Der Herr Haberl

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Das ist eine alte Geschichte, all das, was hier geschildert wird, ist schon sechs oder sieben Jahre her. Es ist eine akademische Geschichte, aus dem Bauch der Anatomie. Es ist eine hessische, eine frankfurterische Geschichte. Und es ist eine mild-melancholische Geschichte, von der ich glaube, dass sie ganz gut in die Adventszeit passt. Obwohl: Advent – das heisst ja “Ankunft”. Der Herr Haberl ist aber schon lange von uns weg. Bitte denken Sie sich an dieser Stelle zum Auftakt einen Seufzer.

Der Herr Haberl

Das hört jetzt mein ver.di-Ortsgruppenleiter nicht so gerne: Aber es gibt Tage im öffentlichen Dienst, da gehört man nicht bezahlt, es gibt Tage, die sind so schön, dass man eigentlich dafür bezahlen sollte.

Bei mir sind das die Tage, die ich mit Herrn Haberl verbringe. Der Herr Haberl ist, anders als sein Name vermuten lässt, kein Österreicher, sondern ein waschechter Frankfurter, “en Bernemer Bub”. Der Herr Haberl ist unser Hausmeister und fest davon überzeugt, dass das anatomische Institut, an dem ich so eine Art “Sous-Chef” für’s Leichenwesen bin, augenblicklich zusammenstürzt, wenn er in den Ruhestand geht. Ich glaub’ das eigentlich auch.

Es ist nicht mehr lange bis zum Ruhestand von Herrn Haberl, noch ein knappes Jahr. Er haust in einem dunklen, labyrinthischen Kabuff gleich links neben dem Leichenkeller, und dort gibt es alles an Material und Werkzeug, was ein handwerkender Mensch mit Hamstertrieb im Laufe eines langen Lebens so ansammelt. Am faszinierensten find’ ich die prähistorische Ständerbohrmaschine, sicher 2 Meter hoch, hinter der sich der Herr Haberl versteckt, wenn er in Ruhe gelassen werden will.

Eigentlich kann er sich aber überall in seinem Labyrinth nahezu unsichtbar machen, wie ein Troll, denn der Herr Haberl ist nur 1.60. Aber das in so ziemlich alle Richtungen, denn er ist annähernd so breit wie hoch. Aber von dieser straffen, kräftigen Breitheit – die muskulösen Schultern eines Zwerggorillas über dem drallen Embonpoint eines Bonvivant. Der Herr Haberl hat ganz früher, mitten im vorigen Jahrhundert, als die Bundesbahn noch Dampfloks hatte, im Bahnausbesserungswerk in Frankfurt-Nied Maschinenschlosser gelernt. Da hat er mit den ganz dicken Hämmern und den ganz grossen Schraubenschlüsseln an den gewaltig schweren Stahlteilen der Eisenrösser herumgehämmert und -geschraubt, und das merkt man heut’ noch. Er hat unbändig viel Kraft (vermutlich könnte er mich einarmig stemmen), Unterarme wie Popeye und Hände wie Bratpfannen, in denen ein 19er Schraubenschlüssel wie ein Spielzeug wirkt. Er sei, sagt er dann, während er mit dem 19er Schlüssel zwischen den Fingerspitzen spielt, halt richtige Schrauben, so ab Schlüsselweite 36, gewohnt.

