Mens sana in corpore sano? Körper, Computer, Künstliche Intelligenz.

Eine der jüngsten Episoden der 3SAT-Sendereihe “scobel” hatte Anfang Juni Künstliche Intelligenz zum Thema (Link zum Beitrag in der ZDF-Mediathek). Gemeinsam mit einem Zoologen und Kybernetiker, einem Informatiker, sowie einem Kognitionsphilosophen ging Gert Scobel ausgewählten Fragen rund um das Thema KI nach – und obwohl dabei große Überraschungen ausblieben, boten die fast 60 Sendungsminuten doch die eine oder andere Anregung für einen Blogpost.

Bevor ich mich dabei den mehr inhaltlichen Kommentaren zuwende, zunächst aber noch ein persönlicher Punkt in der Rubrik “Ehre wem Ehre gebührt”: Es ist – gerade angesichts begrenzter Sprechzeiten, der Notwendigkeit, komplexe Sachverhalte einfach darzustellen, und dem Bewusstsein um die Chance, das eigene Forschungsthema und die eigene Sichtweise einem großen Publikum nahezubringen – sehr verführerisch, im Umgang mit Medien und der Öffentlichkeit gewisse Perspektiven prominenter zu präsentieren als andere. Vor diesem Hintergrund halte ich es für wirklich bemerkenswert, dass Holk Cruse (Zoologe vom Lehrstuhl für biologische Kybernetik in Bielefeld) als Diskussionsteilnehmer das Meisterstück vollbringt, in seinen Argumenten und Einschätzungen verschiedenen Sichtweisen Rechnung zu tragen und seine Standpunkte (auch zu Ungunsten möglicherweise populärerer Parolen) eingängig darzustellen und zu klären. Chapeau!

Nun aber zurück zu den (natürlich keineswegs weniger persönlichen, aber doch zumindest etwas mehr wissenschaftsbezogenen) Aspekten. Hierbei will ich mich kurz auf die erste Sendungshälfte, und daraus auf das Hauptthema “Verkörperlichte KI” konzentrieren (was das Human Brain Projekt anbelangt hier ein Link zu einem in meinen Augen ganz interessanten Übersichtsartikel, und bezüglich der Frage “Was ist Intelligenz (nicht)?” hier ein Buch von E. Stern und A. Neubauer als Lektüreempfehlung).

Sowohl in der Künstlichen Intelligenz-Forschung, als auch in der Kognitionswissenschaft, gibt es seit einigen Jahren “Verkörperlichung” (engl. embodiment) als überaus beliebtes Schlagwort und Paradigma – sowie zahlreiche Interpretationen desselbigen. Leider sind diese Interpretationen nicht unbedingt alle miteinander kompatibel, geschweige denn kohärent. Nichtsdestotrotz, was ihnen allen gemein ist, ist die Betonung des Körpers eines kognitiven und/oder intelligenten Systems als Schlüsselbestandteil. So weit, so gut – dass ein Körper unbestreitbar ein wichtiges Element aller uns bekannten natürlichen kognitiven Systeme darstellt, ist unbestreitbar. Die Frage ist jedoch: Wie wichtig ist der Körper?

Leider pflegen (oder kommunizieren) nicht alle Teilnehmer dieser Fachdiskussion eine so differenzierte Meinung, wie sie bspw. in oben verlinktem Video ungefähr ab Minute 24:05 dargestellt wird. Stattdessen wird häufig auf die einfache Parole “Ohne Körper keine Kognition.” bzw. “Ohne Körper keine Intelligenz.” verfallen. Ganz klar, das ist eine in ihrer Absolutheit einfach zu formulierende und in ihrer Schlichtheit gefällige Position – allerdings habe zumindest ich bis dato kein endgültig überzeugendes Argument oder keinen Beleg für die Gültigkeit der starken Formulierung gehört bzw. gesehen.

Meine Sicht ist daher eine etwas andere: Unser Körper spielt für uns als intelligentes kognitives System zweifelsohne eine Schlüsselrolle in unserer Entwicklung und in unserem täglichen Leben. So ist der Körper unsere Schnittstelle zu unserer Umwelt, und hat als solche natürlich entscheidenden Einfluss auf unsere Interaktion mit unserer Lebenswelt und all ihren Bewohnern. Alle Sinneseindrücke die wir erhalten, unser gesamter Austausch mit unserer Umgebung, findet vermittels unseres Körpers statt – und es hat sich gezeigt, dass unser Körper ein für unsere Bedürfnisse nahezu ideal konstruiertes Medium für diese Interaktion ist (Evolution lässt grüßen). Vermittels unseres Körpers erhalten wir ab dem Moment unserer Geburt (um genau zu sein bereits geraume Zeit vorher im Mutterleib) permanent Input und Feedback als Grundlage von Lern- und Adaptionsprozessen, aufgrund des spezifischen Aufbaus des Körpers sind gewisse Formen der Interaktion mit der Umwelt günstiger umsetzbar als andere (und werden daher auch mit höherer Wahrscheinlichkeit ausgeführt – quasi eine Form “hardware-basierter Komplexitätsreduktion”), durch unseren Körper können wir unsere Umwelt gezielt erkunden und manipulieren (was uns auch erlaubt, gezielt Theorien und Hypothesen über unsere Lebenswelt zu testen – und damit bereits angesprochene Lernprozesse noch effizienter zu gestalten).

