Für Nummer 5

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Eine Wissenschaftskarriere

Nummer 5 ist eine Labormaus, aus dem Stamm jener Mäuse, welche leben, um zu sterben. Es geht ihr also nicht anders als uns allen.

Nummer 5 lebt. Bei mir im Büro. Sie stammt aus einer Versuchsreihe, bei der es darum ging, das Verhalten gegenüber unterschiedlichen Lichtverhältnissen zu untersuchen – genauer gesagt: Sie ist die Überlebende eines “Jet-Lag”-Experimentes. Virtuell – durch einfache Veränderung der Beleuchtungsverhältnisse – ist Nummer 5 im “Beastmaster” ein paarmal von Frankfurt nach New York und wieder zurück geflogen. Sie ist eine Vielfliegermaus, aber Vielflieger sind ja auch viele von uns.

Der “Beastmaster” ist keine Fluggesellschaft, sondern ein grosser, klimatisierter Schrank, in den man Mäusekäfige stellen kann. Die Licht- und Klimaverhältnisse in diesem Schrank kann man genau kontrollieren, ergo ist es ein Leichtes, einfach einen langen Tag einzubauen. So, als ob wir der Sonne folgend nach Westen flögen, und alsbald – eine kurze Nacht – ihr entgegen wieder heim nach Osten.

Unsereiner kriegt Jet-Lag. Ob Nummer 5 ihn auch bekam – das weiss ich nicht. Aber ich habe ihre Bewegungsaktivität aufgezeichnet, und nachgeschaut, wie lange es nach den “Flügen” dauert, bis sie wieder im normalen Aktivitätsmuster ist. Für Nummer 5 heisst das: Nachtaktiv.

Parallel zu der Vielfliegerei war Nummer 5 noch in einem anderen Experiment, das dem “Jet-Lag” folgte – Sie wurde in’s Dauerdunkel gesetzt (was sie vermutlich gar nicht schreckte, mehr dazu unten). Im Dauerdunkel bleibt die Rhythmizität des Verhaltens bestehen, auf einen Aktivitätsblock folgt eine Ruhephase, und man kann die Phasenlänge dieses endogenen, von der Maus selbst erzeugten Rhythmus bestimmen. Es waren 23,55 Stunden. Man nennt das die “freilaufende” Periodenlänge. Macht man dann im zwölfstündigen Wechsel das Licht wieder an und aus, dann zwingt dieser Lichtwechsel der Maus eine Periodenlänge ihres Verhaltens von 24,00 Stunden auf. Das nennt man dann die “entrained period length”.

Alles längst bekannt, selbst beim Menschen hat man derlei Untersuchungen schon in den 50er Jahren angestellt. Ich hab’ mir die Stabilität der Rhythmen angeschaut. Das ist halbwegs neu.

Actogramm von Nummer 5. (A) Jede Zeile ein Tag, grau: Dunkel, weiss: Licht. Schwarze Hügelketten: Bewegungsaktivität. Die Zahlen in den weissen Kästen sind Messwerte für Periodenlänge und -güte (aus einer Art von Fourier-Analyse). (B) Auftragung der mittleren Aktivitätswerte unter 12:12 Licht/Dunkel. (Das oben erwähnte “Jet-Lag”-Experiment ist hier nicht abgebildet.)

Nummer 5 lebt, weil ich wissen wollte, wie sich ihr Verhalten zu den Zahlen verhält, mit denen ich es quantifiziere. Über ihrem Käfig im “Beastmaster” war ein Infrarotsensor, der ihre Bewegungen registrierte, und ich wollte wissen, wie sehr sich die Maus bewegen muss, um, sagen wir mal, eine Zählung von 1/min zu erzeugen. Reicht ein Schwanzwackeln pro Minute? Ein Schnurrhaarflimmern? Ein Ohrkratzen? Oder muss sie wirklich den ganzen Körper in Betrieb setzen?

Das, dacht ich mir, muss ich ja nicht im “Beastmaster” machen. Ich habe ein geräumiges, wenn auch ganz und gar unaufgeräumtes Büro – da guck ich ihr halt zu, dachte ich, und lese den Infrarotsensor direkt aus.

So zog Nummer 5 bei mir ein. Nach zwei Stündchen wusste ich, dass sie sich mindestens um eine Körperlänge bewegen muss, damit der Sensor “1” zählt. Damit war die Wissenschaftskarriere von Nummer 5 eigentlich beendet.