Der Herr Haberl hat immer eine blaue Latzhose an. Meinen Studenten, die Angst vor der Anatomieprüfung haben, sag’ ich immer, dass es hilft, sich den Prüfer nackt vorzustellen — wenn der Herr Haberl Anatomieprüfer wäre, hülfe das nicht, denn er ist ohne Latzhose nicht vorstellbar. Ohne Hemd schon (so sieht man ihn mitunter im Sommer, dann sieht er ein wenig aus wie ein Gewichtheber im Mittelgewicht) aber nicht ohne Latzhose. Der Herr Haberl hält wenig auf sein Äusseres, alles Modische perlt an ihm ab wie Wasser an einer fetten Ente. Zwar sieht man ihn nie unrasiert oder ungepflegt (seine Fingernägel sind stets sauberer als meine), aber seine Vorstellungen von modischen Accessoires, Brillen zum Beispiel, decken sich mit denen der Ortskrankenkassen aus den 60er Jahren – er ist weitsichtig und trägt zwei Glasbausteine von einer Brille im Gesicht, deren solider Metallrahmen geradewegs von den Werkbänken des Dampflokausbesserungswerkes kommen könnte. Vermutlich kloppt er mit der Brille Nägel in die Wand, wenn er keinen Hammer zur Hand hat. Die riesige Brille lässt seine lachfaltengerahmten kleinen Augen grotesk gross erscheinen und irgendwie erscheint er so ein wenig karpfig, wie ein grossäugiger Fisch auf dem Trockenen.

Ich sag’ zu Herrn Haberl “Herr Haberl”. Der Herr Haberl sagt zu mir “Helmut” und zum Ordinarius der Anatomie, seinem und meinem Chef, dem Herrn Professor Doktor Horst-Werner Korf, sagt er “Horst-Werner”. Nein, das stimmt nicht — er sagt nicht “Horst-Werner”, sondern er stemmt die Hände in die Hüften und sagt: ” Hoschemaa, Host-Wänne, so gehd des ned….”. Das ist hessisch und heisst: “Horchen Sie mal, Herr Professor, so geht das nicht…”. Dann dreht er sich um, und sagt zu mir: “Hoschemaa, Helmut, des mache mer ganz anners…” Entsprechend trägt er den Spitznamen “de Hoschemaa”.

Neulich war’s wieder so weit, ein Tag mit Herrn Haberl. Ich muss diverse metallische Dinge für einen Versuchsaufbau (Verhaltensforschung an Fischen) zusammenbasteln: Lampen mit bestimmten Blenden, Kamerahalterungen, diverse Infrarotdiodenhalterungen — das übliche Wissenschaftsgefrickel, denn Forscher sind stets auch Bastler.

“Hoschesemaa”, sag’ ich im Labyrinth zu dem unsichtbaren Herrn Haberl hinter seiner Ständerbohrmaschine (denn auch ich kann hessisch), “hoschesemaa, ich ´bräuschd  ihne ihr Hilf'”. Der Herr Haberl hat ein weiches Herz, und so ein Hilferuf lockt ihn zuverlässig aus seinen Verstecken. Dann erklär’ ich ihm, was so alles und wie ich es basteln will, und der Herr Haberl sagt: “Hoschemaa, Helmut, des mache mer ganz anners…”. Und dann machen wir uns auf die Suche nach einem Stück 0,5er Alublech, das wir brauchen, um einen Reflektor für eine Neonröhre zu basteln, denn die darf das Licht nur in eine Richtung abstrahlen.

In einem anatomischen Institut gibt es alles mögliche, in unserem allerdings kaum noch irgendwelche Stahl- oder Aluhalbzeuge, eben weil ich da arbeite, und für so einem Kram hab’ ich dauernd Verwendung. Also wird kurzfristig ein Ausflug mit Herrn Haberl und dem Institutslaster zur Metallverkaufsgesellschaft in der Hanauer Landstrasse angesetzt. “Owwacht”, sagt der Herr Haberl, “isch fahr awwer!” Dann folgt ein kleiner Disput über die zweckmässigste Route durch die chronisch verstopfte Stadt, ich will aussenrum, er innendurch, am Fluss entlang, und er sagt: “Hoschemaa, die Stadt haast Franggford am Maa, unn mir fah’n jedzd am Maa entlang unn gucke uns emool de Maa aa…” Dann lachen wir uns einen Ast über das schöne, nasale hessische “aa” und gucken uns auf dem Weg in die Hanauer den Main an.