Für mich ist unser Körper ein ideales Interface zum möglichst schnellen Aufbau unserer kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten aus den angelegten Grundlagen: Ein Werkzeug, welches den konsekutiven Erwerb immer komplexerer Befähigungen und Kompetenzen, aufbauend auf bereits vorhandenen einfacheren Fakultäten, erlaubt. Fast eine Art natürliches Bootstrapping-Werkzeug – jedoch kein notwendiges, und somit gänzlich unabdingbares, Kriterium für den Erwerb oder das Vorhandensein einer Form von Kognition und Intelligenz.

Diese Haltung wirft offensichtlich mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wo sind die Grenzen dieses Mechanismus? Was ist als Ausgangsgrundlage bereits von Anfang an angelegt – und in welcher Form? Was wäre eine Alternative zum Körper als Schnittstelle und Interaktionsmedium? Dennoch bin ich der Ansicht, dass eine weniger absolute Sichtweise – unter anderem aufgrund der Freiheiten, welche sie lässt, sowie der besseren theoretischen als auch experimentellen Untermauerung – den einfacheren Slogans vorzuziehen ist.

In diesem Sinne: Einen guten Start in die neue Woche und bis zum nächsten Blogpost!

Jack of all trades, (hopefully) master of some: - Diplommathematiker (FAU Erlangen-Nürnberg),... - ...Logic Year-Absolvent (ILLC, Universiteit van Amsterdam),... - ...PhD in Cognitive Science (IKW, Universität Osnabrück),... - ...Postdoc am KRDB der Freien Universität Bozen-Bolzano,... - ...und inzwischen am Digital Media Lab der Universität Bremen. Themen aus der (vor allem kognitiv-inspirierten) künstlichen Intelligenz, der künstlichen Kreativität, der Philosophie des Geistes, und dem Grenz- und Interaktionsbereich zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. ==================== Alle zum Ausdruck gebrachten Annahmen, Meinungen, Einschätzungen, und Stellungnahmen stellen ausschließlich meine private Position zu den jeweiligen Themen dar, und stehen (außer, wenn explizit anders ausgewiesen) in keinem inhaltlichen Zusammenhang mit Institutionen aus meinem beruflichen Umfeld.

29 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Von Embodiment zu Body-Mediated

    Embodiment (“Ohne Körper keine Intelligenz”) war doch zuerst nur eine billige Ausrede für KI-Wissenschaftler, warum sie nichts zustande bringen. Die Ausrede lief darauf hinaus, dass Ihnen einfach der “intelligente” Körper fehlte. Deshalb war ihre Software so impotent. Oder etwa nicht?

    Warum bringt das Fachgebiet der Künstlichen Intelligenz keine allgemeine Intelligenz zustande, nichts was auch nur im entferntesten an das menschliche Bewusstsein, die humane Art des Problemlösens und an des Menschen Weltbewusstsein erinnert. Niemand weiss es, auch David Deutsch rätselt in seinem Guardian-Beitrag Philosophy will be the key that unlocks artificial intelligence über die Gründe und tröstet uns damit, dass wir im Bemühen darum vielleicht etwas wichtiges übersehen haben (Zitat)“So in one respect I can agree with the AGI-is-imminent camp: it is plausible that just a single idea stands between us and the breakthrough. But it will have to be one of the best ideas ever.”

    Ich denke dagegen, die AGI-Wissenschaftler haben nicht etwas Spezielles oder einen bestimmten algorithimischen oder theoretischen Ansatz übersehen, sondern sie wurden bis jetzt noch nicht der Dynamik des Lernprozesses und des Kognitionsprozesses gerecht. Vorbild ist und bleibt das tierische und menschliche Gehirn und ein wesentlicher Aspekt dieses Hirns ist seine Plastizität und die Morphogenese und “Kognitionsgenese” als Antwort auf äussere und innere Kräfte, die auf viele Stellglieder gleichzeitig einwirken.

