Gorgias von Leontinoi (de nihilo)

Ich für meinen Teil finde Worte und das, was sich in Ihnen ausdrückt, Gedanken nämlich, gerade dann spannend, wenn sie missverständlich sind. Also schreibe ich das Folgende unter dem Caveat, dass ich alles falsch verstanden haben könnte, ja wollte. Eine Apologie der Ambiguität, ein Dikanikon über das Diffuse, ein Epideiktikon des Uneindeutigen – ein Lob der Unschärfe also.

Wie man an den schönen griechischen Worten – mit denen ich meinen Vortrag nicht um der Klarheit, sondern um des Klanges willen würze – wie man an den schönen griechischen Worten für die verschiedenen Redegattungen bemerkt, lese ich gerade ein überaus fremdwörterhaltiges Buch:

Wilfried Stroh: Die Macht der Rede: Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom, Ullstein, 2009

Ich muss das lesen, denn Redenschreiben ist mein Broterwerb. Ich will das lesen, denn zusammen mit dem Evangelisten Johannes bin ich der Ansicht, dass ‘en archai en he logos’. Und eben nicht ‘arithmos’. Am Anfang war das vage Wort, nicht die Zahl. Also les’ ich Stroh und freue mich über seine Beschreibung, wie die Alten Worte droschen, leeres Stroh und volle Garben, dass die Spelzen und die Körner nur so flogen.

Und es begegnet mir in diesem Buch der Gorgias von Leontinoi (um 400 v. Chr.), der den Rhetorikern als Hexenmeister galt, den Philosophen aber als ein nur sätzedrechselnder Sophist, der die Worte in seinem und anderer Leute Münder nach Belieben umherdrehte, wie die Drechselbank das Werkstück. Schön anzuschauen, seine Sätze, schöner wohl noch zu hören, wie sich im rhythmischen Gleichklang der Isokolie, in antithetisch verknüpften Isophonien (etc.etc. "gorgianische Redefiguren") der Zauber des Logos entfaltet – derweil die Logik zerbröselt. Sagt man. Der säulenheilige Sokrates, sakrosankter Stammvater seriöser Sprachverwendung habe, sagt man (Platon), den Gorgias und andere Sophisten sauber seziert, und ihnen nachgewiesen, dass dies alles nur Getändel sei, Wortklaubereien, an der Sache vorbei – "Sophismen" eben

Gorgias von Leontinoi oder Platon? Gorgias von Leontinoi. Oder Platon? Keine Ahnung, die Zuordnung des Portraits ist umstritten. Es könnte also sein, dass es Platon ist, ebensogut könnte er es aber nicht sein. Oder umgekehrt.

 

 

 

 

 

Seither stehen die Sophisten und ihre Sophismata in einem schlechten Ruf. Aber übel beleumundete Leute faszinieren mich. So las ich weiter, und lernte, dass Gorgias die Frechheit besass, sich mit Parmenides persönlich anzulegen. Parmenides von Elea (ca. 500 v. Chr), also 100 Jahre älter als Gorgias. Und kein Rhetoriker wie dieser, sondern ein überaus ernstzunehmender Kirchenvater der Wissensliebe, ein vielgepriesener Philosoph. Nichts wäre wie es ist, hätte es den Pamenides nicht gegeben, alles wäre womöglich den herakliteischen Bach ‘runtergegangen, wäre im ewigen Fluss des Werdens und Vergehens (‘panta rhei’) versoffen. Parmenides ist nämlich der Philosoph des ewigwährenden immergleichen Seins, das felsenfest in sich ruht.

Er lehrte etwa Folgendes:
1. Das Sein ist.
2. Das Nichts ist nicht.
3. Ergo hüte Dich vor der Rede vom Nichts. 

Gorgias behauptete frech:
1. Es ist nichts.
2. Selbst wenn etwas wäre, könnte man es nicht erkennen.
3. Selbst wenn man etwas erkennen könnte, könnte man nicht darüber reden.

Auf die Herleitung, die Quellenkritik, auf den ganzen herrlichen philologischen und philosophischen Apparat muss ich leider verzichten. Es mangelt mir am Graecum, es mangelt mir an der Expertise, es mangelt mir womöglich auch an Verstand. Ja, es mangelt mir sogar an dem rhetorischen Fachausdruck für diese Sprachfigur der vorauseilenden Selbstanklage, mit der der Verteidiger einer Sache die wunden Flanken seiner Argumentation zu schliessen versucht, indem er sie offenlegt. Ich hab’ Strohs Buch halt noch nicht zu Ende gelesen.

Parmenides gilt als "dunkel, aber bedeutungsschwer". Gorgias, wie gesagt, als Schwätzer. Das legen seine drei Sätze ja auch nahe. Von hinten nach vorne logisch aufgedröselt: Wenn man nicht reden könnte, wieso redet er dann? Und wenn er nichts erkannt hätte, wie könnte er mit der Erkenntnis, dass nichts ist, daherkommen? Und wie kommt er angesichts des allgegenwärtigen Seins, von dem sein Geschwätz ein nicht geringer Teil ist, zu der widersinnigen Behauptung, dass nichts sei?

