Bullenklöten Online

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

(eine [un]ästhetische Polemik)

Einleitung

Hier geht’s lang:

www.von-hagens-products.com

Man muss das ein bischen auf sich wirken lassen, ein wenig stöbern, die verschiedenen Rubriken abklappern, die Begleittexte lesen, die Bilderchen hochpoppen lassen. Ich geh’ mal davon aus, dass Sie das getan haben. Dann kann ich nämlich jetzt gleich mit meiner ästhetischen Polemik loslegen.

Das Moralische am Menschen- und Tierteilemarkt, der da online aufgezogen wird, interessiert mich momentan gar nicht. Angelegentlich des Tourneebetriebs des Wanderzirkus "Körperwelten" ist das ja schon oft in lokalen und globalen Medien diskutiert worden. Mir ist nicht an einer juristisch oder theologisch grundierten "ja-derf’n-derd’n-des" Debatte gelegen. Ja, meiner Meinung nach "derf-der-des", solange er die Leichen, die er scheibeln oder in Positur setzen lässt, nicht zu diesem Zweck aus lebenden Menschen hat machen lassen. Er profitiert vom Tod, natürlich. Aber das tut ein Bestatter auch, und weder von Hagens noch der Bestatter führen ihn herbei.

Was von Hagens allerdings herbeiführt, ist das heillose Chaos der Verwirrung von theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung – er bekommt, um es drastisch zu sagen, weder Aufklärung noch Verdunklung, weder Kunst noch Kitsch, weder Erotik noch Pornographie, weder Phallus noch Fetisch, weder Tod noch Leben hin, sondern nur ein widerliches Aspik aus schwabbeligen, halbgaren Ansprüchen und totgesottenen Körperteilen von Mensch und Tier. Ja freilich, nochmal: "der-derf-des". Es geht mir nicht um’s Verbieten. Aber goutieren tu ich’s nicht, denn es ist zum Kotzen.

Erotik und Pornographie, Phallus und Fetisch

Man erinnere sich: von Hagens ruft keine minderen Instanzen als die "Aufklärung" (vide hic) und die "Demokratie" (vide hic) als seine Musen und Ideale an. Nun, schicken wir die "Aufklärung" – diese doppelgesichtige Dame, deren deutscher Name zugleich auf das Geschlechtliche und das Vernünftige, auf Eros und Logos, auf Priap und Apoll verweist – schicken wir die Aufklärung in die "Körperwelten". Da trifft sie auf vieles, unter anderem auf eine Reihe von kopulierenden Plastinaten (schau hier).

Selbst dem Priap sackte bei diesem Anblick vermutlich die Latte weg, es sei denn, er wäre zugleich nekrophil (in der St.Bartholomäus-Variante, die einen gehäuteten Leichnam als Lustobjekt benötigt) und Latexliebhaber, was sogar für einen griechischen Halbgott eine eigenartige Kombination von Perversionen wäre. Und selbst wenn er beiden Vorlieben anhinge, gelänge es ihm nicht, die Plastinate zu penetrieren, denn sie bestehen zum grössten Teil aus einem festen, unnachgiebigen Latex. Beate Uhse-Puppe geht anders. Andererseits, sollten die Mänaden, des Priaps weibliche Pendants, auf Hagens Homepage sich auf die Suche nach hart-plastinierten Phalli begeben: sie würden nicht fündig. Aus pornographischer und erotischer Sicht also: ein glatter Reinfall.

Da erhebt sich doch eine interessante Frage. Wenn – wie von Hagens auf der ersten Seite seiner Homepage texten lässt – "nichts spannender ist als die Realität", warum bietet er dann keine original-plastinierten-Männerpenisse als Dildos an? Warum keine weichplastinierten Vulvae? Die Antwort ist einfach: weil Nekrophilie plus Latexfetischismus in Kombination so selten sind, dass es keinen Markt dafür gibt.

