Das Schweigen der Apokalyptiker

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Das Schweigen der Apokalyptiker

Kurse im freien Fall. Rezession auf allen Märkten. Arktische Eisschmelze. Global warming. Methanblasen steigen aus der Tiefsee. Die Völker wandern. Staaten zerfallen. Tribes, Clans and Warlords, die Rückkehr der Stämme, Horden und Condottieri. "The future’s so dark, we gotta store candles." Wächserne. Sofern nicht alle Bienen schon von der Varoa-Milbe hinweggerafft wurden und alle synthetischen Wachse vom Markt verschwanden. Also Fackeln und Lagerfeuer. Feuersteine und Zunder nicht vergessen. Die Katze schlachten, häuten, Fell gerben, gut aufheben: gibt ‘nen warmen Lendenschurz, sofern die Scham dann noch gebieten sollte, irgendwas zu bergen. Vielleicht haben wir ja Glück, und uns wächst wieder ein Fell.

Das wahre Ausmass der Krise ist vor allem an einem ersichtlich: dem Schweigen der Apokalyptiker. Sie sind selbst schreckensstarr. Wo sind die lustvollen Weltuntergangsvisionen angesichts des Weltuntergangs?

Prophezeiung
(Alfred Lichtenstein, 1913)

Einmal kommt – ich habe Zeichen –
Sterbesturm aus fernem Norden.
Überall stinkt es nach Leichen.
Es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen,
Sturmtod hebt die Klauentatzen:
Nieder stürzen alle Lumpen,
Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe.
Keine Fliege kann sich retten.
Schöne homosexuelle
Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände.
Fische faulen in dem Flusse.
Alles nimmt sein ekles Ende.
Krächzend kippen Omnibusse.

Das war 1913, Höhepunkt des Expressionismus. Wir aber gucken auf den bevorstehenden Untergang unserer Welt und kriegen noch es noch nicht mal fertig, dem Schrecken Ausdruck zu verleihen. Wir hängen sozusagen immer noch im pointillistischen Idyll fest – "alles so schön bunt hier – hie ein Farbfleck, dort ein dunkler Klecks, eiei wie interessant!" Anders als unsere Ururgrosseltern haben wir haben ja noch nicht mal ein anständiges "Fin de siecle" hinbekommen. Hastig haben wir uns in’s 21. Jahrhundert gestürzt und uns die morbiden Reflexionen am Jahrtausendende glatt geschenkt.

Das war ein Fehler, und jetzt vergeben wir auch noch die Chance, uns eine richtig nette, deftige Apokalypse auszumalen. Statt dessen sehen wir zu, wie sie stattfindet. Bah. Wo ist unser Johannes, dem der Engel auf Patmos die Vision des Weltendes in die Feder diktiert? Wer verdüstert uns den Himmelsklumpen so dramatisch wie Lichtenstein? Wo sind die Flagellanten, die sich mit stachelbewehrten Peitschen blutig geisseln, wo sind die Züge der Bacchanten, die dem Dionys ein letztes, trunkenes Opfer bringen?

"That’s how the world’s gonna die: not with a bang, but with a whimper." Ja. So stirbt die Welt. Aber so’n wenig intellektuellen "Bang", denk’ ich, sind wir uns doch schuldig. Schliesslich gehört zu jedem Feuerwerk doch ein "Finale furioso fortissimo". Und wir, Homines sapientes, die wir das Feuerwerk des Geistes über diesem jammerigen Naturgeschehen gezündet haben (nebenbei: es damit versengend), wir wären doch erbarmungswürdige Pyrotechniker, wenn wir uns nicht einen furiosen Abgang inszenierten.

Also: wo, zum Teufel, sind die Apokalyptiker?

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

26 Kommentare

  1. Apokalyptiker

    Also ich danke erstmal für diesen schönen Text. Und ja Sie haben recht, es fehlt ein wenig der MadMax der Diskurse quasi.
    Endzeitszenarien finden sich aber mehr als man denkt.z.b. hier
    hartgeld.com
    auch “Die vertraulichen Mitteilungen” sind voll davon und relativ viele sogenannte neoliberale Zeitschriften ,die einem Raten vor der Währungsreform sein Geld (Gold je nachdem) weg zu schaffen, für ein Nugget gibt es immer noch ne Wurst, wnn das Papiergeld wieder zu Papier wird. Ein höchst mytischer Vorgang, wie der Stein der Weisen.

    Ließt man die aktuellen Tageszeitungen reicht es doch schon fast.

