Visite 2009 – Besuch vom Chef

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Überlagerung der virtuellen und der wirklichen Welten: realiter waren der Betreiber der "Guten Stube" (Carsten Könneker, zugleich der Spiritus rector der hiesigen Bloggerei) samt dem nimmermüden Sysadmin (Martin Huhn) vor ein paar Wochen in meiner (gar nicht so guten, wie man gleich sehen wird) Stube zu Gast. Nun sind sie virtualiter da…

 Ich mag den Beitrag, den Carsten schrieb und den Martin illustrierte — weil er mir, aus der (wohlwollenden) Distanz des Besuchers vor Augen führt, in was für einem bizarren Kosmos ich lebe. Ich mag Bizarrerien.

Des Könnekers Worte, des Huhnes Bilder:

 
Carsten Könneker trifft Helmut Wicht

Ist das nun investigative Bloggerei? Unter dem Vorwand eines harmlosen Freundschaftsbesuchs habe ich mich bei Helmut Wicht eingeschlichen, Blog und Dienststube inspiziert, heimlich Fotos schießen lassen – und zeige nun der Welt, woher die preisgekrönten Blogposts stammen. Meine Visite 2009, eine Enthüllungsstory in Bildern.

Der Hase weiß, wo langläuft, wer Helmuts Studierzimmer betritt: Kein Zweifel, man befindet sich in einer Ideenschmiede der Dr. Senckenbergischen Anatomie, Universität Frankfurt. Doch während jener Meister Lampe noch mitten im Leben zu stehen scheint, ist ein anderer bereits definitiv Helmuts Seziermesser zum Opfer gefallen.

Naturgesetzlicher Stoizismus – in seinem Blogpost über den Bankencrash fordert er ihn ein, im kreativen Chaos seiner Dienststube lebt er ihn vor: Helmut, vergraben in seinem Reich.

Der bloggende Anatom, der in seinen Posts mitunter sehr persönlich wird, schneidet sich zuweilen Tierchen aus der Seele. So formulierte er es in einem experimentellen Text, in dem wir ihm besonders nah kommen durften. Jenes Prachtexemplar von „Tierchen“, das ihm beim Bloggen im Büro über die Schulter grient, raunt ihm im Geiste stets zu: Cool bleiben! Wichtig, vor allem in melancholischeren Momenten.

„Ich bin dann Anatom geworden. Tote Körper zerschneiden, etwas von ihnen abschneiden: das ist mein Handwerk. Und hätte ich nicht den kalten, objektiven Blick: nimmer könnt’ ich’s tun.“ So Helmut in seinem Post Psychotherapie für Heimwerker. Im Falle jenes Säuglings, dessen Kopf sich in Formalin gebettet in Helmuts Regalen befindet, war’s auch nicht nötig. Das Handwerk verrichteten andere – vor Jahrzehnten schon. Helmut gab dem Köpfchen lediglich einen Platz an der Sonne zurück.

Wenn man die Dinge wendet, erkennt man: Alles hat zwei Seiten. Mindestens. Oberflächliche Betrachtung genügt nicht. Um die andere Seite der Dinge, um das Ganze geht es Dir, Helmut, eben darum ringst Du im „Anatomischen Allerlei“, manchmal bis es weh tut, so scheint’s mir. Dabei kommt Du etwa zu dem Schluss, dass „nichts erklärt und nichts gewonnen“ sei, „wenn sich der Naturalismus daran macht, alles und jedes auf seine natürliche oder evolutionäre Grundlage hin abzuklopfen.“ Ich möchte darüber nachdenken – aber vielleicht doch was anderes dabei anschaun.

Wenn Helmut mit seinen selbst gebastelten (sic!) Feuerstühlen durch den Regen braust, hängt er sie hinterher zum Trocknen … nee, Quatsch. Aber er, der im Keller der Frankfurter Anatomie tote Menschen zerlegt, schraubt in seiner Freizeit lebendige Maschinen zusammen, auf denen er dann davondüst. Über diese Seiten des Helmut Wicht findet man im „Anatomischen Allerlei“ nicht viel, dafür aber in seiner Garagenedition. (Bitte anklicken! Nein, das verlinkte Foto ist nicht in seiner Dienststube aufgenommen worden – zumindest nicht in der an der Uni!)

Schnauze! Wann Helmut wohl dieses Schildchen braucht, fragte ich mich bei meiner investigativen Recherche. Vielleicht, wenn er in seiner Stube eine Prüfung abhält und „Im Angesicht des Guten, Wahren, Schönen“ ungestört sein will. Ähm. In Vorlesungen, wenn er die „totale Anatomie“ gibt, dürfte er sich jedenfalls unschwer anders Gehör verschaffen. Nur leider sind ihm auch da die Hände gebunden, wie wir aus seinem schonungslosen Erfahrungsbericht zur Lage der Lehre nach Bologna wissen – beide Posts gehören zu meinen liebsten Wicht-Beiträgen.