Unterwegs berät mich der Herr Haberl psychologisch. Er hat nämlich einen Narren an meiner Frau gefressen (die auch mal in der Anatomie gearbeitet hat) und er weiss, dass ich einen Gutteil meiner Freizeit damit verbringe, in meinem finsteren Labyrinth (meiner Motorradwerkstatt) an eigenen und fremder Leute Motorräder herumzuschrauben. “Hoschemaa”, sagt der Herr Haberl, “isch find’ des ja doll dass son Aggademiger wie Du sich noch die Finger dreggsich macht und als ford so scheene Moderräder z’sammebaut, awwer Du musst aach dran dengge, dass De noch e Fraa hast, die derfsde ned vernaachlässische!” Das versprech’ ich dem Herrn Haberl hoch und heilig, und für einen Moment versinkt er in grüblerisches Schweigen, denn er ist alleine. Seine Frau ist schon vor ein paar Jahren gestorben, er vermisst sie sehr und klagt öfters über’s Alleinsein. Geblieben sind ihm zwei erwachsene Töchter, beide aus dem Haus, und ein Schwiegersohn, mit dem er sich – glaub’ ich – nicht so gut verträgt. Manchmal tut mir der Herr Haberl sehr leid.

Dann wird der Herr Haberl aber wieder munter und schimpft über die anderen Autofahrer, veranstaltet an der Ampel ein Sprintrennen gegen einen anderen Kleinlaster, das wir haushoch gewinnen und wir kommen bestens gelaunt bei der Metallverkaufsgesellschaft an.

Wenn es ein irdisches Paradies des Schlossers gibt, dann ist es dort, in der Hanauer Landstrasse. Eine riesige, dunkle Halle, rappelvoll mit Stahl- und Aluhalbzeugen aller Sorten, Bleche, Rohre, Stangen, Profile. Dazwischen lauter Herren in blauen Latzhosen. Eigentlich wissen wir genau, was wir brauchen (Alublech 0,5mm mindestens 60x30cm) und auch, wo wir’s finden (hinten rechts, bei den Schlagscheren, in den Restekisten) — aber natürlich will die Halle durchwandert, der Geruch von Metall genossen sein, die massiven Messingstäbe (etliche Zentimeter dick) wollen bewundert und gestreichelt werden, der kühle Schauer, der einem beim Betasten des rohen Metalls befällt, muss genossen werden, die Kälte des Messings, die samtenen Oberflächen des gelagerten Aluminiums, seine gleissende Helligkeit an frischen Schnittkanten — Herr Haberl und ich, wir verstehen uns wortlos und schlendern, als hätten wie nur eine Bastlerseele, durch die Wunderwelt der Metalle. Alle Grabbelkisten mit Resten wollen inspiziert sein, und als ich in einer ein ganz wunderbares Stück Alurohr mit mindestens 10 cm Durchmesser finde, sagt der Herr Haberl: “Helmut, was willsden dademit, Du hast doch wascheinlich schon de ganze Keller voll mit dem Kram…”.  Er hat recht. Zum Ausgleich halte ich ihn davon ab, ein wunderschönes, bizarr geformtes, aber selten nutzloses Stück Aluprofil mitzunehmen, das zu irgendeinem Zusammensteckgerüstbausystem gehört.

Bei der Schlagschere finden wir ratz-fatz das Stück Blech, das wir brauchen, der dortige Mann in blauen Latzhosen sagt “Zwaa Euro in die Kaffekass”, und dann werden wir aus dem Paradies vertrieben – nicht vom Erzengel Michael mit dem Flammenschwert, sondern von einem anderen Herrn mit Latzhosen, Butterstulle und Thermoskanne denn: “Jedzd is Middaach!” 

