“Bloggewitter”- Gastbeitrag Prof. Dr. Reisinger

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

10 Jahre Bologna

 

ReisingerProf. Dr. med. Emil C. Reisinger, MBA, Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Rostock und Direktor der Abteilung für Tropenmedizin und Infektionskrankheiten an der Universität Rostock hielt den folgenden Vortrag beim Treffen des Arbeitskreises Hochschulmedizin der Kanzlerinnen und Kanzler der Universitäten der Bundesrepublik Deutschland am 19. Juni 2009 in Lübeck.

 

 

Kein Platz für Bachelor oder Master in der Medizin in Deutschland

Seit mehr als 60 Jahren gibt es Bestrebungen zur Harmonisierung der höheren Ausbildung in europäischen Ländern. Unter anderem wurden 1953, 1964, 1979 und 1990 Regelwerke verabschiedet, die auf eine Äquivalenz der Ausbildung zielten.

1988 wurden diese Bestrebungen anläßlich des 900-jährigen Bestehens der Universität Bologna bekräftigt. 1997 wurde die Deklaration von Lissabon verabschiedet, die einige Eckpfeiler der Harmonisierung der höheren Bildung in Europa beschrieb: Zugang und Aufnahme in die Hochschulen, Curricula, Studiendauer und Anerkennung des Studiums. 1988 einigten sich die Wissenschaftsminister von Frankreich, Deutschland, Italien und England an der Sorbonne in Paris darauf, die Akademischen Grade anzugleichen und die Mobilität von Studenten und von Professoren innerhalb Europas zu erleichtern. 1999 wurden die Kriterien und eine Zeitschiene zur Harmonisierung des Studiums in Europa von Vertretern 29 europäischer Länder beschlossen. In 2 Jahresabständen wurden diese Treffen fortgesetzt. 2001 kamen in Prag dann noch einige Kriterien dazu, wie lebenslanges Lernen und die Einbeziehung von Studierenden. Die Einbeziehung der Lehrenden scheint allerdings nicht angedacht worden zu sein. 2003 traf man sich in Berlin, 2005 in Bergen und 2007 in London; da waren es schon 46 Länder, die ihre Hochschulabschlüsse anpassen wollten.

Die Idee, die höhere Bildung anzugleichen klingt logisch, ist allerdings nicht zu Ende gedacht. Bei Orientierung an einem hohen Niveau, kann der Durchschnitt der Leistungen angehoben werden. Wenn man aber im Wesentlichen quantitative Kriterien, die Gesamtstundenzahl und die leichte Austauschbarkeit von Modulen vorgibt und nicht die Inhalte, dann verwässert die Qualität.

Die wesentlichen Elemente des Bologna-Prozesses sind vergleichbare Abschlüsse, ein 2- bzw. 3-stufiges Ausbildungssystem mit Bachelor/Master und PhD, ein European Credit Transfer System, die Mobilität der Studierenden und der Professoren, die Qualitätsentwicklung, die Förderung der europäischen Dimension in der Hochschulausbildung, lebenslanges Lernen, studentische Beteiligung, die Förderung der Attraktivität des europäischen Hochschulraumes und die Verzahnung des europäischen Hochschulraumes mit dem Forschungsraum. Betont werden die Ziele, die Zahl der Studienabbrecher zu reduzieren und für diese Studienabbrecher auch eine Berufsausbildung zu gewährleisten.

Diese Elemente sollen im folgenden näher beleuchtet werden.

Zu den vergleichbaren Abschlüssen in Europa ist anzumerken, dass die Anrechenbarkeit des abgeschlossenen Medizinstudiums und auch der Facharztweiterbildung u.a. durch die EU-Richtlinie 2005/36 voll umfänglich gegeben ist.

Die Fächer, die für das erste Staatsexamen (Physikum) im Medizinstudium unabdingbar sind, spielen bei den Berufen der Medizinisch Technischen Assistenz und den Krankenpflegeberufen eine untergeordnete Rolle. Wenn jemand das Physikum besteht, kann er/sie nicht als Krankenschwester oder MTA arbeiten. Umgekehrt macht es keinen Sinn, wenn MTA und Krankenschwestern das Physikum bestehen müssen. Hier lautet die Empfehlung des Wissenschaftsrates, medizinische Aufbaustudiengänge mit der Ausrichtung auf nichtärztliche Berufe zu etablieren. Zu bedenken ist allerdings, dass bei zunehmender Akademisierung der Pflege, die Tätigkeitsbeschreibung verändert wird und der nachgefragte klassische Pflegeberuf damit verloren gehen könnte.