Ein Blog, das ist der Ort. An dem man mal eine zarte Idee in die Freiheit entlassen kann. Vielleicht sind ihre Flügelchen ja stark genug und tragen. Vielleicht wird sie aber auch von einer Kommentarwoge zermalmt. Oder man startet eine Suche – etwa nach den Apokalyptikern von heute und schaut, was die Leser so beitragen. Ein Blog, ein Ort. Ort für Ideen, Ort für Fragen. Helmut macht’s vor.

Memento mori. Irgendwie ist das ein Grundthema des Wichtschen Blogs. Ein stets vorhandener Unterton. Ein Hintergrundrauschen, mal mehr, mal weniger deutlich zu vernehmen. Seltsam – ich finde, dieser Ton tut gut. Denn ist es am Ende nicht so? Ist nicht selbst alles hehre Forschen und Publizieren doch nur Schall und Rauch? Momentaufnahmen nur gefühlter, nur relativer Bedeutung? Unterm Strich hat sicher nur das Wenigste Bestand. Helmut Wicht lehrt uns auch, bescheidener zu sein. Dank dafür! Und danke überhaupt für diesen Vorzeigeblog. Wenn Du den SciLogs-Preis nicht schon hättest, Du müsstest ihn bekommen, Helmut! Ich erhebe Deine Tasse auf Dich und Dein „Anatomisches Allerlei“

Carsten Könneker

PS: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden,“ schrieb schon der Psalmist. Vermutlich hätte er heute gebloggt.

Alle Fotos, bis auf das letzte: Martin Huhn – dankeschön!

Letztes Foto: Richard Zinken – dankeschön!

Hier geht es weiter zur 3. Visite 2009: Astronom späht beim Neurowissenschaftler

Helmut Wicht

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

13 Kommentare

  1. Blogprofi

    Helmut, nun mußtest Du so viele Bilder und Links einfügen, jetzt kannst Du es richtig gut. 🙂 Und wie man sieht hat es sich gelohnt. Ist doch auch mal schön, wenn ein anderer mal auf das eigene Werk zurückblickt. Bist ja auch schon hochdekoriert. Scilogs Preis 2008 und bei der Wissenschaftsblog Auslese 2008 auch abgesahnt. Wo soll das nur enden …

  2. @ Huhn

    Hast die Bilder zentriert…schöner so…danke!

    Wo das enden soll? Im Tode, am Ende all unserer Eitelkeiten, und in der Einsicht in sie — wenn wir Glück haben.

    Domine, absolvo me! Leider nur weit und breit kein Dominus in Sicht. Müde, mitunter bin ich nur müde. Ich hab’ mich aber riesig gefreut, dass Du und der Carsten, dass Ihr Euch auf meinen Kosmos der Müdigkeiten, in dem dauernd ferne Sterne niederfallen, deren Sturz mich erscheckt…

    (AAAAARGH: Hugo! Geh’ weg! JAAAAAAH! Du bist mir über! IchkriechDichNichAusDerBirne..)

    …eingelassen habt.

  3. Ja, ich habe die Bilder zentriert und Trackbacks gesetzt. Ich schaue gerade Fußball und da habe ich es nebenher gemacht.

    Hm, des Lebens Ziel ist der Tod, könnte man so sagen. Aber Psalm 90,12 sagt ja etwas ganz anderes. Wenn der Tod das letzte Wort hat, dann ist doch alles sinnlos, weil es mit dem Tod, der Vergänglichkeit verloren geht. Dann ist es doch das Beste das Leben auszukosten. Essen, trinken, feiern solange man lebt. Wozu lernen, wozu bauen, wozu großwerden, wozu Erkenntnisse sammeln, wozu … Mit dem Tod ist alles vorbei und wird entwertet. Ein bißchen Tod erleben wir ja schon jeden Tag durch das was wir Vergangenheit nennen. Die ist auch unwiederbringlich weg.
    Naja, aber der Psalm sagt ja, denke an den Tod, denke an das Ende, damit du klug wirst. Was ist denn wirklich wichtig im Leben angesicht des Todes? Ich kann aber nicht sehen, daß es uns dauerhaft runterziehen soll. Nein, der Psalm will uns zur Veränderung ermuntern nämlich klug zu werden, zu lernen. Und wozu? Weil die Bibel ein Leben nach dem Tod kennt. Darum geht es ja. Tod und Auferstehung. Paßt auch prima zu Ostern dieses Thema, den höchsten christlichen Feiertagen. In diesem Sinne frohe Ostern. Laß Dich einladen diese Tage mit dem entsprechendem Inhalt zu füllen.