Warum schicke ich überhaupt das altgriechische mythologische Personal in Namen der Aufklärung in die "Körperwelten" und auf Hagens Homepage? Nun – diese Herrschaften sind die Personifikationen des Mythos, den die Aufklärung überwinden wollte. Sie sind, was die aufklärerische Arbeit am Mythos angeht, geradezu ein Fortschritt gegenüber dem, was Hagens als nächstes zu bieten hat – den Rückfall in Schamanismus und Fetischismus, der noch vor die Personifikation des Mythos in Gottheit und Halbgöttern zurückgeht, zurückfällt in dessen naive, handfeste Verdinglichung: in den magischen Fetisch.

Auf der Homepage gibt es eine Rubrik "Lifestyle". Da kann sich die Dame von Welt plastinierte Scheiben aus Bullenklöten und Stierziemern (Testis et penis bovis) kaufen. Als Ohr-, Handgelenks- und Halsgehänge, das sicher aber auch der elegante Herr zusätzlich zu seinem eigenen Gehänge irgendwo am Körper befestigen kann. Das Angebot spricht für sich – und für die Einschätzung, die von Hagens von seiner Kundschaft hat. Ein Hundepenis reicht nicht. Es muss schon ein Bulle sein. Seelöwe wäre eigentlich noch besser. Die haben nämlich einen Knochen im Penis ("Baculum" heisst das Ding, Priap lässt grüssen), mit dessen Hilfe sie womöglich sogar ein Hart-Plastinat begatten könnten.

Stierpenisamulette, hübsch eingefärbt, plastiniert, poliert, geruchsneutral, abwaschbare, glasartige, hygienische Oberflächen. Pasiphae, die mythische Personifikation des Fluches der Geilheit, besaß den Mut, sich von einem lebenden Stier mit intaktem, keineswegs abwaschbarem oder geruchsneutralem Penis begatten zu lassen, machte den Schritt vom Fetisch zum Vollzug, spürte die Macht des Objektes. Man fragt sich, was die Kundschaft, die von Hagens im Auge hat, sagen würde, wenn man ihnen – sozusagen zum Vollzug –  in Spanien "Bolitas de Oro" zum Essen vorsetzte und ihnen erklärte, worum es sich dabei handelt. Um Bullenklöten nämlich.

"Halt!" – mag man sagen. Ist doch gar kein Fetisch, kein magisches Amulett. Ist doch nur ein Symbol, dieser Stierpenisquerschnitt. Und ist er nicht schön, mit diesen feinziselierten Schwellkörpern, die, zärtlich geradezu, das kompakte, derbe Rohr der Harnsamenröhre umschlingen?

Das ist Unsinn, eine verlogene Entschuldigung. Ein Symbol ist es schon deshalb nicht, weil es materialiter tatsächlich ein Stierpenis ist, zumindest das, was von ihm übrig bleibt, wenn man Wasser, Fett und Blut entfernt und durch Plastik ersetzt. Und – schauen Sie bitte in sich selbst – wenn Sie sich so ein Amulett kauften, täten Sie es wegen seiner abstrakten Ästhetik? Oder nicht eher vornehmlich in dem Wissen darum, was es ist, in der Vorfreude darauf, jemandem auf die Frage, was das sei, sagen zu können: "Ein Stierpenis!" Oder, andersherum, wenn Sie ein Mensch von einiger Ästhetik sind: wäre dies Wissen nicht gerade ein Grund, diesen Anhänger nicht zu kaufen?

Was haben kopulierende, gehäutete, aber perückenbewehrte Plastinate, was haben abwaschbare Fetische, die der Beschwörung und Zurschaustellung der eigenen Kopulationsfreudigkeit dienen, mit Aufklärung und Demokratisierung zu tun? Der Mythos von Pasiphae – im Vergleich dazu – ist Aufklärung, denn er erzählt auch davon, wie man es technisch bewerkstelligt, sich mit einem Stier zu paaren, ohne dabei von ihm umgebracht zu werden. Eine Beate Uhse-Puppe, ein Dildo sind Aufklärung, denn sie ermächtigen ihre Nutzer immerhin noch dazu, sich nach eigenem Gusto Befriedigung zu verschaffen.

