Das Substrat der Schönheit

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Einleitung

Ein Auftrags-Blogbeitrag, ich geb’s ja zu. Weil im jüngsten Heft von "Gehirn und Geist" ein Aufsatz über plastische Chirurgie ist. "Machst Du einen Nachschlag?", hat der Lars Fischer von der Redaktion gefragt. "Für fette Kohle mach’ ich alles!", hab’ ich gesagt. "Nix da", antwortete Lars, "keinen Cent!". "Dann schreib’ ich aber, was mir gerade so einfällt, ohne Rücksicht auf irgendwelche Fettnäpfe!", drohte ich. "Das machst Du doch eh’ immer", sagte Lars und hatte gewonnen.

Der Anatom und das Fett

Das Verhältnis des Anatomen – des männlichen zumal – zum Fett ist gespalten.

Freilich gilt auch für ihn das (Apo)diktum, das der derbe Hofrat Dr. Behrens aus Thomas Manns "Zauberberg" über das Fettgewebe aussprach – dass nämlich das Fettgewebe speziell an Frauen überall da sei, wo für Herz und Hand etwas geboten werde. Das Fettgewebe ist, mit anderen Worten, der Träger jener Aspekte der Schönheit, die man zugleich auch gerne befingert.

Zugegeben – die gegenseitige Befingerung erstreckt sich auch auf Gegenden des Leibes, die nun so gut wie gar kein Fettgewebe besitzen.

Meine Herren, ich weiss nicht, ob es zu Ihrem Seelenfrieden beiträgt, aber ihr Membrum virile ist (neben ihrem Gehirn, das in dieser Hinsicht jenem Membrum gleicht) eines der ganz wenigen Organe, an denen Sie kaum ein Gramm Fettgewebe finden. Da können Sie sich einen Ranzen anfressen, Sie können schlemmen, bis alle Muskeln, samt dem Herzen, verfetten: Der Schniedel bleibt schlank. Jawohlja.

Allerdings ist der männliche Penis, ist die Vulva der Frau (auch hier fehlt in den Labia minora und der Clitoris das Fettgewebe), allerdings sind das nun nicht gerade Organe, die man als "schön" bezeichnen würde. "Geil" ist hier das bessere Wort, womit wir auch gleich den Unterschied zwischen Erotik und Pornographie dingfest gemacht hätten. "Schönheit" spielt sich anderswo ab. Am Hintern, in Gesichtern, Augen, an Brüsten, Beinen, Bäuchen, Lenden, Händen – und da ist immer das Fettgewebe mit von der Partie. Selbst wenn wir das fettlose Geile befingern, tun wir das vermittels des Fettgewebes: Die Tastballen unserer Fingerkuppen bestehen daraus.

Das Fettgewebe von dem ich hier rede, das Ranzen rundet, Brüste quellen und Gesässe schwellen lässt, das Backen plustert, Schösse schmiegsam und Fingerkuppen zärtlich macht – das nennen die Anatomen das "subcutane Fettgewebe", das "Unterhautfettgewebe", oder den "Panniculus adiposus".

"Adiposus" heisst: "fettig". "Panniculus" ist ein Diminuitiv von "pannus", und das heisst: "der Lappen, der Umhang, der (schäbige) Lumpen, das ärmliche Kleid." Hat man einem (normal genährten) Menschen die Lederhaut abgezogen (also das, was man gerben würde, wäre man Gerber und nicht Anatom), dann sieht man nicht gleich Muskeln, Sehnen, Knochen, Bänder, sondern erstmal eine wechselnd dicke Schicht von gelblichem Fett, die den Körper wie ein Strumpf umhüllt. Ein Strumpf doch, der mancherorts Löcher hat: An den Genitalien, an Hand- und Fussrücken, und über dem Schienbein fehlt das Fettgewebe. Andernorts (Brüste, Gesäss, Lende, Oberschenkel, Bauch) kann es zentimeter-, ja dezimeterdick sein. In der Lendengegend zum Beispiel ist die fettige Unterlage der Haut selbst bei schlanken, keineswegs übergewichtigen Menschen etliche Zentimeter stark. Im Falle der dickeren Fälle haben die Angelsachsen für das Fett in jener Region, das dann die Flanken des Leibes zur Seite sich ausbeulen lässt, den hübschen Ausdruck "love-handles" gefunden. Wieder ‘was zum dran festhalten…mit anderen Worten: das Fettgewebe ist im wahrsten Sinne des Wortes "das Substrat" ("Substratum": "Unterlage"/"untere Schicht") der Schönheit. Oder ihrer Abwesenheit.

Mensch (Mann) quer, knapp unterhalb des Beckens. Das gelbe Gewebe unter der Körperoberfläche ist der Panniculus adiposus. Die Vorderseite ist, wie man unschwer erkennt, oben. Beachten Sie die Abwesenheit des subcutanen Fettgewebes an der Pars pendula penis. Aus dem "Visible Human Project".

Das Verhältnis des Anatomen zum Fett ist insofern gespalten, als er es loswerden muss. Der (normale) Chirurg, auf seinem Weg zu den Organen, hat’s leicht: der spaltet das Fett. Der Anatom – darin dem kosmetischen Chirurgen nicht unähnlich – muss es grossflächig abtragen, dabei aber diverse delikate Strukturen (Blutgefässe, Nerven), die sich darin verbergen, heile lassen. Das ist kein schöner Job. Das dauert. Eine vollschlanke Leiche aus ihrem Panniculus adiposus zu pellen, wirklich alles allüberall abzutragen (auch in den delikaten, "kleinteiligen" Regionen: Hände, Füsse, Gesichter, Achselhöhlen, Hälse) – da gehen ein oder zwei ganze Arbeitswochen drauf.

Diverse fettige Schnurren vom Präparierkurs

Langweilige Wochen. "Fettkratzen" nennen die Studenten diesen Auftakt-Ritus des Präparierkurses, langweilig deshalb, weil die "spannenden" Dinge (grosse Nerven, Muskeln, Blutgefässe, Gelenke, Innereien) sich erstmal dem Auge entziehen. Schichtweise, nicht mit raschen Schnitten wollen die Anatomen in die Tiefe, und erstmal ist da nur Fett, Fett, Fett.