    The Body as Gate to the world
    Was wenn die Dynamik der Neurogenese und Kognitions-Genese fast unbeschränkt wäre? Könnte das System dann nicht völlig entgleisen? Ja, wäre nicht sogar damit zu rechnen? Ja, so ist es. Es braucht eine feste Basis, eine Führungsschiene, die den Geist auf dem “Boden” oder eben auf dem “Gleis” hält, sonst sind Halluzinationen und “Geister” in unserem Kopf vorprogrammiert. Und diese Basis, die uns erdet, ist der Körper und sind die über die Körperschnittstelle vermittelten sensorischen Reize. Sie bilden das Gate zur Realität und die Stellung der mit der äusseren Realität verbundenen Kognitionsteile muss eine Besondere sein, eben weil sie dafür sorgt, dass das Gehirn an der Realität orientiert bleibt und nicht entgleist.

  2. einfache Regeln

    Unsere Wahrnehmung (und die zugehörige Reaktion darauf) läuft nach 3 sehr einfachen Regeln ab. Nachzulesen per Google [“ready steady slow” discover magazin] comment nr.12 zum Blog.
    Hier wird erkennbar, dass gespeichertes Erfahrungswissen die Grundlage von Wahrnehmung und Reaktion ist, und dieses Wissen wird mit Hilfe der Sinnesorgane erworben.
    Weiter wird erkennbar, dass dieses Wissen in zeitlicher Gegenwartform erworben gespeichert und aktiviert wird – somit sind die zugehörigen Handlungsanweisungen sofort ausführbar und ermöglichen eine schnelle Reaktion.
    Schnell geht vor Genauigkeit/Richtigkeit.
    Außerdem ist erkennbar, dass aktiviertes Wissen zum Arbeitsgedächtnis addiert(akiviert) wird, diese Arbeitsweise ist schneller als ein Upload.
    Und damit sind die Grenzen zur künstlichen Intelligenz erkennbar – KI dürfte nie so fehlerhaft arbeiten wie wir mit unserem Gehirn.

  3. Nachtrag

    Die Arbeitsweise mit den 3 einfachen Regeln bedeutet auch, dass unser Gehirn per Mustererkennung und Mustervergleich arbeitet. Diese Arbeitsweise ist im strengen Sinn nicht kreativ – Kreativität entsteht nur als Nebeneffekt der Fehlerhaftigkeit unseres Gehirns.

  4. Verständnis

    Man kann Begriffe immer weiter durch viele andere Begriffe erklären.

    Auf diese Weise kann man ein umfangreiches Netz aus Begriffen aufbauen.

    Aber solange nicht einige dieser Begriffe direkt mit der Aussenwelt verbunden sind, solange hängt das ganze schöne Netz aus Begriffen im leeren Raum.

    Zum Beispiel kann man den Begriff “Tisch” mit vielen verschiedenen anderen Begriffen erklären, die man dann wieder mit vielen verschiedenen anderen Begriffen erklärt.

    Aber es ist viel besser, mit dem Finger auf einen Tisch zu zeigen, und zu sagen: “Das ist ein Tisch.”

    Die meisten heutigen Computer sind im Prinzip blind, taub und gelähmt, und wandeln völlig ohne jedes Verständnis ihrer Bedeutung die Begriffe in einander um.

  5. Ben Goertzel and its AI-toddler project

    Eine “Verkörperung” von Intelligenz scheint mir aus mehreren Gründen für Artificial General Intelligence-Projekte interessant:
    1) Sie macht das Interface zum AI-System zum interaktiven Objekt, zur Oberfläche mit der man kommuniziert. Damit wird das System für den Menschen besser verständlich und Interaktionen eines Menschen mit dem intelligenten System werden vergleichbar zu Interaktionen von Menschen mit anderen Lebewesen.
    2) Eine erfolgreiche “Verkörperung” macht auch ein AI-Sputnik-Event möglich. Etwas was Ben Goertzel anstrebt um mehr Aufmerksamkeit und Funding für AI zu erhalten.

    Im Artikel und Interview Ben Goertzel is on a mission to build an “AI Toddler” spricht Goertzel über sein Open Source AGI-Projekt OpenCog als “a cognitive architecture for robot and virtual embodied cognition that defines a set of interacting components designed to give rise to human-equivalent artificial general intelligence (AGI) as an emergent phenomenon of the whole system”

    Ben Goertzel gehört zusammen mit einigen anderen AI-Wissenschaftlern und auch dem Singularity-Guru Ray Kurzweil zu denjenigen, die Intelligenz vor allem als Mustererkennungsaufgabe sehen. In Ansätzen wie Deep Learning, welche wieder auf neuronalen Netzen und im Grunde sehr alten AI-Ideen aufbauen erkennt Goertzel den Weg zur Realisation von AGI und er glaubt, dass es keiner fundamentaler Durchbrüche braucht um ans Ziel zu kommen. Bloss mehr Funding, Forschung und Entwicklung.
    Als nächstes soll Goertzels Buch “Building Better Minds” erscheinen welches erklärt wie man mit OpenCog ein AGI-System aufbauen kann.