Was hier demokratisiert und popularisiert wird, ist ein (gar nicht so wohlfeiler, schauen Sie auf die Preise) Fetischismus des "echten" Objektes, ohne dass es aber je gelänge, diese Fetische mit erotischen, magischen oder gar künstlerischen Bedeutungen aufzuladen. Von Aufklärung gar nicht zu reden, auch nicht von sexueller.

"Mamma, was machen die da?" Tja. Was machen die da? Muss man sich wirklich vorher so nackend machen, bis unter die Haut, damit man das machen kann? Begatten sich selbst noch die Leichen? Mamma, sofern sie einen Bullenklötenohrring trägt, und Pappa, sofern er sich mit einer Stierziemer-Gürtelschnalle geschmückt hat, mögen darauf ihre metaphysischen Hoffnungen setzen. Aufklärung wär’s, die Leute darauf hinzuweisen, dass FressenFickenFernsehen keine wirklichen Ewigkeitsperspektiven sind, ebenso wenig wie der Leib eine ist. Auch von dessen Tod wäre zu reden, wenn man schon eine Ausstellung mit Leichen macht. Davon als nächstes.

In einem weiteren polemischen Blogeintrag zum Thema "von Hagens". Aber nicht jetzt gleich. Jetzt muss ich erstmal brechen gehen…

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

9 Kommentare

  1. @ Wicht

    Das Moralische am Menschen- und Tierteilemarkt, der da online aufgezogen wird, interessiert mich momentan gar nicht.

    Es ist auch nicht nötig etwas drüber zu schreiben. Die Moral wurde schon lange abgeschafft und interessiert kaum noch jemanden.

  2. Huhn und Moral

    Ich wüsste wirklich nicht, unter Bezug auf welche Instanz – es sei denn: die Ästhetik – man dem Dr. von Hagens seine Umtriebe verbieten sollte, und, wie ich schrieb, ich denke noch nicht mal, dass es verboten gehört. Was denkst Du?

    Er macht übrigens auch tolle Sachen. Die “Scheibenplastinate” sind nicht nur schön anzusehen, sie auch ein echter Bringer in der anatomischen Lehre.

  3. Knochenkunst aus Kölner Sicht

    Nicht nur die Scheiben-, auch die Ganzkörperplastinate haben mich vor zehn Jahren schwer beeindruckt. Abgesehen von der eigenhändigen Sektion kenne ich nichts, was so deutlich Proportion und Lage anatomischer Strukturen vermittelt.

    Und gegen moralische und legale Einwände hat sich von Hagens im damaligen Ausstellungskatalog durchaus überzeugend verteidigt. Unter anderem mit dem Verweis auf analoge katholische Praktiken. Und die katholische Kirche galt ja mal als höchste moralische Autorität im Abendland.

    Vielleicht bin ich für dieses Argument besonders empfänglich weil der Kölner Dom seine Entstehung und die Stadt damit einen guten Teil ihrer Bedeutung den hierher verbrachten Reliquien der Heiligen Drei Könige verdankt.

    Ich denke, Helmut Wicht trifft den Kern des Problems, mit der Beobachtung, “…ohne dass es aber je gelänge, diese Fetische mit erotischen, magischen oder gar künstlerischen Bedeutungen aufzuladen. Von Aufklärung gar nicht zu reden.” Von Hagens verhebt sich an seiner Synthese aus wissenschaftlicher Aufklärung und künstlerischer Darstellung der großen Themen Tod und Sex. Daran ist Siegmund Freud schon gescheitert, und von Hagens ist noch ein ganzes Stück gescheiterter. Aber wie man sagt, die Geschichte wiederholt sich, das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce.

