“Bloggewitter” – Gastbeitrag Prof. Dr. Hörisch

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

10 Jahre Bologna

hörischIch freu’ mich arg, den Herrn Prof. Dr. Jochen Hörisch als germanistischen Gast im Allerlei des Anatomen zu haben. Er ist Ordinarius an der Philosophischen Fakultät der Universität Mannheim, er lehrt und forscht über neuere deutsche Literatur und Medienanalyse.

Wie Sie sehen werden: ein Träumer wie ich. Nur – ei der Daus! – er träumt politischer als ich, wie Sie im zweiten Teil seines Beitrages sehen werden. Nun, das mag damit zu tun haben, dass er als Professor in eben jenen Mühlen steckt, deren Mahlwerk ich in der "Traumzeit" knirschen liess.

Hier ist sein Beitrag:

Die Traum-Universität
(Versuch über einen geglückten akademischen Tag)

Der Professor ist aus süßen Träumen erwacht, durchs Fenster grüßt ihn die indian-summer-Sonne, ihn streift der verliebte Blick seiner Frau. Er joggt über den Campus, die besten Ideen kommen beim Joggen. Was hat die neue Kollegin gestern abend gesagt, als man nach dem obskuren Vortrag des berühmten Gastes noch beisammen saß und dem alten „in vino veritas“-Spruch vertraute? Klang verrückt, könnte aber was dran sein, das muss und will ich rausfinden, ob die spinnt oder ob sie eine genieverdächtige Intuition hat. Ach, da joggt sie ja auch. Hey, wir treffen uns zum Lunch im Faculty-Club, ich muß dich was fragen, komme da mit meinem neuen Buch nicht weiter. Wie der Kaffee duftet; wie die fünf Kinder durcheinanderschnattern, die Schule, die Uni und das Leben sind doch deutlich besser als ihr Ruf. Zumal in den Morgenstunden, wenn ich meine Privilegien nutze und drei ruhige Stunden, die emails können warten, zu Hause arbeite, schreibe, forsche. Ach, die dummen Sprüche, sie haben doch was, „je freier der Forscher, desto forscher …“. Halt, political correctness. An der irren These könnte was dran sein, man schluckt sie zwar nicht so leicht wie das Essen im Club, aber ich probier mal aus, was gleich die Doktoranden im Kolloquium sagen, wenn ich die These in die Diskussion einfliessen lasse. Der eine, definitiv der klügste, das fiel mir schon beim langen Gespräch in der Bibliothek letzte Woche auf, der merkt was. Nun noch das kurze Treffen über Institutsangelegenheiten, halbe Stunde, alles vorbei. Dabei hatten es die Vorschläge in sich: Gutachten sollten uni-öffentlich sein, wir wollen doch wissen, wie urteilssicher der Gutachter in den letzten Jahren war. Und unsre Zeitschrift sollte immer die problematischste unter den letzten Rezensionen nun eben ihrerseits rezensieren lassen. Und bei den Berufungskommissionen müssten wir im eigenen Interesse mehr Exogamie zulassen, die Hälfte der Kommissionsmitglieder sollten aus anderen Fächern und von anderen Unis kommen. Na, das gibt Diskussionen. Hat der das ernst gemeint, als er vorschlug, Drittmittel sollten nur die bekommen, die ihre Zeit nicht mit der Produktion von Antragsprosa, sondern mit Forschung und Lehre verbracht haben – wie beim Leibniz-Preis? Heut abend wieder ein Vortrag? Nein, wir sollten lieber mit den Kindern ins Konzert gehen. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum; wie eng verwandt doch Mathematik und Musik sind, dieser Aufstieg der Violinen, welcher höher ist denn alle Vernunft. Wieviel Vernunft doch in der Uni steckt – wenn sie gelassen wird. Hier spielt die Musik.   

(Der Beitrag erschien zuerst in einer Campus-Beilage der "Zeit")

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

1 Kommentar

  1. lemonque

    An der irren These könnte was dran sein, man schluckt sie zwar nicht so leicht wie das Essen im Club, aber ich probier mal aus, was gleich die Doktoranden im Kolloquium sagen, wenn ich die These in die Diskussion einfliessen lasse. Der eine, definitiv der klügste, das fiel mir schon beim langen Gespräch in der Bibliothek letzte Woche auf, der merkt was. Nun noch das kurze Treffen über Institutsangelegenheiten, halbe Stunde, alles vorbei. Dabei hatten es die Vorschläge in sich: Gutachten sollten uni-öffentlich sein, wir wollen doch wissen, wie urteilssicher der Gutachter in den letzten Jahren war. Und unsre Zeitschrift sollte immer die problematischste unter den letzten Rezensionen nun eben ihrerseits rezensieren lassen. Und bei den Berufungskommissionen müssten wir im eigenen Interesse mehr Exogamie zulassen, die Hälfte der

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