Im Angesicht des Wahren, Guten, Schönen

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Eigentlich gehört das ja in das "Psychologieblog". Trotzdem – es stammt aus dem Alltag des Anatomen, ein wenig verfremdet, so dass man die Personen nicht erkennt. Und so ganz "gender-neutral" ist es auch nicht. Da kann ich aber nichts dafür, ich bin qua Zusammensetzung meiner Chromosomen auch nicht "gender-neutral". Aber – Gott sei Dank – schon so alt, dass ich still bewundern kann, ohne dass überschiessende hormonelle und Durchblutungs-Reaktionen mich zu nicht publikationsreifen Gedanken oder gar Taten hinrissen. "Sublimation" nennt man das wohl, in diesem Falle also altersbedingt – einer der wenigen wirklichen Segen der beginnenden Seneszenz.

Im Angesicht des Wahren, Guten, Schönen

An einer Universität, da bin ich ganz pathetisch, sollte es hauptsächlich um dreierlei gehen, das aber eigentlich eines ist: das Wahre, Gute, Schöne. Das gehört dort auf den Tisch, das sollte man da verhandeln.

Wenn man aber nur lange genug an der Universität bleibt, findet man sich irgendwann auf der falschen Seite des Tisches wieder: bei den Prüfern nämlich, und nicht mehr bei den Kandidaten. Geprüft zu werden: das ist unangenehm. Zu prüfen: das ist das Grauen. Der Kandidat macht, wenn es gut läuft, die Prüfung einmal. Der Prüfer macht sie zehnmal, zehn Dutzend mal, zehn hoch drei mal, zähneknirschend. Und immer ist es so, daß man auch sich selbst prüft, schliesslich sollte man das, was man da abfragt, den Studierenden vorher beigebracht haben. "Teaching without testing is like cooking without tasting", heisst es. Ja, ist ja wahr. Dennoch sitzt man da, Stunde um Stunde, und bekommt die mehr oder weniger soliden Bretter der Unwissenheit vor den Kopf geschlagen. Es wird einem von alledem im Kopf so dumm, dass man am Ende eines langen Prüfungstages oft vor den eingestürzten Bretterbuden der eigenen Wissensgebäude steht, die man doch für Paläste gehalten hatte. Oder auch andersherum: man muss sich mitunter fürchterliche Mühe geben, wenigstens eine kluge Frage zu finden, die der Kandidat nicht beantworten kann – man hat ja einen Ruf zu verlieren.

Candidatus, Kandidat – das ist lateinisch und meint eigentlich: der Träger der Toga candida, der gänzlich weissen Toga , noch ohne Purpursaum also. Diese weisse Toga trugen die jungen Römer, wenn sie in den Kreis der Volljährigen aufgenommen wurden. Die Kandidaten kommen heutzutage in Vierertrupps und die Kleiderordnung hat sich ein wenig geändert. Die angehenden Herren cand. med. (candidatus medicinae) tragen zur Prüfung manchmal Anzüge, die von der Konfirmation übrig geblieben zu sein scheinen. Die Damen tragen oft tiefe Ausschnitte, denn die Prüfer sind ja zumeist männlich. Und so sitzt man dann da, Stund' um Stund' und Tag um Tag und prüft, streng, sachlich, neutral, objektiv, emotionslos, in Ansehung der jeweiligen Ausschnitte des Wissens der Kandidaten und nicht der jeweiligen Ausschnitte.

Doch es passiert: am Ende eines wochenlangen Prüfungsmarathons, in der letzten Prüfung, während man schon ganz birnenweich ist und nichts mehr herbeisehnt, als das Ende der gegenseitigen Quälerei – da passiert es.

Ich selbst habe leider die Visage eines Schlägers, aber (zumindest in der Selbstwahrnehmung) die Seele eines Dichters (meine Frau sagt: eines Fleischerhundes, aber das ist die übliche Fehleinschätzung, die Anatomen entgegengebracht wird). Und in die Prüfung schneit eine Candidata medicinae, deren Statur der Sixtinischen Madonna von Raffael gleicht. Nur ist sie blond. Im Nacken ist ihr Schopf zu einem lockeren Knoten geschlungen und eine lange, gelockte Strähne umspielt ihre wasserblauen Augen. Der Lippenbogen: kirschrot, wie von eines alten Meisters Hand hingetuscht. Die Nase: zart, ein ganz klein wenig zu klein und spitzig, aber das gibt der Madonna so einen Hauch von Lulu. Ein Hals, wie aus einem Bild vom Parmigianino: lang, sanft, aber dennoch deutlich modelliert. Wunderhübsch zeichnen sich die Fossae supraclaviculares minores und majores ab. Von zwei herrlich geschwungen Schlüsselbeinen flankiert, neckt die fast unmerkliche Bewegung des Drosselgrübchens beim Atmen den Betrachter, und die schlanken Pilaster des Musculus sternocleidomastoideus rahmen den lebhaften Kehlkopf, der, auf- und absteigend, ihr Reden und Atmen tanzend begleitet. Fast mein' ich, durch ihr Trigonum caroticum hindurchsehen zu können und dort, in der Tiefe, den Nervus hyoglossus sanft beiseite schiebend, die pulsierende Halsschlagader und das Spiel des Musculus digastricus zu spüren (ok – vielleicht hab' ich doch die Seele eines Fleischerhundes…). Und das war's dann mit dem Ausschnitt. Unterhalb der Schlüsselbeine gab sie nichts preis. Es reichte auch.