  6. Der Körper

    oder dessen Fortgehen oder die Sexualität (das Fachwort an dieser Stelle) müsste schon bestimmend sein für das, was der Primat oder das Erkenntnissubjekt i.p. Verstehen, Verständigkeit, Weisheit, Klugheit oder gar Intelligenz (ein verhältnismäßig neues Konzept, nicht unzweifelhaft) leistet.

    Insofern könnten aus dieser Sicht hochentwickelte Rechenanlagen unterentwickelt oder “unintelligent” erscheinen.

    Wichtich also, was gemeint ist mit der “Intelligenz”, diese scheint an die Körperlichkeit oder vielleicht besser Kultur gebunden.

    MFG
    Dr. W (der die Welt ziemlich intelligent findet, wenn auch noch weitgehend unverstanden)

  7. @Dr. Webbaer: IQ von AI bestimmen leicht

    Sie schaffen Probleme wo es keine gibt, wenn sie schreiben:

    “Wichtich also, was gemeint ist mit der “Intelligenz”, diese scheint an die Körperlichkeit oder vielleicht besser Kultur gebunden.”

    Wir sprechen doch von der Species homo sapiens. Unabhängig von der Kultur und sogar der Sprache kann man mit fast allen Menschen auf irgend eine Art kommunizieren, sich verständlich machen.

    Die meisten AI-Programme verstehen aber sehr wenig. Es fehlt ihnen an “tiefem” Verständnis.
    Computer smart as a 4-year-old demonstriert dieses Problem. Das beschriebene AI-Programm schneidet in einem IQ-Test für 4-jährige gut ab, ausser beim Verstehen:
    “But ConceptNet 4 did dramatically worse than average on comprehension—the ‘why’ questions,” he said.”

  8. Ein Bild

    Ein Bild in fünf Teilen als Nachtrag:

    http://members.chello.at/karl.bednarik/abstrak7.PNG

    Ein Verständnis der Bedeutung der Begriffe ist nur dann möglich, wenn sowohl die Aussenwelt beobachtet werden kann, als auch die abstrakten Bezeichnungen für die Objekte der Aussenwelt damit verbunden werden können (im Bild links unten).

    Einfache Tiere beschränken sich auf die Beobachtung der Aussenwelt (im Bild links oben), und einfache Computer sind auf die Verbindung der abstrakten Bezeichnungen mit einander beschränkt (im Bild links mitte).

    Die einfachen Computer arbeiten daher vorwiegend mit im leeren Raum schwebenden Netzwerken aus Begriffen (im Bild rechts oben).

    Erst Roboter können die Netzwerke aus Begriffen an einigen Stellen an der Realität festmachen (im Bild rechts unten).

  9. Herr Holzherr

    Ein wenig Gegenrede zu ‘Für mich ist unser Körper ein ideales Interface zum möglichst schnellen Aufbau unserer kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten (…) jedoch kein notwendiges, und somit gänzlich unabdingbares, Kriterium für den Erwerb oder das Vorhandensein einer Form von Kognition und Intelligenz.’ war weiter oben angestrebt.

    Die Intelligenz oder Hochbegabung kann doch nur an ein Wesen mit Körper, Interessen und Plänen gebunden sein, oder?, muss dementsprechend als Kulturleistung gemessen werden. – Insofern ist dem Schreiber dieser Zeilen auch nicht klar, ohne Ihre Quelle weiter geprüft zu haben, warum oder wie zeitgenössische AI nun eben i.p. Intelligenz einem Vierjährigen entsprechen kann.

    MFG
    Dr. W

  10. @Dr. Webbaer: Dualität Geist/Körper

    Heutige AI-Programme haben keine eigenen Pläne und Interessen. Dies zu ihrem Satz:
    “Die Intelligenz oder Hochbegabung kann doch nur an ein Wesen mit Körper, Interessen und Plänen gebunden sein, oder?”
    Muss ein Geist einen Körper besitzen?
    Schon gewisse antike Philosophen empfanden den Körper eher als Gefängnis als als willkommene Schnittstelle zur Welt und ein Geist nur mit Sinnesorganen sonst aber ohne Körper ist ohne weiteres vorstellbar.
    Wenn heutige AI-Wissenschaftler ein Programm konstruieren, welches Leistungen eines 4-jährigen vollbringt, so sind damit vor allem die intellektuellen Leistungen eines 4-jährigen gemeint, also seine Fähigkeit Objekte zu erkennen, Unterscheidungen zu machen, IQ-Tests zu bestehen und so weiter. Ein solches Programm benötigt keinen Körper und es ist auch nicht ersichtlich welche Vorteile ein Körper bringen soll. Im Gegenteil ist eher eine vielleicht unnötige Verkomplizierung zu erwarten.