Auf der Rückfahrt durch die Stadt erklärt mir Herr Haberl wortreich, dass die Anatomie vermutlich auseinanderfallen werde, sobald er im Ruhestand und nicht mehr da sein werde, und überhaupt, seine Stelle werde vermutlich gestrichen, einen Nachfolger gäb’s also nicht, sei ihm aber alles wurscht, er freue sich auf seine Rente, und dann könnten wir ihn alle mal, seine Werkstatt würde eh’ aufgelöst und die Ständerbohrmaschine habe er schon jemand anderem versprochen. Als wir dann an der Uni ankommen, steht das anatomische Institut trotz seiner und meiner anderthalbstündigen Abwesenheit immer noch, was uns beide sehr wundert, uns aber die Möglichkeit gibt, in Haberls Labyrinth mit den eigentlichen Bastelarbeiten anzufangen. Aber – horschemaa! – nicht gleich, erstmal ist Mittag.

Danach geht’s aber los, der Herr Haberl stellt mich als Lehrling an, ich darf ihm das Werkzeug, auf keinen Fall aber das Wasser reichen, denn er weiss, wie’s gemacht wird. Zum Beispiel müssen Leuchtdiodenfelder, die auf einem Plastiksockel sitzen, auf einem Träger aus Alulochblech befestigt werden. Ich schlage vor, die Dinger der Einfachheit halber einfach mit Blumendraht durch die vorhandenen Löcher in der Trägerplatte hindurch da festzumachen. Da guckt mich der Herr Haberl an, wie man eben einen grenzdebilen Lehrling anguckt, und sagt: “Des is Pfusch. Unn’ mir pfusche ned. Isch bin Schlosser. Des werd geschraubt!” Dann stellt sich aber heraus, dass das Alulochblech überall da (zu grosse) Löcher hat, wo die Schrauben hin müssten, wenn man die Diodenfelder schön rechtwinklig und in gleichen Abständen aufsetzen möchte. Mit Blumendraht wär’s kein Problem, aber geschraubt müsste man die Dioden schief und in unterschiedlichen Abständen anbringen … weil’s aber für die Funktion völlig wurst ist, ob die Dinger gerade oder krumm da drauf sitzen, entscheidet Herr Haberl “Lieewer schepp geschraubt als grad gepfuscht” und schraubt die Dioden schief fest. Er schraubt sogar die Lüsterklemmen fest, mit deren Hilfe der ganze Kram verkabelt wird. 

Ich darf ihm, wie gesagt, das Werkzeug reichen.
“En klaane Schlitzschrauwwezieher!”
“Wo sinnen die?”
“Ei, im grosse Schrank links dahinne owwe…”
“Nee..”
“Bisde blinn’ … weider owwe, lings … hasden alls noch ned … geh ford, die blind Juchend, isch suchn selwä…”

Die Schraubenzieher finden sich dann im kleinen Schrank rechts unten. “Da siehsde emol, wie wischdisch Ordnung is!”, sagt der Herr Haberl und macht sich daran, mit seinen grossen Pratzen eines der winzigen Schräubchen in die vorgebohrten Löcher zu setzen. Dann sagt er: “Jedzd wolle mer dochemol gugge, wie gut Du des mit Deiner Eh’ im Griff hast!”, und lässt mich die anderen Schräubchen in die Löcher setzen. “Den Witz”, sage ich zu ihm, “den Witz hat doch ihr Meister schon 1930 im Bahnausbesserungswerk gemacht, oder?” Dann ist er aber ein wenig beleidigt, denn es war doch deutlich nach dem zweiten Weltkrieg, so alt sei er ja auch noch nicht, aber immerhin, bald ginge er in Rente, und wir würden uns noch umgucken, wenn der Laden hier erstmal auseinanderfallen würde.