Was tun mit Nummer 5? Normalerweise enden die Wissenschaftskarrieren von Mäusen auf dem Schafott, wofür es spezielle für Mäuse und Ratten gibt. Das war mir aber zu dumm, ich wusste nichts mit ihren Organen anzufangen. Laufenlassen geht auch nicht. D.h. – ginge schon. Sie käm’ aber garantiert nicht weit, denn selbst wenn sie den Kater kennte – sie erkennte ihn nicht. Davon jetzt.

Biographisches, Pathologisches und Literarisches

Nummer 5 ist eine Labormaus, ein Männchen, aus dem Stamm jener Mäuse, welche leben, um zu erblinden. Ihr voller Name ist C3H/HeJ-Pde6brd1 , den gaben ihr die Jackson Laboratories, von denen ich sie gekauft habe. Zusammen mit 6 Stammesbrüdern. Nummer 5 – so nannte ich sie.

Nummer 5 ist von den Brüdern aus ihrem “strain” (so nennt man einen Labormausstamm) in nichts zu unterscheiden. Genetisch nicht – es sind Inzucht-Stämme, Brüder und Schwestern, seit etwa 1920 stets ineinander gekreuzt – also homozygot. Und äusserlich erst recht nicht. Die Fellfarbe ist “agouti” – insgesamt ein bräunliches Grau, die Einzelhaare sind aber nicht von homogener Farbe, sondern gebändert, wie man das auch von den getigerten Hauskatzen kennt.

Nummer 5 ist stockblind, dafür steht das “Pde6brd1” in ihrem Namen. Sie ist homozygot für ein Gen, das ihr – ein paar Wochen nach der Geburt – die Stäbchen, und später auch die Zapfen in der Netzhaut schwinden lässt. Nummer 5 ist ein Modellorganismus für die Forschung an der Retinitis pigmentosa, die auch Menschen befällt.

Nummer 5 weiss es nicht, aber es gibt ein schauriges Kindergedicht über das Schicksal, das ihr zugemessen war:

Three Blinde Mice,
Three Blinde Mice,
Dame Iulian,
Dame Iulian,
the Miller and his merry olde Wife,
she scrapte her tripe licke thou the knife.

“she ripped her intestines out, you lick the knife”

Das Kindergedicht (!) ist einigermassen rätselhaft, manche Interpretatoren sagen, es bezöge sich auf die Blendung und Hinrichtung dreier protestantischer Bischöfe durch die blutige Maria … es war das Schicksal von Nummer fünf, irgendwann den Kopf abgeschnitten zu bekommen, so dass das Hirn mit dem Messer gescheibelt werden und als mikroskopisches Präparat dienen kann. Das war zumindest das Schicksal von Nummer 1-4 und 6, denn wir wollten nicht nur wissen, was der Jet-Lag im Verhalten bewirkt, wir wollten auch wissen, was sich in den Hirnen ändert. Das wussten wir dann – Nummer 5 brauchten wir nicht mehr.

Nummer 5 ist dem Schafott von der Rampe und dem Mikrotom (so nennt man die Maschinen, mit denen man die dünnen histologischen Schnitte macht) von der haarscharfen Klinge gesprungen.

Nummer 5 ist blind. Wenn der Kater käme – sie sähe ihn nicht. Sie röche ihn vielleicht. Aber sie ist nicht ganz und gar blind – die Zapfen und die Stäbchen in der Retina, die sind weg – aber da gibt es noch ein anderes visuelles System im Auge, das zwar keine Formen und Farben und Bewegungen, aber sehr wohl hell und dunkel registrieren kann. Dieses System ist in Ordnung – weswegen man mit Nummer 5 und ihresgleichen so herrlich “hell/dunkel”-Biologie (s.o.) machen kann.

Sie funktionieren wie die Uhrwerke, diese Mäuse  – nichts anderes Visuelles, kein Katzenschreck, keine Mäusebussardsilhouette lenken sie ab. Aber im “Beastmaster” gibt’s ja auch weder das eine noch das andere – trotzdem halten jene C3H-Mäuse ihre Rhythmen präziser als andere Stämme. Daran forsch’ ich gerade.

Tätigkeitsbericht

Nummer 5 lebt. Seit 2 Monaten bei mir im Büro. Das kann noch ein gutes Jährchen oder länger so gehen, eine Maus kann älter als 2 Jahre werden. Ich hab’ ihr einen geräumigen Käfig gegönnt. Das Datenblatt zu Nummer 5 sagt, dass ihresgleichen im Alter gerne Glatze bekommt. Alopecia. “Na,” denk’ ich mir, und fahr’ mir über dieselbe, “mal sehen”. Noch ist sie haarig. Die Maus.