Und dann, damit’s nicht langweilig wird, erzählt der Anatom seinen Studenten Schnurren vom Fett, derweil man sich durch den Panniculus wühlt. Zum Beispiel, wenn man grade an weiblichen Brüsten und Gesässen ist, jene aus dem "Zauberberg", die bei der männlichen Studentenschaft Heiterkeit auslöst. Die sich dann aber meist legt, wenn die Herren zugucken, wie eine Kommilitonin einen Penis häutet.

Und sowieso ist "Fettkratzen" das falsche Wort und die falsche Vorgehensweise. Das versuchen die Studenten nämlich anfangs stets: Das Skalpell wie einen Schaber zu verwenden. Das gibt aber eine Riesensauerei. Man darf sich diesen Panniculus adiposus nämlich nicht wie eine wechselnd dicke Butterschicht vorstellen, die sozusagen auf den Leib "aufgespachtelt" wäre – das Fettgewebe ist, anders als Butter, nicht spachtelbar. Es ist zunächst ziemlich fest, besteht aus lauter rosinen- bis hirsekorngrossen Klümpchen. Die wiederum bestehen jeweils aus abertausenden von (mikroskopisch kleinen) Fettzellen, die von Bindegewebskapseln zu ebenjenen Hirsekörnen und Rosinen zusammengesäckelt werden. Jede Fettzellen trägt in ihrem Inneren einen Tropfen (flüssigen, öligen) Fettes – ja, eigentlich sind ist sie ihrerseits nur ein hauchdünner "Zellmembransack", der diesen Fetttropfen umhüllt.

Die feineren, kleineren, hirsekorngrossen Fettbeutelchen findet man da, wo das Fett auch mechanische Funktionen (Druckpolster) hat: An Fusssohlen und in Handflächen. Man nennt das "Baufett". Das "Depotfett" (am Rumpf) besteht aus den grösseren Klümpchen. Und wenn man nun im Fettgewebe mit dem Skalpell kratzt und schiebt und drängt (statt zu schneiden und zu trennen), dann gibt das eine ziemliche Sauerei. Man zermatscht die Fettklümpchen, bringt die Fettzellen zum Platzen, kurz, es ist, als ob man Trauben kelterte – das Bindegewebe wird zum Trester, und überall läuft der Saft. Nur ist es kein Most, kein Wein, sondern eine ölige Schmiere, die Werkzeuge, Präpariertische, Hände, Schutzkittel, Schuhe und endlich auch den Fussboden überzieht. "Alles fliesst", sagte Heraklit. Im Präparierkurs ist das die Phase, wo alles glitscht. Die Pinzette aus der Hand, der Schuh auf dem Boden. Weswegen der Anatom darauf beharrt, dass das Fett abgeschnitten und nicht abgekratzt werden möge. Selbst dann aber gestaltet sich die Unternehmung noch schmierig-schwierig genug.

"Aber wenn ich schneide", sagt der ängstliche Student, "dann schneid’ ich ja womöglich irgendwelche Nerven und Gefässe durch, die da drin stecken.."

"Nicht, wenn Sie wissen, wo die verlaufen…", sagt der Anatom.

"Aber ich denk’, das soll ich hier erst lernen!", sagt der Student.

"Nee", sagt der Anatom, "das sollen Sie vorher schon gelernt haben und dann nachher mit dem Skalpell darstellen. Man präpariert nur, man sieht nur, was man schon weiss. Wir präparieren hier nicht explorativ, sondern demonstrativ!"

Worauf der Student typischerweise erstmal an der Anatomie verzweifelt, und das Skalpell sinken lässt, so dass sich der Anatom alleine durch die Fettschichten schnitzen muss, derweil die Studenten die Atlanten wälzen, um sich ein Bild davon zu verschaffen, was sich im Fett so alles verbirgt.

Den wenigen verbliebenen Studenten, die ihm dabei zugucken, erzählt der Anatom derweil davon, dass einem diese ganz schmierige Plage erspart geblieben wäre, hätte man Veterinärmedizin studiert. Oder wäre man statt als Mensch als Affe auf die Welt gekommen

Unverständnis.

"Na", sagt der Anatom, "haben Sie schon mal einen Hasen gehäutet? Oder eine Katze?"

Nein, haben sie nicht.

"Täten Sie’s tun", sagt der Anatom, "täten Sie merken, dass es ganz einfach ist. Kreisförmiger Schnitt einmal rund um den Rumpf, ratsch, Hosen nach hinten herunter, Fell nach vorne über die Ohren: Nackt. Sie gucken direkt auf die Muskeln. Kaum subcutanes Fett, kein Panniculus adiposus. Auch die grossen Affen haben das nicht. Menschen häuten – Sie haben’s ja gesehen – ist ein mühseliger Job. Fast überall ist die Haut via Fettgewebe ziemlich fest mit der Unterlage verbunden. Man kann sie nicht einfach ‘runterziehen. Man muss zum Messer greifen, die Lederhaut vom subcutanen Fettgewebe trennen. Und das dann separat abtragen. Und im übrigen: Sie brauchen ihre Katze, Ihren Hund gar nicht zu häuten, um zu dieser Einsicht zugelangen. Es reicht, wenn sie ihnen in den Nacken fassen – da können Sie die Haut einfach hochheben. Probier’n Sie das mal bei sich selbst- geht nicht, eben wegen des derben subcutanen Fettes. So’n dicker Blubber fast überall am Leib – den gibt’s nur bei Schweinen, bei Dachsen und … bei Walen und Robben und Menschen."

"Und was soll das?"

"Thermoregulation", sagt der Anatom. "Fett ist ein guter Isolator. Kennen Sie die ‘aquatic ape theory’, die Theorie vom Wasseraffen? Dass der Mensch, Homo sapiens, von wasserbewohnenden Affen abstamme, die sich eben deswegen diesen Blubber zulegten?"