  2. Benn

    Womit wir wieder bei G.Benn angelangt sind:

    “Wer Strophen liebt, der liebt auch Katastrophen.”

    S.R.

  3. @ Koenneker @ Noll

    Carsten,
    danke – aber bah: der Text in der Zeit ist zwar grandios geschrieben, aber das ist ja eine ANALYSE und keine Apokalypse, pfuipfui, da behauptet ja einer, dass “Denken” noch irgendwie hülfe. Wie steinzeitlich, wie – tja – geradezu ANTI-apokalyptisch. (Ironiedetektoren für das obige bitte auf ON.)
    Strausssens Text … als Beitrag zum Fin de siecle schluck’ ich ihn gerne. ‘Ne Apokalypse ist das aber auch nicht.

    Herr Noll,
    da bei dem Link sind ja nur Finanzapokalyptiker. Zum Johannes von Patmos verhalten die sich ungefähr wie eine Knallerbse zu FatBoy.
    Ja, schon, die Tageszeitungen liefern lauter hübsche Offenbarungsschnipsel. Aber, wie Sie schon sagen: ich vermisse die “MadMax”-Perspektive, den berserkerhaften Gang aufs Ganze.

    Stellt sich freilich die Frage, WAS ich eigentlich will.
    Hm.

    Tja: den universalen Sprung in der mentalen Schüssel, den Riss mitten durch den Kosmos des Geistes, den Überdruck im Kessel, der das Firmament vom Horizont sprengt – etwa so, als ob man einen Knallfrosch unter einer Käseglocke zündete.
    Boing.
    Also etwa wie FlannO’Brien, nur halt nicht so alkoholisch, sondern eben apokalyptisch.

  4. @ Wicht

    Helmut -ich muß Dich enttäuschen. Die Apokalypse wurde schon vor einiger Zeit abgesagt. Daher gibt es auch keine Vermeldung mehr -außer von Bekloppten. Apokalypse erlebt künftig der Einzelne…
    In der Hoffnung, Dich weiter heiter vorzufinden, verbleibe ich.

    Dietmar

  5. Nachtrag @ Wicht

    Ich fürchte, wir sind zum Leben verurteilt. Etwas anderes vermag ich aus der Geschichte nicht zu erkennen.

    Hommage an Darwin: Wir lernten, aufrecht zu gehen, doch der “Geist” kriecht noch auf vier Pfoten.

  6. Stand des Jahres 1980

    Ich bin in der heißen Phase des kalten Krieges aufgewachsen.

    Damals war es nicht die Frage, ob es einen weltweiten Atomkrieg geben würde, sondern es war nur die Frage, wann es den weltweiten Atomkrieg geben würde.

    Jeder halbwegs vernünftige Mensch wünschte sich einen Atombunker, nicht nur in der Kuba-Krise im Jahre 1962 schwebten die Finger fünf Millimeter über den Feuerknöpfen, und die zahlreichen Kernwaffentests wurden grundsätzlich in der Atmosphäre abgehalten.

    Wenn jetzt ein winziges Finanzkriselchen die Weltwirtschaft auf den Stand des Jahres 1980 zurückwerfen sollte, dann kostet mir das nur ein müdes Lächeln, den im Jahre 1980 herrschte bei uns allgemeiner Wohlstand und Frieden.

  7. Martenstein mutmaßt im aktuellen Zeit-Magazin, dass der Osten etwas mit der Gelassenheit im Angesicht der Krise zu tun haben könnte: “Ich glaube, dass man im Osten vor dieser Krise, die demnächst angeblich alle spüren, weniger Angst hat (…) Im Osten hast Du immerhin schon mal die Erfahrung gemacht, dass ein System komplett zusammenbrechen kann und dass fast alle, die du kennst, ihre Jobs verlieren. (…) Man stirbt nicht dran.” Ich hatte letztens ein ähnliches Gespräch mit einer Bekannten. Von Drama und Endzeitstimmung weit und breit keine Spur.

  8. Das Untier

    Was würde Horstmann zum Ganzen sagen? Die “Krise” nutzen? Wir sollten endlich doch noch das Schicksal in die eigenen Hände nehmen, bevor uns Mutter Natur den Tritt verpasst, und uns aus freiem Willensentschluß heraus aus dieser Welt bomben! Lieber ein Schrecken mit Ende als ein Schrecken ohne Ende! Wo ist Ulrich Horstmann?

  9. @ alle

    Danke für die Kommentare.