    Wer von Embodiment spricht und damit meint, durch einen künstlichen Körper löse man allein schon ein Problem, der hat wohl die Vorstellung, ein AI-System würde sich irgenwie von selbst richtig organisieren und der Körper helfe dem System dabei. Doch heute ist das nicht so. Noch organisisert sich kaum etwas von selbst. Alles muss zuerst von Menschen ausgedacht werden. Selbst selbstsorganisierende Systeme sind letztlich geplante Systeme.
    Unsere Kultur spielt bei der Entwicklung solcher Systeme einfach dadurch eine Rolle, dass Entwickler ihre eigene Kultur nicht einfach abstreifen können.

  11. @Holzherr: Begriffe

    Sinnesorgane sind ohne biologischen Körper nicht vorstellbar, da eine Funktion sonst nicht mögich wäre.
    Begriff sollten ihrer Bedeutung gemäß verwendet werden. Wer meint, Sinnesorgane ohne Körper seien möglich, darf diese dann eben nicht ´Sinnesorgane´ nennen, sondern einen anderen Begriff entwickeln. Außerdem sollte für eine solche Behauptung aufgezeigt werden, wie so etwas funktionieren kann und welchen Sinn Sinnesorgane ohne Körper haben sollten.

    Zudem sollten Sinne und technische Sensoren nicht verwechselt werden.

  12. @Martin Holzherr

    »Muss ein Geist einen Körper besitzen? «

    Ja! Denn ein Geist ohne Körper ist sinnlos (selbst dann, wenn der Körper auf Sinnesorgane reduziert wäre).

  13. @K.Richar, Balanus: Embodiment !=Kamera

    Viele AI-Programme verarbeiten Kamerabilder Und Kameras kann man Als Sinnesorgane auffassen.
    @Balanus:Zitat:“Denn ein Geist ohne Körper ist sinnlos “
    Sagen Sie das Apple betreffend dem Assistenten Siri. Siri könnte später einmal durchaus intelligent und damit auch sinnvoll sein. Und das ohne Körper. Der Körper wäre nur vorgetäuscht wie heute schon bei gewissen Siri-Witzen, wo Siri auf die Frage wo sie denn solange gewesen sei mit Ferien oder Besuch des Coiffeurs antwortet.

  14. Software

    hat einen Körper, jedenfalls wenn sie sich bemerkbar macht, betrieben wird.

    Ohne Körper wären, nun, Wesen, nicht entscheidbar.

    MFG
    Dr. W

  15. @Dr. Webbaer : Embodiment > Software?

    Zitat: “Ohne Körper wären, nun, Wesen, nicht entscheidbar”. Dass Software nur auf Hardware läuft ist trivial. Mit Embodiment meint man mehr als eine fette bis oben gefüllte Harddisk und viele Petaflops von Rechenleistung.

    Doch ganz unrecht haben sie nicht, weil Embodiment zunehmend konzeptionell definiert wird und diese Konzepte nicht einen Körper analog zum menschlichen Körper voraussetzen.
    (Zitat Wikipedia)“[Wahrnehmung ist] eine sensomotorische Koordination, die sich immer im Gesamtkonzept eines handelnden Wesens ereignet. Sie wird von der KI-Forschung als Complete agent bezeichnet.”
    Ein complete agent kann aber auch in reiner Software abgebildet werden. Der Körper ist dann einfach ein Teil der Software, genau so wie es im Hirn somatosensorische Areale gibt und das auch bei Menschen, die nicht mehr über ihren Körper verfügen können, also z.B. bei ALS-Patienten wie Stephen Hawking, bei denen das motorische Nervensystem degeneriert ist. Zitat: “Für die verbale Kommunikation nutzt er einen Sprachcomputer, den er mit der Bewegung seiner Augen steuert.” Und falls er auch die Augen nicht mehr bewegen kann werden vielleicht direkt die Hirnareale abgegriffen, die im Zusammenhang mit dem Denken und Sprechen stehen.
    Insoweit gehe ich mit ihnen einig: AI-Software braucht Repräsentation von Somatosensorik und von Aktoren und diese können und müssen primäre in Software abgebildet werden.