Nein, kennen sie nicht, wollen auch gar nichts Näheres darüber wissen, weil’s nicht physikumsrelevant ist. Wollen auch gar nicht hören, dass hier, ja, hier an ihrer Heimatuniversität in Frankfurt der Prof. Friedemann Schrenk forscht, der Hominidenfossilien in der Nähe eines Sees, des Malawisees in Afrika gefunden hat, was darauf hindeutet, dass unsere Ahnen vielleicht nicht im, aber doch immerhin am Wasser gelebt haben. So’n Panniculus adiposus sei also praktisch, wenn man den ganzen Tag im Wasser steht und fischt, und Fisch sei ja – wegen der mehrfach ungesättigten Fettsäuren – sehr gesund, das wisse man ja (etc.p.p., endloses Gelaber, auch die letzten Studenten verdrücken sich an die Lehrbücher, denn aus dem Munde dieses Anatomen gibt’s heute nichts mehr zu hören, was auch nur entfernt den Anschein irgendwelcher Prüfungsrelevanz hätte).

Der Anatom und die Schönheit

Der Anatom ist mit sich, dem Skalpell und der Pinzette, seinem Präparat und seinen Gedanken alleine. Es ist die Leiche einer Frau. Er arbeitet an den Brüsten. Die Brustwarzen hatte er beim Häuten sorgfältig entlang des Warzenhofes umschnitten und auf der Unterlage stehen gelassen, so dass sie jetzt – welch alberne Reminiszenz an die Schönheit des intakten Organes – wie blödsinnige, viel zu kleine Zipfelmützchen auf den gelblichen Bergen aus rosinengrossen Fettklümpchen thronen.

Man macht das so. Weil die Brustwarze eine neurologische "Landmarke" ist, woran man die Studierenden erinnern will. Egal, wo die Warze im Laufe der Jahre hinrutscht – die Haut um sie herum wird stets vom 4. und 5. Nerven des Thorax versorgt. Der Stern der Schönheit mag sinken, das Dermatom – so nennt man so ein Innervationsgebiet – hält eisern die Stellung.

Das Warzenhütchen sieht sehr albern aus. Der Anatom schneidet es ab. Jetzt hat er einen nackten, unbehüteten Fettberg vor sich, und muss auf einmal an die Geschichte vom lüsternen Philosophen Rousseau denken, der, als er einer Jungfer an die Wäsche ging, plötzlich feststellte, dass einer ihrer Brüste die Warze fehlte, woraufhin ihn die Impotentia coeundi befiel. Nein, der Anblick wird nicht besser.

Der Anatom nimmt das grosse Messer und hebt den ganzen Berg an seiner Basis vom grossen Brustmuskel ab. Vorsichtig, es könnte ja ein Silikonkissen drin sein, nicht anschneiden, Silikonschmiere überall wäre unschön.

Es ist aber keines drin. Er wiegt den Fettberg nochmal in der Hand – ein Kilo? anderthalbe? – und expediert ihn dann in den grossen Eimer unter dem Tisch, in dem sich alles Abgeschnittene sammelt.

Als die Stundenten wiederkommen, sind beide Brüste ab und der Anatom gräbt schon unter dem Musculus pectoralis major den medialen Ästen der Arteria thoracoacromialis hinterher.

"Oh!", sagen die Studenten, "wo sind die Brüste?"

"Im Eimer", knurrt der Anatom.

Sie gucken hinein.

"Das sieht nicht schön aus, da in dem Eimer, mit all’ den Hautfetzen und Fettbrocken…", sagen sie.

"Nein", brummt der Anatom, "gewiss nicht. Aber wir sind hier auch nicht in der kosmetischen Chirurgie. Beauty is only skin deep, ugly goes clear to the bone. Schau’n Sie – man sieht schon die nackerten Rippen." Und klopft zur Bestätigung mit dem Griff des Skalpells auf eine kahle Rippe, dass es klackert.

"Jessas!", sagen die Studenten, " wie mies sind Sie denn heute drauf?"

"Mir hängt’s", sagt der Anatom, "zum Halse heraus, dass ich alles Schöne immer nur kaputt machen muss … und dabei noch nicht mal weiss, was das Schöne eigentlich ist. Klar, es gibt Theorien zu Hauf’, die evolutionäre Kognitionstheorie sagt, dass uns das Schöne anzöge, weil’s zugleich das Gesunde sei, weswegen wir vorteilhafter mit schönen Partnern Kinder zeugten, Schiller meint, dass das Schöne irgend so einen Nullpunkt der Kollision zwischen Form und Materie darstelle und setzt es auch noch mit der Freiheit in eines, Platon lässt den Sokrates in den Worten von Stesichoros behaupten, dass die Erkenntnis der Schönheit die Erinnerung der Seele an ihre eigene Göttlichkeit, oder doch zumindest an ihr ehemaliges Zusammensein mit den Göttern sei … und mir wird von alledem so dumm, als ginge mir ein Mühlrad im Kopfe herum. Und doch erkenne ich, jedesmal, wenn ich das Schöne sehe, es sofort, stehe aber geradezu ohnmächtig davor. Und dann – wenn ich Macht darüber gewinne, indem ich es zerlege, analysiere – mache ich es kaputt.

Absurder Schluss

"Wer ist Stesichoros?", fragt eine auffällig schöne Studentin.

"Ein Dichter, den die Götter erblinden liessen, weil er die Schönheit Helenens schmähte", sagt der Anatom und schaut sie dabei etwa so an, wie man die entschleierte Isis in Sais anschauen würde.

"Was für eine Helene?", fragt ein Student.

"Die schöne Helene von Paris", sagt der Anatom.

"Oh lala, Paris, l’amour..", sagt der Student.

"Oh, non, non, ‘älän, die schöne ‘ällänin!", sagt der Anatom.

Unverständnis.

"Da", sagt der Anatom und zieht unerwartet einen Apfel aus der Kitteltasche, den er dem Studenten in die Hand drückt, "da, nehmen Sie ihn und geben Sie ihn der schönsten Kommilitonin hier auf dem Kurs…"

Dann wendet er sich gruss- und wortlos ab, verschwindet vom Präpkurs, und ist sehr erleichtert. Denn der Kurs, das sagt ihm eine innere Stimme, wird für die nächsten zehn Jahre nicht mehr stattfinden. Für die nächsten zehn Jahre wird er nichts Schönes mehr zerschneiden müssen, nicht mehr im Fett graben müssen – statt dessen kann er sich vielleicht als Kriegsberichtserstatter profilieren. Denn Schönheit ist auch ein Kriegsgrund.

