Über Pflaumenbäume, besonders jene in den Maramuresch

BLOG: Anatomisches Allerlei

Kopflose Fußnoten von Helmut Wicht
Anatomisches Allerlei

Man kann diesen Text – wiewohl er aus der Fremde kommt – als einen Nachtrag zum Bloggewitter "Heimat" lesen. Denn er beschreibt die Heimat, die wir am Ende alle bewohnen werden.

Über Pflaumenbäume, besonders jene in den Maramuresch

"Maramuresch" – man muss sich dieses Wort, diesen Namen, zwei, drei, viele Male aufsagen, dabei die Vokale immer dunkler werden lassen, die "r’s" nur einmal rollen, die "a’s" und das "u" aus offener Kehle sprechen, das "e" nicht zu einem "ä" werden lassen, sondern es aus der Tiefe der Brust holen, und dann das "sch" ganz sanft im Munde fassen: dann hat man die Maramuresch.

Ich weiss nicht, was das Wort bedeutet. Ich weiss nicht, ob es wirklich eine Einzahl oder eine Vielzahl ist, ob es der, die, oder das Maramuresch sind. Ich weiss nur, dass man es so zauberisch und dunkel und weich tönend sagen muss, damit der Name zu der Landschaft passt. Es ist hügelig dort, Wälder und Wiesen. Die Dörfer kauern versteckt unter Baumkronen in Senken, nur vom Kirchhügel überragt.

Es ist im Norden Rumäniens. Es ist dort, wo der Name passt, ganz und gar so, als ob man einen dunklen, traurigen Vokal, ein "a", oder ein "u" mit einem besänftigenden "sch" beschlösse, dem fast lautlosen Laut des Schweigens, der Stille.

Schweig! Setz’ dich auf einen Stein auf einem Kirchhügel in den Maramuresch, in Deinem Rücken eine hölzerne Kirche aus dunklen Balken, ihr schwarzholzgeschindelter, spitzer Turm ragt wie ein Pfahl in den Himmel, und sieh hinab von der Kuppe, auf der die Kirche thront, auf den Friedhof, der sie umgibt, der sich die Abhänge hinabzieht und im Gestrüpp verliert.

Sieh’ die Gräber, wenige neue, viele alte, sich selbst überlassen, dem wuchernden Grünzeug, den Pflaumenbäumen, und am Ende ist da kein Grab mehr, keine Einfriedung, keine Grenze, sondern nur noch ein verwittertes Holzkreuz, oder ein grob aus Wasserrohren geschweisstes metallenes, das sein Namensschild lange verloren hat. Oder ein anderes Holzkreuz, von dem die Arme abgefallen sind, so dass nur noch eine Stele, ein Brett, die Stelle des Grabes markiert.

Über fast jedem Grab ist ein Pflaumenbaum, ein mickriger, irgendwie elend aussehender Baum, ein Baum, der sich nicht so recht entscheiden mochte, ob er ein vielastiges, etwas zu hoch geratenes Gestrüpp, oder ein rechter Baum mit einem Stamm und einer Krone werden wollte. Er ist schütter belaubt, aber seine Äste biegen sich unter der Last der Pflaumen, die er trägt. Sie sind leicht zu pflücken.

Sitze auf einem Kirchhügel in den Maramuresch, auf einem Stein, die schwarzhölzerne Kirche mit dem spitzen Turm im Rücken, schau den Kirchhügel hinab auf die Kreuze, die sich im Gestrüpp unter den Bäumen verlieren, und iss dazu die Pflaumen, die du von den Gräbern gepflückt hast. Sie sind nicht sehr süss – aber fest und aromatisch. Dann sag leise: "Maramuresch". Sag es so, wie man es sagen muss. Und du wirst merken: es ist ein Zauberspruch.

Veröffentlicht von

Gedankenfragmente von Helmut Wicht, Dozent an der Frankfurter Universität, über Neurobiologie, Anatomie, Philosophie, Gott und die Welt. Seine eigentliche Expertise bezieht sich auf die (Human-)anatomie und die vergleichende Anatomie des Nervensystems.

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