    Mir war’s (und ist’s) aber, als ich meinen Beitrag niederschrieb, durchaus nicht nur “finanz-” und “polit-apokalyptisch” – ich meinte mehr so die “Panto-Generalo-Ubiquito-Finito-Apokalypse”.

    Wobei, wie ich gerade merke, “Apokalypse” das ganz falsche Wort ist. An einer “Offenbarung” (dies ist nämlich die Übersetzung) ist mir ja gar nicht gelegen. Ich hätt’ wohl eher

    Ragnarök

    schreiben sollen.

    Aber ach, so seh’ ich gerade, auch dort steht am Ende die Verheissung einer neuen, besseren Welt. Der Optimismus scheint eine unausrottbare Denkungsart zu sein.

  10. Wörter

    Wie wäre es mit Eschatologie? Die Kunde vom Ende. Damit wäre Johannes auch der richtige Ansprechpartner.

    Und Apokalypse ist auch gar nicht so schlecht, wenn man den Sinn anders versteht, denn die “offenbarten” oder “offenbarenden Reiter” hört sich ja auch erstmal ganz schön beknackt an.

    Es gibt eine schöne Analogie um Prophetien zu beschreiben. Sie gleichen oftmals einer Geburt. Es kommt eine erste Wehe, eine zweite usw. die Wehen steigern sich in Intensität und Frequenz bis es dann zum finalen Ende, der Geburt kommt. Was dann zum Vorschein kommt ist dann das Kind, welches vorher im Verborgenen war. Eine Geburt ist somit die Offenbarung des Kindes.

    Die Offenbarung des Johannes hat natürlich ein anderes Thema. Unter anderem handelt sie vom verborgenen Bösem, welches als Sieger auf dem letzten der vier Reiter siegreich in weißem Gewand die Welt durchzieht. Doch das ist nur der Anfang, wenn das Böse immer böser wird, sich zuspitzt und dann selbst entlarvt in seiner Boshaftigkeit. Das wäre dann also die Offenbarung des Bösen, welche sich immer wieder durch Wehen ankündigt.

    Hat mit Deinem Thema wohl auch nichts zu tun, aber so kurz vor Wochenende bin ich in Plauderlaune. 🙂

  11. Alles, was geschrieben steht, sind nur Ausscheidungen des Weltgeistes. Und wo viel Scheiße ist, da sammeln sich die Fliegen und bestimmen den Zeitgeist!

  12. Nachtrag

    Was trennte Kain von Abel, Antisthenes von Platon, Schopenhauer von Hegel, Wagner von Nietzsche? Der Brüder gab es viele…War es Eitelkeit? Ruhmsucht? Neid? Arroganz? Wer warf das Schwert? Wer trennte? Wer spaltete Luzifer von Gott ab?

  13. Die Überlebenden

    Die Überlebenden sehen sich in ihrem Optimismus bestätigt, feiern den Sieg der guten Sache, und sehen sich als gut, intelligent, und stark.

    Die nicht Überlebenden sehen nichts, und feiern nicht.

  14. @ Hilsebein

    “Alles, was geschrieben steht, sind nur Ausscheidungen des Weltgeistes.”

    Was soll das sein, der Weltgeist?

  15. @ Huhn

    “Was soll das sein, der Weltgeist?”

    “Der Namen hatte ich viele, doch weiß ich ihrer keinen mehr”.(->Parsifal) Luzifer, Mephisto, Teufel, Fürst der Welt -von Äon zu Äon durchwandere ich die Welt, hoffend einmal als verlorener Sohn Aufnahme zu finden. Philosophisch, psychologisch betrachtet ist der Weltgeist der sumblimierte Weltenwille oder anders ausgedrückt:

    Gott ist in dem, was Bewußtsein genannt, aber nicht getan wird.
    Weltgeist ist in dem, was Tat genannt wird, aber nicht bewußt ist.

  16. Apokalypse demontage des Vertrauens?

    Hallo,
    aber die Apokalypse ist doch gar nicht diesr Hororfilm, der so im allgemeinen erwartet wird.
    Sie ist die Betrachtung um Religionsentwicklung und ein Versprechen der Erlösung.

    Es ging doch in den Achtzigern auch eine wohlige Lähmung von dieser Bedrohung aus.