Abends betrinkt er sich.

Und hört, wie jemand "Homer, Homer!", ruft. Geschmeichelt geht er dem Ruf nach, und findet in der Küche seine Frau, die allerdings "Komm her, komm her!" gerufen hatte, weil er beim Abwasch helfen sollte.

Er wäscht ab, sehr fettige Pfannen, spült rasch und schlampig und will gleich wieder weg.

"Komm her – bist Du blind?", sagt seine Frau und weist auf die klebrigen Pfannen.

Ihm wird schwarz vor Augen und er fällt in Ohnmacht, eine schwarz umnachtete Ohnmacht, reine, nichtige, erlösende Düsternis, ganz anders als die Ohnmacht, die er stets empfand, wenn er das Schöne sah.

Quellen/weiterführende Literatur:

beliebiges Lehrbuch der Anatomie

Thomas Mann: Der Zauberberg

Timothy G. Bromage, Friedemann Schrenk and Frans W. Zonneveld (1995): Paleoanthropology of the Malawi Rift: An early hominid mandible from the Chiwondo Beds, northern Malawi. Journal of Human Evolution, January 1995, 71-108

UMF of America

Friedrich Schiller: Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen

Friedrich Schiller: Das verschleierte Bild zu Sais

Novalis: Die Lehrlinge zu Sais

Platon: Phaidros-Dialog

Homer: Ilias/Odyssee

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

21 Kommentare

  1. fettes Schwein

    So’n dicker Blubber fast überall am Leib – den gibt’s nur bei Schweinen, bei Dachsen und … bei Walen und Robben und Menschen.”

    Bei Haus- und Wildschweinen gleichermaßen? Oder nur beim Hausschwein, weil es kein Fell mehr hat? Wenn es am Fell liegt, warum hat dann der Dachs Fett?

  2. @ Arvid

    …danke.
    Ich hoffe, man hat gemerkt, dass der Schluss ein verschlüsselter Ausdruck der Hilf-/Ratlosigkeit angeichts des Phänomens der Schönheit sein soll.

  3. Schluß

    Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen. Es gibt zuviele Richtungen, wohin man das hätte interpretieren können. Zumindest geht es mir dabei so.

  4. Schweinerei

    Was sagt denn Dein geübert Blick zu diesen Bildern

    Ich denke, ich bin der wahre Ästhet. Habe es nun nur mit den Schweinen. 😉 Ich frage mich nur, wie Du das machst. Ständig die Schönheit mit dem Skalpell zerstören. Hat das kein Empfinden darauf, wenn Du einer Schönheit begegnest? Wohl nicht, was Du früher schon kommentiert hast.

  5. @Helmut: mal was anderes

    Irgendwie denk ich mir, daß Analytiker und Anatomen sich zusammen hervorragend die Rüstung zuschütten können müßten: So adipös der Denkdämon zwischen den Ohren auch sein mag, der harte Kern des Analysans, der am Ende übrig bleibt, hinterläßt überall den gleichen trüben Nachgeschmack eines kahlen Februarmorgens und nur die Geschichte des Zerlegens läßt den Geist in Wirbel geraten. 😉

    Allerdings bin ich mir auch nicht sicher, ob, was wir an Menschen körperlich anziehend finden, etwas mit Schönheit zu tun hat: Ob die Schönheit eines Gesichtes oder Busens die abgeleitete (epistemische) Metapher ist oder die einer Geste, eines Satzes oder einer Bildes – das ist noch nicht entschieden.

    …. aber es ist das eigentlich interessante Problem, finde ich.

  6. @ Diederichs

    “der harte Kern des Analysans, der am Ende übrig bleibt, hinterläßt überall den gleichen trüben Nachgeschmack”

    In der Hoffnung, dass ich diesen Satz recht interpretiere, möchte ich zustimmen. Ich rang lange mit dem Schluss des Aufsatzes da oben – ich wollte am Ende etwas Kluges über die Schönheit sagen, aber mir fiel nichts ein. Ergo floh ich in die Absurdität und in’s Mythologische.

    Ich weiss, ich komme schon wieder auf dünnes Eis .. aber wenn es darum geht, zu beschreiben, wie es sich ANFÜHLT, dem Schönen gegenüber zu stehen, dann find’ ich des Stesichoros Göttergeschichte gar nicht so schlecht. Nicht dass ich einen Gottesbeweis oder einen der platonischen “Idee” daraus stricken wollte, bewahre.

    Nein, da schwingt nur – bei Betrachtung des Schönen – so ein Moment von “Ungeheuerlichkeit” mit, das, so denke ich, ich auch empfände, wenn ich einer Gottheit angesichtig würde.

    Womöglich ist das, was ich die “Ungeheuerlichkeit” nenne, das, was Du mit dem “harten Kern” meinst.

  7. @ Huhn

    ..aus den Schweinebildern werd’ ich nicht schlau, kann nicht entscheiden/erkennen, ob Wildschweine einen Panniculus adiposus haben. Und ob das Vorkommen stets oder manchmal mit dem Fehlen/Vorhandensein des Haarkleides korreliert – das weiss ich auch nicht. Sorry.

    Ich sollte, wenn ich von “Schönheit” rede, eigentlich auch nicht von “dem Anatomen” reden. Es gibt unter uns sicherlich ebensoviele Banausen wie anderswo, die, träte ihnen Helena entgegen, nur das Weib und nicht das Schöne sähen.

    Ich sollte von mir reden. Und von mir kann ich sagen: ja. Der dauernde Aufenthalt im Spannungsfeld zwischen (meist wenig schönen) Leichen, dem Tod (den sie verkörpern), dem professionell geschulten Blick für Details der Leiblichkeit (das ist mein Beruf), den schönen jungen Menschen (Frauen _ und_ Männer), die einen umgeben (auch das ist mein Beruf), hat meinen Blick für Schönheit geschärft. Ich könnte Dir ad hoc eine detaillierte Liste von anatomischen Einzelheiten herunterklappern, aus denen ich mir MEINE Helena zusammenbasteln würde.