Sie kam herein und brachte eine Aura mit. Selbst wenn sie schwieg, weil gerade Kollegen von ihr geprüft wurden, oder weil ein Prüfer redete, hing sie mit zartem Mienenspiel an den Lippen des Redners, zustimmend nickend, wenn eine Aussage zutraf, und sanft, sanft nur die Nase kräuselnd, wenn sie einen Irrtum bemerkte. Und es kam, was kommen musste. Sie, die wie Wachs unter den hitzigen Fragen des Prüfers hätte sein sollen, wurde zur Flamme, die des Prüfers Verstand schmolz. Und wenn sie mir gesagt hätte, dass sich in den Venen des menschlichen Körpers Blaubeergrütze befände, so hätte ich nur antworten können: "Ja, aber ist nicht in den Arterien Blut, dessen Kirschrot Ihren Lippen gleicht?"

Das hat sie aber nicht gesagt, denn sie war auch noch klug, was mir die Kollegen, die sie in der nämlichen Prüfung in anderen Fächern examinierten, bestätigten. Und die Kollegen (ich hab' sie gefragt) machen sich nicht viel aus Madonnen und Lulus. Und ausserdem, wenn ich das gesagt hätte, wär's sexistisch gewesen, und ein Grund, die Prüfung anzufechten. So blieb mir nichts, als sie anzusehen, ein wenig verstohlen, ihr zuzuhören, wenn ich oder die Kollegen sie prüften, in ihrer Aura zu schmelzen, derweil ihre Aufmerksamkeit anderen galt.

Und dann war die Prüfung vorbei, sie hat von uns ganz sachlich eine "1" bekommen (ein Kollege übrigens auch), und wir haben ein knochentrockenes Prüfungsprotokoll geschrieben.

Schreien, ich hätte schreien mögen. Da begegnet man einmal dem Wahren, Guten, Schönen in Personalunion, im Staube möchte man sich vor ihm wälzen, beten, es anflehen, sich vor ihm geisseln und es zugleich mit dem Goldlack süssester Worte überziehen — und statt dessen: ein sachlicher Händedruck zum Abschied.

Sie hatte einen Händedruck wie ein Schmied, und eine Hand, rauh wie ein Reibeisen. Das hat's leichter gemacht.

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

11 Kommentare

  1. Wenn Sie so weiter schreiben, Herr Wicht, dann bekommen Sie bald noch einen Fan Club. 🙂 Ich freue mich sehr über Ihre Beiträge und lese auch immer fleißig den Wichts Winkel. Es ist mir jedesmal ein Genuß.

  2. Von Schmieden und Drachentötern

    Und wenn der Händedruck nicht wie der eines Schmiedes, die Hand nicht rauh wie ein Reibeisen gewesen wäre, lieber Herr Wicht, hätten Sie sich dann aufs Motorrad geschwungen und der jungen Dame einen Drachen getötet?

    P.S. Was ist das eigentlich für ein Wahres, Gutes, Schönes, das in wenigen Jahren schon verblasst?

  3. Drachentöten

    “..hätten Sie dann der jungen Dame einen Drachen getötet?”

    Mindestens. Wahlweise einen Philosophen gebraten oder ein paar Fixsterne vom Himmel geholt, alles für den Preis eines Augenaufschlags. Hach, die Minne…

    Ihr letzter Absatz freilich dünkt mir arg platonisch (nein, nicht die entsagende Liebe ist hier gemeint, sondern der ewige Bestand der Idee). Ist “Vergänglichkeit”, ist “Wechsel” wirklich der Gegenpol des “Wahren, Schönen, Guten” (was immer das auch sei)? Um den Preis, dass “DIE Wahrheit”, “DIE Schönheit”, “DIE Güte” den Weg aller nutzlosen Universalien gehen, würde ich sagen: nein. Bloss weil man verschiedenes als “schön” empfindet, heisst das ja nicht, dass “die Schönheit” existiert, ja, es heisst noch nicht einmal, dass ich nicht morgen dasselbe als eklig empfinden werde. Es sind, so denk’ ich, Gehalte momentaner Relationen, so vergänglich wie diese und ebensowenig substanziell. Dennoch bin ich der pathetischen Ansicht, dass man möglichst viele seiner Relationen mit diesen Gehalten ausstatten sollte.