    Warum soll man dann erwarten, dass die Finanzkriese mehr Wirkung als ein Barbiturat hat? Sterben läst sich eh nur aufschieben, Leben kann man aber versäumen.
    Angst löst Lähmung oder agresive Aktion aus, sie polarisiert.
    Der heutige Markt ist doch eine geschichtliche Entwicklung und es gibt keine wirkliche Alternative. Wir sind doch in einem Uhrwerk gefangen. Und nur einige von uns haben das Glück ein Rädchen zu sein, den meisten von uns ist nur eine Rolle als Staubkorn zugeteilt.Der nun entstande Schaden steht ja nicht mehr unmittelbar im Wirkzusammenhang der vernichtenten Miliarden.
    Das unsere Wirtschaft dank des Faktors Mensch, der wie wir ja alle wissen, oft der unbekannte und begrenzende Faktor, im Spiel der Wissenschaft ist, gilt auch für die Witschaftswissenschaften.
    Ich sage dazu, besser nur den eigenen Lebenslügen glauben und als Konsument immer ein bischen Kritisch bleiben.

    Gruß Uwe Kauffmann

  17. Naturschutz gegen Apokalypse

    Das Zünden eines apokalyptischen Feuerwerks mit Hilfe von Feuerstein und Zunder – scheitert daran, weil der Zunder-Pilz unter Naturschutz steht.

    Womit bewiesen wäre, dass der Naturschutz doch zu etwas gut ist 😉

  18. Zünden eines apokalyptischen Feuerwerks

    Das Zünden eines apokalyptischen Feuerwerks übernehmen gerne die Taliban mit einer alten, russischen Atombombe, die über Pakistan eingeschmuggelt wurde.

    Dann schlägt der Westen mit seinem überaus reichlich bemessenen Overkill zurück.

    Kauft Atombunker!

  19. Apokalypsen

    Erstmal ein Kompliment für den schönen Text. Aber ehrlich gesagt verstehe ich die Frage nicht, wo denn die Apokalyptiker seien. Sie sind überall. Als die Schweinegrippe populär war, gab es viele Artikel, denen man die Lust an der ganz großen Katastrophe ansehen konnte. Auch die Klimaretter werfen immer wieder mit Hochrechnungen um sich, die besagen sollen, wie die elt in 100 oder noch mehr Jahren aussieht. Schönes Beispiel ist die Prognose des Pferdesmitaufkommens im New York der 1880er Jahre. Gott sei Dank hat da ein kluger Deutscher das Auto erfunden^^.
    Ich könnte da jetzt noch ein wenig weitermachen, wenn ich nicht gleich wegmüsste.
    Wünsche ein schönes Wochende
    Thearcadier

  20. @ Thearcadier

    Naja…

    …ich schrieb den Text im Februar und suchte vor allem einen Vorwand, das Gedicht von Lichtenstein zu zitieren.

    Seither (jetzt ist Juni) ist – ich muss es ja zugeben – die Apokalypse noch nicht eingetreten. Und ich muss auch zugeben, dass ich viele apokalyptische Texte, auf die Links gesetzt wurden, vorher nicht kannte.

    Trotzdem, ich bleibe dabei: “Die Lage ist aussichtslos, aber nicht ernst.” (Adenauer?)

    Ohne Sarkasmus (eine Form des Humors, mithin also des Un-Ernstes) geht’s nicht. Das Problem der Weltuntergangspropheten und Ragnaröker ist nämlich folgendes: ihre Prognosen sind IMMER falsch. Ganz einfach deshalb, weil – träte der Weltuntergang ein – hinterher keiner mehr da wäre, der der Prognose ihre Richtigkeit attestieren könnte.

    Ich glaub’ – wenn ich meinen Text aus der Distanz nochmal lese, wozu Ihre Replik mich veranlasst hat, danke – ich glaub’, es ist weniger der Untergang selbst, als die Lust an ihm und seiner Beschreibung, die ich vermisse. Es gibt zu viele platte Obama-Evangelien (“yes, we can”) und zu wenige Johannes-Apokalypsen.

    Pah. Alles Weicheier.

    “Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch die Doomsday-Bombe zünden.”
    (Edward Teller zugeschrieben)

    [Sorry, das war keine Antwort, sondern eine wilde Assoziationssammlung. Tat aber gut…]

  21. @ Bednarik: “How to…”

    Ui,

    ist das alles kompliziert. Ich hoffte ja stets, dass irgendwo ein Schalter sei – einem Lichtschalter vergleichbar – der mit “An/Aus” beschriftet ist. Solche Hauptschalter hab’ ich an meinen Motorrädern.

    Hat die Welt solch keinen?

    Schade…

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