    Ach, Pygmalion wär’ ich gern, aber Anatom bin ich. Kurz und klein muss ich alles schneiden.

  8. @Helmut: Wo geht’s denn da zum Horizont?

    Auf was ich hinaus will ist folgendes:

    Du trennst ja selbst körperliche Attraktivität von Schönheit – was sicher richtig ist. Über Schönheit unter dieser Bedingung aber nichts Verbindliches sagen zu können, könnte aber schon der wesentliche Hinweis sein.

    Schönheit von Gesichtern ist zweifellos graduell: Der eine ist schöner als der andere. Unsere Wünsche sind das nicht: Ein schöner Regenspaziergang wird nicht dadurch besser, daß man es 15h lang tut.

    Wenn also Schönheit nichts mit Objekteigenschaften oder Wirkungen des Objektes für einen Betrachter zur Folge hat (siehe meine posts), dann vielleicht mit der Rolle, die attraktive Gesichter in der Geschichte erzählt, die von der Erfüllung unserer Wünsche handelt.

    Denn:

    1.) Diese Rolle kann besser oder schlechter von einer Person ausgefüllt werden.
    2.) Diese Geschichten sind nicht beliebig, so daß wir einen großen Konsens zwischen den Wünsche in Bezug auf Personen hegenden Akteuren finden können.
    3.) Wissen über diese Geschichten spielt für Selbstbestimmung eine zentrale Rolle und das ist notorisch knapp (siehe meine posts).

    Wenn wir nun nicht einfach glauben können, was wir wollen (siehe mein post), sondern 1.)-3.) gilt, dann ist die Schönheit von Personen so individuell wie das eigene Wissen über die Wege der Erfüllung der eigenen Träume und Wünsche: Schönheit ist nicht realisiert in den körperlichen Merkmalen sondern hat eine funktionale Erklärung, die invariant ist gegenüber individuellem Geschmack.

    Eine funktionale Erklärung von Schönheit zu geben, würde auch erklären, wie es möglich ist, daß wir körperlich unattraktive Menschen, nach längerem Kennenlernen doch schön finden können.

    Die systematische Folge ist, das Schönheit von Artefakten z.B. Kunstwerken der basale Begriff ist und Schönheit von Personen parasitär und abgeleitet.

    Habe ich meine Idee verständlich ausgedrückt?

    “aber wenn es darum geht, zu beschreiben, wie es sich ANFÜHLT, dem Schönen gegenüber zu stehen,”

    Zu wissen, daß man einen unangenehmen Zahnarzttermin vor oder hinter sich hat, fühlt sich auch an. Gefühle zu haben, ist daher eher ein Begleitzustand – ist meine Vermutung. 🙂

    >so ein Moment von “Ungeheuerlichkeit” mit,
    Ich würde von einem Teleskop-Effekt sprechen: An was du gar nicht mehr gedacht hast, wird dir angesichts der Elfe im blutigen Kittel vor dir, instantan und zum Greifen nahe ins Zentrum deiner Aufmerksamkeit gerückt.

    >was Du mit dem “harten Kern” meinst.
    Das da oben ist mein harter Kern – der aber schon etwas variabel ist.

    Bin gespannt, was du damit machst. 🙂

  9. @ Diederichs

    “Habe ich meine Idee verständlich ausgedrückt?”

    Ich habe manches nicht verstanden. Das hier (Zitat folgt) schon grammatisch nicht:

    “Wenn also Schönheit nichts mit Objekteigenschaften oder Wirkungen des Objektes für einen Betrachter zur Folge hat (siehe meine posts), dann vielleicht mit der Rolle, die attraktive Gesichter in der Geschichte erzählt, die von der Erfüllung unserer Wünsche handelt.”

    Ehrlich – ich WILL es verstehen, kann es aber nicht. Deine Sprache entzieht sich mir, ich weiss nicht, was Du sagen willst.

    “Eine funktionale Erklärung von Schönheit zu geben, würde auch erklären, wie es möglich ist, daß wir körperlich unattraktive Menschen, nach längerem Kennenlernen doch schön finden können.”

    Das kann ich – vor meinem Erfahrungshorizont als alter Knacker, aber eben auch nur vor _meinem_ Horizont – nicht nachvollziehen. Ich hab’ mal eine Frau verlassen, nur weil ich Ihren Körper nicht schön fand, wiewohl sie (verzeih’ den platten Dualismus) die schönste/mir geneigteste Seele hatte, die mir je unterkam. Ich hätte in der Seele dieser Frau mich begraben lassen sollen – gab sie aber hin. Und schäme mich dessen. Aber ich konnte von der Schönheit der Körper nicht absehen.

    “Die systematische Folge ist, das Schönheit von Artefakten z.B. Kunstwerken der basale Begriff ist und Schönheit von Personen parasitär und abgeleitet.”

    Ach, Elmar — ist Dir wirklich niemals eine Frau begegnet, die aus sich selbst heraus so schön war, dass die Ableitung jedes Begriffes von Schönheit, ausser aus ihr selbst heraus, Dir wie eine Albernheit erschienen wäre?

    (Bin für ein paar Tage in der schönen Schweiz, kann keien Antworten geben)

  10. @Helmut: Antwort 1

    “Ich hab’ mal eine Frau verlassen, nur weil ich Ihren Körper nicht schön fand, wiewohl sie (verzeih’ den platten Dualismus) die schönste/mir geneigteste Seele hatte, die mir je unterkam.”

    Hab ich verstanden. Aber die Pointe meines Vorschlag ist, daß ich würde in diesem Fall nicht von der Schönheit des Körpers, sondern seiner Ebenmäßigkeit (oder was weiß ich) reden würde. 🙂

    “ist Dir wirklich niemals eine Frau begegnet, die aus sich selbst heraus so schön war, dass die Ableitung jedes Begriffes von Schönheit, ausser aus ihr selbst heraus, Dir wie eine Albernheit erschienen wäre?”

    Selbst wenn es so war – warum sollte sich meine Begeisterung und meine Interesse an der Sache ausschließen? Das sind doch nur romantische Vorurteile – platt und wenig glaubhaft.