Nummer 5 hat neuerdings etwas, was sie und ihre Vorfahren seit 70 Mäusegenerationen nicht mehr hatten: “enriched environment”. Die Pappspule einer Klopapierrolle zum darin wohnen. Papier- und Stofffetzen zum Nestbau. Nicht nur die ewigen Mäusepellets (“Astronautennahrung für Mäuse”), sondern Restchen, die sonst so anfallen. Sonnenblumenkerne, Keksreste, Knäckebrot. Schokolade. Mag sie nicht. Gemüseschnitze (Büronachbarin ist makrobiotisch unterwegs). Mag Nummer 5 auch nicht. Die werden zernagt, aber nicht verspeist. Parmesankäse – aber hallo!

Nummer 5, da bin ich mir sicher, vor allem wenn ich sie von hinten und ihr mordsmässiges Scrotum sehe, Nummer 5 hätte sicher noch mehr Spass, wenn ich ihr für ein Weilchen eine Nummerin 5 dazusetzte. “These mice are exceptional breeders”, sagt das Datenblatt.

Das werd’ ich aber nicht tun, es gibt genug blinde Mäuse. Ich fühle mich Nummer 5 auch nicht wirklich persönlich verbunden. Ich bin Biologe, kein Tierfreund, und wenn – dann Katzen.

Nummer 5 ist einfach eine Maus mit einem ungewöhnlichen Schicksal.

Three blind mice. Three blind mice.
See how they run. See how they run.
They all ran after the farmer’s wife,
Who cut off their tails with a carving knife,
Did you ever see such a sight in your life,
As three blind mice?

Das ist die moderne, die “entschärfte” Version des Kinderreimes aus der Renaissance. Ist noch böse genug. Und immer noch wahr – jenen Labormäusen schneidet man, wenn man ihr Blut braucht, die Schwanzspitze ab. Man braucht das oft. Genotypisierung, und so..

Für Nummer 5, so hoff’ ich mal, endet der Wahnsinn in meinem verräucherten Büro. Wenn Sie Pech hat, kriegt sie vielleicht Lungenkrebs. Wenn Sie Glück hat, trifft sie irgendwann der Schlag.

Womöglich bald – sie ist fett geworden. Zuviel Parmesan, zuviele Sonnenblumenkerne.

 

Postskriptum:

Nachdem ich den Artikel veröffentlicht hatte, bin ich auf Twitter darauf aufmerksam gemacht worden, das R. Burns 1785 ein Gedicht geschrieben hat, dessen Anliegen meinem ähnelt:

http://en.wikipedia.org/wiki/To_a_Mouse

Das Gedicht, vor allen die letzte Strophe, ist wunderschön. Von 1785. Vielleicht ist Nummer 5 unsterblich.

 

 

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

6 Kommentare

  1. Was für eine Wissenschaftskarriere! Zum Glück kann sie das Ende ihrer Tage ganz entspannt verbringen. Und ich bin froh, daß ich mit den Tieren keine Experimente anstellen muß.

  2. Number Five is still alive

    Die hier erzählte Geschichte hat gewisse Ähnlichkeiten mit der Hauptfigur in einem Film von 1986

    (Zitat)

    “Number 5 (voiced by Tim Blaney) is one of five anthropomorphic prototype robots proposed for Cold War use by the U.S. military, although the scientist mainly responsible for creating them, Newton Graham Crosby, Ph.D. (Steve Guttenberg) and his partner Ben Jabituya (Fisher Stevens), are more interested in peaceful uses of their artificial intelligence, like playing musical instruments.”

  3. @ Holzherr

    Deshalb wollte ich den Titel “Nummer 5 lebt” umgehen, um die Verwechslung mit dem Film zu vermeiden (den Titel kenne ich wohl, nicht aber den Film selbst).

    Nummer 5 heisst aber wirklich Nummer 5, das ist kein literarischer Kniff.

    Mein Laborbuch ist Zeuge.

  4. Nr. 5 geht jetzt in die Raumforschung!

    Nr. 5 macht jetzt sogar noch in der Raumforschung Karrierre…oder vielmehr seine Köttel.
    Die ESA hat nämlich kürzlich nach einer Gewichtseinheit für die Gewichtskraft des Sonnenlichtes, die auf den astronomischen Forschungssatelltiten XMM einwirkt, gesucht. Und dabei haben wir “Nr. 5” Mäuseschisse zum Vergleich genommen…
    Die ganze Geschichte habe ich in meinem Blog-Beitrag “Sonnenstrahl und Mäuseschiss” aufgeschrieben:
    http://blog.meertext.eu/2012/08/31/sonnenstrahl-und-mauseschiss/

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