Das European Credit Transfer System mit ECTS-Punkten wurde im Medizinstudium in Deutschland schon eingeführt und erleichtert die Mobilität der Studierenden innerhalb Europas. An der Medizinischen Fakultät in Rostock beispielsweise erfolgt reger internationaler Studentenaustausch mit mehr als 20 europäischen und außereuropäischen Universitäten. Mehr als ein Viertel aller PJ-Tertiale werden im Ausland absolviert, zum Beispiel in der Schweiz, wo die Studenten dann auch gleich mit besseren Arbeitsbedingungen für die Facharztweiterbildung angeworben werden.

Die neue Ärzteapprobationsordnung von 2002 hat zu einer deutlichen Verbesserung des Medizinstudiums in Deutschland geführt. Eine vertikale und horizontale Vernetzung des Studiums wurde gefordert und der praktische Unterricht am Krankenbett wurde intensiviert. Aber gerade die vertikale Integration widerspricht der Modulbauweise des Bachelor- und Master-Systems. Horizontal vernetzter Unterricht z.B. in Neurologie, Psychosomatik und Psychiatrie wurde eingeführt und führt zum besseren Verständnis der Lehrinhalte. Diese komplexen Module sind aber aufeinander abgestimmt und bauen aufeinander auf. Sie können nicht als beliebig austauschbare Module, wie beim Bachelor und Master System vorgesehen, gehandelt werden.

Der klinische Unterricht und die wissenschaftliche Ausbildung sind im deutschen Medizinstudium eng verzahnt. Die Studierenden werden vom ersten klinischen Semester an zur wissenschaftlichen Arbeit herangeführt. So rekrutiert sich wertvoller wissenschaftlicher Nachwuchs. Ein Arzt, der erst während der Facharztweiterbildung mit Wissenschaft konfrontiert wird, wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr für die Grundlagenwissenschaften zu begeistern sein.

In Deutschland hat sich ein sehr komplexes System der Qualitätssicherung in der Medizin entwickelt. Die Vorgaben der Ärzteapprobationsordnung werden von Landesprüfungsämtern, IMPP, Wissenschaftsrat, Medizinischem Fakultätentag und Ärztekammern regelmäßig evaluiert, diese Institutionen gewährleisten ein hohes Niveau an Qualitätssicherung und -verbesserung. Die Ausbildung des Master of Medical Education und die leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) steigern die Effizienz in der Lehre. Die Akkreditierung von Studiengängen, wie beim Master und Bachelor vorgesehen, überprüft die Einhaltung der Rahmenbedingungen wie die Anzahl der Stunden oder Prüfungen, kann jedoch zu den qualitativen Inhalten nur wenig beitragen.

Die Anzahl der Studienabbrecher in der Medizin ist laut der HIS-Studie 2008 mit 5 % angegeben, d. h. hier gibt es die wenigsten Studienabbrecher. An den meisten Medizinischen Fakultäten in Deutschland wird den wenigen Studienabbrechern im Sinne der Empfehlungen des Wissenschaftsrates ein Bachelor-Studiengang für nicht-ärztliche, jedoch medizinische Berufe angeboten. Studierende, die vor dem  Physikum abbrechen, können einen berufsbildenden Bachelor-Abschluss in Medizinischer Biotechnologie oder in Biomedizintechnik erlangen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Mehrzahl der Medizinstudenten, die vor dem Physikum abbrechen, dann keinen medizinischen Beruf mehr anstreben, da sie ja eigentlich Arzt werden wollten und in jedem anderen medizinischen Beruf zeitlebens dem täglichen Frust des abgebrochenen Medizinstudiums begegnen würden.