  16. Herr Holzherr

    Mal abgesehen davon, dass das Verständnis des menschlichen Körpers als ‘Interface’, wie mehrfach dem Artikel entnehmbar, unzureichend ist, wurde ferner behauptet, dass im Kontext AI ein Körper nicht notwendig sei für die Intelligenz.

    Sie kamen dann mit dem Geist-Körper-Dualismus, wohl auch irgendwie in dem Sinne, dass ein Geist keinen Körper benötige.

    Software, im betriebenen Zustand, benötigt einen Betreiber, eine dafür geeignete Einheit, im persistierten Zustand einen Datenträger (der aber auch bspw. eine Allee mit in bestimmten Abständen gepflanzten Bäumen sein kann).

    MFG
    Dr. W (der sich hauptsächlich im Kontext AI kommentarisch bemüht – denkbar ist fern von der AI im Sinne der SciFi & von Star Trek natürlich viel, also auch möglich)

  17. @Dr. Webbaer : Krieg um Worte

    Sie scheinen heutige Software zum Embodiment zu erklären, wenn sie schreiben:
    “Software, im betriebenen Zustand, benötigt einen Betreiber, eine dafür geeignete Einheit, im persistierten Zustand einen Datenträger”

    Das ist aber mit Embodiment nicht gemeint.

    Noch einmal ein Beispiel einer AI-Software ohne Embodiment: Ein Software-Assistent wie Siri (Zitat)“Fragt man das iPhone nach dem Wetter, verrät die Sprachsteuerung namens Siri, dass man einen Schirm mitnehmen sollte. Siri plaudert auch über Aktienkurse und lässt sich SMS oder Mails diktieren.”
    könnte zu einem AI-Agenten ausgebaut werden. Und der benötigte kein Embodiment. Ich sehe kein prinzipielles Hindernis dafür, dass solch ein Assistent auf die gleiche Höhe kommen könnte wie ein menschlicher Kommunikationspartner – und das ohne Embodiment.

    Ich stimme also vollständig mit der Ansicht überein, die in diesem Blogbeitrag so verftreten wird:
    ” “Ohne Körper keine Kognition.” bzw. “Ohne Körper keine Intelligenz.”. Ganz klar, das ist eine in ihrer Absolutheit einfach zu formulierende und in ihrer Schlichtheit gefällige Position – allerdings habe zumindest ich bis dato kein endgültig überzeugendes Argument oder keinen Beleg für die Gültigkeit der starken Formulierung gehört bzw. gesehen.”

  18. Herr Holzherr

    Noch einmal ein Beispiel einer AI-Software ohne Embodiment: Ein Software-Assistent wie Siri (Zitat)”Fragt man das iPhone nach dem Wetter, verrät die Sprachsteuerung namens Siri, dass man einen Schirm mitnehmen sollte. Siri plaudert auch über Aktienkurse und lässt sich SMS oder Mails diktieren.”

    Offensichtlich hat das gute Gerät einen Körper, inwieweit das gute Gerät intelligent ist oder nur Daten (anderer Körper) bereit stellt, mit Hilfe vglw. primitiver Algorithmen oder Datenabfragen, ist eine spannende Frage.

    könnte zu einem AI-Agenten ausgebaut werden. Und der benötigte kein Embodiment.

    Wie genau?

    Ich sehe kein prinzipielles Hindernis dafür, dass solch ein Assistent auf die gleiche Höhe kommen könnte wie ein menschlicher Kommunikationspartner – und das ohne Embodiment.

    ‘Keine prinzipiellen Hindernisse’ zu sehen ist philosophisch OK, aber auch wahlfrei und bedingt wissenschaftlich, Spekulatius.

    MFG
    Dr. W (der im Moment zumindest kein besonderes Verlangen empfindet das sogenannte Embodiment konzeptuell anzugehen, hier, also beim Thema AI, erst einmal keine Notwendigkeit sieht dbzgl. zu philosophieren)

  19. Siri /@Martin Holzherr

    »@Balanus:Zitat:”Denn ein Geist ohne Körper ist sinnlos
    Sagen Sie das Apple betreffend dem Assistenten Siri. Siri könnte später einmal durchaus intelligent und damit auch sinnvoll sein. Und das ohne Körper.
    «

    Was ich (und wohl auch @Dr. Webbaer) meinte, war, dass das Ergebnis der „geistigen“ Arbeit die Hardware verlassen können muss, um Sinn zu machen. Wenn „Siri“ antworten kann, dann nur, weil „sie“ einen „Körper“ hat (ansonsten würde niemand die Antwort erfahren können).