Das Wenige an Quellenkritik und philosophischem Diskurs zu Gorgias’ Frechheit, das ich en passant mitbekommen habe, lässt mich vermuten, dass er sich geradezu lustvoll und mit Absicht in den Ambiguitäten des Wortes "sein" verstrickt hat. Denn das ist ja das Gemeine am "sein", dass es uns gemeinhin verschweigt, dass es zugleich zweierlei meint – "sein" als Existenzbehauptung und "sein" als Eigenschaftszuordnung. Ich bin. Ich bin glatzköpfig. Das sind zweierlei Paar Stiefel, aber natürlich kann man nun versuchen, sich den linken an den rechten Fuss und umgekehrt zu ziehen.

Also, wenn das Sein ist, und das Nicht-Sein nicht ist, dann ist das Nicht-Sein doch immerhin in dem Sinne ein Sein, dass es ein Etwas ist, dem die Eigenschaft des Seins abgeht, ergo ist es ein Etwas, das eine Eigenschaft hat, nämlich das Nicht sein, ergo ist es, ergo sind Sein und Nicht-Sein dasselbe, indem sie beide sind….(usw).

Ad nauseam lässt sich die Gorgias’sche Seinschraube der Doppeldeutigkeit weiterdrehen, und wenn ich nicht ganz falsch informiert bin, hat endlich sogar Hegel, der vielgerühmte und -gescholtene, die Identität vom Sein und dem Nichts erklärt.

Was soll das? Diese aberwitzigen Sprachfiguren, die wie betrunkene Marionetten an den Fäden der Doppeldeutigkeit und der Metaphern zappeln, wie eben dieser Satz selbst, der sich des fadenpüppigen Bildes bedient, um noch weitere, fadenscheinigere Verwirrungen zu stiften? Warum den Knoten schürzen, statt ihn durchzuhauen, warum Wirrheiten weben, warum ein Dickicht errichten, wo ein Weg sein könnte?

Ganz einfach, in diesem Falle: weil der Weg des Parmenides ein Zirkel ist, ein Gedanke, der stets immer nur in sich zurückführt. Das Sein kennt nichts ausser sich, alles Sein führt zurück ins Sein, jeder Gedanke, der von ihm weg will, findet sich sogleich wieder in die Seinsfesseln gelegt. Das Sein ist totalitär. Es drückt sogar seiner Negation den Seinsstempel auf. Auf diese gewalttätige Totalität des Seins gründen sich – so will mir es zumindest scheinen – auch Christian Hoppes theologische Argumente hier in dem "Wirklichkeit"- Blog. Schade, ich habe lange nichts mehr von ihm gelesen. Also: die Wege des Szientismus, des Naturalismus, der Naturwissenschaften, der allermeisten Theologien und Ideologien: alle führen sie in die Seinsverstrickung.

Natürlich ist Ihnen längst klar, was ich will: mit Gorgias als Sprachrohr den Buddha gegen den Parmenides in Stellung bringen. Oder den Diabolos, den Mephisto: "…drum besser wär’s, dass nichts bestünde." Diabolos trägt die Methode des Stellungskampfes im Namen, den "diaballein" heisst "durcheinanderwerfen"

Das Sein ist mit Logik nicht zu knacken. Vielleicht aber mit dem Logos, den vagen Wort. Das Sein lässt sich nicht sezieren, seine Härte spottet jedem Messer, die klarsten Gedanken sind jene, die man ganz unmittelbar aus der Kristallkugel des Seins empfängt: "cogito ergo sum", "esse est percipi", "shit happens" – die Grundlage allen Denkens und aller philosophischen Sicherheiten liegt in Seins- und Geschehensbehauptungen.

Das Sein lässt sich nicht sezieren. Aber womöglich kann man es zerreden. Weil Worte so herrlich doppeldeutig sein können. Deshalb find’ ich Gorgias momentan gerade so klasse. Wegen der Ambiguität, die ein Weg ins Nichts sein könnte.

Am Rande und zum Schluss, ernsthaft und wahr und weil wir hier bei den "Brainlogs" und im "Anatomischen Allerlei" sind: diejenige Gruppe von Nervenzellen im Gehirn, die die Muskeln unseres Kehlkopfes kontrolliert und die uns mithin sprechen lässt, heisst "Nucleus ambiguus". Wirklich.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt.

Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

8 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hegel und Wicht

    Hegel (und auch Heidegger) haben das aber nicht so schön formuliert wie Wicht, sondern waren ausgesprochene Spaßbremsen.

    Glückwunsch zum völlig verdienten Blog-Preis!

  2. “Das Sein ist mit Logik nicht zu knacken.”

    Nicht? Und was ist mit Werden?