Vergleicht man die Studienabbrecherquote zwischen Staatsexamen-, Diplom- und Bachelor-Studiengängen so wird deutlich, dass die Abbrecherquote bei den Staatsexamina mit 7 % am niedrigsten liegt, bei Diplomstudiengängen zwischen 20 und 30 % und bei Bachelorstudiengängen zwischen 25 und 40 %. Angesichts dieser Zahlen ist vorhersehbar, dass die Einführung des Bachelor in der Medizin zu einer deutlichen Steigerung der Studienabbrecherzahlen führen würde.

Die Studienabbrecher in der Medizin brechen nicht nach, sondern vor dem 1. Staatsexamen (Physikum) ab und dann hätten sie auch keinen Bachelor erlangt. Nur  wenige Studenten brechen nach dem 1. Staatsexamen ab, d.h. wer das Physikum schafft, schafft in der Regel auch das 2. Staatsexamen und wird somit Arzt.

Studienabbrecher können, wie oben erwähnt, mit den bereits existierenden Bachelor-Studiengängen aufgefangen werden. Dass nach dem Studium manche Ärzte nicht mehr ärztlich tätig sind, sondern in andere Branchen, z.B. in die Industrie wechseln, ist durch einen Bachelor oder Master nicht zu ändern.

Der Wissenschaftsrat hat sich 2004 in Köln dahingehend ausgesprochen, dass ein Bachelor-Master-Abschluss für das Humanmedizinstudium in Deutschland noch nicht sinnvoll ist, da es sich beim Bachelor nach deutschem Recht um einen berufsqualifizierenden Abschluss handelt, der in der Humanmedizin als solcher kein berufliches Anbindungsfeld erkennen lässt. Der Wissenschaftsrat unterstreicht seine Empfehlung zum Ausbau medizinischer Aufbaustudiengänge mit der Ausrichtung auf nichtärztliche Berufe. Der Wissenschaftsrat empfiehlt auch, das Interesse an medizinischer Forschung in einem frühen Stadium zu wecken, den Regelabschluss mit der Berufsbezeichnung „Medizinischer Doktor“ und die Promotionsphase zum „PhD“ nach dem Abschluss anzubieten.

Der Medizinische Fakultätentag hat im Juni 2009 eine Resolution verabschiedet mit der Aufforderung, ein mindestens fünfjähriges Moratorium als Voraussetzung für etwaige Strukturänderungen einzuhalten. In dieser Zeit muß man die Bachelor/Master Studiengänge in den anderen Fachrichtungen evaluieren und dann auf einer vernünftigen Basis etwaige Strukturänderungen diskutieren.

Wenn wir die einzelnen Kriterien des Bologna-Prozesses mit den vorliegenden Informationen und Erfahrungen betrachten, dann wird klar, dass in der Medizin die Berufsbildung mit dem Bachelor nicht gegeben ist, dass die Mobilität der Studierenden und der Lehrer durch den Bachelor vermindert wird, dass die Attraktivität des europäischen Hochschulraumes nicht erhöht wird und dass die Verzahnung des europäischen Hochschulraumes mit dem Forschungsraum nicht erreicht wird. Die Zahl der Studienabbrecher wird durch den Bachelor und den Master sicherlich nicht reduziert.

Mit dem vorhandenen Diplom-Studiengang in der Medizin in Deutschland werden jedoch jetzt schon alle Bologna-Kriterien erfüllt. Wir haben in Europa eine 900-jährige Tradition in der Ausbildung von Ärzten. Staatsexamenstudiengänge in Deutschland sind hochkomplexe und ausgewogene Systeme, die eine besondere Funktion für das Staatswohl erfüllen. Auch diese Studiengänge müssen weiter verbessert werden, aber durch Feintuning und nicht durch völliges Umkrempeln. Der ursprünglich gute Gedanke der Bologna Reform darf nicht verloren gehen. Die Reform bedarf der Reform.


Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

1 Kommentar

  1. lemonque

    Der Wissenschaftsrat unterstreicht seine Empfehlung zum Ausbau medizinischer Aufbaustudiengänge mit der Ausrichtung auf nichtärztliche Berufe. Der Wissenschaftsrat empfiehlt auch, das Interesse an medizinischer Forschung in einem frühen Stadium zu wecken, den Regelabschluss mit der Berufsbezeichnung „Medizinischer Doktor“ und die Promotionsphase zum „PhD“ nach dem Abschluss anzubieten.

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