    Wenn es möglich wäre, die Prozessorarbeit (oder Gehirnaktivität) direkt von außen auszulesen, dann würde das Lesegerät die Funktion des Körpers übernehmen.

    Mit dem Embodiment-Konzept hat das aber, glaube ich, nicht allzu viel zu tun.

  20. Siri

    Was ich (und wohl auch @Dr. Webbaer) meinte, war, dass das Ergebnis der „geistigen“ Arbeit die Hardware verlassen können muss, um Sinn zu machen.

    Zum einen dies, zum anderen hat Siri auch dann einen Körper, wenn sie mit Milliarden anderer Geräten oder Körpern vernetzt ist und selbst verhältnismäßig blöd und nur Verlautbarungsorgan.

    Hintergründig mag Herr Holzherr darauf aus sein, dass in einer reinen IT-Welt eine Art von Körperlichkeit entstehen kann, die auf diese und allein auf diese wirkt.
    Bei dieser “SciFi-Annahme” würde der Schreiber dieser Zeilen dann zustimmen, denn Welten generieren Welten und die Bedeutung dieser Tochterwelten muss oder kann dem ursprünglichen Weltbetreiber nicht klar sein, einerseits mangels Übersetzer, andererseits mangels Teilnahme.

    MFG
    Dr. W

  21. Embodiment und AI

    Embodiment meint im Kontext der AI, dass der Körper mit seinen Sensoren, seiner abgestimmten Motorik (und Mimik) samt seinen Beschränkungen Teil des intelligenten Systems ist. Dabei gibt es folgende Aspekte
    1) Körperhaltung und Dinge wie die motorische Spannung/Entspannung, Mimik etc. repräsentieren teilweise den momentanen mentalen Zustand und die Zukunftserwartungen, die Vorbereitung auf zukünftige Aktionen und Interaktionen
    2) Mimik, Artikulation, Körpersprache sind ferner wichtig für eine Theory of Mind und damit für die Kommunikation. Denn Theory of Mind, bedeutet sich selbst und den andern und seine seelischen Zustände und geistigen Vorgänge nachvollziehen können. Theory of Mind könnten wir im Deutschen auch als Verständnis für den Andern übersetzen, Verständnis für die Motive/Intentionen/Haltungen des Andern. Dieses Verständnis mindestens für die Intentionen des Andern versuchen wir sogar gegenüber Tieren aufzubauen: Beisst der Hund?, in welchem Zustand ist das Pferd, auf dem ich gerade reiten werde? Diese Theory of Mind hat also auch etwas prädiktives, erlaubt uns abzuschätzen was der andere überhaupt kann und wahrscheinlich tun wird. Ein Pferd kann uns abwerfen, ein Roboter mit eingebauter Waffe könnte uns töten.
    3) Der Körper befindet sich immer in einer Situation. Die Situation scheint auch die Kognition zu beeinflussen und zwar sogar das Sprachverständnis

    Braucht es nun für Embodiment einen Körper? Ja. Mindestens eine mentale Repräsentation des Körpers. Es braucht nicht unbedingt einen physischen Körper. Der Körper könnte auch nur ein vorgestellter Körper sein. Ein AI-System mit Körperbewusstsein würde als Assistent seinen Schützling vielleicht darauf aufmerksam machen, dass sein Hut auf dem Kastendeckel vor ihm liegt und er den Stuhl in der linken Ecke dazu benutzen kann ihn herunterzuholen. Um diesen Ratschlag zu geben braucht das AI-System keinen Körper aber es muss die Möglichkeiten des Körpers seinens Klienten berücksichtigen.

  22. Mja

    , Herr Holzherr, das:

    Diese Haltung wirft offensichtlich mehr Fragen auf, als sie beantwortet: Wo sind die Grenzen dieses Mechanismus? Was ist als Ausgangsgrundlage bereits von Anfang an angelegt – und in welcher Form? Was wäre eine Alternative zum Körper als Schnittstelle und Interaktionsmedium? Dennoch bin ich der Ansicht, dass eine weniger absolute Sichtweise – unter anderem aufgrund der Freiheiten, welche sie lässt, sowie der besseren theoretischen als auch experimentellen Untermauerung – den einfacheren Slogans vorzuziehen ist.

    ruft beim Schreiber dieser Zeilen ganz primär Bill Maher’s ‘Mjayeah, mjayeah’ (Kennen Sie?) in Erinnerung. An sich wäre der hiesige Inhaltegeber hierzu zur Explanation eingeladen.