  11. Das zweite Buch der Poetik

    Ich habe mir gerade das Literaturverzeichnis zu deinem Artikel angesehen und glaube Du hast uns was unterschlagen 😉

    Das zweite Buch der Poetik von Aristoteles, welches lange als verschollen galt und die Komödie behandelt, ist auch in deinem Besitz. Gib es zu!

  12. @ Dramiga

    Besässe ich diese Poetik, so könnt’ ich sicher besser schreiben. Da ich sie nicht besitze, bleibt mir nur, mich beim Laudator zu bedanken.

  13. @Helmut: Antwort 2

    Ich wollte noch mal den Punkt de funktionalen Erklärung der Schönheit aufgreifen – im Unterschied zum Substrat der Schönheit:

    Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann siehst du Schönheit in Dingen, z.B. Körpern realisiert durch (nicht unbedingt aufdringlich ins Auge springende) Eigenschaften. Deshalb heißt das Ganze ja auch “Substrat der Schönheit”.

    Wählt man hingegen den Weg der funktionalen Erklärung in der Ästhetik, dann gibt man den Anspruch auf, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, was an dem Ding es ist, daß das Ding (die Substanz) schön macht. Stattdessen fragt man bei einer funktionalen Erklärung nur noch danach, wie es da Ding unter bestimmten Bedingungen anstellt, schön gefunden zu werden. Und wenn diese Erklärung mit den Eigenschaften des Dings gegenben wird, dann wollen wir diese Erklärung zusätzlich naturalistisch nennen: Ein Ding ist nicht mehr schön, sondern wird nur nach als schön verstanden. Denn funktionale Erklärungen werden im übertragenen Sinne in die Welt hineininterpretiert.

    Mein Vorschlag läuft gerade auf den Übergang vom – salopp formuliert – Substanzparadigma zum funktionalen Paradigma hinaus: Die Schönheit eines Dings besteht darin, daß sie eine bestimmte Rolle bei der Erfüllung unserer Träume ausfüllen. Eine Frau, die dir gefällt, wird zusätzlich schön, weil du Träume hast und in diesem Sinne ihr Schönheit beimißt, indem du in ihr nicht nur eine dekorative Nebenrolle sondern eine Akteur erkennt, der fähig sein könnte, wahr zu machen, was du ersehnst.

    Und schon ist die Sache mit der Schönheit kein Rätsel mehr. 🙂

    Macht das meine vorherigen Kommentare klarer?

  14. @ Elmar, funktionale Interpretation

    Ich war über Weihnachten weg, sorry.

    Können wir uns vorderhand drauf einigen, dass wir über Schönheit von Leibern, insbesondere weiblichen, reden wollen?

    Ich bin ja sofort bereit, zuzugeben, dass es funktionale Erklärungen von Schönheit gibt. Ich hab’ doch oben im Text die biologistische Erklärung vom Selektionsvorteil der Schönheit angeführt. Und auch Deiner funktionalen Erklärung würde ich zustimmen – schon deshalb, weil da etwas drinsteckt, worüber wir uns schon mal gestritten haben, im Zuge der unseligen Metaphern-Debatte …

    Wenn ich Dich diesmal recht verstanden habe, willst du Schönheit nicht “substantiell”, sondern “relational” fassen. Der schöne Leib einer Frau ist insofern schön, als er eine Rolle in meinen Träumen von Schönheit spielt. Ei freilich, auch dem stimme ich zu.

    Trotzdem bleibt mir manches rätselhaft – für mein Empfinden ist da an der Schönheit tatsächlich noch etwas anderes, was bei Schiller und Plato seinen Ausdruck sucht..

    Um _eine_ Verrätselung aufzulösen bzw. einen Quell von Missverstädnissen auszutrocknen: der Titel “Substrat der Schönheit” bezog sich wirklich nur auf’s Fettgewebe, das – anatomisch gesehen – eben gleich unter der schönen Oberfläche liegt. Das Fett selbst ist alles andere als schön und meinem Empfinden nach auch nicht die “Substanz” der Schönheit.

    Auf die Gefahr hin, mich philosophisch lächerlich zu machen … ich würd’ gern mal folgenden Gedanken/folgende Frage ausprobieren, um mich dem “rästelhaften Rest”, von dem ich oben schrieb, zu nähern:

    Die funktionale Rolle der Schönheit (sei sie biologistisch, sei sie Verkörperung meiner Träume) wird zugegeben. Ich gebe auch gerne zu, dass die Schönheit nichts “Substanzielles” hat, will nicht behaupten, dass es eine “Platonsche Ideenschau” sei, die man betreibt, wenn man das/die Schöne schaut.

    Dennoch bleibt etwas Irreduzibles. Ich sehe eine schöne, junge Frau. Ich sehe ein Gemälde einer schönen, jungen Frau, meinetwegen dieses:

    http://tinyurl.com/33s6ean

    (Exkurs: nächste Woche fahr’ ich nach Paris, im Musee d’Orsay ist eine Gerome-Retrospektive – vermutlich komm’ ich mit einer Schönheitsvergiftung zurück..)

    Ich seh’ diese Leiber, echte und gemalte. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich sie nicht haben kann, weil ich ein alter Knacker bin und/oder, weil die Mädels nur gemalt sind. Ich bin mir vollständig darüber im Klaren, dass ich diese Erscheinungen, die echte Frau oder die auf dem Bild, als Projektionsfläche verwende, dass sie gewisse funktionale “Rollen” in meinem Seelenhaushalt spielen.

    Aber das entzaubert sie mir nicht. Ganz im Gegenteil. Vielleicht deshalb nicht, weil die Rolle, die ich ihnen zumesse, die Funktion, mit deren Hilfe ich sie mir erklären soll, nichts weiter ist als die Verkörperung der Sehnsucht nach etwas Irreduziblem, Unhintergehbarem.

  15. @Helmut: Begründungskosten

    >Können wir uns vorderhand drauf einigen,
    >dass wir über Schönheit von Leibern,
    >insbesondere weiblichen, reden wollen?

    Gegen dieses Beispiel ist nichts einzuwenden.