Zweiter Akt: Herstellung eines Lampenschirmes, eines Reflektors für eine Neonröhre. Dafür ist das Alublech gedacht, es wird mit einer klapprigen Blechschere zurechtgeschnitten und über der Kante der Werkbank U-förmig zurechtgebogen. “Pfusch”, stöhnt der Herr Haberl, denn eigentlich macht man so etwas auf einer Abkantbank. Er weiss auch, wo am Klinikum so ein Ding steht, das der Besitzer (der aber momentan Urlaub hat, weswegen man bei ihm nicht biegen kann) gerne loswäre, aber es ist halt etwas unhandlich (3×4 Meter, geschätzt 2 Tonnen) und er hatte noch keine Gelegenheit, es in sein Labyrinth zu schaffen. Dazu müsse, wie er erklärt, die Anatomie abgerissen und um die Bank herum wieder aufgebaut werden, aber es sei ja eh bald so weit, wenn er ginge, würde der Laden ja sowieso einfallen, und dann könne man die Bank ganz bequem hier hereinschaffen.

Ich darf die scharfen Kanten des Alublechs abschmirgeln. Dafür gibt mir der Herr Haberl ein Stück Schmirgelleinen, das ganz professionell mit Reisszwecken auf einem Holzklotz befestigt ist. Nur ist das wohl schon im vorigen Jahrhundert geschehen und das Schmirgelleinen ist – durch eifrige Benutzung – völlig fadenscheinig. “Des Schmirschelbabier”, sag’ ich zu Herrn Haberl, “des is so glatt wie en Kinnerbobbes, des is so stump, da kammer mit naggtem Aasch bis Paris druff reite…”. “Da duhsde der aach net demit weh”, sagt der Herr Haberl, dennoch bringe ich es fertig, mir an den scharfen Alukanten einen Finger aufzureissen, es blutet ganz sakrisch. “Dabbes”, sagt der Herr Haberl, und derweil ich Pflaster suche, schmirgelt er die Kanten glatt.

Das Pflastersuchen dauert eine Weile, schliesslich sind wir ein anatomisches Institut, unsere Kundschaft wird eher selten verpflastert, die blutet nämlich nicht mehr. Als ich – vom Präparator verpflastert und desinfiziert – in’s Haberlsche Labyrinth zurückomme, ist er schon mit was ganz anderem beschäftigt. Er sammelt nämlich Uhren, nein, keine dieser MauriceWasKost-Juppie-Armbanduhren, sondern ganz normale mechanische Wecker, Küchenuhren, Eieruhren – arme, alte, weggeworfene Geschöpfe eines untergehenden mechanischen Zeitalters, die mit gebrochenen Federwerken und verbogenen Zeigern achtlos dem Müll der Zeitgeschichte übergeben wurden. Die flickt er. Und da sitzt er dann, eine Lupenbrille auf seiner Schwermetallbrille aufgeklemmt, und bastelt mit seinen riesigen Händen liebevoll irgendwelche fragilen Federchen in die delikaten Innereien so eines kleinen, alten Klappreiseweckers. Gleich drauf scheppert das kleine Ding wieder wie in alten Tagen, Herr Haberl strahlt wie ein Honigkuchenpferd, klappt das Weckerchen sorgsam und liebevoll in sein Gehäuse und legt es zu den anderen, damit es sich ein wenig ausruhen und endgültig gesunden kann. Manchmal hab’ ich ihn sehr gern, den Herrn Haberl.

“Hoschemaa”, sagt er dann, “mir müsse noch den Refleggdor an dere Lamp’ fesdmache. Des schrauwwe mer!” Ich werde auf Schraubensuche (“Fümf Millimeder, M5 mal 20, Zylinnerkopp, mit Muddern unn’ Unnerleschscheiwwe!”) im Schrank geschickt, derweil er an seiner grandiosen Ständerbohrmaschine die Löcher (5mm) in den Reflektor bohrt. Als ich mit den Schrauben wiederkomme, sagt er: “Des is’ M6!” Also, wenn ich _eines_ erkenne, dann ist es eine Schraube M6. Ich hab’ mein Lebtag dermassen viele Schrauben M6 an diversesten Motorräder abgeschraubt, angezogen, abgerissen und fluchend ausgebohrt — Schrauben M6 erkenn’ ich mit verbundenen Augen am Geruch. Und was ich da in der Hand hab’ ist M5. Und das sag’ ich ihm auch. “Des is M6”, sagt er, “guck, es basst ned!” Die Schrauben passen in der Tat nicht in die gerade gebohrten Löcher, was aber, wie mein misstrauischer Blick auf die Ständerbohrmaschine ergibt, daran liegt, dass er nicht mit einem 5er, sondern mit einem 4,5 mm Bohrer gebohrt hatte. “Da siehsde emol”, sagt der Herr Haberl, “wie wischdisch Ordnung is’, da is’ mer doch glatt en vierfümfer Bohrer in des Kästsche mit all dene fümfer Bohrer gerutscht…”  