    MFG
    Dr. W (der sich ansonsten nun ausklinken wird)

  23. Body without Mind?

    “No Mind without Body ” lässt sich auch umdrehen zu:No Body without BodymindSchön und Reich Sein genügt ja  vielen und einen Körper haben kann ebenfalls genügen, denn einen Körper ohne minimalen Geist gibt es sowenig  – oder sogar noch weniger – wie es einen Geist ohne Körper gibt.  Der Geist  hinter dem Körper muss mindestens den Körper animieren können. Tatsächlich nehmen wir auch Zombies noch als Menschen war solange diese den Schein bewahren: So kann ein Alkoholiker das äußerliche Persönlichkeitsbild aufrechterhalten obwohl sein Gedächtnis schwere Lücken hat. Er konfabuliert dann einfach.
    Aus der Zeit der Pariser Salons ist diese Phänomen ebenfalls bekannt, wo man von Salonidioten sprach. Diese konnten scheinbar bei den Diskussionen unter den damals Gebildetsten mithalten, erwiesen sich aber in der Nicht-Salon-Realität als unfähig einfachste Aufgaben zu bewältigen. Ein Körper ist also auch ein Versprechen. Nicht immer aber ist drin was drin zu sein scheint. Für die AI ist ein Körper gerade deshalb interessant, weil man damit Schwächen des AI-Systems übertünchen kann.

  24. Herr Holzherr

    “No Mind without Body ” lässt sich auch umdrehen (…)

    Es lässt sich vieles umdrehen, Esoteriker drehen auch gerne diesbezüglich um.

    Ein Körper ist also auch ein Versprechen.

    Was versprechen bspw. ein Stein, ein Stück Holz oder ein Holzkopf Ihnen, Herr Holzherr?

    Für die AI ist ein Körper gerade deshalb interessant, weil man damit Schwächen des AI-Systems übertünchen kann.

    Ein Körper oder allgemeiner die Schnittstelle zur Physik ist für die AI erst einmal eine enorme Herausforderung. Schwierig zu sagen, was die AI-Forschung hier außerhalb der Rezipienz an Systemschwächen ‘übertünchen’ könnte, Herr Holzherr.

    MFG
    Dr. W

  25. Intelligenz und Langeweile

    Ein intelligentes System merkt, wenn
    sich Dinge wiederholen; es sucht das
    Neue, es ist neugierig. Es verweigert
    sich uninteressanten Aufgaben. Es spart
    Kräfte/Zeit, indem es Abkürzungen findet.
    Dazu ist kein Körper notwendig.

  26. Hallo R. Quinot,

    dazu muss aber das System neben seiner Intelligenz auch noch konkrete Ziele besitzen, die von vorneherein eingebaut worden sein müssen.

    Solche Ziele könnten zum Beispiel lauten:
    suche neue Informationen,
    vermeide alte Informationen,
    vermeide Untätigkeit,
    spare Energie,
    spare Weglänge,
    spare Zeit.

    Ausserdem könnten diese Ziele auch logische Folgen von ganz anderen Zielen sein, die dann aber ebenfalls von vorneherein eingebaut worden sein müssen.

    Es gibt keine von Grund auf logischen Ziele, die sich praktisch aus dem Nichts entwickeln.

    Es liegt an der Kausalität, dass keine Wirkung ohne Ursache auftreten kann.

  27. @R. Quinot: Intelligence&human Condition

    Die menschliche Intelligenz ist tatsächlich mehr als Cleverness und gute Kombinationsgabe. Dazu gehört auch eine bestimmte Haltung der Welt gegenüber, wie sie mit (Zitat)” es sucht das
    Neue, es ist neugierig”
    antönen.
    Eine maschinelle Intelligenz muss aber nicht unbedingt Langeweile verspüren wie sie das nahelegen und sie muss nicht einmal neugierig sein. Sie kann eventuell nur gut Schlussfolgern, zum Beispiel nur schon darum, weil sie sehr viel mehr Daten durchackern kann als ein Mensch, womit sie auch mehr Fährten verfolgen kann. Später – oder schon bald – kann A.I. vielleicht für einen Menschen höchst ungewöhnliche, aber dennoch richtige Schlussfolgerungen ziehen. Damit könnten AI-Systeme zu hyperintelligenten Assistenten werden. Doch wie Karl Bednarik richtig schreibt, bedeutet das nicht, dass das AI-System irgend ein Ziel, eine Motivation oder eine Absicht hat. Das könnte das AI-System dennoch und vielleicht gerade darum für Menschen zum nützlichen Assistenten machen. Den Auftrag, die Mission würde das AI-System dann von seinem Herrn erhalten. Zum Beispiel den Auftrag: “Erarbeite einen Plan wie man die Goldreserven von Fort Knox entwenden kann”.

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