    “Wenn ich Dich diesmal recht verstanden habe, willst du Schönheit nicht “substantiell”, sondern “relational” fassen.”

    So könnte man es formulieren: Ein Vorschlag, der – würde man ihn ausformulieren – Vieles am Rätsel der Schönheit einfacher machen würde.

    Dennoch bleibt etwas Irreduzibles.

    “Ich seh’ diese Leiber, echte und gemalte. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich sie nicht haben kann… Aber das entzaubert sie mir nicht.”

    Ja, sicher. Aber ist das wirklich ein Problem, wenn man eine funktionale Erklärung von Schönheit einmal annehmen will? Denn Wünsche, Wünsche zu haben, erwirbt man z.B. indem man Geschichte hört, selbst ließt oder in Filmen sieht, die Wünsche nach etwas in Situationen, die man selbst durchlebt. Nun mag es ja sein, daß du die Erfüllung dieser Wünsche aus irgendeinem Grund ungünstig beurteilst. Aber nichtsdestoweniger hegst du sie, denn Sehnsucht ist ein seit Jahrtausenden bekanntes Phänomen.

    “Vielleicht deshalb nicht, weil die Rolle, die ich ihnen zumesse, die Funktion, mit deren Hilfe ich sie mir erklären soll, nichts weiter ist als die Verkörperung der Sehnsucht nach etwas Irreduziblem, Unhintergehbarem.”

    So vollkommen klar ist mir noch nicht, “wieso und wofür du das Irreduzible hier brauchst”, aber ich hätte einen Vorschlag: Zweifellos sind Wünsche auf etwas gerichtet und wir wollen annehmen, daß sich die These der funktionalen Erklärung von Schönheit mit einem akzeptablen Sinn füllen läßt. Dann müssen wir nur noch zugeben, daß man Wünsche hegen kann, ohne zu wissen, was gewünscht wird, weil wir nur eine ungefähre Vorstellung davon brauchen (um die hegen zu können), unter welchen Umständen wir sie erfüllen könnten. In diesem Sinne wäre Wünsche nicht zu hebende Schätze der Seele, sondern echte Fragmente.

    Wenn wir all das einmal zugeben wollen, dann können wir folgendes sagen: Ein Frau ist schön, insofern du ihr eine bestimmte Rolle bei der Erfüllung gewisser Träume und Wünsche zumißt unabhängig davon, wie günstig du deren Erfüllung beurteilst. Zwar hast du eine Vorstellung, wie Erfüllung in mindestens einem Fall eintreten könnte, aber das beantwortet nicht die Frage, welches x genau gewünscht wird oder inwiefern, als was (unter welcher Beschreibung) du x für sich (ganz individuell) herbeisehnst.

    Letzteres verleitet dich dazu, von Irrediziblem zu sprechen.

    Soweit mein Vorschlag – wofür ich natürlich argumentieren müßte, was ich aber im Moment nicht kann. Aber es geht ja auch gegenwärtig nur darum, deine Intuition zu reformulieren zu möglichst niedrigen “Begründungskosten”. Haben wir deine Intuition erstmal eingefangen, kann man systematisch darüber nachdenken.

  16. @ Diederichs

    “Aber es geht ja auch gegenwärtig nur darum, deine Intuition zu reformulieren zu möglichst niedrigen “Begründungskosten”.”

    Ist das “Ockham’s Razor”? Ich wäre zögerlich, ihn hier anzusetzen, oder besser gesagt: ich verstehe nicht, inwiefern die Rasur hilfreich sein soll. Vom “Wesen” der Schönheit wollen wir ja nicht mehr reden, sondern von ihrer “funktionalen/relationalen” Rolle. Einverstanden, ich probier’s mal.

    Hast Du Dir

    http://tinyurl.com/33s6ean

    angesehen?

    Da ham’ wir also Phryne vor dem Areopag, die Geschichte dazu – eine Geschichte über die Schönheit – ist schnell gegoogelt. Natürlich bin ich hin und weg von Phryne. Und natürlich kann ich jetzt anfangen, mir Gedanken darüber zu machen, welche Rolle diese Phryne im Kosmos meiner Wünsche/Träume spielt. Ich könnte eine lange – eine SEHR lange – Liste kompilieren. Es würde sich herausstellen, dass Phryne sozusagen den “Knotenpunkt” der Verwirrung von allerlei erotischen, historischen, klassisch-antiken und dekadenten “19.Jhdt-Träumereien” darstellt, für die ich anfällig bin. Sie verkörpert das, deswegen find’ ich sie schön. Und je schöner, desto MEHR davon sie verkörpert. Schau auf die Details! Hat sie nicht einen ägyptischen Fuss, der gleich noch die ägyptischen Schönheitsideale anklingen lässt? Und schau: hat sie nicht denselben Makel wie Tischbeins “Goethe in der Campagna?” Ist nicht ihr eines Bein kürzer als das andere? Und macht nicht dieser Makel sie noch interessanter, weil sie mich so vom einen zum anderen führt? Und schau: Hat sie nicht eigentlich kein Geschlecht, fehlt ihr nicht, trotz Rasur, die das offenlegen sollte, die Rima pudendi? Ist die überhaupt zu HABEN? Lösen sich hier nicht Eros und Priap voneinander? (uswusf, endlose, verworrene Assoziationsketten…)

    Wenn ich das alles rasierte (jetzt modo Ockham) und sagte: “Nun, sie spielt halt eine Rolle..”, dann hätte ich zwar nichts Unwahres gesagt, aber auch nichts, was mir weiterhülfe. Es ist eben nicht die “Einfachheit” der Erklärung, die den Reiz des Schönen ausmacht: in diesem Fall ist es gerade die Verworrenheit, die Einsicht darein, dass alles (naja: vieles) bei ihr zusammenläuft.

  17. @Helmut: kein Ockham

    >Ist das “Ockham’s Razor”?

    Nein. Jeder gute Philosoph würde so vorgehen – ob analytisch oder nicht spielt da keine Rolle.

    >Hast Du Dir http://tinyurl.com/33s6ean
    >angesehen?

    Ja, natürlich.

