum, das ich je in die Finger bekam, und es wirkte – anders als die üblichen Mittelchen – ziemlich schlagartig. Während ich dies schreibe, befinde ich mich im Zustand einer gewissen grimmigen Heiterkeit. Nach wie vor halte ich zwar diese Welt für die miesestmögliche, den Demiurgen für einen Pfuscher und mich selbst für einen ärgerlichen Betriebsunfall des Weltgeschehens, doch stimmt mich die Einsicht darin, wie gesagt, momentan eher grimm als grau. Das stand auch auf dem Beipackzettel: Es könne, so hiess es da, zu einer Aggressionsteigerung kommen. Klasse! Denn ich hab’ zwar nicht das geringste Bedürfnis, mich mit meinen Kollegen zu hauen, wohl aber das, mich auf eine Schlägerei mit meinen eigenen Gedanken einzulassen. Kommt nur bei, Euch werd’ ich’s zeigen!

Die weiteren Nebenwirkungen sind auf eigentümliche, schräge Art und Weise mit dem diagonalen – also schrägen – Band von Broca verknüpft. Das liegt, wie oben gesagt, zwischen den Schenkeln des olfaktorischen Traktes (für die Cracks in der Neuroanatomie: hinter dem olfaktorischen Tuberkel) und hat wohl tatsächlich etwas mit dem Riechen zu tun. Und das Riechen, das weiss man ja nun auch, ist auf’s Engste mit Affekt und Libido verknüpft. Stichwort: Pheromone, Geruchshormone.

Ich riech’ nämlich anders. Finde ich zumindest. Vor allem mein Urin riecht mitunter nach Tigerkäfig, und auch meine sonstigen Ausdünstungen kommen mir (in der Selbstwahrnehmung) irgendwie viriler vor. "Es böckelt der Jüngling, es duftet erblühend die Jungfrau wie eine Narzisse". Horaz, glaub’ ich. Die Libido meiner Frau jedoch zeigt sich von meiner Pheromonattacke ziemlich unbeeindruckt (s.o.).

Aber Nachbars Katze, eine goldige schwarz-weisse Dame, die früher immer sehr reserviert war, die findet mich auf einmal ganz toll. Durch unseres Katers Katzenklappe dringt sie (sehr zu dessen Missfallen!) in die Wohnung ein und gibt mir, derweil ich mich auf dem Sofa schlummernd von meiner neugewonnenen Männlichkeit erhole, unaufgefordert den schnurrenden Bauch- oder Nierenwärmer. Sehr nett. Aber ob das jetzt der Sinn der Sache war? Steigerung der Libido von Nachbars Katze?

Der Dahl, dem ich die Geschichte über’s vergangene Wochenende erzählt habe, hat fieserweise gesagt, dass er diesen Blogbeitrag, sollte ich ihn denn schreiben, mit einem Beitrag über ethische Fragen der Sodomie kontern werde. Ich weise jetzt schon diesbezügliche Vermutungen weit von mir: es ist die Libido der KATZE, nicht meine.

 

¹  Ich schreibe mit Absicht hier nicht: "das potenteste Antidepressivum". Weder mangelt’s an der Potentia coeundi, noch scheint es direkt auf sie zu wirken, dem Gott Priapos sei dank (siehe oben, priapische Nebenwirkungen). Über den Selbstversuch mit Viagra muss jemand anders schreiben. Keine Böcke…

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

11 Kommentare

  1. Hatschi

    Da sie Ihre Libido als Strandspaziergang auf Juist beschreiben, kann ich mich nicht enthalten nachzufragen, ob sie die von Robert Gernhardt in seinem Gedicht “Wie tun es die anderen?” beschriebene Sexualpraktik anempfehlen können?:
    “Man tut es auf der Insel Juist
    indem man durch den Schniepel niest.”
    (http://tinyurl.com/dkssar)

  2. @jekylla

    Stimme völlig zu. Diese Fähigkeit eines Wissenschaftlers, humorvolle Kostbarkeiten zu schreiben, kenne ich sonst nur von Joe Schwarcz. Ich bekomme den Mund vor staunender Bewunderung noch immer nicht wieder geschlossen.

  3. @ Chrastorpheus – Sprache und Orgasmus

    Soweit ich weiss ist der Ausdruck: “durch den Schniepel niesen” ein weitverbreiteter humoriger Euphemismus für “Ejakulation”.

    Falls der Humor der Anatomen/Physiologen gefragt sein sollte: der männliche Sexualakt (Erektion/Ejakulation) wird vom autonomen Nervensystem geregelt. Und zwar von dessen BEIDEN Anteilen, die, wie man hoffentlich weiss, _S_ympathicus und _P_arasympathicus heissen. Nur: welcher Teil des autonomen Nervensystems macht jetzt was? Wer erigiert, wer ejakuliert? Ein Merkspruch, ein Merkspruch muss her! Easy:

    “_P_oint and _S_hoot!”