  4. Das Lob des Wolfes, der Schwäbin, und des Wenzes Lautstärke

    Hörr Wenz … PSSST! Müssen Sie denn diesen netten, nichts ahnenden Leuten, die mich womöglich sogar noch mit einem Schöngeist verwechseln, von meiner literarischen Sozialisation in den Abgründen des lautstarken Usenet berichten?

    Frau Schwab, Herr Isegrim, das schmeichelt mir. Danke. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich auf meinen Grenzgängen (denn für einen Grenzgänger möchte ich gehalten werden) weiter begleiteten.

  5. Herr Doktor!
    Nichts läge mir ferner, als Sie mit Ihrem Umgange im Usenet zu kompromittieren.
    Nein, mir war nur daran gelegen, auf literarische Höhenflüge, aka Schräglagen und feinsinnige Wortkompositionen, aka Wehklagen, mit sanfter Lautstärke und gefühlvollem Nachdruck hinzuweisen…

  6. Herr Wenz…

    …ich befürchte, man hat uns hier geheuert, um geistreich zu sein. Und hirnreich. Heisst ja auch: “Gehirn und Geist.” Da leg’ ich doch mal ein Link auf Ihren Blog

    http://peter.wenzlinge.de/peter

    damit das, was sich zwischen Gehirn und Geist abspielt, schon mal abgedeckt ist. Sie (ach…was soll der Scheiss): _DU_ hast da schöne Texte hinterlassen.

    Ansonsten hampeln wir halt hier, wie auch anderswo, die übliche Nummer ab: im Dienste der eigenen Eitelkeit, im Namen der Sache, der zu dienen wir glauben, im Namen des Sponsors, der unsere Buchstabenfolgen unter’s Volk bringt.

    Die Jungs und Mädels von “G&G” wollten, glaub’ ich, einen “Wissenschaftsblog”. Höhö. Den haben sie. Eitelkeit, Dienst an der Sache, die man für wesentlich hält, und unter’s Volk gebrachte Buchstabenfolgen – Wissenschaft!

    Um den Sinn soll sich ein anderer kümmern.

    Herr Schleim?

  7. Sinn

    Gestatten… Zufällig kenn ich die Jungs und Mädels von G&G ganz gut. Die wollten authentische Einsichten in die Wissenschaft. Dazu gehören auch Ausschnitte von (und in) akademischen Prüfungen. Wer will da im Ernst die Sinnfrage stellen?

  8. Wär ich nicht glücklich verheiratet ;-))…..

    …dann schmölz ich dahin bei soviel Humor und Poesie.

    Da sage eine, dass Männer nicht romantisch, poetisch, sensibel, tiefsinnig…sind. Ich weiß, warum ich der “Männer” größter Fan bin…….. 😉

    Danke für diesen humorvollen-poetischen Einblick in die Seele eines geplagten Prüfers. Ich habe so sehr lachen müssen, dass ich trotz aller Vorsicht an mein Asthma erinnert wurde… Aber es hat sich gelohnt….

    Zum Glück war die Kandidatin clever und die Prüfer in einer hormonellen “ruhigen” Phase……………

    Und wer hier die Wissenschaft sucht, so haben wir doch gelernt:

    Die Note einer mündlichen Prüfung bei weiblichen Probanden ist abhängig von:

    1. der hormonellen Situation des Prüfers
    2. der hormonellen Situation der Kandidatin – beste Zeit der Prüfung: kurz vor dem Eisprung
    3. dem Wissen der Kandidatin
    4. den Fragen der Prüfer
    5. dem Blick der Kandidatin
    6. der nonverbalen Kommunikation der Kandidatin
    7. dem Teint (passendes Make-up) und der Augenfarbe (ggf. mit Kontaktlinsen an den Geschmack der Prüfer angepasst)
    8. der Oberweite oder dem passenden Push-up
    9. dem leichten Vibrieren der Nasenflügel zum “passenden” Zeitpunkt
    10. dem erotischen “Feuer”, welches sie bei ihrem Anblick entfacht (Trainingscamp: z.B.Bewerbung bei Playboy empfehlenswert)

    und der Rat für die männlichen Kandidaten:

    tja, da hilft nur lernen, lernen, lernen, lernen, lernen, lernen ;-))

  9. Wicht -Im Angesicht….

    Ich hab´ so schön mitleiden können. Das war wie der Besuch von Odysseus bei den Sirenen – wie das Vorbeizittern am Thalamus und der Landung im PFC.

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