    >uswusf, endlose, verworrene
    >Assoziationsketten…
    Ich finde das eigentlich sehr gut was du schreibst und gar nicht verworren. Die einzige Verwirrung, die ich sehen kann, besteht darin, daß du glaubst, mit diesen Assoziationsketten etwas zu beschreiben. Der “Status” dieser Aussagen könnte aber auch ein anderer sein. Sie könnten einfach das verbale Ausdrucksverhalten für diejenige Begeisterung sein, die du empfindest, wenn du die o.g. Träume hegst.

    “dann hätte ich zwar nichts Unwahres gesagt, aber auch nichts, was mir weiterhülfe.”

    Mein Vorschlag sollte dir weiterhelfen: Denn nun kannst du ohne Schranken schwärmen – mit gutem Grund (=Rolle für Traumerfüllung) – ohne dir von jemandem sagen lassen zu müssen, daß du im Unrecht seiest – denn bei nicht-deskrptivem, sondern expressivem Verbalverhalten ist das unwichtig – oder du nur leeres Zeug reden würdest. Denn nun kannst du ihm mit Recht sagen, daß er ein gefühlloser Klotz sei, der keine Träume hat und keine Worte, um auszuleben, daß er sie hat. Und alle können an deiner Begeisterung teilhaben, ohne mit dir die Rolle der Phryne für deine Träume teilen oder sie auch nur dafür kennen zu müssen.

    Ist doch was oder? 😉

    >die Einsicht darein, dass alles (naja:
    >vieles) bei ihr zusammenläuft.
    Nun ja: EINEN Preis gibt es bei meiner Lösung schon.

    You know there are always good news and bad news.

    Du müßtest zugeben, daß eben NICHT alles bei ihr zusammenläuft. Denn sie ist nur der Ursprung des Stachels für deine Wortfindungskraft und Vorstellungen, aber nicht die epistemische Quelle der Wahrheit deiner Aussagen.

    Das ist mein Punkt.

  18. (philosophietechnische Frage:)

    “”Ist das Ockhams Razor?””
    “Nein.”
    Was ist es dann?

    (weiter zum Thema:)

    “”…die Einsicht darein, dass alles (naja: vieles) bei ihr zusammenläuft.””

    “Nun ja: EINEN Preis gibt es bei meiner Lösung schon. Du müßtest zugeben, daß eben NICHT alles bei ihr zusammenläuft.”

    Gab’ ich doch schon zu! (Siehe Einklammerung in dem Zitat von mir.) Wenn ALLES bei ihr zusammenliefe, wenn selbst die Differenz zwischen Subjekt und Objekt (oder Form und Material, wie Schiller wohl sagen würde) in ihr kollabierte – wie könnt’ ich dann von ihr schwärmen? Ich wär’ ja sie und sie ich (wiewohl zugegeben werden muss, dass DAS natürlich der Fluchtpunkt aller Sehnsüchte ist).

    “Denn sie ist nur der Ursprung des Stachels für deine Wortfindungskraft und Vorstellungen, aber nicht die epistemische Quelle der Wahrheit deiner Aussagen.”

    Hab’ ich ja verstanden, hab’ ich ja vorzumachen versucht, indem ich zu einer genauen Betrachtung der Phryne und ihrer Details aufstachelte. Aber was ist dann die “epistemische Quelle” einer wahren Aussage über Schönheit? Verstehe ich Dich recht – auch in Hinsicht auf ein älteres Posting von Dir zum selben Thema – dass es gar keine “wahren” Aussagen zu diesem Thema geben kann, bzw. dass deren “Wahrheit” sich immer nur auf die Träume/das Vorwissen/die Rollenspielereien dessen gründet, der sie macht? Also dass _ich_ die Wahrheit spräche, wenn _ich_ sagte, dass Phryne schön sei, hingegen unwahr spräche, wenn _ich_ sagte, sie sei hässlich? Und dass es bei jemand anderem genau umgekehrt sein kann? Ist es wirklich (nur) das, was Du sagen willst – beauty rests in the eye of the observer?

  19. @Helmut: mind never makes aesthetics

    >Was ist es dann?
    Clever. Nichts sonst.

    “Aber was ist dann die epistemische Quelle einer wahren Aussage über Schönheit?”

    Sie besteht im Grunde genommen in einer Geschichte, die erzählt, wie du rationalerweise dazugekommen bist, Traum A zu erwerben, worin Traum A besteht und wie du in bestimmten Situationen S gut gelernt hast, dir die Erfüllung von A auf die Weise x vorzustellen.

    Das ist nicht beliebig, sondern eine Sache, die du nicht willkürlichen ändern kannst wie du ein Paar Schuhe wechselst, sondern ein narratives Element in dem Bild, daß du von deiner eigenen Person zeichnest. In diesem Sinne hast du einen Grund, etwas schön zu finden und Schönheit liegt eben nicht im Auge des Betrachters, sondern in der Schlüssigkeit der mentalen Ätiologie deiner Träume. Und diese Schlüssigkeit ist für jeden verständlich, nachvollziehbar und in keinem Sinne subjektiv und willkürlich.
    Wie gesagt: Das sind nur erste Ideen zu dem Thema – das ist nichts Elaboriertes oder so.

    “Also dass _ich_ die Wahrheit spräche, wenn _ich_ sagte, dass Phryne schön sei, hingegen unwahr spräche, wenn _ich_ sagte, sie sei hässlich? Und dass es bei jemand anderem genau umgekehrt sein kann?”

    Ja, sehr gut – machen wir einen Test mit dem Kram, den ich sa verzapft habe:

    Wenn du sagst, daß Phryne schön ist – an dieser Stelle korrigiere ich mein bisher Gesagtes minimal und entwickle es weiter – dann wird dadurch gesagt, daß du von einem irgendwie akzeptablen narrativen Element i.o.g.S. weißt. Wenn du sagst, daß du sie schön findest, dann wird dadurch gesagt, daß du ein solches narratives Element realisierst. Wenn du sagst, daß Phryne hässlich ist, dann besagt dies, daß es (bisher) kein solches narratives Element gibt.

    Du siehst, daß es für diese Erklärung nur darauf ankommt, was gesagt wird, aber nicht, wer es sagt.

    Zufrieden?

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