    „Es ist ein großer Gedanke, vom Sein zum Werden überzugehen; es ist (bei Heraklit, Anm.) noch abstrakt, aber zugleich ist es auch das erste Konkrete, die Einheit entgegengesetzter Bestimmungen. Diese ist so in diesem Verhältnis unruhig, das Prinzip der Lebendigkeit ist darin. Es ist darin der Mangel ersetzt, den Aristoteles an den früheren Philosophien aufgezeigt hat, – der Mangel an Bewegung; diese Bewegung ist nun hier selbst Prinzip. Es ist so diese Philosophie keine Vergangene; ihr Prinzip ist wesentlich […]. Es ist eine große Einsicht, dass man erkannt hat, dass Sein und Nichtsein nur Abstraktionen ohne Wahrheit sind, das erste Wahre nur das Werden ist. Der Verstand isoliert beide als wahr und geltend; hingegen die Vernunft erkennt das eine in dem anderen, dass in dem einen sein Anderes enthalten ist, – und so ist das All, das Absolute zu bestimmen als das Werden.“ (G.W.F. Hegel:Geschichte der Philosophie I. S. 324f.) Eine Kuh, die auf die Geburt wartet?

  3. @ Hilsebein

    Das ist ein schönes Hegel-Zitat. So klar…

    Ich weiss nicht, ob “werden” aus der Seinsfalle führt. Zeno, der Schüler von Parmenides, hätte wohl “ja” gesagt, aber weil er des Meisters In-Sich-Ruhendes Sein retten wollte, hat er versucht zu zeigen, dass jede Veränderung, jedes Werden eigentlich nur eine Illusion sein kann. Tiefer in die Falle…

    “Wenn Du es nicht hats, dieses ‘stirb und werde’, dann bist Du nur ein trüber Gast auf dieser schönen Erde.” Naja …

    Werden und vergehen “sind” ja auch, Hegel meint ja wohl, dass sie sogar eigentlicher sind als Sein und Nichts. Aber noch eigentlicher setzt das “werden” dem statisch, räumlich gedachten Parmenidisch/Zenonschen Sein nur die Zeit hinzu, die Falle wird, sozusagen, elastisch, dynamisch.

    Und mit Schopenhauer würde ich dafür halten, dass auch (gerade auch!) die Dynamis des Seins und Werdens das Leiden gebiert.

    Nietzsche, so will mir manchmal scheinen, versucht dem Ungeheuer zu entkommen, indem er sich ihm in den Rachen stürzt…

  4. @ Wicht

    Und mir will manchmal scheinen, daß wir der alles verschlingenden Mutter nicht entkommen, wenn wir auf den Vater, den wir vor der Geburt nicht sehen, nicht mehr hoffen können. Ein Bild. Anders ausgedrückt: Muß ein Gedanke nicht reifen, der Denker nicht schwanger gehen, dessen Teil wir nur sind? Wie aber soll der Gedanke als richtig erkannt werden, wenn er nicht unter ein sehendes Auge fällt? Wie lange noch windet sich die Mutter in Geburtswehen? Wo bleibt der alles entscheidende Gedanke? Wo bleibt das letzte Wort? Wenn es so begann -mit dem Wort- so muß es auch damit aufhören!

  5. @ Hilsebein

    Ja.
    Und die letzten beiden Worte werden ein Ja zum Nichts und ein Nein zum Sein sein.

    Mist.

    Im letzten Wort des Satzes offenbart sich schon wider das ganze Problem..

  6. @ Wicht

    “Und die letzten beiden Worte werden ein Ja zum Nichts und ein Nein zum Sein sein.”

    Ich fürchte, Du machst hier Deinen persönlichen Wunsch zum Vater des Gedankens. Vielleicht verstehe ich Dich auch völlig falsch. Aber woher hast Du nur diese Nichtsverliebtheit? Ich will die Verwandlung -ganz materiell! “Wir haben hier keine bleibende Statt” Wir sind nicht von hier, sonst könnten wir nicht so schreiben. Ich will diesen Weg zu Ende gehen, bevor mir die Zähne ausfallen und mein “zahnloser Mund das Recht auf Wahrheit verliert”!

  7. GORGIAS OF LEONTINOI

    Hi!

    I created a webpage devoted to Gorgias of Leontinoi and to his awesome text “On the Nonexistent or On Nature” in French and in Ancient Greek at http://site.voila.fr/gorgias. I also created a Fanpage on Facebook, adding two English and a Latin translations, plus pictures of many texts.

    Unfortunately, I still didn’t found any German translation of this treatise, as far as the so well know Diels’ “Die Fragmente Der Vorsokratiker” (2nd edition, 1906) is available on a Belgian French spoken page, but only in Greek!

    If you want to contribute to the Facebook Fanpage, you’re more than welcome ! 🙂 You’ll find the link in the last page of my website devoted to Gorgias. Thank you.

    Faithfully,
    Louis CAMPOS.

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