    Endlich mal ein begrüssenswerter Beitrag der Waffenlobby!

  4. Genial!

    Und selbstverständlich kann ich Dich beruhigen: Da nach Luthers Erkenntnis ein jeder Mensch direkt vor Gott steht, gibt es keinen zwingenden Grund, das von ihm empfohlene (und nach Jahren zölibatären Lebens beider Ehepartner ggf. auch wohl zeitweise umgesetzte) Lustpensum (alle 3 Tage!?) einzuhalten. Mehr oder weniger ist auch okay. Solange man verheiratet ist. Dann ist es erlaubt, gar geboten, aber nicht heilsentscheidend. 😉

    Dachte, eine gute Nachricht zwischendurch…

    Schmunzelgrüße vom ehrfürchtigen Adepten!

  5. @ Blume(n)

    Danke für dieselben!

    “Der Woche zwier, schadet weder ihm noch ihr, macht im Jahre hundertvier.” (M. Luther)

    Liest Du FAZ? Hast Du gesehen, was der Ralf König da mit dem prüden Noah und dem lasziven Herrgott so treibt?
    Höhöhö!
    _Diese_ Art von Religionskritik ist mir allemal lieber als die Verbiesterung, die der GBG wie übler Mundgeruch entströmt.

  6. point and shoot

    Waoh, den Merksatz kannte ich noch gar nicht.

    Um Mißverständnisse zu vermeiden: ich bewundere nicht nur die Schlüpfrigkeiten sondern überhaupt. Von der Michaelis-Raute z.B. war mir, obwohl als Osteopath hauptberuflich mit ihr beschäftigt, der Namensgeber und seine Vorliebe für moderne Antidepressiva bis zum betreffenden Blogbeitrag gar nicht bekannt. Ich gebe allerdings zu, daß der Reiz des Textes durch die einleitenden Reflexionen über die schönhintrige Venus noch erhöht wurde.

    Also bittebitte weiterbloggen und nicht vergessen, die Persönlichkeit rechtzeitig in den von Stefan Schleim nebenan erwähnten Computer zu transferieren.

  7. @ Bolt

    Sehn’se mal.

    Immer noch einen draufsetzen: den Michaelis auf die Raute, die Zote auf die Zeugung, den Merkspruch auf die Memoranda, den (Gedanken)furz auf’s Faktum, jede Grenze einreissen, AHMAZ, irgendwie, ohne Sinn jedoch, alles verweist auf jeden, aber keiner ist gemeint.

    An jeder Koordinate dieser Welt ein Hasenloch, so tief, dass Alice endlos fallen könnte, ohne je am Boden aufzuschlagen, an jeder Koordinate dieser Welt aber auch ein flacher Horizont, so weit, dass keiner, wanderte er auch in Lichtjahresstiefeln, ihn je einholen könnte.

    Um meinem neugewonnen Bedürfnis nach Schlägereien mit meinen eigenen Gedanken Ausdruck zu verleihen: Eine Paraphrase eines Gedankens, der von Novalis sein könnte, den er aber sicher nie so formuliert hätte:

    “An einem Gedankenfurz kann man die ganze Welt festmachen, denn sie ist einer.”

  8. Bemerkenswert…

    Trotz des publizierten Gemetzels Deiner Gedankenwelt ist Dir Deine Feinrhetorik nicht abhanden gekommen. Dies ist umso erstaunlicher, als Du zusätzlich von den olfaktorischen Nebenwirkungen Deiner Medikation belästigt wirst.

    Dennoch: An Fürzen etwas befestigen zu wollen, gestaltet sich schon rein mechanisch diffizil 😉

    Munter bleiben… TRICHTEX

  9. @ TRICHTEX

    Gunther,

    das ist aber schön, dass einer der alten Bekannten aus dem Web 1.0 (das ich mitunter sehr vermisse) hier vorbeischaut.

    Die mechanische Befestigung der Welt an einem Furz stell’ ich mir eigentlich “a la Gondolfière” vor. Man fülle einen Ballon mit heisser Luft (die in diesem Falle jedoch übel riecht), befestige das Körbchen seiner Gedanken an ihm und lasse sich über die Welt hinaustragen. Wehe nur, wenn der Ballon Feuer fängt, denn Fürze sind (Methan!), ähnlich dem Wasserstoff in der “Hindenburg”, explosiv.

    Aber knallen soll’s ja.

  10. maskuliner Selbstversuch

    Ich glaube, ich werd ein Fan Ihrer Texte. Medizinsich/anatomisches Wissen, kombiniert mit einem Selbstversuch. Besser geht es nicht. Habe mich sehr amüsiert.

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