  4. @ Bolt und die Heiligen Drei Könige

    Es wäre wirklich mal spannend, sich Gedanken drüber zu machen, ob und inwiefern sich der Reliquienkult der Kirche – die ja gegen Hagens wettert – von von Hagens Menschenteilemarkt unterscheidet. Schliesslich wurden Reliquien ja auch mal munter gehandelt und waren (sind?) z.B. in Köln ein Wirtschaftsfaktor (Pilger…).

    Mein erstes “Bauchgefühl” ist, dass ich so einer Reliquie anders gegenübertreten würde, als einem anat. Präparat – weil die Reliquien (selbst wenn ich weiss, dass sie nicht von den Hl. drei Königen stammen) doch immerhin auf eine bestimmte Person verweisen, ganz explizite, wohingegen die anat. Präparate das nicht tun. Sie bleiben anonym.

    Es macht einen Unterschied, ob ich irgendeinen Schädel in der Hand habe, von dem ich zwar weiss, dass er von einer Person stammt, oder ob ich – drastisch gesprochen – den Schädel meines Vaters in der Hand habe.

    So gesehen macht von Hagens keine Reliquien. Aber er hat ja angekündigt, sich selbst samt Hut in Epoxidharz giessen und scheibeln zu lassen. _Das_ wäre eine Reliquie, und diese Idee von ihm macht ihn mir beinahe wieder sympathisch.

  5. @ Bolt / Ossarien

    Ich schau’ mir solche Ossarien (in Kutna Hora gibt es ein ähnlich bizarres) eigentlich gerne an – gehe aber immer, wenn es über das schiere Knochenstapeln hinaus, in “künstlerische Gestaltung” geht, mit einem “scheelen” Gefühl hinaus. Irgendwo ist da ein “Kipp-Punkt” vom wilkommenen “Memento mori” zum weniger willkommenen Panoptikumsgrusel. Ich weiss aber noch nicht genau, wo er liegt.

    In Mannheim ist ab Anfang nächsten Jahres eine grosse Ausstellung “Schädelkult”. Alles mögliche, von Prominentenschädeln (Angeblich ist der von Descartes dabei), bis zu Schrumpfköpfen und indonesischen, edelsteininkrustierten Ahnenschädeln.

    Ich geh’ hin (schon weil ich Freikarten kriehe, ha! Ich hab’ ‘nen Katalogtext dazu geschrieben). Ich werde berichten…

  6. Knochenkunst

    Es gab mal im Herbst 2006 im Kölner Schnütgen-Museum eine opulente Ausstellung “Zum Sterben schön – Alter, Totentanz und Sterbekunst von 1500 bis heute” mit einem ebenso opulenten zweibändigen Katalog (vergriffen), den ich selber habe und jetzt nur noch einmal zu einem knappen Hunni bei Amazon gesehen habe.
    Und zweitens ganz aktuell: in dem wunderbaren Kolumbamuseum in Köln ist in der laufenden Jahresausstellung der Raum 17 mit einer Installation von der im letzten Jahr verstorbenen Künstlerin Krimhild Becker gefüllt, die insgeheim über 4 Jahrzehnte diese Art Wunderkammer
    anlegte und es dem Museum vermachte. Ein
    5-Minutenbericht in der Reihe “Westart-Meisterwerke” des WDR führt dies vor:

    http://www.wdr.de/tv/westart/meisterwerke/sendungsbeitraege/2011/0222/index.jsp

    Ansonsten freute ich mich über Ihren geistreichen Blog, den ich heute nur zufällig über die Glaserei und den Betongblog fand.

  7. In einem weiteren polemischen Blogeintrag zum Thema “von Hagens”. Aber nicht jetzt gleich. Jetzt muss ich erstmal brechen gehen…

Schreibe einen Kommentar