Wenig später ist das kleine Missgeschick behoben, zwischen uns herrscht wieder brüderlichste Einigkeit und gleich darauf sitzt der Reflektor fest an der Lampe. Ich zottele mit dem ganzen Geraffel – Neonröhre mit Reflektor, schiefe Leuchtdiodenfelder – ein paar Räume weiter, in den Keller nebenan, wo meine Aquarien stehen, in denen Fische hausen, zu deren Beleuchtung all diese Konstruktionen dienen. Alles aufgebaut, passt, funktioniert, atombombensicher von Herrn Haberl verschraubt. Sollte die Anatomie je einstürzen, sollte je eine Tsunami meine Aquarien durchpflügen: Haberls Schraubungen werden’s überstehen.

Dann kommt Herr Haberl dazu, guckt sich den fertigen Aufbau an (den Bauch etwas mehr als sonst nach vorne gestreckt, die Hände darüber gekreuzt, über’s ganze Gesicht strahlend) und sagt: “Hoschemaa, des hawwe mer awwer gut gemacht.” Ich sag: “Ja, und vielen Dank, des hätt’ ich ohne Sie nie hingekriegt!”, und dann strahlt er noch ein bisschen mehr, und dann gleich noch ein wenig mehr, denn aus seinem Labyrinth schellt ein Wecker, was heisst, dass er Feierabend hat.

Ich werd’ ihn sehr vermissen, wenn er nächstes Jahr in Rente geht.
 

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

11 Kommentare

  1. Die wunderbare Welt des Herrn Haberl

    Seufz! Ach ja…Eine herrliche Geschichte. Wer beim Lesen dieser Geschichte nicht schmunzelt, lacht oder zustimmend nickt, mit dem kann was nicht stimmen.

  2. @ Dramiga @Bolt

    Danke.

    Die Geschichte ist (und ich glaube, dass das die besten Stories sind) bis in die kleinen Details einfach wahr. Nichts dazu erfunden. Es war einfach so.

  3. Eine fantastische Geschichte – ich habe gelacht, geschmunzelt und war gerührt, alles dabei. So muss das sein 😉

  4. !

    Helmut, Du bist einfach ein begnadeter Erzähler! Habe beim Lesen völlig vergessen, mit was ich vorher beschäftigt war.

    Beste Grüße von Harald Grunsky

  5. @ Mo Yan – Nachfolger

    Ihre Geschichten: Genial! Äußerst facettenreich und immer sowohl mit profunden Fach- als auch mit intimen Milieukenntnissen aufwartend. – Im gleichen Stil verfasst, hat mir auch Ihre unlängst veröffentlichte Kurzgeschichte vom depressiven Bakteriologen sehr imponiert, die den gewogenen Mitlesern, wie ich meine, hier nicht vorenthalten werden sollte – um diesen eine weitere “fantastische Viertelstunde” zu ermöglichen – Ihr Einverständnis vorausgesetzt:

    https://newsmagazin.puls.med.uni-frankfurt.de/wp/?p=6107

  6. Danke für diese wunderbare Geschichte. Aber eine Frage hab ich: Nachdem “de Hoschemaa” jetzt schon einige Jahre nicht mehr am Institut ist, steht’s noch? 🙂

  7. Das Hirn und das Semikolon

    Helmut Wicht schrieb (11. Dezember 2012, 09:13):
    > Das ist eine alte Geschichte, all das, was hier geschildert wird, ist schon sechs oder sieben Jahre her.