  4. Denkstile ;-))

    welche gerne übersehen werden ;-):

    “Aber er, der im Keller der Frankfurter Anatomie tote Menschen zerlegt, schraubt in seiner Freizeit lebendige Maschinen zusammen, auf denen er dann davondüst.”

    Dieses Meeting ist gelungen, haben sich doch zwei echte Fans getroffen, jener aus der “guten Stube” wandert in die Untiefen des mystischen Kellergewölbes der Uni oder vielleicht in das Gehirn ??? eines kreativen Denkers, umhüllt mit dem exotischen Flair, welches Anatome so an sich haben. Er steht voll im Leben und hat uns das voraus, was für viele tabu……

    Die Idee zu einem “neuen” Denkstil à la “Oxymoron” ist erkoren: “lebendige Maschinen”….

    …wobei ich mir nicht sicher bin, ob es nicht nur die Denke, sondern auch die Wirklichkeit ist, die mit Helmut’s Geist manches “Tote” lebendig werden lässt….

  5. @ Wicht

    “Wo das enden soll? Im Tode, am Ende all unserer Eitelkeiten, und in der Einsicht in sie — wenn wir Glück haben.”

    Dieser Satz gehört eingerahmt und über das Bett gehängt!

  6. Nachtrag @ Wicht

    Es ist der Geist Nietzsches, an dem wir uns heute abarbeiten! Ein Geist, der hoch, sehr hoch gestiegen und ebenso tief gefallen ist! Aber das ist kein Problem, keine Sünde, Schuld, bööööse -nein! Alles falsch! Vielleicht ging es nicht anders. Die Frage steht im Raume: Haben wir all unsere Erkenntnisse uns selbst zu verdanken? Dann werden wir voller Stolz schreiben: “Warum ich so weise bin”, “Warum ich so klug bin”, “Warum ich so kluge Bücher schreibe” Oder ist alles ganz anders…

  7. @ Dietmar

    Ich glaube, ich versteh’ Dich, und wenn das der Fall ist, dann hast Du recht. Ich würd’s nur anders formulieren: die Einsicht in die Bodenlosigkeit, in’s Abgründige, die ist’s, die plagt und zugleich frei macht. Es ist ja eigentlich nicht so, dass man “stieg” oder “fiele” – da gibt es gar kein äusseres Koodinatensystem, an dem man diese Bewegungen ablesen könnte. Rundrum ist Nichts, und wir können in dieses Nichts hinausexplodieren wie der Urknall und ein All werden oder uns bis auf den Punkt unserer eigenen Nichtigkeit zusammenziehen.

    Am allerbesten wär’s, wenn man diese beiden Bewegungen GLEICHZEITIG, in einem Gedanken, ablaufen lassen könnte. Deswegen bewunder’ ich den Nietzsche (manchmal) – weil ich glaube, das er dieser Form des kontrollierten und gewolltem Wahnsinns so nahe gekommen ist, wie kaum einer.

    Aber sag’ das alles mal den Damen und Herren vom positivistischen und naturalistischen Mainstream. Da wird man ja schon für verrückt erklärt, wenn man nur vermeldet (wie ich das gerade tat), dass man glaubt, verstanden zu haben, worum es Nietzsche ging.

    Cioran ist auch gut. Wen gibt’s noch, der sich für die Bodenlosigkeit interessiert?

  8. @ Helmut

    Nee, Helmut, das sehe ich anders. Wahnsinn ist letztlich eine Flucht! Bei klarem Verstande das Elend auszuhalten -bis zum Schluß -das ist größer und dabei nicht in die Genügsamkeit oder Wehmut fallen, sondern nach dem Baum des Lebens zu greifen. Freilich, und da sind wir uns einig, das ist mit dem Naturalismus nicht zu haben. Denn was wäre Unsterblichkeit ohne Glückseligkeit…Verwandlung, die den Namen verdient…

  9. Kritik des Naturalismus

    Gesetzt, wir nennen das, was der Weltgeist durch die Zeit als Kot hinter sich gelassen hat, Naturalismus, so ist die Frage nicht, was er scheißt, sondern was er zu sich nimmt! “der Mensch lebt nicht vom Brot allein.”

  10. Das Wort gelangt durch die Vernunft in den Verstand, wird dort verdaut und beim Schreiben ausgeschieden. Manches gelangt auch unverdaut in die Gazetten. Das wird dann als geistiger Dünnschiß bezeichnet.

  11. IIIIIIIIIIIIIII

    Der arme Säugling!!!
    Egal wers war und obs für die Wissenschaft ist, das ist unmenschlich!

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