    > […] Aber es gibt Tage im öffentlichen Dienst, da gehört man nicht bezahlt, es gibt Tage, die sind so schön, dass man eigentlich dafür bezahlen sollte.

    Guggesemaa …

    p.s.

    > […] wenn man die Diodenfelder schön rechtwinklig und in gleichen Abständen aufsetzen möchte.
    Das berührt auch eine andere schon etwas zurückliegende Geschichte.
    Eine Kommentarfunktion fehlt hier zwar offenbar immer noch; wenigstens besteht so Gelegenheit, nochmals “∠” (“∠”) und ” ” (“∠”) und ” ” (copy-and-paste des “Winkel“-Symbols aus http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_XML_and_HTML_character_entity_references) auszuprobieren und zu dokumentieren …

  8. Wunnerbar Geschischtsche, Helmuud!

    Und was macht ihr jetzt, da Herr Haberl nicht mehr bei euch arbeitet? Musst du heutzutage gerade pfuschen, anstatt schief zu schrauben, wenn du deinen Fischen einmal wieder eine Belichtungsanlage bauen willst?

  9. @ Kommentatoren

    Nochmals danke für die Rückmeldungen.

    Die Anatomie steht noch – aber die Hausmeisterstelle wurde in der Tat wegrationalisiert, und die Substanz leidet entsprechend. Die Instandhaltung wird jetzt “zentral” von einer out-gesourcten Service Agentur gemacht – d.h., alles dauert ewig (wenn überhaupt) und mein Wissenschaftsgebastel mach’ ich jetzt privat in meiner Motorradwerkstatt.

    Das mit den Semikola will ich beherzigen; meine Sätze in der Tat zu lang; ich sollte sie stärker gliedern.

  10. Rüpelei

    Als ich mit den Schrauben wiederkomme, sagt er: “Des is’ M6!”

    “Eben. Der natürlichen Ordnung gemäß ist der gemeine, dabei durchaus sympathische Arbeiter nach Jahren im Institut selbstverständlich noch zu blöd, bohrt wahllos Löcher von unbestimmter Größe und hat einfach das scharfe Auge nicht, um das selbst zu merken. Da muß erst der sich duzen lassende Herr Akademiker kommen, mit seiner aufdringlichen, unechten Volkstümelei, immer ganz leise ironisch von oben herab – vielleicht ohne es zu beabsichtigen, auf jeden Fall ohne es zu merken. Selbst geneigte Leser empfinden es als anmaßend und unangemessen, dass der Autor dieser Geschichte damit herumposaunt, dass ihm “der Herr Haberl” (anstatt einfach Herr Haberl) manchmal sehr leid tue. Man selbst hat es ja so dick getroffen, oder was? Das gehört nicht in ein dutzendfach gelesenes Blog, vorausgesetzt, es gäbe einen Herrn Haberl wirklich. Einer Kunstfigur kann man selbstverständlich beliebig viel zumuten, aber wer weiß, ob dieser Herr Haberl nicht tatsächlich lebt, um sich derlei ausgesetzt fühlen zu müssen. […]”

    Diese unfaire, geradezu rüpelhafte Besprechung habe ich in einer japanischen Lokalzeitung gelesen und gleich eine Klarstellung dazu getweetet. Denn auch ich bin hier, um in das allgemeine Lob einzustimmen. Eine anrührende Geschichte, erinnert mich an Anna Karenina (als der Großgrundbesitzer Ljewin gemeinsam mit den Arbeitern die Wiesen mäht und dabei ganz ins Schwärmen gerät) und passt somit treffend und gut in die Zeit des Advents.

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